Von Krisen- und Wendezeiten – ihren Gefahren und Chancen

Krisenzeiten sind solche des Umbruchs, die aus Sackgassen und Katastrophen Chancen schaffen können. Das Wort „Katastrophe“ heißt im Griechischen auch Umkehrpunkt, das Wort „Krise“ Entscheidung. Und tatsächlich scheinen wir entscheidenden Zeiten entgegen zu gehen und auf einen Umkehrpunkt zuzusteuern.

Menschen auf dem spirituellen Weg, die sich mit seinen Gesetzen Bescheid wissen, kommt dabei besondere Verantwortung zu, sie unterliegen aber auch entsprechenden Gefahren. Die spirituelle Philosophie will und kann den Weg zu Befreiung, Erleuchtung oder Erlösung weisen. Wie immer sich das Ziel des Entwicklungsweges auch in den verschiedenen Traditionen darstellt, geht es darum, Einheitserfahrungen zu einem dauerhaften Erleben werden zu lassen. Was westliche Psychologen wie der Amerikaner Abraham Maslow als peak-experiences, Gipfelerlebnisse, von zumeist kurzer Dauer beschreiben, versuchen spirituelle Traditionen ihren Anhängern als bleibendes Seinsgefühl – mit Ewigkeitscharakter sozusagen – zu vermitteln. Ewigkeit steht hier durchaus nicht für einen langen Zeitraum, sondern für Zeitlosigkeit. Im Zustand der Erleuchtung, wenn das Himmelreich Gottes im eigenen Inneren und damit zugleich überall gefunden, oder in anderen Worten Befreiung vollständig und dauerhaft gelungen ist, lebt der Verwirklichte außerhalb der Begrenzungen von Raum und Zeit. Er hat die beiden Täuscher, aus denen der östliche Mensch die Scheinwelt der Maya gebaut sieht, als Illusion durchschaut und überwunden.

Umbruchs- und Krisenzeiten wie die jetzige bieten vielen die Chance, sich diesen Themen neuerlich zuzuwenden. Wenn die Außenwelt vor lauter Krise aufhört, Illusionen zu schüren, wird die Innenwelt wieder wichtiger. Aber solche Umbruchszeiten machen auch Angst und nicht wenige Menschen flüchten sich dann in Zirkel und Gemeinschaften, die ihnen nicht nur die Ängste vor der Zukunft, sondern auch gleich das eigene Denken abnehmen. In allen bisherigen Umbruchszeiten hatten Sekten enormen Zulauf, obwohl es gerade spirituelle Menschen wären, die in solchen Zeiten gebraucht würden, um neue Perspektiven zu erschließen auf dem Weg in eine neue Freiheit. Aber dem Polaritätsgesetz entsprechend droht gerade dann auch besonders der Gegenpol in Gestalt von Unfreiheit.

Insofern kontrastiert der Zustand, in den viele esoterische Zirkel und Sekten ihre Anhänger bringen, auffallend zu den idealen des spirituellen Weges. Häufig hat man das Gefühl, es handle sich hier geradezu um eine mutwillige Karikatur des Entwicklungsweges. Statt selbstverantwortlichen freien Menschen begegnet man Abhängigen in des Wortes drastischstem Sinn. Ohne ihren Chef, Guru, Boss oder wie immer man die Oberhäupter solcher Zusammenschlüsse nennen mag, tun solche Jünger oft keinen Schritt mehr, wagen keinen eigenen Gedanken und sind im schrecklichsten Sinne eng und ängstlich gegenüber der Welt geworden. Sie lassen sich nicht nur das eigene Leben verbieten, sondern sogar unabhängige Information mit so dümmlichen Hinweisen wie „Computer und Internet sind nicht gut für euch.“ Vor allem aber tragen die Anhänger kaum noch Verantwortung für ihr eigenes Leben, was häufig schon dadurch zum Ausdruck kommt, dass die Überväter und manchmal auch -mütter alle materiellen Schätze sorgfältig einsammeln und ihre Abhängigen möglichst von eigenem Geld fernhalten.

