Von Sekten und Gesetzen

Die Esoterik kommt – je mächtiger die sie tragende Bewegung wird – desto mehr ins Gerede. Das hat wohl zum einen damit zu tun, daß die Gegner im Bereich der Amtskirchen und der etablierten Wissenschaft allmählich immer mehr ihrer einst so sicheren Felle davonschwimmen sehen und nun jede Gelegenheit nutzen, sich auf den zu gefährlicher Konkurrenz herangewachsenen Gegner einzuschießen, andererseits ist es aber auch die Esoterikbewegung selbst, die Anlaß zu solchen Attacken liefert. Letzterem Punkt will ich mich ausführlich zuwenden, auch wenn ersterer damit nicht aus dem Auge verloren werden sollte.

Ursprünglich will Esoterik dem Menschen den Weg zu Befreiung. Erleuchtung oder Erlösung weisen. Wie immer sich das Ziel des Entwicklungsweges auch in den verschiedenen Traditionen darstellt, geht es doch darum, Einheitserfahrungen zu einem dauerhaften Erleben werden zu lassen. Was westliche Psychologen wie der Amerikaner Abraham Maslow als peak-experiences, Gipfelerlebnisse von zumeist kurzer Dauer beschreiben, versuchen die esoterischen Traditionen der verschiedenen Völker ihren Anhängern als bleibendes Seinsgefühl – mit Ewigkeitscharakter sozusagen – zu vermitteln. Ewigkeit steht hier durchaus nicht für einen langen Zeitraum, sondern für Zeitlosigkeit. Im Zustand der Erleuchtung, wenn das Himmelreich Gottes im eigenen Inneren gefunden ist, oder in anderen Worten Befreiung vollständig und dauerhaft gelungen ist, lebt der Verwirklichte außerhalb der Begrenzungen von Raum und Zeit. Er hat diese beiden Täuscher, aus denen der östliche Mensch die Scheinwelt der Maya gebaut sieht, als Illusion durchschaut und überwunden.

Dazu kontrastiert allerdings der Zustand, in den viele esoterische Zirkel und vor allem manche Sekten ihre Anhänger bringen, auf das Schärfste. Häufig hat man das Gefühl, es gehe hier eher um eine mutwillige Karikatur des Entwicklungsweges. Statt selbstverantwortlichen freien Menschen begegnet man Abhängigen in des Wortes drastischstem Sinn. Ohne ihren Chef, Guru, Boss oder wie immer man die Oberhäupter solcher Zusammenschlüsse nennen mag, tun solche Jünger oft keinen Schritt mehr, wagen keinen eigenen Gedanken und sind im schrecklichsten Sinne eng und ängstlich gegenüber der Welt geworden. Vor allem aber tragen sie kaum noch Verantwortung für ihr eigenes Leben, was häufig schon dadurch zum Ausdruck kommt, daß die Überväter alle materiellen Schätze sorgfältig einsammeln lassen.

