Von der Qualität und der Quantität oder Leben und Überleben

Wenn wir zwischen Leben und Überleben unterscheiden kommen wir zu ganz erstaunlichen Erkenntnissen über unseren modernen Lebensstil. Wir haben uns auf das Überleben verlegt, dabei könnte Leben so viel mehr sein. Aus der Evolution mag das verständlich sein. In Jahrmillionen unserer Entwicklungsgeschichte ging es wesentlich ums Überleben, dabei könnte wir jetzt längst mehr haben und uns von der Natur zur Kultur bewegen und das Leben in die Mitte stellen, das Überleben ist sowieso weitestgehend gesichert, jedenfalls das alltägliche. Das Überleben der Menschheit ist wiederum ein anderes kritisches Thema, das ich etwa in der Artikel-Serie zu „Woran krankt die Welt?“ ausführlich im Einkauf abgehandelt habe.

Wir atmen so, dass es zum Überleben reicht. Wer aber einmal in einer Sitzung mit dem „Verbundenen Atem“ das ganze Ausmaß seiner Atemmöglichkeiten erlebt hat, weiß es hinfort besser. Wir können dabei eins mit unserem Atem werden und wissen plötzlich, warum die Inder mit Mahatma, die große Seele und zugleich den großen Atem beschreiben.

Auch bei unserem Gehirn nutzen wir nur Bruchteile – die Wissenschaft geht von 10 % unserer Großhirnkapazität aus. Dabei zeigen EEG-Untersuchungen an verwirklichten Menschen, was hier möglich wäre, wenn wir nur die rechte Gehirnhälfte dazugewännen, von der Koordination beider Hirnhälften ganz zu schweigen. Schon einfache Übungen der Bewusstseins-Gymnastik, wie wir sie in „Säulen der Gesundheit“ beschrieben haben, könnten hier deutliche Verbesserungen ins Spiel des Lebens bringen.

In der Liebe, die uns angeblich soviel bedeutet, haben sich die allermeisten Menschen ebenfalls auf ein Mindestmaß der körperlich-erotischen Variante beschränkt, indem sich beide Geschlechter am männlichen Orgasmusmodell orientierten. Das ganze verkam so zu einem recht kurzen und vor allem für die Männer schnell erschöpfenden Spiel. Das reicht so mehr recht schlecht als recht zur Erhaltung der Art homo sapiens sapiens, hat mit der Liebe, wie sie in so ziemlich allen Religionen beschrieben ist, aber nur noch wenig zu tun. In „Leichtigkeit des Schwebens“ habe ich versucht hier einen Ausblick auf eine erfülltere Zeit und Möglichkeit zu eröffnen.

Ähnlich ergeht es uns beim Essen, wo wir lange Zeit nur an die Kalorien gedacht und dabei die Qualität fast ganz vergessen haben. Zum Überleben haben die auf die Kriegsrationen zurückgehenden Kalorienzählorgien gereicht, mit Leben hatte das aber schon längst nichts mehr zu tun. Heute hat die Gesundlebe- und die spirituelle Szene die Vollwertnahrung wieder entdeckt und einige haben sich sogar bis in die Bereiche einer typgerechten Ernährung, die wirklich zur individuellen Konstitution passt, vorgewagt. Sie erleben, dass Essen so viel mehr sein kann als am Leben bleiben.

Diese Kette ließe sich beliebig fortsetzen und das Thema Wohnen schließt sich zwanglos an. Die Plattenbauten der Ex-DDR und des ganzen Ostblocks zeigen es in peinlicher Aufdringlichkeit. Es ging darum, möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Raum möglichst kostengünstig unterzubringen. Zum Überleben mag das gereicht haben, mit Leben hatte das sicher nichts zu tun. Diesbezüglich scheinen wir das begriffen zu haben, denn heute will kaum noch jemand in diesen modernen Ruinen leben. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass auch der Westen auf dieses Prinzip setze, lediglich die Außenfassaden deutlich kreativer aund anspruchsvoller gestaltete. Innen drinnen waren die Menschen ähnlich eingepfercht. Konrad Lorenz sprach in diesem Zusammenhang von der Verhaussschweinung des Menschen. Tatsächlich werden Menschen in modernen Großstädten ähnlich gehalten wie Schweine in großen Zuchtanlagen. Das Phänomen der Vermassung macht scheinbar vor niemandem halt, so wie es zugleich niemandem behagt. Tiere zeigen in Versuchen wie bösartig sie unter solchen Bedingungen werden, Ratten und Hunde werden zum Beispiel ausgesprochen bissig und sogar zur Gefahr für Artgenossen, bei Menschen scheint das ähnlich zu sein, auch wenn Ihre Bissigkeit sich mehr in übertragener Hinsicht auslebt.