So geraten spirituelle Bewegungen nicht selten zur Karikatur des Entwicklungsweges beziehungsweise werden vom eigenen (Macht-)Schatten eingeholt. Das „Schattenprinzip“ wird wohl nirgendwo so deutlich wie in diesem Bereich. Und Krisen- und Wendezeiten verschärfen dieses Phänomen zusätzlich.

Persönlich musste ich miterleben, wie ein Weggefährte genau diesem Machtschatten aufsaß, vor dem er zwei Bücher vorher noch selbst heftig gewarnt hatte. Insofern kann man sich auf dem Entwicklungsweg nicht oft genug klar machen, dass die Schicksalsgesetze auch und sogar besonders für die gelten, die sie erkannt haben und lehren.

Vom Standpunkt des Polaritäts- und damit wichtigsten Schicksalsgesetzes ist es nicht so erstaunlich, dass sich gerade in einem Bereich, dem es um die Suche nach dem (inneren) Licht geht, soviel Schatten zeigt. Das wird immer dann passieren, wenn man sich des eigenen Schattens auf der Lichtsuche zu wenig bewusst ist. Seiner inneren Natur entsprechend schlägt das „Schattenprinzip“ jeweils dort am heftigsten zu, wo es vor lauter „Lichtarbeit“ und Abwehrzauber nicht erwartet wird. Krisenzeiten sind dafür bekannt.

Aber das Phänomen ist durchaus nicht auf die spirituelle Bewegung beschränkt, sondern zeigt sich z.B. auch in der Politik, wenn wir etwa an das Schicksal fast aller großen Friedenspolitiker denken. Wer sich ausschließlich dem äußeren Frieden verschreibt und den inneren Unfrieden (der Länder) übersieht, ist offenbar in Gefahr, vom Gegenpol eingeholt zu werden. Wie anders lassen sich die Schicksale von Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Dag Hamarsköld und Olof Plame, John F. und Robert Kennedy bis zu Anwar el Sadat und Izahak Rabin erklären. Dem Frieden eine Chance wollte auch John Lennon geben und ging davon aus, dass alles was wir bräuchten Liebe sei. Er selbst aber wurde leichte Beute des Unfriedens und der Gewalt. „Immer erwischt es die Besten“, beklagte unlängst eine Seminarteilnehmerin. Warum – könnte man andererseits fragen – haben die schrecklichsten Diktatoren so viele Attentate ohne Kratzer überstanden?

Sadat und Rabin waren lange Generäle und haben, solange sie sich als Feinde auf Schlachtfeldern bekämpften, nichts abbekommen, auf dem Feld des Friedens dafür aber sofort und so nachhaltig. Politiker mögen das alles auf die jeweiligen Situationen zurückführen und die Umstände anschuldigen. Wer seinen Blick aber für die Polarität öffnet, sieht System hinter solchen Entwicklungen, die bereits in frühesten Zeiten bekannt waren und die Goethe für unsere Kultur in unübertroffenen Worten dem Mephisto im Faust in den Mund legt: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Dass dieser Satz in beide Richtungen gilt, zeigt die genaue Analyse so vieler ursprünglich gut gemeinter Ansätze, die dann so furchtbar ins Gegenteil umschlugen.

Das Peace-Corps, das John F.Kennedy nach Lateinamerika schickte, erlitt dieses Schicksal exemplarisch. Wesentlich aus jenen idealistischen jungen Menschen bestehend, die Kennedys berühmten Satz ernst genommen hatten und fragten, was sie für Amerika tun konnten, anstatt umgekehrt, was Amerika für sie tun könne, erlebten die Machtübernahme durch das das „Schattenprinzip“. Sie wurden im Endeffekt von aufgebrachten Indios aus deren Dörfern geprügelt. Dabei hatte alles so begeisternd und gut begonnen. Man hatte sich moderne medizinische Versorgung und Entwicklungshilfe auf die Fahnen geschrieben. Dann aber hatte die harte Praxis gezeigt, dass die Erfolge solcher Maßnahmen durch überreichlichen Kindersegen und die unter vereinten Anstrengungen verminderte Kindersterblichkeit mehr als zunichte gemacht wurden. In der Not schließlich fingen die hilflosen Helfer mancherorts an, jeden Patienten, den sie in die Finger bekamen, zu sterilisieren. Als die Indios dahinter kamen, war es mit dem Frieden natürlich vorbei.