Vom Standpunt der Polarität ist es nicht so erstaunlich, daß sich gerade in einem Bereich, dem es um die Suche nach dem inneren Licht geht, soviel Schatten zeigt. Das wird immer gerade dann passieren, wenn man sich des eigenen Schattens auf der Lichtsuche zu wenig bewußt ist. Dieses Phänomen ist durchaus nicht auf die Esoterik beschränkt, sondern zeigt sich z.B. auch in der Politik, wenn wir etwa an das Schicksal fast aller großen Friedenspolitiker denken. Wer sich ausschließlich dem äußeren Frieden verschreibt und den inneren Unfrieden übersieht, ist offenbar in Gefahr, vom Gegenpol eingeholt zu werden. Wie anders lassen sich die Schicksale von Mahatma Gandhi, Martin Luther King, John F. und Robert Kennedy über Olof Plame bis zu Anwar el Sadat und Izahak Rabin erklären. Dem Frieden eine Chance wollte auch John Lennon geben und ging davon aus, daß alles was wir brauchen Liebe sei. Er selbst aber wurde leichte Beute des Unfriedens. Warum – könnte man andererseits fragen – hat der General de Gaulle über 30 Attentate ohne Kratzer überstanden und Ronald Reagan im fortgeschrittenen Alter die schwere Schußverletzung, die ihm sein Attentäter beibrachte. „Immer erwischt es die Besten“, beklagte unlängst eine Seminarteilnehmerin. Tatsächlich erscheint es beinahe sicherer, nicht zu diesen zu gehören, denn die weniger lichten Gestalten kommen offenbar besser weg. Selbst innerhalb eines Lebens wird dieser Zusammenhang deutlich. Sadat und Rabin waren zuerst lange Zeit Generäle und haben solange sie sich als Feinde auf den Schlachtfeldern bekämpften nichts abbekommen, auf dem Feld des Friedens dafür aber sofort und so nachhaltig. Politiker mögen das alles auf die jeweiligen Situationen zurückführen und die Umstände anschuldigen. Wer seinen Blick aber für die Polarität des Lebens öffnet, sieht System hinter solchen Entwicklungen, die bereits in frühesten Zeiten bekannt waren und die Goethe für unsere Kultur so unübertroffen seinem Mephisto in den Mund legt, wenn dieser zu Faust sagt „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Daß dieser Satz in beide Richtungen gilt, zeigt die genaue Analyse so vieler ursprünglich gut gemeinter Ansätze, die dann so furchtbar ins Gegenteil umschlugen. Das Peace-Corps, das John F.Kennedy nach Lateinamerika schickte und das wesentlich aus jenen idealistischen jungen Menschen bestand, die seinen berühmten Satz ernst genommen hatten und fragten, was sie für Amerika tun konnten, statt umgekehrt, es wurde im Endeffekt von aufgebrachten Indios aus den Dörfern hinausgeprügelt. Dabei hatte alles so begeisternd und gut begonnen. Man hatte sich moderne medizinische Versorgung und Entwicklungshilfe auf die Fahnen geschrieben. Dann aber hatte die harte Praxis gezeigt, daß die Erfolge solcher Maßnahmen durch den Kindersegen und die unter vereinten Anstrengungen verminderte Kindersterblichkeit mehr als zunichte gemacht wurden. In der Not schließlich fingen die hilflosen Helfer mancherorts an, jeden Patienten, den sie in die Finger bekamen, zu sterilisieren. Als die Indios dahinter kamen, war es mit dem Frieden natürlich vorbei. Nicht beachteter Schatten ist sicher der größte Feind aller noch so gut gemeinter Ansätze, und er treibt auch in der Esoterikszene eigenartige (Stil-)Blüten. Dabei hätte die esoterische Philosophie durch die Kenntnis des Polaritätsprinzips die besten Möglichkeiten, diesen Hintergrund zu durchschauen.

Nun ist durchaus nicht gewiß, daß all die machtbesessenen Führerfiguren, die die zum Jahrtausendende immer zahlreicher werdenden Sekten dominieren, ursprünglich gute Absichten hatten. Wo es aber der Fall war, dürfte sie der eigene unbearbeitete Schatten eingeholt haben. Besonders die oft dramatischen Schlußszenarien dieser Gruppen sprechen dafür, daß auch die Anführer zu Opfern werden, zuerst ihres eigenen undurchschauten Machthungers und dann zumeist ihrer eigenen Wahn(sinns)ideen. Da ihnen jede Selbstkritik meist abhanden kommt, können sie dann offenbar nicht mehr zurück und fliehen nach vorn, wenn es sein muß eben auch aus dem Körper und in die Wahnvorstellung eines Raumschiffes im Kometenschweif oder auf welchem Kurs oder Trip auch immer. Die Tatsache jedenfalls, daß die geistigen Urheber dieser Wahnwelten zumeist mit umkommen, wenn die Illusionen der Gruppe in Todesorgien eskalieren, spricht eigentlich dafür, daß sie nicht nur kaltschnäuzig machtgierig waren, sondern auch Gläubige ihres eigenen Wahnsystems.