Grundsätzlich handelt es sich bei all dem um eine fast schon groteske Verkennung der Qualität der Lebensaspekte und eine verblüffende Überbetonung der Quantität. Wenn wir dieses Phänomen auf alle Bereiche unseres Lebens übergreifen lassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn auch das gesellschaftliche davon in Mitleidenschaft gezogen wird. Natürlich entscheiden dann irgendwann auch in den Medien nur noch de Quoten und die Quantität schlägt alle Mal die Qualität. Es ist ja nicht nur so, dass der ORF einen Bildungsauftrag aus seinen Statuten lesen könnte, sondern auch in fast jedem Arbeitsvertrag verpflichten sich die Bschäftigten noch zur Erholung und Regeneration in ihrer Freizeit. Beides bleibt bei reinem Quantitätsdenken naturgemäß auf der Strecke.

Wer sich ein Haus oder eine Wohnung kauft, achtet selbstverständlich auf die Quadratmeterzahl und natürlich auf die günstige Verkehrsanbindung und sicher noch auf das Preisniveau der Wohnlage und vielleicht gerade noch auf die zu erwartende Lärmbelästigung. Wenigstens mit letzterem Gedanken kommt noch ein Qualitätsaspekt ins Spiel.

Wichtig für das Wohlbefinden an einem Ort ist natürlich aber nicht nur die Größe der Wohnung oder die U-Bahnanbindung, sondern die Qualität, die der Raum atmet, die Atmosphäre, die in ihm herrscht und die Stimmung, die er in einem auslöst, kurz das Lebensgefühl, das von ihm ausgeht.

Jener berühmte Vers des Tao te King weist darauf hin, dass es eben nicht die Wände sind, die das Haus und nicht die Speichen, die das Rad ausmachen, sondern in der Leere in der Mitte des Rades liegt das eigentliche Geheimnis und der Sinn des Rades, und ganz analog gilt das für den Raum innerhalb der Mauern.

Die Qualität in allen Lebensaspekten wiederzuentdecken scheint mir eine der großen Aufgaben unserer Zeit, wenn wir nicht unter die Räder eines platten auf Quantität fixierten Materialismus kommen wollen. In „Woran krankt die Welt?“ habe ich diese Gefahr ausführlich abgehandelt und Auswege aufgeführt. Die Impulse zum Umdenken in diese Richtung könnten am ehesten aus der spirituellen Szene kommen, denn hier sind schon viele erfolgreiche Schritte in diese Richtung unternommen worden und es besteht gegenüber der übrigen Gesellschaft ein großer Vorsprung.

So hat die spirituelle Disziplin der Astrologie die Qualität der Zeit schon fast wieder salonfähig gemacht und neben dem Prinzip des Chronos, der die Zeit in Einheiten unterteilt und zählt, die Ebene von Kairos und damit die Qualität ins Spiel des Lebens gebracht. Eigentlich ist doch jedem klar, dass zwischen Arbeits- und Freizeit ein qualitativer Unterschied besteht und ein Sonntag gerade deswegen so zum Montag kontrastiert. An den abgezählten 24 Stunden kann es ja wohl nicht liegen, denn die sind in beiden Fällen exakt gleich. Noch immer bestehen in der Gesellschaft Hemmungen sich zum Qualitätsbewusstsein hinsichtlich der Zeit zu bekennen oder gar offen zur Astrologie zu stehen. Als sich rückwirkend herausstellte, dass Ronald Reagans, der US-Präsidenten, wesentlich von einer Astrologin mitbestimmt wurden, war das ein Skandal für die amerikanischen Medien. Auch wir erleben ständig, dass sich Menschen astrologisch-psychologischen Rat holen, die das in der Öffentlichkeit lieber bestreiten würden. Aber die Zeit spricht hier eine eindeutige Sprache und der Trend zur Qualität wird auch die Astrologie, die alte Königin der Wissenschaften, aus der gesellschaftlichen Abseits befreien.

