Zum Verhältnis von Politik und Spiritualität: oder die Überschätzung der Außen- gegenüber der Innenwelt

Unsere Zeit ist erüllt von Versuchen der Politik, die Umwelt zu sanieren, den Frieden zu sichern, die Welt im letzten Augenblick doch noch zu retten. Eine Konferenz jagt die nächste, bilateral und multilateral, unter vier Augen und im Plenum wird diskutiert und argumentiert, lamentiert und beschwichtigt. Weltweit reisen, reden und rotieren Diplomaten und Politiker edlen Zwecken zuliebe. Betrachtet man das kurzfristig, nötigt einem soviel gutgemeinte Aktivität Bewunderung ab, mittelfristig entsteht Staunen, im großen Überblick aber bleibt der fatale Verdacht einer Beschäftigungstherapie für Politiker. Unter dem Strich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß all die Tonnen von Papier voller Erklä­rungen, die nichts erklären und folglich wenig wert sind, die Reden, die außer guten Absichten nichts kundtun, außer Allgemeinplätzen nichts aussagen und so auch nichts bewegen, nie­manden mehr so recht glücklich machen. Die betroffenen Politiker selbst, zumeist meilen­weit von ihrem Zuhause entfernt, machen einen eher unglücklichen und gehetzten Ein­druck, immer auf der Suche nach Ausreden und nichtssagenden, aber wohlklingenden Floskeln müssen wie aus inneren Zwängen heraus jede Niederlage in einen Erfolg umdeu­ten, alle Probleme schönreden, um krampfhaft den Eindruck zu vermitteln, daß sie die Dinge im Griff haben und sich alles zum Bessern wenden wird, wo doch jeder weiß, daß dem nicht so ist. Sie tagen und tagen und wirken (ohn)mächtig mit ihren berufsbedingten Dauertrauerminen, die angemessene Ernsthaftigkeit ausdrücken sollen. Staatsmänner sind vielleicht noch mehr zu bedauern als die von ihnen so ernst- und gewissenhaft verwalteten Untertanen. Wie Ärzte, die sich un­ausgesetzt mit dem Elend des Einzelnen beschäftigen, was ebenfalls deutlich auf ihr Wesen abfärbt, müssen Politiker sich ständig mit dem Elend des Ganzen befassen. Die kollektive Misere zu betreuen, ist eine zunehmend undankbare Aufgabe, die in letzter Zeit immer weniger Dank einbringt. Politikverdrossenheit heißt das Phä­nomen und gibt dem Gefühl Ausdruck, daß nichts vorwärts geht, oder jedenfalls nicht in eine Richtung, die die Mehrheit noch als Fortschritt empfinden könnte.

Aus dem Blickwinkel der spirituellen Philosophie schaut das Ganze weniger aussichtslos als typisch aus, es ist nichts anderes zu erwarten. Politik erscheint aus dieser Perspektive als der Versuch, auf äußeren Ebenen zu erzwingen, was nur im Innern zu erreichen ist. In einer Gesellschaft, die ihr Heil in äußeren statt in inneren Errungenschaften sucht, interessieren sich erwartungsgemäß mehr Menschen für Politik als für seelische Entwicklung. Einer Zeit, die fast bedingungslos an die äußere Machbarkeit der Dinge glaubt, wird es zudem schwer, einen Ausweg zu finden, auch wenn allmählich mehr Men­schen spüren, daß etwas nicht stimmen kann. Das ganze gleicht einem mit Menschen überfüllten Raum, wo alle gegen die Tür drücken, um einen Ausweg zu suchen und gar nicht auf die Idee kommen, daß die Tür nur nach innen zu öffnen ist.

Das einzelne Leben kann uns demonstrieren, was wir gesell­schaftlich nicht wahrhaben wollen. Für die spirituelle Philosophie ist der Schritt vom Mikrokosmos Mensch zum Makrokosmos Welt selbstverständlich. Mediziner versuchten das Problem des Rauchens lange Zeit zu lösen, indem sie Betroffenen schlicht und einfach empfahlen, es aufzugeben. Widrigenfalls drohten sie mit schrecklichen gesundheit­lichen Konsequenzen. Das ist offensichtlich keine Lösung für dieses Umweltproblem der individuellen Art. Der Raucher ist meist längst süchtig und kann nicht aufhören, seine Atemluft zu verpesten, auch wenn es seiner Gesundheit noch so schadet. Ähnlich naiv stehen wir heute vor dem gesamten Problem der Luft- und eigentlich der ganzen Umweltverschmutzung. Umwelt- und spezielle Klimagipfel beschließen immer wieder, die einzelnen Länder sollten doch aufhören, die Atmosphäre mit Schadstoffen zu bela­sten. Die aber können nicht, weil ihre längst konsum- und energiesüchtig ge­wordenen Individuen auf nichts verzichten wollen. Ihnen fehlt wie dem einzelnen Raucher nicht die intellektuelle Einsicht, son­dern das entsprechende Bewußtsein, diese Einsichten umzusetzen. In gewissen Hinsicht haben sie sogar recht, ersatzloser Verzicht ist keine Lösung. So wie der Raucher für seine Sucht ein anderes sinnvolleres Ventil finden muß, ist es generell notwendig, die Sehnsüchte beizubehalten, ihnen aber neue Ziele zu geben. Außen haben wir offensichtlich Grenzen erreicht und zum Teil schon überschritten, nach Innen stehen uns dagegen alle Türen offen. Aus der an äußerer Befriedigung orientierten Sucht könnte innere Suche werden.