Wichtiger als den psychischen Hintergrund der selbsternannten Gurus zu klären, wäre folgender Frage nachzugehen: Warum fallen heutzutage soviele Menschen auf die eigentlich leicht durchschaubaren Machtspiele dieser Figuren herein bzw. fliegen geradezu darauf? Die entscheidende Problematik scheint im Bereich der Verantwortung zu liegen. Wir alle haben in den letzten Jahrzehnten in diesem Land zunehmend die Tendenz entwickelt, immer mehr Verantwortung auf die Gesellschaft und den Staat zu projizieren. Ist aber der Staat in der Frage der Sekten wirklich verantwortlich? Tatsächlich versucht er in letzter Zeit mehr krampfhaft als fundiert, mit Gesetzesinitiativen aggressiven Sekten wie der Scientolgy das Handwerk zu legen. Abgesehen davon, daß das geplante Gesetz über Lebenshilfe eher das Gegenteil bewirken wird, weil eine so schlagkräftige Organisation wie letztgenannte es sehr leicht umgehen kann, liegen hier wohl kaum Lösungen. Denn es bleibt doch nicht zu übersehen, daß mit Ausnahme der von ihren Eltern mitgeschleppten Kinder die Anhänger ihren schattigen Lichtgestalten freiwillig erst in den Unfug und dann eben manchmal auch bis in den Tod folgen.

Wahrscheinlich wird ihnen der Tod als etwas nicht annähernd so Grauenhaftes erscheinen wie der bürgerlichen Welt. Und das wiederum ist nicht einmal falsch. Eigentlich müßte jedem denkenden Menschen der Tod als Lösung und Erlösung und letztes Ziel des Lebens einleuchten. Jedenfalls wird er von allen Religionen so gesehen. Offensichtlich ist die Verdrängung und Verketzerung des Todes, die bei uns üblich ist, genauso weit von der Wirklichkeit und Mitte entfernt wie seine Glorifizierung, wie sie offenbar von den Todesengeln der einschlägigen Sekten betrieben wird. Vor dem Tod zu flüchten ist ähnlich daneben wie ihn aktiv zu suchen. Ersteres ist bei uns geradezu üblich. Die Tatsache, daß über 90 % der Deutschen glauben, nicht sterben zu müssen, spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache. Auf die Frage nämlich, ob sie lieber Zuhause oder im Krankenhaus sterben wollen, antworten 90 % sinngemäß: „Wenn schon, dann Zuhause…..“ In diesem „Wenn schon….“ wird eine geradezu unheimliche Verdrängung offenbar. Demgegenüber schießen die Todessekten mit ihrer Verklärung des Selbstmordes in die andere Richtung über das Ziel hinaus. Sie übersehen die enorme Aggression, die in ihrem Schritt liegt, wohl genauso wie die guten Bürger die Feigheit, die ihre Verdrängungstrategie auszeichnet. Aber kann denn solche Verdrängung des Todes wirklich ein Problem des Staates sein?

Selbst wenn der Staat wollte, könnte er – jedenfalls in unserem relativ freiheitlichen System – die Bürger nicht hindern, die Verantwortung für ihr Leben an irgendwelche Machtmenschen zu delegieren und sich auf deren Geheiß umzubringen. Wir müssen in diesem Zusammenhang wirklich aufpassen, daß uns bei aller Besorgnis nicht die Werte durcheinandergeraten und jedes Maß abhanden kommt. In einem Rechtsstaat darf jeder, wenn das seinem erklärten Willen entspricht, auch in den sicheren Untergang oder finanziellen Ruin gehen. Der Staat hat weder die Pflicht noch überhaupt das Recht, ihn daran zu hindern. Auch wäre daran zu erinnern, daß die frühen Christen zuerst ebenfalls einmal eine kleine jüdische Sekte waren, wie der österreichische Bischof Laun unlängst so mutig im Fernsehen zu bedenken gab. Jeder Zusammenschluß von Menschen mit sprituellen Entwicklungsabsichten ist zwar als Sekte zu bezeichnen, aber deswegen noch nicht verwerflich oder gar bösartig. Radikal waren auch die frühen Christen, wenn man bedenkt, wie auch sie häufig ihre Familien im Stich ließen, um nur noch dem neuen Glauben zu folgen. „Laßt die Toten die Toten begraben“ hat ihnen ihr Meister sehr direkt geraten.