Es war zu erwarten, dass wir nach der Zeit irgendwann auch die Qualität des Raumes wieder entdecken würden. Und wie fast schon üblich, hat es der Umweg über den Osten ermöglicht und jedenfalls erleichtert. Über Yoga, Tai Chi und Chi Gong haben wir auch wieder zur Qualität der Bewegungen zurückgefunden und können uns jetzt Feldenkrais-Übungen und bewusstes Laufen leichter vorstellen und es auch schon umsetzten. Feng Shui hieß das Zauberwort bezüglich der Qualität des Raumes, das sich schnell einen Platz auch bei uns im Westen eroberte. Bald kam erwartungsgemäß auch die indische Variante des Vastu und das uralte Wissen des Vedanta dazu.

Die Lehre vom Raum muss dabei auch bei uns alte Wurzeln haben, die nur ihrer Wiederentdeckung harren. Es ist ein in jeder Statistik-Vorlesung beliebter Gag darauf hinzuweisen, dass in Dörfern mit Störchen statistisch belegbar mehr Kinder geboren werden. Die Statistiker wollen damit darauf hinweisen, dass ihr Metier auch Grenzen habe, denn sie können sich nicht vorstellen, dass es hier einen wirklich logischen Zusammenhang geben könnte. Dieser muss ihnen auch geradezu entgehen, denn er hat mit der Qualität von Räumen zu tun. Es ist bekannt, dass Störche nur auf Häusern nisten, die nicht auf Wasseradern und Störfeldern stehen. Insofern kommen fast nur alte Häuser für sie in Frage, denn früher achtete man auch bei uns auf solche Dinge. In solchen intakten „ungestörten“ Häusern, werden aber auch Frauen besser empfangen können. Wahrscheinlich stehen viele solcher Häuser vor allemnoch in jenen Dorfgemeinschaften, in denen der Rhythmus des Lebens noch halbwegs in Ordnung ist. Auch das dürfte der Empfänglichkeit für Seelen entgegenkommen.

Das Wissen um die Qualität von Räumen im weitesten Sinn hat sogar noch eine bewusste Tradition bei uns, wenn man etwa an die Arbeit von Marco Pogagnik denkt, dem wohl bedeutendsten Geomanten in unseren Breiten. Er behandelt ganze Städte wie etwa Klagenfurt mit Steinsetzungen und „akupunktiert“ auf diese Weise Landschaften und Lebensräume. Sich auf diese westliche Tradition zurück zu besinnen, wäre vor allem auch deshalb wichtig, um nicht Eigentümlichkeiten östlicher Lehren aufzusitzen, die bei uns wenig Sinn machen. Nach Feng Shui Auffassung müsste etwa der Friedhof weit aus dem Dorf hinaus. Bei uns aber ist er um die Kirche herum angelegt und diese steht mitten im Dorf. Wir sollten – nach meinem Verständnis – die Kirche in jeder Hinsicht im Dorf lassen und uns lieber über die Bedeutung des Todes in dieser und jener Region Gedanken machen. Auch wären alte Kastanienbäume auch dann zu schonen, wenn sie nach Feng Shui Ansicht auf der falschen Seite des Hauses stehen, denn auch die Himmelsrichtungen scheinen mir im alten China anders gewertet worden zu sein, was bei der etwas anderen Geographie auch logisch erscheint. Der Drache ist in China ja auch ein Glückssymbol, was man für unsere Kultur nicht gerade sagen kann. So wäre es wohl besser, anstatt Drachen in österreichischen Wohnzimmern aufzuhängen, sich mit der Atmosphäre und Qualität seiner Räume zu beschäftigen und nicht nur die eigenen vier Wände mit Postern zu behängen.