Praktisch alle Probleme von den globalen über die gesellschaftlichen bis hinunter zu den familiären finden ihre Entsprechung im einzelnen Individuum und seinen Schwierigkei­ten. Wieviele Partner bekommen gesagt und spüren selbst, daß ihr eigener Egoismus das Problem sei? Und wie schwer fällt es, daraus Konsequenzen zu ziehen? Der Egoismus des Einzelnen aber spiegelt auf perfekte Weise den der Völker, den wir Nationalismus nennen. Führende Politiker haben erkannt, daß Nationalismus zu kei­nem guten Ende führt und predigen folglich seine Überwindung. Was aber nützt es? Die einzelnen Völker scheinen die nachweislich schlechten Erfahrun­gen ihres kollektiven Egoismus geradezu zu brauchen. Und so lassen sie kaum etwas un­versucht, um zurück in die elende Enge nationaler Gefühle zu gelangen. Weder eigene schlechte Erfahrungen der Vergangenheit noch deprimierende Resultate nachbarschaftli­cher Nationalismus-Renaissancen schrecken Menschen ab, in diese Falle zu tappen und machtbesessenen Rattenfängern nachzulaufen, die den dumpfen Egoismus ge­schickt auf ihre Mühlen lenken.

In unserem Land herrscht zwischen allen relevanten politischen und wirtschaftlichen Kräften Einigkeit, das Land selbst, Europa und am liebsten noch die Welt zu einen. Solche Vereinigungstendenzen finden sich in unterschiedlichem Ausmaß auch bei den regierenden Politikern jenseits unserer Grenzen. Nur zu oft ist aber das Fußvolk nicht bereit, Ihnen auf diesem Weg zu folgen. Bei allen Abstimungen der letzten Zeit über die europäische Gemeinschaft waren die Regierenden dafür und die Regierten folgten ih­nen, falls überhaupt und falls man wagte, sie direkt zu befragen, nur recht zö­gerlich. Wenn 52 % der Franzosen für die EU stimmten, heißt das auch, daß fast die Hälfte dagegen war. Das unterscheidet die Franzosen kaum von den Schweizern, wo im­merhin auch fast die Hälfte dafür war. Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist mi­nimal. Das Gemeinsame ist deutlich: die Bevölkerungen der zu vereinigenden Länder sind uneinig, und darin sind sie sehr gleich. Ähnlich liegen die Dinge weltweit. Regierende planen Freihandelszonen und die Regierten haben Angst um ihre persönlichen Besitzstände.

Angst aber ist Enge. Hier liegt die Erklärung für das häufige Phänomen, daß diejeni­gen, die am wenigsten zu verlieren haben, am meisten Angst davor haben. Die tiefere Ebene, auf der sich das Ausmaß der Angst erkennen läßt, ist einfach zu druchschauen und zugleich therapeutisch gut zugänglich: die Geburt und die damit verbundenen ersten Erfahrungen von Enge. Menschen mit verarbeitetem Geburtstrauma, die die Urenge und -angst des Anfangs überwunden haben, sind einigungsbereiter als solche denen die Angst in den Knochen sitzt und das Hirn beherrscht. Erstere sind offener für Entwicklung, während letztere, von ihrem uranfänglichen Engetrauma noch immer beschränkt, mehr in Richtung Verwicklung tendieren. Entwicklung führt in Richtung einer gemeinsamen Welt, Verwick­lung in einen Flickenteppisch kleinster Einflußsphären. Die Clans von Somalia haben uns gerade einen Geschmack davon vermittelt, in der Geschichte boten die deutschen Klein­staaten und Fürstentümer des Mittelalters dieses Bild.

Vereinigungsprobleme haben ihre Wurzeln offensichtlich im Egoismus und der Enge und Angst der Beteiligten. Die Lösung dieses Problems ist im individuellen Bereich längst gefunden, nur schwer umzusetzen. Es handelt sich eben nicht um ein technisches, sondern um ein Bewußt­seinsproblem. In dessen Lösung zu investieren ist schon im indivuellen Bereich schwierig, in der Politik, wo gerade bis zur nächsten Wahl vier Jahre vorausgedacht wird, scheint es kaum überwindbar. Individuen, die in ihrer Kindheit und Jugend in Bildung inve­stieren, müssen kurzfristig auf einiges verzichten. Sie stehen sich anfangs schlechter als jene, die unter Bildungsverzicht gleich auf Verdienen setzen. Eine rechtzeitige Bewußt­seins-Bildungsinitiative unter Verzicht auf schnell sichtbare Ergebnisse ist von Politikern nur schwer zu erwarten. Sie wollen im allgemeinen noch innerhalb ihrer Amtsperiode die Früchte ihrer Regierungsarbeit ernten.

Bildung und insbesondere Bewußtseinsentwicklung ist außerdem in einer materiell orientierten Welt kurzfristig nur schwer zu messen, am meßbaren Erfolg aber hängt bei uns alles im individuellen wie im politischen Bereich. Bewußtseinsbildung ist andererseits aber unabdingbare Voraussetzung für die großen Aufgaben, die sich den Politikern stellen und die sie ihrer Art entsprechend im Außen zu verwirklichen suchen. Der König und das Land sind eins heißt die Lösung in John Boormans Gralsfilm Excalibur. Die Spitze der Hierarchie kann noch so weit sein, wenn die Bevölkerung ihr Bewußtsein nicht teilt, nützt das wenig. Tragisch haben wir das gerade erst im ehemaligen Ostblock erleben müssen, wo Michail Gorbatschow „seinem Volk“ – wie nun offenbar wird – zu weit vorausgeeilt war. Erkenntnis an der Spitze ist wundervoll aber nicht ausreichend.