Die Tatsache, daß bei uns in diesem Zusammenhang sogleich nach dem Staat gerufen wird, ist typisch für unsere Neigung, alle Probleme nach oben zu projizieren. Der Staat und die Gesellschaft werden jeweils schnell in die Verantwortung genommen, genauso schnell nämlich wie sich die einzelnen aus ihr davonstehlen. Die Politiker sollen an allem schuld sein und den Rest haben gefälligst die Journalisten und vielleicht noch die Unternehmer oder Ärzte, in jedem Fall aber die anderen zu verantworten. Dabei haben wir natürlich genau die Politiker und Ärzte, die wir selbst gewählt haben, und die Journalisten schreiben genaus das, was die Mehrheit offenbar lesen will.

Im Wort Verantwortung ist die Antwort auf unser Dilemma eigentlich bereits enthalten und genau darin läge der Schlüssel. Verantwortung übernehmen meint, Antworten auf die Herausforderungen des Schicksals zu suchen und zu finden. Das Schicksal ist das geschickte Heil (lat. salus = heil) und nicht unserer Schikanierung, sondern unserem geistig-seelischem Wachstum verpflichtet. Eigenverantwortung meint dieser Wachstumherausforderung selbst und aktiv zu begegnen. Andere Sprachen machen diesen Zusammenhang noch deutlicher: im Englischen heißt responsibility, the ability to respond, die Fähigkeit, Antworten zu finden; ähnlich responsibilita im Italienischen und responsibilte´ im Französischen. Wenig scheinen wir aber heute so zu verabscheuen wie Eigenverantwortung. Überall geht es vor allem darum, Schuldige ausfindig zu machen und Verantwortung abzuschieben. Darüber vergessen wir nicht selten die wirkliche Problemebene vollständig. Besonders krass sehen wir das – weil für alle so deutlich – in der Politik, wobei wir uns ihr hier nur als Spiegelebene bedienen wollen, die die eigene Drückebergerei illustriert. In letzter Zeit häuften sich die Hinweise auf Rechtsradikalismus in der Bundeswehr. Das diesbezügliche Geschrei der Opposition ist sicher gerechtfertigt, nur ihre Forderungen berühren denkende Menschen eigenartig. Sie wollen den Kopf des Verteidigungsministers, als sei der rechtsradikal. Das eigentliche Problem des Rechtsradikalismus in der Bundeswehr scheint dabei kaum noch zu interessieren, jedenfalls gibt es wenig Anstalten diesbezüglich an Ort und Stelle, in den Kasernen, etwas zu unternehmen und zu ändern.

Wenn alle nach dem Staat rufen und selbst keinerlei Verantwortung übernehmen, kann man sicher voraussagen, daß jedwedes solcherart (nicht) behandelte Problem eskalieren muß. Politisch ist das Szenario absehbar. Durch das geplante Lebenshilfegesetz wird – jedenfalls in der diskutierten Form – vielen einzelnen Therapeuten und und kleinen Gruppen das (Über-)Leben erschwert, während großen Organisationen damit gar nicht beizukommen ist. Diese werden mit Hilfe ihrer Juristen und vor allem mit ihrer finanziellen Macht die Bestimmungen einerseits leicht umgehen und sie andererseits kaum zu fürchten haben. Scientology wird mit Leichtigkeit ein paar Dioplompsychologen finden, die ihre Praktiken rechtlich absichern. Sie brauchen bei ihrer Cleverness auch die geplante Beweislastumkehr und die Verlegung des Gerichtsortes zum Patienten nicht zu befürchten, denn sie sind ja (leider) schon (fast) überall präsent. Die gesetzlichen Maßnahmen werden aber die meist seriösere, aber weniger gut organisiserte Konkurrenz treffen. Insofern muß man davon ausgehen, daß das geplante Gesetz uns vom Regen in die Traufe bringen wird, wobei die Absichten der Politiker sicher wie immer bester Art sind. Die bemühen sich ja auch schon seit Jahren ganz ähnlich engagiert mit immer neuen Gesetzen um unsere bedrohte Umwelt – mit dem denkwürdigen Ergebnis leben wir tagtäglich.