Nicht beachteter Schatten ist sicher der größte Feind aller noch so gut gemeinten Ansätze, und er treibt in der Esoterikszene eigenartige (Stil-)Blüten. In Zeiten der Krise und des Umbruchs und vor der eigentlichen Wende sind seine Auswirkungen besonders augenscheinlich. Dabei hätte die spirituelle Philosophie durch die Kenntnis des Polaritäts- und des das „Schattenprinzips“ die besten Möglichkeiten, diesen Hintergrund zu erhellen und zu durchschauen.

Es ist durchaus nicht gewiss, dass all die machtbesessenen Führerfiguren, die in solchen Zeiten zahlreicher werdenden Sekten dominieren, ursprünglich gute Absichten hatten. Wo es aber der Fall war, dürfte sie der eigene unbearbeitete Schatten eingeholt haben. Besonders die oft dramatischen Schlussszenarien dieser Gruppen sprechen dafür, dass auch die Anführer zu Opfern werden, zuerst ihres eigenen undurchschauten Machthungers und dann zumeist ihrer eigenen Wahn(sinns)ideen. Da ihnen Selbstkritik oft völlig abhanden kommt, können sie dann nicht mehr zurück und fliehen nach vorn, wenn es sein muss eben auch aus dem Körper und in die Wahnvorstellung eines Raumschiffes im Kometenschweif usw. Die Tatsache jedenfalls, dass die geistigen Urheber dieser Wahnwelten zumeist mit umkamen, wenn die Illusionen der Gruppe in Todesorgien eskalierten, spricht dafür, dass sie nicht nur kaltschnäuzig machtgierig waren, sondern auch Gläubige ihres eigenen Wahnsystems.

Wichtiger als den psychischen Hintergrund der selbsternannten Gurus zu klären, wäre folgender Frage nachzugehen: Warum fallen heutzutage so viele Menschen auf eigentlich leicht durchschaubare Machtspiele herein bzw. fliegen geradezu darauf? Die Angstmacher haben immer Konjunktur und ihre Szenarien reichen von den Grippe-Paniken bis zu Weltuntergangs-Phantasien. Wendezeichen brachten in allen Epochen solche Szenarien hervor.

Die entscheidende Problematik scheint im Bereich der Verantwortung zu liegen. Viele haben in den letzten Jahrzehnten die Tendenz entwickelt, immer mehr Verantwortung auf die Gesellschaft und den Staat zu projizieren. Ist aber der Staat in der Frage der Gesundheit und der Sekten wirklich verantwortlich? Tatsächlich versucht er mehr krampfhaft als fundiert, mit Gesetzesinitiativen den aggressiveren unter den Sekten wie etwa Scientolgy das Handwerk zu legen. Aber Gesetze bewirken eher das Gegenteil, ähnlich wie beim Verbot radikaler politischer Parteien, da sie deren Anhänger noch mehr zusammenschweißen. Und wieder lassen Polaritätsgesetz und das „Schattenprinzip“ grüßen.

Es ist nicht zu übersehen, dass mit Ausnahme der von ihren Eltern mitgeschleppten Kinder die Anhänger ihren schattenreichen „Lichtgestalten“ freiwillig erst in den Unfug und die Unfreiheit und manchmal eben auch bis in den Tod folgen. Oft wird ihnen der Tod als etwas nicht annähernd so Grauenhaftes erscheinen wie der bürgerlichen Welt. Und das wiederum ist nicht einmal falsch. Eigentlich müsste jedem denkenden Menschen der Tod als Lösung und Erlösung und letztes Ziel des Lebens einleuchten. Jedenfalls wird er von allen Religionen und Traditionen so gesehen. Offensichtlich ist die Verdrängung und Verketzerung des Todes, die bei uns üblich ist, genauso weit von der Wirklichkeit und Mitte entfernt wie seine Glorifizierung, wie sie offenbar von den Todesengeln der einschlägigen Sekten betrieben wird. Vor dem Tod zu flüchten ist ähnlich daneben wie ihn aktiv zu suchen. Ersteres ist bei uns geradezu üblich. Die Tatsache, dass über 90 % der Deutschen glauben, nicht sterben zu müssen, spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache. Auf die Frage nämlich, ob sie lieber Zuhause oder im Krankenhaus sterben wollen, antworten 90 % sinngemäß: „Wenn schon, dann Zuhause…..“ In diesem „Wenn schon….“ wird eine geradezu unheimliche Verdrängung offenbar. Demgegenüber schießen die Todessekten mit ihrer Verklärung des Selbstmordes mindestens so weit in die andere Richtung über das Ziel hinaus. Sie übersehen die enorme Aggression, die in ihrem Schritt liegt, wohl genauso wie die guten Bürger die Feigheit, die ihre Verdrängungsstrategie auszeichnet.