Die Einheit, die in Deutschland im Augenblick so vielen soviele Sorgen macht, ist im individuellen Bereich das höchste Ziel überhaupt. Sie zu verwirklichen, ist das Bestreben aller Menschen auf dem spirituellen Weg. Durch äußere Anstrengungen kann man gerade mal den Rahmen errichten, in dem das eigentliche innere Geschehen möglich wird. Wer sich in die friedlichste klösterliche Abgeschiedenheit zurückzieht und im perfekten Lotussitz Platz nimmt, schafft doch nur äußere Voraussetzungen. Diese zielen auf innere Entwick­lung und bleiben ohne die notwendige innere Einstellung sinnlos. Der beste äu­ßere Rahmen kann Erleuchtung, die Erfahrung von Einheit, nicht erzwingen. Verläßt man sich nur auf äußere Maßnahmen, bleibt das Ergebnis notgedrungen auf den äußeren Rah­men beschränkt. Man kann dann so tun, als sei Einheit erreicht. Das ist das Bild, das auf peinliche Art und Weise Möchtegern-Erleuchtete und -Gurus in der Esoszene bieten.

Ganz ähnlich läuft es bei der nationalen Einheit, bei der euro­päischen und der der Welt. Den Stand letzterer bekommen wir durch das klägliche Bild der UNO ständig vor Augen geführt. Die Vereinten Nationen sind alles andere als vereint, sie sind in den wichtigsten Punkten heillos uneinig und demonstrieren es am Bei­spiel verschiedener Krisenschauplätze dieser Erde. Äußerlich hat der Zusammenschluß geklappt, man hat eine Art Verfassung und eine Art Weltregierung in einem schicken Re­gierungsgebäude. Das alles ist aber äußerlich und bleibt es auch in seiner Wirkung. Von der Vision eines Dag Hammerskiöld (??? bitte klären wie man den Namen richtig schreibt) ist die UNO heute meilenweit entfernt.

Was bisher so hoffnungslos klingt, hat glücklicherweise auch eine andere Seite. Die Hoffnung der Menschen auf Frieden, Verständigung und Einheit ist groß und in manchen Teilen der Welt vielleicht sogar dem Egoismus gewachsen. Es ist an der Zeit, sich zu vergegenwärtigen, daß wir diese wundervollen Möglichkeiten wirklich haben. Sie liegen in uns wie die Beispiele verwirklichter Menschen aus allen Kulturen und Völkern zeigen. Über den inneren Weg sind sie vom Einzelnen zu verwirklichen. Und wenn sich aber genug Men­schen auf diesen Weg der Selbstverwirklichung machen, wird auch in der äußeren Welt ein entsprechendes (geistiges) Klima oder Feld entstehen. Schon vor Jahren zeigten Wissenschaftler aus dem Kreis der Transzendentalen Meditation, daß ein gewisser Pro­zentsatz an Meditierenden ausreicht, um ein Bewußtseinsfeld zu verändern. Heute kann auch die Theorie der Morphogenetischen Felder solche Zusammenhänge erklären.

Das Erkennen dieser Situation ist sicher nicht die Lösung, aber immerhin der Anfang. Wir können nur zusammenwachsen, wenn wir anfangen zu wachsen. Das gilt für die Zweierbeziehung wie für die Großfamilie, die Gesellschaft eines Landes, eines Erdtei­les, einer Welt. Aus der Sicht der spirituellen Philosophie macht es wenig Sinn, an äuße­ren Entwicklungen zu arbeiten, solange innerlich nichts passiert. Das führt lediglich zu einer Kluft, aus der neues Leid erwächst. In verschiedener Hinsicht haben wir diesbe­züglich bereits schlechte Erfahrungen. Die Wissenschaft hat sich bisher ausschließlich an äußeren Zielen orientiert und ist auf diese Art viel weiter vorgedrungen, als wir bewußtseinsmäßig verkraften konnten. Und das obwohl Forscher wie Einstein, Heisenberg und andere das Problem nicht nur gesehen, sondern sogar öffentlich angeprangert haben. Sie haben sei­nerzeit ihre Hoffnungen auf die Politiker gesetzt und das Ergebnis haben wir jetzt.

Weder in der kriegerischen noch in der friedlichen Nutzung der Atomenergie haben wir uns bewährt und uns bewußtseinsmäßig unserem Wissen gewachsen gezeigt. Auf un­serem jetzigen Bewußtseinsstand sind wir offensichtlich nicht in der Lage, Kernenergie friedlich zu nutzen wie das Beispiel Tschernobyl zeigt. Überall im ehemaligen Ostblock arbeiten in diesem Augenblick Reaktoren, die ähnlich unsicher sind wie jener Uglücksreak­tor in der Ukraine. Wir sind nicht in der Lage, sie zu sanieren, weil das ein Denken voraus­setzen würde, das über Grenzen hinwegsieht und auch noch ein gutes Stück in die Zukunft reicht. Die Wirkungen unserer wissenschaftlichen Forschungen reichen aber längst weit über diese kleinstaatlichen Grenzen hinaus, wie wir wiederum an Tschernobyl so schmerz­lich erleben mußten. Die radioaktive Strahlung hat nicht am damals noch leidlich intak­ten eisernen Vorhang haltgemacht. So hoffnungsvoll das Niederreißen äußerer Grenzen auch sein mag, solange es ein ausschließlich äußeres Geschehen bleibt, ist es sogar gefähr­lich, weil es falsche Hoffnungen weckt und zu der beschriebenen Tu-so-als-ob-Hal­tung verleitet.