Sogleich taucht die Frage auf, warum sich denn gegen ein so absehbar kontraproduktives Gesetz nicht eine breite Koalition der Vernunft erhebt. Auch das ist leicht erklärlich und gehorcht alten häßlichen Mechanismen. Das Gesetz zielt auf die Lebenshelfer und meint die aggressiven Sekten, mit Ausnahme der zwar auch aggressiven, aber kirchlich abgedeckten wie des katholischen Engelwerkes. Dagegen letzteren das Gedeihen zu erschweren, hätte kaum jemand etwas, ein direkter Schlag ist aber nach dem Grundgesetz kaum möglich, denn schon jetzt haben wir die US-amerikanischen Verbündeten wegen Scientology auf dem Hals. Also versuchen die Gesetzgeber es indirekt, indem sie den Lebenshelfern das Handwerk legen, wohl in der naiven Hoffnung damit Scientology und ähnliche Organisationen mit zu treffen. Für eine mögliche Front gegen ein Gesetz, das von seiner Wirkung her von den Scientologen selbst ersonnen sein könnte, werden die Psychologen und Kirchenvertreter natürlich nicht zu gewinnen sein. Denn ihre Lebenshilfe ist ja ausdrücklich vom Gesetz ausgenommen. Ärzte und Heilpraktiker werden sich auch nicht sehr solidarisieren, denn sie sind zwar eigentlich mitbetroffen, können aber ihren Hals recht leicht aus der Schlinge ziehen. Einige werden sich vielleicht insgeheim sogar ins Fäustchen lachen, schafft ihnen das Gesetz doch genau wie den Kirchen und Diplompsychologen lästige Konkurrenz vom Hals. Bleiben die Yoga- und Tai-Chi-Lehrer, die Bachblüten- und Craniosakral-Therapeuten, die Aurasoma- und Chi-Gong-Anbieter und viele andere mehr, die sich mangels verbindlicher Organisation kaum gemeinsam wehren können. Die vornehme Zurückhaltung im Protest der erstgenannten Gruppen erinnert an schreckliche Szenarien. Die eingeschlagene Salamitaktik hat in der Geschichte schon manchesmal beim Abschlachten unliebsamer Bewegungen zu unglaublichen Endergebnisen geführt. Selbst starke Interessengruppen sind auf diese Weise in die Knie zu zwingen, wenn sie lange genug stillhalten und dann zum Schluß merken, daß alle potentiellen Verbündeten schon vorher niedergemacht wurden.

Der viel sinnvollere Ansatz als mit Gesetzen gegen weltanschauliche Gruppen vorzugehen, läge in überzeugenden Alternativen, zumal die Härte des Gesetzes, selbst wenn sie äußerst massiv wird, keine Chance hat. In islamischen Ländern wie der Türkei, Agypten und erst recht Algerien kann man studieren was passiert, wenn selbst den irrsinnigsten Weltanschauungen mit Staatsgewalt begegnet wird. Zumeist macht das die fundamentalistischen Gruppen noch stärker und befördert sie geradezu aus dem Sektenstatus in die mächtige Position unterdrückter Religionen. So werden Märtyrer gezüchtet. Scientology versucht das ja auch bereits penetrant auszunutzen, wenn man an die Mobilisierung denkt, die sie unter US-Künstlern erreicht, die sich öffentlich solidarisieren und gegen die „deutsche Unterdrückung“ protestieren.