Selbst wenn der Staat wollte, könnte er – jedenfalls in unserem relativ freiheitlichen System – die Bürger nicht hindern, die Verantwortung für ihr Leben an irgendwelche Machtmenschen zu delegieren und sich auf deren Geheiß zu schädigen oder gar umzubringen. Hier wird das in Krisen- und Wendezeiten aufblühende Sektenwesen lediglich zu einem Spiegel der generellen Situation.

Wir müssen in diesem Zusammenhang wirklich aufpassen, dass uns bei aller Besorgnis nicht die Werte durcheinandergeraten und das Maß abhanden kommt. In einem Rechtsstaat darf jeder, wenn das seinem erklärten Willen entspricht, auch in den sicheren Untergang oder finanziellen Ruin gehen. Der Staat hat weder die Pflicht noch überhaupt das Recht, ihn daran zu hindern. Er könnte lediglich durch Information dafür sorgen, dass seine Bürger vor solchen Rattenfängern geschützt sind.

Wer die Schicksalsgesetze im Sinne der Spielregeln des Lebens durchschaut, wird schnell merken, wenn er hinters, statt ins Licht geführt wird. Diese Lebensregeln schon in der Schule oder gar im Kindergarten zu lernen, wäre von daher die beste Vorsorge um Sektengefahren zu begegnen und Krisenzeiten ohne Flucht zu bewältigen.

Die Tatsache, dass bei uns in diesem und fast jedem Zusammenhang immer sogleich nach dem Staat gerufen wird, ist typisch für unsere Neigung, alle Probleme nach oben zu projizieren. Der Staat und die Gesellschaft werden jeweils schnell in die Verantwortung genommen, genauso schnell nämlich wie sich die einzelnen aus ihr davonstehlen. Die Politiker sind an allem schuld und den Rest haben die Journalisten und vielleicht noch die Unternehmer oder Ärzte, in jedem Fall aber die anderen zu verantworten. Dabei haben wir natürlich genau die Politiker und Ärzte, die wir selbst gewählt haben, und die Journalisten schreiben genau das, was die Mehrheit offenbar lesen will. Hier scheint das zweitwichtigste der Schicksalsgesetze, das der Resonanz, durch. Wer aber die Welt ändern will, muss sich verändern!

Im Wort Verantwortung ist die Antwort auf unser Dilemma eigentlich bereits enthalten und genau darin läge der Schlüssel – besonders in so besonderen und schwierigen Zeiten. Verantwortung übernehmen meint, Antworten auf die Herausforderungen des Schicksals zu suchen und zu finden. In Krisen- und Wendezeiten lastet diese Verantwortung besonders schwer. Eigentlich wären spirituelle Menschen hier besonders gefordert und aufgerufen, den inneren Weg zu zeigen und vorzuleben. Das „Schattenprinzip“ aber sorgt dafür, dass sie besonders dazu neigen, in die Flucht zu gehen.