Wir bräuchten in der jetzigen Situation bezüglich der großen z.B. ökologischen Probleme dieses Planeten nicht wieder denselben Fehler zu machen und uns lediglich auf äußere Maßnahmen verlassen und auf Menschen wie Politiker und Wirtschaftler, die sich ausschließlich um die Verwaltung von Äußerlichkeiten kümmern. Sie werden im übrigen kaum weiter gehen können als ihre „Untertanen“ ihnen fol­gen, und das ist – wie wir wissen – im Augenblick nicht so sehr weit. Im Wege steht wieder der ausschließlich kurzfristig und am eigenen Vorteil orientierte Egoismus. Wird dieser zur bestimmenden Kraft von Vereinigungsanstrengungen, kann die Situation sogar in eine unerwartete Richtung umschlagen, weil dann auch bewußte Menschen anfangen, Front gegen Einigungsbestrebungen zu machen. Der fatale Trend z.B. in der Europäischen Gemeinschaft, sich immer auf dem niedrigsten Niveau zu treffen, konnte es ökologisch bewußten Schweizern nachfühlbar verleiden, Teil eines solch gemeinen Gemeinwesens zu werden. Wenn den unbewußtesten Kräften erlaubt wird, die Ziele zu definieren, geht es selbstverständlich gemeinsam in die falsche Richtung. Solange die ökologisch relativ un­bewußten Franzosen die gemeinsamen Grenzwerte für Autoabgase an der Unfähig­keit ihrer zurückgebliebenen Autoindustrie orintieren durften, blieb solch ein Gemeinwesen für ökologisch bewußte Menschen unattraktiv. Solange die Tierquäler in der EU die Mehrheit haben und ihre Gefühllosigkeit weiter tagelange Todestransporte kreuz und quer durch Europa ermöglichen, haben bewußte Menschen sogar die menschliche Pflicht, solch ein Gemeinwesen zu bekämpfen. So kommt es, daß Aufgeweckte und ewig Gestrige sich gemeinsam dem Vereinigungswerk widersetzen. Die einen weil damit schon verwirklichte Fortschritte wieder in Frage gestellt werden, die anderen weil sie ihre ertrotzten Pfründe gefährdet sehen.

Wirkliche Lösungen geschehen innen oder sie bleiben Stückwerk. Wer nur äußerlich pubertiert und innerlich die notwendigen seelischen Schritte verschläft, wird ein peinlicher Erwachsener. Auf den ersten Blick mag es kaum auffallen, aber im weiteren zeigen sich die Probleme umso drastischer, wenn kindliches Bewußtsein einen erwachsenen Körper be­herrscht. Da wäre es dann sogar weniger gefährlich, auch auf die äußere Entwicklung zu verzichten. Gegen ein kindliche Kinder spricht wenig gegen kindische Er­wachsene aber vieles.

Auf die Politik übertragen hieße das, wir sollten der inneren Entwicklung der Betei­ligten Zeit und Raum einräumen und für ein entsprechendes Bewußtseinswachstum Sor­ge tragen. Statt in wuchernde Bürokratien, die verwirrende äußere Schwierigkeiten verwalten, müßte vorrangig in Bewußtseinsentwicklung und Bildung der betroffenen Menschen investiert wer­den, nicht im Sinne der billigen und langweiligen Propaganda, die vor jeder Wahlentschei­dung in immer gleicher Eintönigkeit ausgepackt wird, sondern in einem tieferen, auf die Seele zielenden Sinn. Einheit ist auf keiner Ebene ein rein intellektuell verstehbares und technisch durchziehbares Unternehmen. Aber selbst in technischen Bereichen müßten wir im Auge behalten, daß wirkliche Einheit auf Vereinfachung zielt und nicht auf Komplizie­rung. Das wuchernde Beamtenunwesen der EU etwa ist ein Hinweis, daß die Dinge verkehrt laufen. Wenn man gemeinsames Geld anstrebt, was eine Vereinheitlichung wäre, und damit verbunden nur Komplikationen schafft, kann etwas grundsätzlich nicht stimmen. Im übrigen ist das Erreichen auch von äußerer Einheit nur mit Solidarität möglich, und die ist immer auf entsprechende Solidaritätsgefühle angewiesen. Ist das nicht der Fall, kommt etwas wie unser Soldidaritätszuschlag heraus. Die Leute treten dann sogar massenweise aus der Kirche aus, weil sie in dem ganzen Spiel nur das Geld sehen. So wurde auch unser Finanzminister zur Lachnummer, als er anregte, den Solidaritätszuschlag freiwillig weiterzubezahlen. Er hatte an Solidaritätsgefühle der Bürger appelliert, aber da waren keine. Daß er dann ein Jahr später den Knüppel aus dem Sack holte und den Zuschlag wieder zwangsweise einführte, war verständlich, wenn auch letztlich völlig kontraproduktiv was die Einheit angeht.

Ohne Einsicht und vor allem ohne entsprechende Initiativen be­züglich innerer Entwicklung, ergeben sich gefährliche Zusammenschlüsse wie z.B. jener der UdSSR oder Jugoslawiens nach dem zweiten Weltkrieg. Was wir heute auf so schreckliche Weise zerfallen sehen, ist ja von Politikern mit (bester?) Absicht zusammen­gefügt worden. Beide Nationen waren unter äußerem Druck äußerlich sogar über Jahr­zehnte stabil, in den Seelen viel zu vieler Menschen aber hat sich das Gefühl von Einheit niemals eingestellt – wie nun schrecklich offenbar wird.

Man kann versuchen, die Seele aus dem Spiel zu lassen, nur wird es nie gelingen. Was so zentral die Mitte des menschlichen Lebens regiert, kann niemals draußen vor bleiben. So wie eine rein somatische Medizin unmöglich ist, läßt sich auch keine Politik ohne Be­rücksichtigung der Seelenkräfte machen. Die Medizin hat jahrzehntelang so getan, als gäbe es die Seele nicht. Ihre Chirurgen hatten nie eine gefunden. Die Politiker finden bei ihren Analysen auch keine. In all den Bergen von Papier, die sie be- und verarbeiten, hat Seele keinen Raum. Wer so beschränkt an Welt herangeht wie Ärzte in der Vergangenheit an den Körper, bestätigt aber lediglich seine eigenen Vorurteile, selbst wenn sie so idiotisch sind wie das von der chirurgisch nicht auffindbaren Seele. Wären Fernsehtechniker ähnlich beschränkt, könnten sie genauso behaupten, es gäbe gar keine Fernsehprogramme. Schließlich haben sie Millionen von Fernsehern aufgeschraubt ohne je eines zu fin­den. Wer als einziges Werkzeug einen Hammer hat, wird über kurz oder lang alles mögliche für einen Nagel halten. Die Existenz von Schrauben wird ihm solange entgehen, wie er sich ausschließlich auf seinen Hammer konzentriert.