Der springende Punkt wäre doch eher, zu erkennen, daß das Bedüfnis der Menschen nach Sinnsuche und Erlösung auf die Dauer nicht zu unterdrücken ist. Solange die etablierten Kirchen hier so konsequent versagen und sich in peinlicher Weise von ihrer eigenen spirituellen Geschichte und dem entsprechenden Auftrag distanzieren, werden andere und darunter leider auch gefährliche Spinner einspringen und das Vakuum füllen. So ist das Versagen der Kirchen und großen Glaubensgemeinschaften das eigentliche Dilemma. Deren Monopol in Sachen Lebenshilfe nun per Gesetz zu schützen ist ein ausgesprochen klägliches Unterfangen, denn da ist im spirituellen Bereich ja kaum noch etwas zu schützen. So engagiert sich viele Kirchenleute im sozialen Feld einsetzen, so gähnend ist die Leere in spiritueller Hinsicht. Die Menschen haben denn offenbar auch kaum noch Interesse an dem, was Kirche und Universitätspsychologen diesbezüglich zu bieten haben. Denn sonst würden sie ja deren staatlich und stattlich subventionierte Angebote annehmen und nicht für viel Geld bei der Konkurrenz unterschlüpfen. Die Lebenshilfe der Kirche wird ja fast völlig über die Kirchensteuern, die zumeist verhaltenstherapeutischen Spiele der Diplompsychologen von den Kassen finanziert. Wenn so viele Menschen trotzdem andere Wege wählen, sollte das statt zu gesetzlichen Zwangsmaßnahmen gegen die Konkurrenz vielleicht doch besser zu einem Überdenken der eigenen Angebote führen.

Solange aus dem Kartell von Kirche, Staat und Schulpsychologie diesbezüglich nur Restriktives und kaum Konstruktives zu erwarten ist, kommt den seriösen Anbietern im Bereich der Esoterikszene hier eine doppelte Verantwortung zu. Gerade diejenigen, die sich dem Entwicklungsweg und echter Befreiung verschrieben haben, müssen ein Interesse haben, die Gefahren aufzuzeigen, die von Rattenfängern und ihren Organisationen ausgehen. Zum Glück sind die Machenschaften entmündigender Sekten nicht so schwer aufzudecken, stricken sie ihre Netze doch zumeist nach ähnlichen Mustern. Der einzige wirkliche Schutz läge in entsprechender Bewußtseinsentwicklung und Aufklärung und der Durchleuchtung der Hintergründe bedrohlicher Sekten. Die bereits ins Netz geratenen Opfer müssen sich genauso selbst befreien, wie sie freiwillig ins Netz geschwommen sind. Auch ihnen kann Information nutzen über die seelischen Mechanismen des Abhängigwerdens und die Hintergründe der Organisationen, denen sie aufgesessen sind. Besondere Bedeutung kommt hier der Aufklärungsarbeit ausgestiegener Exmitglieder zu, die besser als alle anderen wissen, wovon sie reden.

Das einfache Konzept jener Sekten, die mit Erlösung werben, die ausschließlich über sie zu erreichen sei, mag von Außenstehenden leicht zu durchschauen sein, behaupten doch alle von sich die gleiche Einzigartigkeit und widerlegen sich damit schon selbst. Für dienjenigen aber, die nur noch die eigene Sektenidelogie erfahren, entfällt auch diese Möglichkeit. Insofern wäre für sie alles gut, was die Isolation durchbricht und ihnen wieder unabhängige Information zukommen läßt. Gerade das aber fürchten die Sektenbosse am meisten und schirmen daher ihre „Opfer“ zumeist hermetisch ab. Daß sie sich dabei manchmal dreist auf die hermetische Philosophie berufen, ist peinlich, aber typisch und verkennt das Wesen dieser auf Befreiung zielenden Weltsicht völlig. Belohnt werden die Opfer für ihre freiwillige Selbstbeschränkung im Kontakt nach außen nicht selten mit phantastischen Titeln und Versprechungen von himmlischer Macht in naher Zukunft. Die diesbezüglich eingeschalteteten Erzengel scheinen geradezu Überstunden zu machen. Je weniger Menschen in ihrem bürgerlichen Leben erreicht haben, desto empfänglicher werden sie für diese Art von Titeln, die von einfachen Meistern bis zu Dirigenten des Universums reichen. Vor allem Menschen die sich nie besonders auszeichnen konnten, werden darauf fliegen, solcherart ausgezeichnet zu werden und einer einzigartigen und allein seligmachenden Gruppe anzugehören. Für die Sektenbosse ist die Vergabe solcher Titel dagegen äußerst billig und leicht. Unter solchen Gesichtspunkten ist leicht erklärlich, daß sich unter den Opfern vor allem Enttäuschte finden, die es zum einen in ihrem früheren (bürgerlichen) Leben kaum zu etwas gebracht haben. Es sind aber auch viele darunter, die sich mit Recht von der Sinnlosigkeit des ausschließlich auf materielle Dinge zielenden Angebotes unserer Gesellschaft abgestoßen fühlen und ihr deshalb ganz bewußt den Rücken gekehrt haben. Die selbsternannten Gurus versprechen ihnen tieferen Sinn und können ihre verständliche Abscheu vor dem rein Materiellen zumeist dadurch lindern, daß sie sie um ihren materiellen Besitz erleichtern.

