Was heißt gesund leben?

Es ist nicht leicht in der heutigen Zeit gesund zu leben, es ist ja nicht einmal leicht gesund zu essen. Schon dabei scheiden sich die Geister und die Wogen des Streites unter Ernährungsaposteln schlagen hoch. Nicht einmal die banale Frage, ob grüner Tee nun gesund sei, ist eindeutig zu beantworten, weil die Menschen so verschieden sind und für den einen gut sein kann, was dem anderen gar nicht bekommt.

Es lässt sich nicht einmal sicher feststellen, was Gift ist, sind wir doch über die Definition von Paracelsus, dass lediglich die Dosis das Gift vom Pharmakon unterscheidet, nie hinaus gekommen. Man kann sich mit gesunden Dingen wie Vitaminen vergiften und mit giftigen wie Arsen heilen, etwa wenn man letzteres in homöopathischer Verschüttelung im richtigen Moment zu sich nimmt. Wer aber nur noch Karotten isst, kann sich mit zuviel Vitamin A schaden. In München ist einmal ein Mann daran gestorben, der nach einem erfolgreichen Karottentag gedacht hatte, was für einen Tag so gut ist, muss an vielen Tagen noch viel besser sein. Die Zeitung schrieb zynisch, er sei nicht verblichen, sondern vergilbt.

Wenn wir uns auf die alten Medizin-Traditionen zurückbesinnen, können wir ein wenig klarer sehen in solchem Chaos. In der traditionellen chinesischen Medizin ging man ähnlich wie in der indisch ayurvedischen und tibetischen davon aus, dass es ein Armutszeugnis für den Arzt sei, wenn er in den Körper hineinstechen oder gar schneiden müsse, weshalb die Akupunktur gar nicht sehr angesehen war. Man hielt es für weit besser, wenn der Arzt die Weichen schon weit im Vorfeld in Richtung Gleichgewicht und Harmonie in allen körperlichen und seelischen Belangen gestellt hätte, so dass so eingreifende Maßnahmen nicht notwendig werden konnten. In höherem Kurs als alle Behandlungen stand Vorbeugung etwa durch Tai Chi und andere Körperkünste, die die Energien im Gleichgewicht halten konnten und Krankheit so von vornherein unnötig machten.

Ähnlich sah man die Ernährung als Chance durch Ausgewogenheit in energetischer Hinsicht, Krankheit überflüssig zu machen. Besser als alle Kräutermedizin, war demnach gesunde Ernährung. So weit war auch die westliche Medizin schon einmal zu Zeiten von Hippokrates, der bereits sagte: Eure Nahrung sei eure Medizin, eure Medizin sei eure Nahrung. Heute muss man leider in einer normalen deutsche Klinik trotz der angebotenen Nahrung gesund werden und nicht wegen dieser. Die alten Chinesen aber waren selbst über diesen Punkt schon hinaus und wussten bereits von ihrer Elementelehre her, dass es eine gesunde Nahrung für alle gar nicht geben konnte, weshalb sie einer typgerechten Versorgung den Vorzug gaben. Kühle Typen sollten sich mit Nahrung Wärme zuführen, während heiße Typen eher Kühle über das Essen hereinholen sollten.

Darüber hinaus aber war den alten Chinesen schon bewusst, dass über solchen speziellen Erwägungen, die auf der Ebene der „Säulen der Gesundheit“ eines Hippokrates angesiedelt sind, noch die Verhaltensebene rangierte. Denn es ist natürlich unser Verhalten, das bestimmt, ob wir uns sinnvoll bewegen, ernähren, entspannen usw.

Verhalten aber wird zweifellos von der Ebene der Emotionen und Gefühle bestimmt, der Welt der Psyche also. Insofern steht diese und mit ihr die Psychotherapie noch über der Verhaltenebene. Darüber aber gab es im Verständnis der Alten noch die Geist- oder Bewusstseinsebene, auf die zum Beispiel Meditationen zielen.

Aus all dem ergibt sich eine Hierarchie, aus der sich schließen lässt, was auf welcher Ebene sinnvoll und angemessen ist an Therapiemaßnahmen, eine Hierarchie aber auch, die anzeigt, was auf welcher Ebene schief gegangen sein muss, damit sich die entsprechenden Krankheitsbilder entwickeln konnten. Hier setzt die Deutung der Krankheitsbilder ein, wie sie sich in Büchern wie „Krankheit als Symbol“ niederschlägt, das jedem der Tausenden von Symptomen eine spezifische seelische Bedeutung zuerkennt.

Demnach wäre es am sinnvollsten, eine tägliche Meditation zu praktizieren, die dafür sorgt, dass der Geist in Harmonie mit der Welt bleibt und in sich ruhend für die angemessene Lebenseinstellung sorgt. Die Aufgaben der Seele wahr- und wichtig zu nehmen, fällt dann leichter und ist als nächstes entscheidend zur Vorbeugung körperlicher Probleme.