Zusammenfassend läßt sich feststellen: Solange das Ego auf Abgrenzung und Unter­scheidung setzt, ist Einheit nicht zu verwirklichen. Wird sie außen erzwungen, wie z.B. in ver­schiedenen afrikanischen Staaten nach dem Ende der Kolonialzeit oder in den zerfallenen Staaten Tschechoslowakei und Jugoslawien, ist es lediglich eine Zeitfrage bis die inneren Gegensätze wieder aufbrechen und dem falschen Spiel ein Ende bereiten.

Bestenfalls versuchen Menschen wie Vaclav Havel oder Nelson Mandela – vom Schicksal weichgekocht – ihre eigenen Erfahrungen auf ihre Länder zu übertragen. Das Ergebnis sind zumeist gutgemeinte Appelle, die aber nur bei denen verfangen, die innerlich schon ähnlich bereit sind, Grenzen einzureißen und sich dem Ganzen zu öffnen. Die größten Geister der Vergangenheit wie Mahatma Gandhi sind mit ihren Vereinigungszielen am Bewußtsein ihrer Mitmenschen gescheitert. Auch Gandhi konnte mit all seiner Autorität und seinem Charisma die Trennung Indiens in zwei Staaten nicht verhindern, und selbst diese ist noch nicht einmal im Stande, dauernd von neuem aufflammende Kriege zwischen Hindus und Moslems zu unterbinden. Nationalis­mus und religiöser Fanatismus sind gesellschaftliche Entsprechungen des Egoismus. Ein­heit ist die Entsprechung der Erleuchtung, des Aufgehens im Großen Ganzen.

So ist es kein Zufall, wenn Länder wie die Tschechoslowakei wieder auseinander­brechen. Fast immer sind es die besten Kräfte, die sich aus Einsicht und Weitblick solchem Zerfall widersetzen, dabei aber übersehen, daß ihre Bevölkerungen geistig nicht offen und weit genug sind für das höhere Gut der Einheit. Wie zu erwarten ging es mit der Slowakei un­ter ihrem nationalistischen Führer, der vehement die Abspaltung betrieben hatte, wirtschaftlich sogleich bergab und Tschechien lebt auf. Wie manchesmal in Be­ziehungen, wo einer auf Kosten des anderen lebt, scheint derjenige den Schritt in die Un­abhängigkeit besonders zu ersehnen, der davon am meisten zu befürchten hat. Fast könnte der Eindruck entstehen, daß die Abspalter zu ihrem eigenen Nachteil handeln, um sich vom Schicksal eine Lernaufgabe einzuhandeln, die sie ihren Irrtum schmerzlich durchschauen läßt, um so ehrlicher bezüglich ihrer Situation zu werden.

Stellt man die Frage: In welche der beiden Richtungen geht die große Entwick­lung, Zerfall oder Vereinigung? gibt es aus Sicht der spirituellen Philosophie eine klare Antwort. Letztlich entwickelt sich jeder einzelne Mensch in Richtung Einheit. Es ist das allerdings ein Ziel, für dessen Erreichen sich das Schicksal beliebig viel Zeit nimmt. Die alte Naturwissen­schaft, die noch immer an unseren Schulen gelehrt wird, wollte uns die längste Zeit weis­machen, daß sich alles in Richtung Zerfall bewegt und Erde und Universum ir­gendwann in ferner Zukunft, wenn alle Energiereserven erschöpft sind, dem Wärmetod anheimfällt. Diese auf den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gegründete Meinung ist heute selbst in naturwissenschaftlichen Kreisen nicht mehr unbestritten und geht von der irrigen Annahme aus, daß es so etwas wie geschlossene Systeme gäbe. In dieser Welt hängt aber alles mit allem zusammen, wie uns neben den heiligen Schriften inzwischen auch die Physiker belegen. Die Arbeiten von Prigogine über die Selbstorganisation offener (lebendiger) Systeme haben zudem eine Bresche in die Front der Verfallsapostel geschla­gen.

Reiligion und spirituelle Philosophie vertraten immer die Auffassung der Höherentwicklung. Sie propagierten nie Zerfalls- sondern immer Schöpfungsgeschichten. Es gibt Belege für beides, für den Zerfall in Richtung Zunahme der Unordnung, aber auch für den Aufbau immer höherer Organisationsformen. Längerfristig haben bisher aber immer die heiligen Schriften inihren Grundaussagen Recht behalten.

In der Naturgeschichte gibt es immer wieder Sprünge, die aus einem logisch linearen Hochrechnen der vorherigen Entwickung nicht abzuleiten sind. Nach der Darwinschen Evolutionstheorie, hätte ein so komplexes Le­bewesen wie der Mensch sich gar nicht entwickeln dürfen. Ja nicht einmal die Entstehung eines Auges wäre danach möglich. Da nach Darwin nur jene spontanen Mutationen erhal­ten bleiben, die einen Vorteil gegenüber Konkurrenten bieten, könnte ein so komplexes Organ wie das Auge nie zustandekommen, denn dafür sind Hunderte von Mutationen nö­tig, die jede für sich noch gar keinen Evolutionvorsprung bringen. Ein Augenlid bietet üb­erhaupt keinen Vorteil, solange darunter kein Augapfel ist. Aber auch der bringt noch nichts, solange es keine fertige Netzhaut gibt. Wir können solch komplexe Entwickungen auf der Mutationsbasis nur verstehen, wenn wir einen zugrundeliegenden Bauplan anneh­men. Die Idee des fertigen Auges – ein ungeheuer komplexer Plan – muß gleichsam schon vorher dagewesen sein, sodaß all die Mutationen, die in Richtung des Planes gingen, bewahrt werden konnten, obwohl sie anfangs noch keinen Selektionsvorteil boten. Ganz offensichtlich steckt die Idee des Fortschritts zu hochentwickelten komplexen Formen be­reits in der Schöpfung. Das können wir heute logisch ableiten, auch wenn wir den Me­chanismus hinter diesem Wunder der Entwicklung noch immer nicht plausibler beschrei­ben können als es Religionen in ihrer bildhaften Sprache schon immer taten.