Schicksal ist das geschickte Heil (lat. salus = heil) und nicht unserer Schikanierung, sondern unserem geistig-seelischem Wachstum verpflichtet. Eigenverantwortung meint, dieser Wachstumsherausforderung selbst und aktiv zu begegnen. Andere Sprachen machen diesen Zusammenhang noch deutlicher: im Englischen heißt responsibility, the ability to respond, die Fähigkeit, Antworten zu finden; ähnlich responsibilita im Italienischen und responsibilte´ im Französischen. Wenig scheinen wir aber heute so zu verabscheuen wie Eigenverantwortung, selbst in diesen Wende-Zeiten, die ihrer so sehr bedürfen. Überall geht es vor allem darum, Schuldige ausfindig zu machen und Verantwortung abzuschieben. Darüber vergessen wir nicht selten die wirkliche Problemebene vollständig. Besonders krass sehen wir das – weil für alle so deutlich – in der Politik, die die eigene Drückebergerei lediglich illustriert. Und wir wollen uns ihr hier auch nur als Spiegelebene bedienen.

Wo alle nach dem Staat rufen und selbst keinerlei Verantwortung übernehmen, kann man sicher voraussagen, dass die solcherart (nicht) behandelten Probleme eskalieren. Politisch ist das Szenario absehbar. Noch so gut meinte Gesetz werden uns oft nur vom Regen in die Traufe bringen, wobei die Absichten der Politiker sogar bester Art sein mögen. Die bemühen sich ja auch schon seit Jahren ganz ähnlich engagiert mit immer neuen Gesetzen um unsere bedrohte Umwelt – mit dem denkwürdigen Ergebnis leben wir tagtäglich. Die Maßnahmen zum Klimaschutz haben überhaupt noch nicht gegriffen, im Gegenteil das Problem eskaliert immer schlimmer.

Die einzig sinnvolle Lösung läge hier in Information und Aufklärung im Hinblick auf die Spielregeln des Lebens. Wer sie kennt und auf sein eigenes Leben anwendet, wie es nach der Lektüre von „Die Schicksalsgesetze“ und „das Schattenprinzip“ der Fall sein müsste und vor allem nach dem Durchleben der geführten Meditationen auf den drei zugehörigen CDs und der dem Schattenbuch beiliegenden, ist vor einfachen Pseudo-Lösungen und schon gar von meist einfach gestrickten Sekten-Ideologien sicher und darüber hinaus in der Lage, sein Leben eigenverantwortlich und erfolgreich in die eigenen Hände zu nehmen.

Sekten, die mit Erlösung werben, die ausschließlich über sie zu erreichen sei, mögen von Außenstehenden leicht zu durchschauen sein, behaupten doch alle von sich die gleiche Einzigartigkeit und widerlegen sich damit schon selbst.

Auch die Anhänger, der in solchen Zeiten wie Pilze aus dem Boden schießenden Verschwörungstheorien, den Sekten gar nicht unähnlich, sind von außen leicht durchschau- und meist auch widerlegbar. Aber sie selbst sind felsenfest von ihren oft abenteuerlichen Theorien und Schreckensszenarien überzeugt.

Für diejenigen, die nur noch die eigene Sektenidelogie oder Verschwörungstheorie erfahren, entfällt auch die Möglichkeit durch Information aufzuwachen, weil sie sich meist gegen äußere Info-Quellen abschotten (lassen). Insofern wäre für sie alles gut, was die Isolation durchbricht und ihnen wieder unabhängige Information zukommen lässt. Gerade das aber fürchten die Sektengurus am meisten und schirmen daher ihre „Opfer“ zumeist hermetisch ab. Dass sie sich dabei manchmal dreist auf die hermetische Philosophie berufen, ist peinlich, aber typisch und verkennt das Wesen dieser auf Befreiung zielenden Weltsicht völlig. Belohnt werden die Opfer für ihre freiwillige Selbstbeschränkung im Kontakt nach außen nicht selten mit phantastischen Titeln und Versprechungen von himmlischer Macht in naher Zukunft. Die diesbezüglich eingeschalteten Erzengel scheinen geradezu Überstunden zu machen.