Die Ebene der „Säulen der Gesundheit“ liegt darunter und bildet ebenfalls noch eine wichtige Basis für ein gesundes Leben. Der Körper muss bewegt werden, um in Form und bei Gesundheit zu bleiben und nicht zu verfetten, aber er muss natürlich auch so mit Lebensmitteln und Wasser versorgt werden, wie es seiner Art entspricht. Darüber hinaus braucht er Entspannung und Regeneration in einem ausgewogenen Verhältnis zu den Aktivitäten und schließlich auch einen sinnvollen Bezug zu seiner Umwelt.

Schließlich können auch Atemfunktion und Schlaf ihren Teil dazu leisten, dass der Organismus gesund und leistungsfähig bleibt. Ein langer Atem ist nicht nur sprachlich ein Garant für ein langes erfolgreiches Leben, er kann über die Versorgung mit der Lebenskraft Prana hinaus, helfen die Körpergleichgewichte aufrecht zu erhalten.

Guter Schlaf regeneriert einerseits den Körper in seinen Tiefschlafphasen und fördert andererseits in den REM-Phasen die seelische Entwicklung. Ohne erfrischenden Schlaf kann kein Mensch lange bei guter Gesundheit bleiben. Außerdem findet all unser Wachstum im Schlaf statt, das körperliche, aber vor allem auch das seelische. Das hat damit zu tun, dass Wachstumshormon nur nachts ausgeschüttet wird. Insofern ist guter Schlaf entscheidend wichtig für ein Leben in Gesundheit bei seelischer Entwicklung und geistigem Fortschritt.

Sicher ist in solch einer Hierarchie die Spitze noch etwas wichtiger weil einflussreicher als die Basis, aber andererseits ist sie auf diese angewiesen und baut darauf auf. So spiegeln sich alle Ebenen ineinander und wären als Einheit zu sehen. Es macht genauso wenig Sinn, die Basis etwa durch Bewegungsmangel verkommen zu lassen, während man sich fortgeschrittenen Meditationen hingibt, wie es verrückt ist den Körper zu trimmen und nicht zu wissen wofür.

Wer dagegen erkennt, dass der Körper das Haus ist, indem seine Seele wohnt, wird gut zu ihm sein, damit die Seele gern in ihm wohne, ganz wie es Theresa von Avila schon vor Jahrhunderten empfahl. Das Haus überzubewerten ist genauso wenig stimmig, wie es zu vernachlässigen und entsprechendes gilt natürlich für den Körper. So wie aber die Umgebung auch für das Haus eine Rolle spielt, ist sie auch für den Körper wichtig und schon von daher ergibt sich die Bedeutung der Umwelt und der entsprechenden Medizin.

Zunehmend mehr werden wir uns um das Umfeld kümmern müssen, wenn wir gesund leben wollen, da es in moderner Zeit immer mehr bedroht ist durch Dinge wie elektromagnetische Störfelder, Elekrosmog und Strahlungen etwa von Mobiltelefonen.

Ein umfassendes „Gesundheitsprogramm“, das dem ganzen Menschen verpflichtet ist, wird folglich all diese Bereiche einzubeziehen haben. Da man – wie jede Hausfrau weiß – eine Treppe am besten von oben nach unten kehrt, läge es nahe, das auch in diesem Fall zu tun und dafür zu sorgen, dass der Geist in einem ausgewogenen Zustand bleibt. Dafür steht heute eine Fülle an Meditationstechniken zur Verfügung, woraus man sich die einem persönlich am besten entsprechende Methode auswählen könnte. Meine Frau hat mit dem „Meditationsführer“ (Schirner Verlag) dazu eine verlässliche Anleitung geschrieben, die sich an den Grundmustern beziehungsweise Archetypen orientiert und einen raschen Überblick ermöglicht.

Als nächstes wäre für Ausgewogenheit in seelischer Hinsicht zu sorgen und statt die heißen Eisen unter den Teppich zu kehren, im Gegenteil darauf zu achten, sie anzugehen. Das muss nicht eine große Psychotherapie bedeuten. Vieles kann man auch in Eigenregie und mit Unterstützung von CD-Programmen angehen wie etwa Partnerprobleme oder solche im Zusammenhang mit Lebenskrisen1.