Die Entwicklung des menschlichen Großhirns ist wohl das für uns eindrucksvollste Beispiel. Es ist so differenziert und komplex, daß wir bis heute nicht in der Lage sind, es zu durchschauen. Die Vorstellung, daß es sich rein zufällig auf dem Boden der Darwin­schen Evolutionstheorie durch Versuch und Irrtum zu dieser Höhe entwickelt haben könnte, ist naiv und sicher falsch.

In neuerer Zeit sind es auch Chaosforscher, die belegen, daß winzige Einwirkungen, unter bestimmten Umständen unglaubliche Auswirkungen haben können. Sie zeigen auf ihre Art die Grenzen des alten Weltbildes, dem alles als logisch vorher­berechenbar galt. Zudem weisen sie Wege, wie sich aus dem Chaos wieder beeindruc­kende Ordungen bilden können.

Die beiden ge­genläufigen Tendenzen, die Entwicklung in Richtung Chaos und die zu höheren Ordnungen, bestimmen, einander ergänzend, Natur und Welt entsprechend dem Polaritätsgesetz, wonach jeder Pol seinen Gegenpol hat. In der indischen Schöpfungsge­schichte ist diese Thematik in die Vorstellung gekleidet, die Schöpfung sei nichts anderes als Brahmas Atem. Unsere Astrophysiker wissen heute, daß wir uns in der Ausatemphase befinden, wo sich alles mit ungeheurer Gschwindigkeit ausdehnt. Einige haben aber auch schon den Verdacht geäußert, daß sich nach dieser Entwicklung das Ganze wieder zu­sammenziehen könnte, was uns an die Einatemphase des Weltenschöpfers erinnert. Wir könnten einfach auf Mythos und Kult schauen, um Perspektiven und Tendenzen großer Entwicklungsrichtungen zu entdecken. Die heiligen Schriften der Völker enthalten seit je­her die notwendigen Antworten.

Natürlich ist solches Abschauen niemals wörtlich zu nehmen, denn dann führt es le­diglich zur Kurzsichtigkeit des Fundamentalismus. Fun­damentalismus ist Rückschritt statt Rückbesinnung. Anstatt an der Basis zu schauen, was prinzipiell richtig und wichtig ist, versucht der Fundamentalismus, die Zeit zurückzudre­hen und Zusammenhänge, die im übertragenen Sinne gemeint sind, wörtlich zu nehmen. Die spirituelle Philosophie aber meint immer Evolution bei Achtung der wesentlichen Prinzipien und unter Anerkennung der Grundrichtung der Entwicklung.

Die im wahrsten Sinne des Wortes verkehrte Entwicklung des Fundamentalismus erklärt sich ganz ähnlich wie die Politikverdrossenheit. Breite Schichten eher unbewußter Bevölkerungkreise haben wohl aus der Erkenntnis oder dem Gefühl, daß der Fortschritt in die falsche Richtung geht, die Freude an ihm so nachhaltig verloren, daß sie lieber zurück wollen. Sie suchen das Heil in jener alten Zeit als noch die Religion im Mittelpunkt stand, lange bevor Wissenschaft und Technik und demokratische Systeme das Leben bestimmten.

Überall lassen sich inzwischen solche unter dem Schlagwort des Fundamentalismus auf­blühenden Bestrebungen beobachten. Nicht nur radikale Moslems, die den Koran als wörtlich zu nehmendes Gesetzbuch mißverstehen, terrorisieren ihre liberaleren Mitmenschen, auch der amtierende Papst versucht nachhaltig, seine Schafe zurück auf den Boden seines fundamentalistischen Bibelverständnisses zu führen. Das Sendungsbewußtsein der Umkeh­rer ist zumeist so groß, daß sie sich über Widerstände rabiat hinwegsetzen. Religiös moti­vierte Terroristen zielen in verschiedenen Teilen der arabischen und hinduistischen Welt auf den Tod ihrer Gegner, der Papst nimmt immerhin den Verlust erheblicher Teile seiner Anhängerschaft in Kauf. Die Motivation der Fundamentalisten ist sicher echt und ihre An­liegen ehrlich, sonst könnten sie sich nicht so dafür einsetzen und wohl kaum soviele Men­schen für derart (zu)rückständige Ideen begeistern.

Auch in diesem Bereich begegnen uns wieder die eigenartigsten Koalitionen. Islami­sche Fundamentalisten und um Emanzipation ringende Frauen bilden wohl die größten gesellschaftlichen Gegensätze, und doch zielen sie unbewußt oft in dieselbe Richtung. Der von der US-Frauenbewegung angezettelte irrationale Kampf gegen überall vermuteten sexuellen Mißbrauch führt in der Konsequenz zu einer neuen Prüderie und sexuellen Enge, deren Vorboten sich bereits bei uns zeigen. Wo Eltern sich mit ihren gegengeschlechtlichen Kindern nicht mehr in die Badewanne trauen, beginnt das Klima der Restauration alter und verkehrter Werte. In den USA feiert der Puritanismus auf dem Boden von Angst und Verklemmung neuerliche Triumphe in Familie, Gesellschaft und Politik. Natürlich war das nie das Ziel der Freuenbewegung und trotzdem fördert sie diese Entwicklung in ihrem Schatten massiv.