Aber auch die Räume sind nur ein Feld für die Wiederentdeckung des Qualitätsaspektes. Mit der Krankheitsbilder-Deutung wie Sie sich etwa in dem Lexikon „Krankheit als Symbol“ niederschlägt, konnte ich u.a. den Qualitätsaspekt in die Medizin zurückholen, die sich über lange Zeit nur noch mit (Ver-)Messen, Wiegen und Zählen beschäftigt hatte. Dabei ist eigentlich jedem klar, dass man sich nur erkältet, wenn man die Nase voll hat und auf anderer Ebene längst verschnupft ist und nicht wenn die Zahl der Rhinoviren in der Umgebung hoch genug ist, die Außentemperatur weit genug absinkt oder der Wind eine bestimmte Stärke erreicht. Skifahrer und Windsurfer, aber auch Verliebte widerlegen die rein quantitativen Entstehungstheorien der Schulmedizin. Wenn zwei Menschen für einander entflammt sind und sie folglich ausgesprochen heiß aufeinander sind, können sie sich im taunassen Gras vergnügen, solange ihre Herzen füreinander brennen und sie werden sich nicht erkälten. Das geschieht erst wieder, wenn sie einander kalt lassen. Dann haben die Rhinoviren wieder ihre Chance, denn sie sind ja nicht bedeutungslos, nur wird ihre Rolle von der Schulmedizin grandios übertrieben. Die ehrliche Sprache udnhier besonders die Umgangssprache hat immer die qualitative Ebene bewahrt und kann uns deshalb so gut weiterhelfen, wenn wir uns auf die Suche nach dem Sinn machen. Wer verschnupft ist, hat immer mindestens auf zwei Ebenen ein Problem, im Körper hat er auf dem Boden einer beeinträchtigten Abwehrlage zu viele Rhinoviren im eigenen Gewebe. Auf der seelischen Ebene, die immer für die Qualität verantwortlich ist, hat er aber die Nase voll. Das erst schwächt seine Abwehr so weit, dass die Rhinoviren ihre Chance bekommen. Der Inhalt kommt immer vor der Form und die Qualität wäre deutlich wichtiger als ihr Gegenpol, die Quantität.

Quantitativ haben wir im reichen Westen so viel und geht es uns so gut, die glücklichsten Menschen – sagt uns jedenfalls die moderne Glücksforschung – leben aber gerade in den Ländern mit eklatantem Mangel an allem möglichen. Was sie uns voraus haben, ist die Qualität ihres Lebens und die scheint – all unseren Vorurteilen zum Trotz in – Bangladesh deutlich besser als in Österreich zu sein.

Der umfassende Zugang zur Qualität kann wohl nur über die Kenntnis der Urprinzipien gelingen, wie sie im spirituellen Bereich benutzt werden. Nur wer die entsprechende Qualität hinter dem jeweiligen Übergewicht oder dem individuellen Rauchen erkennt, um nur zwei beliebige Beispiele zu nennen, kann jenem Raucher, der Dampf über die Zigarette ablässt, zu marsischen Auswegen etwa im Sinne offensiven Sports weisen. Den oralen Rauchern, die über Ihre Glimmstengel einen Mangel an Lebensgenuss bearbeiten, würde er dagegen eher zu schönem Essen, Kunst oder Küssen und anderen Formen von Sinnlichkeit raten, weil er das orale oder Venusprinzip hinter dem Problem sieht. Das aggressive Mars- und das orale Venusprinzip sind nun aber nur zwei von 10 solchen Prinzipien, die die Qualität unseres Lebens und sogar unserer Welt bestimmen, ob wir das nun erkennen oder nicht. Sich mit diesen Urprinzipien oder Archetypen anzufreunden, hat sich ausgesprochen bewährt und so bilden Sie seit Jahren in unseren Ausbildungen gleich nach den Gesetzen der Wirklichkeit die Grundlage. Vorbeugendes Verhalten wäre zum Beispiel ohne Sie völlig unmöglich. Aber auch wer seine Sylvester-Vorsätze endlich zum Funktionieren bringen will, ist auf sie angewiesen.

Wir könnten, nachdem wir den Quantitätsaspekt in einer weltweiten und maßlosen Konsumorgie ausgereizt haben, und er uns offensichtlich schon längst nicht mehr glücklich macht, die Qualität zurückerobern und ihr Räume in unserem individuellen und gesellschaftlichen Leben verschaffen. In unseren Seminaren versuchen wir das seit Jahren und können erfreulicher Weise feststellen, dass der Umschwung in Richtung Qualität und Inhalt immer mehr AnhängerInnen findet.