Eine weitere Köderform, die zudem die Arbeitsbereitschaft der Schäfchen enorm erhöht, ist von den Zeugen Jehovas bereits bestens erprobt. Man läßt durchblicken, daß es nur soundsoviele Plätze im Paradies gibt und natürlich leider nur die besten und eifrigsten Schüler aufgenommen werden können. In den einschlägigen Raumschiffen der moderneren Weltflüchter-Gemeinschaften ist es naturgemäß noch enger und deren Mitglieder müssen sich folglich noch mehr ins Zeug legen. Verknappung der Angebotes nennt man in der Wirtschaft diese Strategie, die auch schon von der Opec und verschiedenen Konzernen mit Erfolg angewandt wurde.

Vom psychologischen Standpunkt sind die einzelnen Annahmen oft so leicht zu durchschauen, daß man kaum fassen kann, wie Intelligente Wesen darauf hereinfallen können. Andererseits dürfen wir nicht übersehen, daß der lange bestehende Mengel an Seelennahrung bei vielen eine enorme Sehnsucht hervorgerufen hat, die leicht ausgenutzt werden kann. Hinzu kommt die zunehmende Angst in diesem ausgehenden Jahrtausend, in dem uns Politiker immer deutlicher zeigen, daß sie keine Rezepte und was schlimmer ist, auch keine Ideen haben, wie den großen Problemen auf diesem Planeten zu begegnen sei. Insofern ist die Sehnsucht nach besseren, wenn auch fernen Planeten verständlich. Das Bedürfnis nach Seelennahrung, das früher durch Sagen, Legenden und Märchen gestillt wurde, stürzt sich heute auf moderne Märchen von extraterrestrischen Welten und Räumen. Als solche sind all die aufkommenden Geschichten von besseren Zeiten in anderen Welten sicher in Ordnung. Wer allerdings konkrete Hoffnungen darauf setzt, persönlich vom Raumschiff abgeholt zu werden, entspricht demjenigen der einen Esel nach dem anderen kauft in der Hoffnung, daß doch einmal ein Goldesel darunter sei, oder derjenigen, die jede Nacht mit ausgebreitetem Nachthemd spazieren geht und darauf vertraut, daß ihr irgendwann Sterntaler in den Schoß fallen. Hier werden Ebenen verwechselt, was den neuen Mythen eine eigenartige Färbung und nicht selten Komik verleiht, die dem überlieferten Mythos fremd war.

Die Tatsache, daß die mündlich und in Buchform vorhergesagten Ereignisse nicht eintreten und die gechannelten Daten jeweils ereignislos verstreichen, tut dem Weltuntergangsboom, der ja den gefährlichen Hintergrund der Sektenselbstmorde liefert, leider keinen Abbruch. Das gefährliche an diesen Prophezeihungen ist sicher nicht der angekündigte und von einigen scheinbar geradezu ersehnte Weltuntergang, sondern das Feld, das die vielen Fluchtwilligen und Weltverweigerer unbewußt aufbauen. Oft ohne es zu wissen, tun sie einiges im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeihungen für genau das Szenario, das sie so fürchten und vor dem sie uns alle warnen wollen. Ihre Verzweiflung an dieser Welt und die mit der sozialen Isolierung innerhalb ihrer Glaubenssysteme oft einhergehende Verkennung der Wirklichkeit kann dann eben soweit gehen, daß sie, wenn der äußere Weltuntergang denn einfach nicht kommen will, die Sache selbst in die Hand nehmen. Indem sie sich umbringen (lassen), bereiten sie sich wenigstens selbst ihren kleinen persönlichen Weltuntergang.