Umkehr ist in vieler Hinsicht angesagt, aber wiederum in einem inneren Sinne. Die Umkehr gehört dann sogar zu unserem Leben, wie uns dessen Urmu­ster, das Mandala, jederzeit enthüllt.1 Im Fundamentalismus begegnet uns wieder ein Versuch, etwas innerlich dringend Not-wendiges auf äußeren Ebene zu erzwingen. Daß daraus vor allem Leid folgen wird, ist leicht vorauszusehen.

In Politik und Wirtschaft stehen sich moderne, um fast jeden Preis vorwärtsdrängende Industriedemokratien und fundamentalistisch orientierte, um wirklich jeden Preis zurückstrebende Religionsgesellschaften diametral gegenüber – die Ge­gensätze könnten nicht tiefer erscheinen. Erstere bemühen sich, die Welt unter demokrati­schen Strukturen zu einen, letztere kämpfen für die Abspaltung theokratischer Kleinstaa­ten, denn bei allem religiösen Sendungsbewußtsein ist ihr nationalistischer Anstrich unüber­sehbar. In der Konsequenz aber führen beide Richtungen zu einer ähnlichen Kluft zwi­schen Anspruch und Wirklichkeit und bescheren den Menschen Leid in unterschiedlicher Ausprägung.

In dieser wenig rosigen Situation ist von Politikern allein nicht allzuviel zu erwarten. Der Ruf nach dem Staat wird nichts nützen, weil es dem Staat und seinen Vertretern kaum möglich îst und wahrscheinlich nicht einmal zu ihren Aufgaben gehört, die fehlende innere Kom­ponente zu all den äußeren Anstrengungen hinzuzubringen. Woher aber könnte der not­wendige innere Anstoß kommen?

Es gab vor Jahren einen Impuls, von dem eigentlich nur noch der Name geblieben ist: New Age stand für das Zusammenwirken von Wissenschaftlern und spirituell Suchen­den. Er scheiterte, da die zahlenmäßig viel stärker vertretene Esoszene bald das Niveau bestimmte und sich viele Wissenschaftler wie die ursprüngliche Gallionsfigur Capra ent­täuscht zurückzogen. Die Basis war zu schmal und das Denken schon bald kein bißchen neu, sondern gefangen in ewig alten Denkschleifen. Vor allem die Positiv-Denk-Tendenz der naiveren Teile der spirituellen Szene beendete das Experiment unwillentlich, bevor es noch recht begonnen hatte. Selbst hier kam es zu der hinlänglich bekannten Veräußerlichung: das Ganze wurde von verschiedensten Grüppchen organisiert, der Name New Age war in aller Munde, eskalierte sogar noch zu Light Age, da aber innerlich nicht genug geschah, ging das so hoffnungsvoll entzündete Licht bald wieder aus.

Und trotzdem liegt die größte Chance für die Zukunft in einer Vereinigung jener bewußten Menschen, die bereit sind, etwas für die Einheit auf allen Ebenen zu tun und Perspektiven für eine weitere und lichtere Zukunft zu träumen. Was Not täte, wäre der Versuch, Wissenschaftler und Politiker, spirituelle Lehrer und Künstler, Religionsvertreter und Journalisten, Praktizierende und Theoretisierende aus aller Frauen und Herren Länder und Kultu­ren zu dem einen Zweck eines umfassenden Austausches und der Vertiefung der gemein­samen Basis zusammenzubringen. Unter den federführenden Vertretern der verschiedenen Kulturen und Länder gibt es diesbezüglich kaum Verständigungsprobleme, wie einzelne Gelegenheiten bereits gezeigt haben. Und auch die Basis der (nach Auswegen) Suchenden wird immer breiter und bereiter. Versuche, sich in Netzwerken zusammenzufinden, zeigen die Sehnsucht nach übergreifenden vereinigenden Strukturen. Sobald Künstler und Spirituelle Lehrer den Bezug zur Innenwelt si­cherstellten, könnten auch die Spezialisten für die äußere Welt, Wissenschaftler, Wirtschaftler und Politiker, wieder sinnvoller und mit tieferen Ergebnissen zusammenarbeiten und Ge­hör bei den Betroffenen finden. Journalisten könnten die Ergebnisse verbreiten und so das notwendige Mitschwingen vieler bewirken.

Angstfreiheit und Offenheit wären Voraussetzungen und Kennzeichen solch einer Bewegung. Gegenströmungen bleiben von Angst geprägt, etwa wenn manch kleiner evangeli­scher Geist (für Sektenangelegenheiten) Angst um seine Schäfchen bekommt, nur weil die auch mal dem Dalai Lama zuhören oder sich unter Anleitung von Jesuiten zur Zenmedita­tion niederlassen. Derlei wird es am Rande immer geben, es darf uns nicht am träumen hindern. Es ist Ausdruck des bekannten Egois­mus, der fürchtet, Macht und Einfluß zu verlieren und dabei übersieht, daß er in seiner Enge ­vertrocknen und so alles verlieren könnte.

Größer und stärker scheint mir zumindest in unseren Landen schon die Bereit­schaft zur Einheit. Auch wenn die Menschen an der politischen noch so sehr herumnör­geln, ist die Sehnsucht nach wirklicher umfassender Einheit doch in den letzten Jahren in den Herzen immer deutlicher gewachsen. Diese Sehnsucht war es ja übrigens auch, die die politische Einheit heraufbeschwor, die den Politikern wie eine reife Frucht ebenso uner­klärlich wie unerwartet und aus ihrer Sicht wohl auch etwas unverdient in den Schoß fiel. Daß sie sie dann gleich in ihre Verwaltung genommen haben, war wohl unumgänglich, hat dem Einigungsprozeß aber eher geschadet, versah es ihn doch mit all jenen bürokratischen und gefühlsfremden Zutaten, an denen wir noch immer herumbeißen.