Auf der Ebene der „Säulen der Gesundheit“ lassen sich dann weitere Schritte immer leichter setzen, weil nun alles viel greifbarer und konkreter wird. Was die Bewegungssäule angeht, ist für muskuläres Gleichgewicht zu sorgen. Muskeln, die benutzt und damit gekräftigt wurden, verkürzen sich und müssen dehnend wieder verlängert werden. Ein entsprechendes Dehnungsprogramm für die wichtigsten Muskeln der unteren und oberen Extremität nimmt gerade einmal fünf Minuten pro Tag in Anspruch und findet sich wie die folgenden Bewegungsübungen im Ratgeber „Das Gesundheitsprogramm“2. Andere Muskeln wie vor allem die Bauchmuskeln sind ständig unterfordert und müssen gekräftigt werden, da bei ihrem Ausfall nicht nur die Erscheinung sondern sogar die Verdauung leidet. Als nächstes muss die Herz-Kreislauf-Funktion aktiv erhalten werden. Dazu ist tägliche Bewegung im sogenannten Sauerstoff-Gleichgewicht notwendig, d.h. der Organismus muss soviel Atemluft bekommen, dass er damit alle Stoffwechselanforderungen sicherstellen kann und nicht ins Hecheln verfällt. An all den Tagen, wo wir essen, sollten wir uns bewegen, so einfach ist das.

Unser Organismus hat über Jahrmillionen der Evolution gelernt, mit Kargheit umzugehen, aber mit dem heute üblichen Überfluss an Nahrung und der damit einhergehenden Bewegungsarmut hat er keinerlei Erfahrungen, und so leiden wir bereits massiv daran.

Ganz ähnlich müssen wir uns bei der Ernährungssäule klar machen, dass wir eine artgerechte Versorgung brauchen. Sowohl gemäß seinem Gebiss als auch Verdauungstrakt ist der Mensch ein Allesfresser mit einer deutlichen vegetarischen Betonung. Wenn er sich also wie ein Raubtier ständig von Fleisch ernährt und aus der alten Mahlzeit Schlingzeit macht, ist er auf dem Weg ins Elend von Krankheitsbildern wie Rheuma, Gicht und vor allem Arteriosklerose. Wenn er aber den besseren Weg einer überwiegend vegetarischen Ernährung auf Kohlenhydratbasis wählt, muss er darauf achten, dass erstens die Kohlenhydrate vollwertig sind und er sich zweitens ausreichend bewegt. Wenn beides unterbleibt, öffnet sich hier der Weg in die Übergewichtsfalle mit drohendem Diabetes Typ II. Für manche mag das ausschauen wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Tatsächlich muss Ernährung heute also nicht nur artgerecht, sondern auch vollwertig sein, und dann wäre noch im Sinne der klassischen chinesischen Medizin auf den jeweiligen Typ zu achten. Eine entsprechende Einteilung findet sich ebenfalls im „Gesundheitsprogamm“.

In ähnlicher Weise ließe sich die Säule Entspannung und Regeneration angehen wie auch die des Umweltbewusstseins. Wer auf diesen Ebenen vorbeugt, seinen Schlaf pflegt und den Atem kultiviert, ist auf gutem Weg, allerdings auch sehr gut beschäftigt.

Zum Glück lässt sich aber auch vieles regeln, indem man einfach nichts tut und einiges schlicht lässt, zum Beispiel zweimal im Jahr – am besten im Frühjahr und Herbst – das Essen um dem Organismus fastend eine Auszeit einzuräumen, während der sich auch Seele und Geist erholen können. Vor den gröbsten Strahlungsorgien kann man sich schützen, wenn man einfach weiter auf alte Schnurtelefon vertraut, auf Radiowecker und Heizdecken verzichtet und ebenso darauf, aus seinem Schlafzimmer einen HighTech-Park zu machen. Wer die Nutzung des Fernsehers drastisch reduziert und ihn aus dem Schlafzimmer verbannt, bekommt gleich eine Gratis-Partnerschaftstherapie, denn es stellt sich fast automatisch die Frage, was man mit dem Menschen nebenan im Bett anfangen soll. Mit ein wenig Nachdenken wird man darauf kommen, dass Verzicht in einer so überladenen Zeit eine Art Zauber ist, das Leben überschaubar und damit erträglich zu halten. Der Körper kann in überschaubaren Verhältnissen leichter in Form und gesund bleiben. Statt ihn zum Beispiel mit Nahrungsergänzungsmitteln voll zu stopfen, wäre es so viel wirksamer, ihn einfach fasten zu lassen. Ähnliches gilt für den Geist. Statt immer mehr Zerstreuung und Abwechslung über sich ergehen zu lassen, könnte man ihm Stille schenken und die Gabe der Konzentration auf weniges Wichtiges – inzwischen ein wahres Lebenselixier. Statt die Seele ständig anzuregen, läge es nahe, sie zur Ruhe kommen und sich abregen zu lassen. Oder wie Willibald Gawlik, mein kürzlich in hohem Alter verstorbener Homöopathielehrer sagte, die größte Kraft in Repertoire des Arztes ist das Pianissimo.