Die Betroffenen und von ergebnislos verstreichenden Horrorprophezeihungen solcherart doppelt enttäuschten Anhänger der Weltuntergangsstimmung sind offenbar von dieser unserer Welt so maßlos enttäuscht, daß sie unter keinen Umständen auf deren Boden der schlichten Tatsachen zurückkehren wollen und dann eher zu Verzweiflungstaten neigen. Hinzu kommt, daß ein Ausstieg aus den Wahn(sinns)systemen auch eine enorme Demütigung bezüglich der in der schnöden Normalität Zurückgelassenen bedeuten würde. Insofern wäre es auch für uns, die wir weiter auf diesen Planeten und die Erhaltung seines Lebens setzen, wichtig, den Weltuntergangsaposteln den Rückweg auf die Erde mit ihren Zwängen so leicht und unpeinlich wie möglich zu gestalten. Besserwisserei ist hier sicherlich nicht nur hinderlich, sondern oft wohl auch verhinderd und somit (lebens-)gefährlich.

Die zum Ausstieg aus einer einengenden Sekte Bereiten können sich den Sektenberatern der Kirchen kaum anvertrauen, da einige schwarze, dafür aber umso lautere Schafe unter ihnen geradezu bösartig gegen alles Spirituelle hetzen und so die seriösen Sektenberater gleich mit um die jetzt so notwendige Vertrauensbasis bringen. Die Aussteigewilligen bräuchten aber Ansprechpartner, die sie in ihrer Suche ernst nehmen und der spirirtuellen Dimension grundsätzlich offen gegenüber stehen. Es besteht ja durchaus kein Widerspruch zwischen einem spirituellen Leben und einer Verankerung mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Insofern wären gerade spirituell engagierte Menschen gefordert, denjenigen, die auf ihrer Suche an gefährlichen Ufern gestrandet sind, Beistand zu leisten bei der Wiedereingliederung in ein Leben unter Anerkennung der Polarität dieser Welt. So wie ein spirituelles Netzwerk ein guter Versuch war, in entsprechende Entwicklungskrisen geratene Menschen aufzufangen, müßte sich nun allmählich auch ein Netz für in Abhängigkeit geratene Menschen entwickeln. Dieses dürfte nicht von wertenden Gegnern jeder Spiritualtität getragen sein, sondern von Suchenden, die – selbst auf dem Weg – Verständnis für Probleme auf demselben mitbringen und vor allem auch ausstrahlen. Aus der eigenen beratenden und psychotherapeutischen Arbeit der letzten Jahre kann ich sagen, daß es möglich ist aus solch einer Haltung, zumindest einigen den Ausstieg aus der Sektensackgasse zu ebnen.

Das A und O bezüglich der Sektenproblematik läge darin, die Ziele wirklicher Esoterik bewußt zu machen und die Gefahren mutig aufzuzeigen, die sich aus dem Mangel an Eigenverantwortung und der Lust ergeben, auf Führerpersönlichkeiten zu projizieren. Das aber können wir nur aus der spirituellen Szene heraus schaffen. Der Staat wird mit seinem – wahrscheinlich sogar gut gemeinten – Gesetz zur Lebenshilfe sicher wie so oft das genaue Gegenteil erreichen und die großen Kirchen haben ihre Glaubwürdigkeit, was das Spirituelle angeht, längst verloren und ihre Vertreter leider zumeist auch die diesbezügliche Kompetenz. Es ginge also darum, nicht wieder zu projizieren, sondern bei jeder Gelegenheit offen für Gespräche zu bleiben und geistige wie auch konkrete Räume zu bieten, die verirrte Rückkehrer auffangen können.