Nur die Sehnsucht nach wirklicher Einheit, die die äußere Mauer so friedlich zu Fall brachte, könnte auch das Feld schaffen für den Aufbau jener inneren Einheit. Vielleicht kann solch eine Kraft nochmals von Berlin ausgehen, auch wenn sie natürlich nicht auf eine Stadt und ein Land beschränkt bleiben darf und soll. Vielleicht ist die einmo­natige im September dieses Jahres dort stattfindende Sommeruniversität im Zusammenhang mit der Gründung einer Friedensuniversität ein erster Schritt in diese Richtung. Am Einsatz engagierter Men­schen fehlt es jedenfalls nicht. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal von einem Treffen gehört zu haben, auf dem soviele Nobelpreisträger und Religionsvertreter, Politi­ker und Journalisten, Wissen- und Wirtschaftler, Kulturschaffende und spirituelle Lehrer ihr Kommen zugesagt ha­ben. Das zu schaffende Feld lebt natürlich nicht von ihnen allein, sondern von allen Mitmachenden und damit jedem einzelnen Teilnehmer. Und das ganze ist dann noch mehr als die Summe seiner Teile. Wir wissen im Au­genblick noch nicht genau, wieviele Menschen notwendig sind, um ein wirksames Feld in einer Stadt, einem Land und erst recht in der Welt aufzubauen. Wir wissen aber bereits soviel: Es war die große Zahl von Menschen mit ihrer gebündelten inneren Kraft, die die Mauer zu Fall und die Einheit auf den Weg brachte. Es war deren inneres Engagement, das voller Mut und Offenheit auch persönliche Nachteile und Gefahren in Kauf nehmend, in seiner Sehnsucht unbeirrbar und stark blieb. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern: Schon die politische Einheit verdanken wir eben nicht Verhandlungen und dem intellektuellen Geschick von Politikern, sondern der seeli­schen Kraft Hunderttausender von Demonstranten in den großen Städten der ehemaligen DDR. Die wirkliche Einheit werden wir ebensowenig durch äußere Maßnahmen herbei­führen, aber umso sicherer durch innere Bewußtseinsschritte.

So ist es wohl auch sinnvoll, daß diese Bewegung von Berlin ausgeht, auch wenn sie nicht auf Berlin beschränkt bleiben soll. Zuerst holt die FU die Menschen nach Berlin, da­nach kommt aber auch die FU in andere Städte und Länder. Die Tatsache, daß es schon einige Zeit in anderen Ländern solche Initiativen gibt, kann hier als Hoffnungsschimmer dienen.

Ein neuer Ansatz mit breiterer Basis, der schon ein gutes Stück über das Vesuchs­stadium hinaus ist, erscheint in der Initiative zur Gründung einer Freidensuniversität. Die Friedensuniversität ist der

Vorbereitet vom Netzwerk der Kulturen, dem es bereits einmal gelungen war mit dem Festival der Visionen einige Tausend Menschen zu dem anliegen gemeinsamen Wachstums zusammenzubringen, ist eine Initiative entstanden, die eine bisher nicht dage­wesene Vereinigung von Menschen zu Wege gebracht hat,

Frieden, was ist das?

Frieden und eine Universität, die sich diesem Ziel verschreibt, ausgehend von Berlin, wo bisher alles andere als Frieden herkam, ist ein Meßinstrument für unsere Möglichkei­ten, die Dinge zu ändern. Aber nur wenn es innerlich stimmt, kann es äußerlich gelingen. Dazu ist es wichtig, sich Zeit zu lassen und äußerich nicht etwas zu erzwingen, das inner­lich noch nicht reif ist. Äußerlich noch keine feste Form geben, solange die Ideen sich noch entwickeln. Die Friedensuniversität hat es bereits geschafft Politiker zusammenzu­bringen mit spirituellen Lehrern und Wisssenschaftlern. Damit ist ein Anfang gemacht. Bezeichnenderweise waren es bisher vor allem Politiker, die ihre konkrete Macht schon hinter sich hatten wie Henry Kissinger, Egon Bahr, Valentin Falin. Das mag man schade finden, aber gerade darin liegt die Chance, daß hier Ideen und Erfahrungen von Menschen einfließen, die bereits einmal erlebt haben, was sich von außen ändern läßt und was nicht. Allein die Macht zur Gesetzgebung hilft noch wenig, wie die eindrucksvollen Beispiele von Gandhi bis Gorbatschov zeigen. Andererseits ist der Ruf nach staatlicher Hilfe aber häufig der letzte Ausweg spirituell oder ökologisch bewegter Menschen, die etwas in der Welt erreichen wollen. Sie mit Menschen zusammenzubringen, die diese Macht und ihre Mög­lichkeiten kennengelernt haben, scheint mir ein wichtiger Beitrag, um Illusionen gar nicht erst aufkommen zu lassen und wirkliche Perspektiven zu entwickeln.

Menoniten im Chacco von Paraguay sind mit ihrem Fundamentalismus zurück in die Steinzeit marschiert. Die Jungen fliehen, weil sie die Notwenidigkeit von Entwicklung spüren.

Darwin schuf die Basis für den Kapitalismus

Beurteilen läßt sich das Ganze immer nur, wenn man auch das Ganze überblickt. Das aber wird zunehmend schwieriger.

Thema Projektion

Die FU ist absichtlich nicht auf staatliche Unterstützung eingegangen, weil das sofort eine Anbindung und damit Bindung an Äußerlichkeiten erzwingt.