Je weniger Menschen in ihrem bürgerlichen Leben erreicht haben, desto empfänglicher werden sie für diese Art von Titeln, die von einfachen Meistern bis zu Dirigenten des Universums reichen. Vor allem Menschen die sich nie besonders auszeichnen konnten, werden darauf fliegen, solcherart ausgezeichnet zu werden und einer einzigartigen und allein seligmachenden Gruppe anzugehören. Für die Sektenbosse ist die Vergabe solcher Titel dagegen äußerst billig und einfach. Unter solchen Gesichtspunkten ist leicht erklärlich, dass sich unter den Opfern vor allem Enttäuschte finden, die es zum einen in ihrem früheren (bürgerlichen) Leben zu weniger gebracht haben als sie sich wünschten. Es sind aber auch viele darunter, die sich nur von der Sinnlosigkeit des ausschließlich auf materielle Dinge zielenden Angebotes unserer Gesellschaft abgestoßen fühlten und ihr deshalb ganz bewusst den Rücken kehrten. Die selbsternannten Gurus versprechen tieferen Sinn und können ihre verständliche Abscheu vor dem rein Materiellen zumeist lindern, indem sie sie um ihren materiellen Besitz erleichtern.

Eine weitere Köderform, die zudem die Arbeitsbereitschaft der Schäfchen enorm erhöht, ist von den Zeugen Jehovas bereits bestens erprobt. Man verknappt das Angebot der Plätze im Paradies und verspricht nur den besten und eifrigsten Schülern die dortige Aufnahme.

Vom psychologischen Standpunkt sind die einzelnen Annahmen oft so leicht zu durchschauen, dass man kaum fassen kann, wie Intelligente Wesen darauf hereinfallen können. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass der lange bestehende Mangel an Seelennahrung bei vielen enorme Sehnsucht hervorgerufen hat, die leicht ausnutzbar ist. Hinzu kommt die zunehmende Angst in dieser Krisenzeit, in der uns Politiker immer deutlicher zeigen, wie wenig Ideen und Rezepte sie haben. Das Bedürfnis nach Seelennahrung, das früher durch Sagen, Legenden und Märchen gestillt wurde, stürzt sich heute auf moderne Märchen von extraterrestrischen Welten und Räumen. Als solche sind all die aufkommenden Geschichten von besseren Zeiten in anderen Welten sicher in Ordnung. Wer allerdings konkrete Hoffnungen darauf setzt, persönlich vom Raumschiff abgeholt zu werden, entspricht demjenigen der einen Esel nach dem anderen kauft in der Hoffnung, dass doch einmal ein Goldesel darunter sei. Hier werden Ebenen verwechselt, was den neuen Mythen eine eigenartige Färbung und nicht selten Komik verleiht, die dem überlieferten Mythos fremd war.

Die Tatsache, dass mündlich und in Buchform vorhergesagte Ereignisse meist nicht eintraten und die gechannelten Daten jeweils ereignislos verstrichen, tat dem Weltuntergangsboom, der den gefährlichen Hintergrund der Sektenselbstmorde liefert, kaum Abbruch. Das gefährliche an diesen Prophezeiungen ist sicher nicht der angekündigte und von einigen scheinbar geradezu ersehnte Weltuntergang, sondern das Feld, das die vielen Fluchtwilligen und Weltverweigerer unbewusst aufbauen. Oft ohne es zu wissen, tun sie einiges im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiungen für genau das Szenario, das sie so fürchten und vor dem sie uns alle warnen wollen. Ihre Verzweiflung an dieser Welt und die mit der sozialen Isolierung innerhalb ihrer Glaubenssysteme oft einhergehende Verkennung der Wirklichkeit kann soweit gehen, dass sie, wenn der äußere Weltuntergang denn einfach nicht kommen will, die Sache selbst in die Hand nehmen. Die augenblickliche Zeit mit ihren Heils- und Horror-Projektionen im Hinblick auf das Jahr 2012 ist wieder sehr gefährdet für ähnliche Szenarien wie wir sie schon 1984, beim Halley´schen Kometen und 2000 zur Genüge hatten.

Für Verschwörungstheoretiker gilt vieles davon analog, wenn auch in milderer Version. Auch hier sind viele Enttäuschte und Gescheiterte darunter, die – unbewusst – offenbar froh wären, wenn alles wirklich so schlimm käme, wie sie ständig prophezeien und die direkt enttäuscht wirken, wenn ihre Horrorszenarien großer Naturkatastrophen oder wenigstens von Währungsreformen immer wieder einfach nicht eintreten wollen.

