Was ist los mit dieser Welt?

Auf welchem Weg sind wir? Steht der Sieg des Guten über das Böse bevor, weil die USA die ersten Etappen Ihres Kreuzzuges – wie zu erwarten – gewonnen haben? Natürlich ist ein schneller Sieg das kleinere Übel verglichen mit einem langsamen oder gar mit einer sich hinziehenden Niederlage. Auf der Ebene dieser Betrachtung aber finden sich keine wirklichen Auswege, die das ganze Geschehen in einen größeren Zusammenhang stellen. Das aber war in den letzten Kolumnen zu diesem Thema mein Anliegen.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal klarstellen, daß ich keinerlei Patentrezepte für die verheerende Situation habe und daß ich mein Buch „Woran krankt die Welt?“ ein ½ Jahr vor den Terroranschlägen geschrieben habe und nicht danach, wie immer wieder unterstellt wird. Letzteres mag daran liegen, daß darin bereits die Zwillingstürme des WTC, die Taliban und der Fundamentalismus vorkommen.

Daß der Fundamentalismus eine Gefahr für die Welt ist, hat nun gerade der 11. September klar gemacht. Mir schien es wichtig, darauf hinzuweisen, daß er sich leider nicht nur in der islamischen Welt ausbreitet, sondern auch in unserer sogenannten 1. Welt. Die Taliban erwähnte ich als Beispiel für Projektion. Wir hatten uns seinerzeit viel mehr über deren Zerstörung unwiderbringlicher Kunstschätze (Buddhastatuen) ereifert als über die Terrorisierung der Frauen des Landes. Meine Frage im Buch lautet: Warum regen wir uns dann nicht auch über uns und unser System auf, das mit seiner rücksichtslsosen Ausbeutung aller Ressourcen dazu führt, daß ständig ganze Pflanzen- und Tierarten unwiederbringlich von der Erde verschwinden, das ein Heer von Arbeits- und Sexsklaven heraufbeschworen hat, wie es zu keiner Zeit der Sklaverei existierte. Der UNO-Beauftragte Pino Arlacchi spricht von derzeit 220 000 000 Sklaven.

Und ich habe gewagt zu schreiben, daß es schlecht ausgehen müsse, wenn man in zwei Türmen soviele Menschen unterbringe wie in der ganze Stadt Salzburg und diese fast ausschließlich unproduktive und für das Schicksal der Welt bedenkliche Geldgeschäfte machen ließe. Natürlich habe ich nicht geahnt, daß es so schnell so schlecht ausgehen könnte, Sonst hätte ich das so nicht geschrieben, sondern mein Anliegen an einem anderen Beispiel festgemacht. Bedenklich bleibt – aus meiner Sicht – die Tatsache, daß jene Geldhändler, die das Schicksal unserer Wirtschaft und damit unserer 1.Welt in ihren Händen halten beziehungsweise in ihren über die Keyboards hastenden Fingern, keinerlei produktive Arbeit verrichten, von denen sie mit einem gewissen Stolz ihren Kindern berichten könnten. Sie (ver-)schieben und manipulieren, spekulieren und tricksen am Computer mit dem einen Ziel, für sich und ihre Gesellschaft mehr Geld herauszuschlagen. Hinter ganzen 2 % des weltweiten Geldhandels steckt noch echte Produktion und wirklicher Handel, der große Rest sorgt vor allem dafür, daß Elend auf dieser Erde zu vergrößern.

Besonders deutlich wurde mir persönlich unser Dilemma am Beispiel des globalen Dorfes. Stellen wir uns vor, die Menschheit reduzierte sich auf ein einziges Dorf mit 100 Einwohnern. Dann stünden 21 europäischen und 14 amerikanischen 57 asiatische und 8 afrikanische Dorfbewohner gegenüber. 30 Bewohner wären Christen und weiß, 11 wären homosexuell, Frauen stellten mit 52 die absolute Mehrheit. 6 besäßen 60 % des gesamten Reichtums und alle 6 wären US-Amerikaner. 33 wären Analphabeten und 50 hätten keine vertretbare Unterkunft und wären unterernährt. Fast alle wären fehlernährt. Ein Dorfbewohner würde gerade sterben und zwei kämen zur Welt. Es gäbe nur einen Akademiker mit Computer im Dorf.

Stellen sie sich nun vor, sie wären eine(r) der reichen Dorfbewohner(innen). Meine Klammern sind eigentlich überflüssig, denn sie wären dann in jedem Fall ein Mann. Würden sie, wenn die Armen aufbegehrten, versuchen, durch zusätzliche Aufrüstung, vermehrte Sicherheitsmaßnahmen und durch Bestechung einiger Armer ihre Position weiter zu sichern und auszubauen und das Ungleichgewicht so zu stabilisieren oder würden sie dazu neigen, ihren Reichtum zu teilen in der Hoffnung, irgendwann wieder ohne Angst und in Frieden mit allen leben zu können?

Ted Turner, einer der 400 reichsten Männer der Welt und Chef von CNN, und einer der wenigen, die möglicherweise begriffen haben, dass die neuen Trends niemandem mehr nützen, sondern nur noch die gemeinsame Erde gefährden, sagt: „Die großen Milliardäre sind damit beschäftigt, die Mitglieder ihres mittleren Managements gerade noch vor dem Tag loszuwerden, ehe sie der Firma gegenüber Rentenansprüche anmelden können. Wir sind dabei, wie Mexiko und Brasilien zu werden, wo die Reichen hinter Zäunen leben wie in Hollywood. Manche meiner Freund beschäftigen eine Armee von Leibwächtern aus Angst, gekidnappt zu werden.“

Die Frage ist doch, wollen wir diesem „american way of life“ weiter folgen? Wenn nicht, sollten wir uns ganz konkret fragen: Wieviel Geld wird von uns und unserer Regierung für humanitäre Hilfe und für Entwicklungsmaßnahmen augegeben, wieviel für den Waffengang? Ich schreibe dies Anfang Dezember und kann nur hoffen, daß bis zum Erscheinen im Februar die Dinge sich verbessert haben. Aber jetzt schaut es so aus, als käme auf jedes Carepaket ein ganzer Schwarm von Bomben. Es liegen – wie immer bei solchen Anlässen – Zehnerpotenzen zwischen den Aufwendungen für Zerstörung und denen für den Aufbau. Können wir das angesichts der Lage im planetaren Dorf wirklich wollen?