Die Betroffenen von ergebnislos verstreichenden Horrorprophezeiungen solcherart doppelt enttäuschten Anhänger der Weltuntergangsstimmung sind offenbar von dieser unserer Welt so maßlos enttäuscht, dass sie unter keinen Umständen auf deren Boden schlichter Tatsachen zurückkehren wollen und dann eher zu Verzweiflungstaten neigen. Hinzu kommt, dass der Ausstieg aus den Wahn(sinns)systemen auch eine Demütigung gegenüber den in der schnöden Normalität Zurückgelassenen bedeuten würde.

Insofern wäre es auch für uns, die wir weiter auf diesen Planeten und die Erhaltung seines Lebens setzen, wichtig, den Weltuntergangsaposteln den Rückweg auf die Erde mit ihren Zwängen so leicht und unpeinlich wie möglich zu gestalten. Besserwisserei ist hier nicht nur hinderlich, sondern oft auch verhindernd und somit (lebens-)gefährlich.

Die zum Ausstieg aus einer einengenden Sekte Bereiten können sich den Sektenberatern der Kirchen kaum anvertrauen, da einige schwarze, dafür aber umso lautere Schafe unter denen geradezu bösartig gegen alles Spirituelle hetzen und so die seriösen Sektenberater gleich mit um die jetzt so notwendige Vertrauensbasis bringen. Die Aussteigewilligen bräuchten Ansprechpartner, die sie in ihrer Suche ernst nehmen und der spirituellen Dimension grundsätzlich offen gegenüber stehen. Es besteht ja durchaus kein Widerspruch zwischen einem spirituellen Leben und einer Verankerung mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Insofern wären gerade spirituell engagierte Menschen gefordert, denjenigen, die auf ihrer Suche an gefährlichen Ufern gestrandet sind, Beistand zu leisten bei der Wiedereingliederung in ein Leben unter Anerkennung der Polarität dieser Welt und ihres Schattens. So wie ein spirituelles Netzwerk eine gute Möglichkeit ist, in entsprechende Entwicklungskrisen geratene Menschen aufzufangen, müsste sich allmählich auch ein Netz für in Abhängigkeit geratene Menschen entwickeln. Dieses dürfte nicht von wertenden Gegnern jeder Spiritualität getragen sein, sondern von Suchenden, die – selbst auf dem Weg – Verständnis für Probleme auf demselben mitbringen und vor allem auch ausstrahlen.

Aus der eigenen beratenden und psychotherapeutischen Arbeit kann ich sagen, dass es möglich ist, zumindest einigen den Ausstieg aus der Sektensackgasse zu ebnen. Naturgemäß leichter ist es, Verschwörungstheoretikern wieder zurück zu realistischer Weltsicht zu verhelfen. Hier sind Information und Überzeugungsarbeit das Zaubermittel.

Das A und O bezüglich der Sektenproblematik läge darin, die Ziele wirklicher Spiritualität bewusst zu machen und die Gefahren mutig aufzuzeigen, die sich aus dem Mangel an Eigenverantwortung und der Lust ergeben, auf Führerpersönlichkeiten zu projizieren. Das aber lässt sich nur aus der spirituellen Szene heraus schaffen. Es ginge also darum, nicht wieder zu projizieren, sondern bei jeder Gelegenheit offen für Gespräche zu bleiben und geistige wie auch konkrete Räume zu bieten, die verirrte Rückkehrer auffangen können. Vor allem aber wäre es notwendig, sich mit den Spielregeln des Lebens so mutig einzulassen, dass diese zu einer sicheren und trotzdem herausfordernden Entwicklungsperspektive werden. In vielen Lebensgeschichten, wie auch meiner eigenen war die Integration der Schicksalsgesetze und ihrer Hierarchie, die eindeutig, das Gesetz der Polarität über das der Resonanz stellt, der entscheidende Wendepunkt im Leben. Unter Anerkennung dieser Situation ist es möglich aus den vielfältigen Krisen Chancen zu machen und die Wende nicht nur zum Guten, sondern gleich zum Ganzen zu schaffen. Wenn uns der Schatten schon so ins Haus steht, wäre es naheliegend, ihn verstehen zu lernen, um ihn anschließend zu integrieren.