Über die Rolle der Rituale in Medizin und Gesellschaft

Teil 1

Rituale und Lebensübergänge

In praktisch allen Kulturen und selbst in solchen, die ihren verbindlichen Kult längst aufgegeben haben und zu profanen Gesellschaften geworden sind wie etwa die Bundesrepublik Deutschland, gibt es Rituale für die Überganszeiten des Lebens oder jedenfalls Reste davon. Auch wenn wir in unseren christlichen Gesellschaften heute keine Pubertätsrituale mehr haben wie archaische Völker, die wir so gern und so falsch „Primitive“ nennen, ist doch nicht zu übersehen, dass Firmung und Konfirmation einmal diese Rolle spielten. Menschen moderner völlig profanisierter Gesellschaften schauen zumeist von Oben herab auf die in ihren kultischen Zusammenhängen fest verankert gebliebenen Völker. Dort werden noch bis heute Jugendliche in der Zeit der anstehenden Pubertät – aus unserer Sicht – schrecklichen Zeremonien ausgesetzt, um sie auf abergläubische Weise erwachsen werden zu lassen. An solchen (faulen) Zauber glauben wir schon lange nicht mehr und würden niemanden und schon gar nicht junge Menschen auf solch okkulte Art erschrecken oder gar physischen Gefahren aussetzen.

Dabei würden wir unter all dem Schrecklichen auch vieles finden, was tiefen Sinn macht und Jugendlichen über Jahrtausende geholfen hat, erwachsen zu werden. Allerdings ist manches auch von unentschuldbarer Grausamkeit und in seiner Brutalität nur als Unterdrückungs- und Verstümmelungsmaßnahme zu verstehen. Hier wäre vor allem an die Beschneidungsrituale in vielen afrikanischen Ländern zu denken, mit deren Hilfe patriarchale Strukturen über die Zeit gerettet werden, weil den solcherart verstümmelten Mädchen damit oft auf alle Zeiten die Lust an ihrer Sexualität genommen wird. Ihnen werden auf unmenschlich grausame Art die ganze Klitoris und die inneren Schamlippen weggeschnitten. Es liegt nahe, daß sie nach dieser Verstümmelung nicht danach trachten, sich außerhalb der Ehe freiwillig jener Tortur auszusetzen, zu der die Sexualität für sie geworden ist. So sehr derlei zu verurteilen ist, sollten wir bei allem berechtigten Zorn über solche Entartungen doch nicht übersehen, wie viel Wertvolles wir mit dem Verlassen praktisch aller Übergangsrituale opfern.

Da wir die archaischen Kulturen gar keiner wirklichen Leistungen für fähig halten, fällt uns kaum auf, dass dort praktisch alle jungen Menschen mittels solchen „Humbugs“ erwachsen werden, während das bei uns immer seltener geschieht. Es wäre Zeit, sich einmal mit der eigenartigen Kindergesellschaft auseinanderzusetzen, zu der wir inzwischen geworden sind. Da essen äußerlich erwachsen wirkende Menschen in Schnell-Futter-Plätzen (Fast-Food-Restaurants) amerikanischer Provenienz, die in Ausstattung und angebotenen Speisen ausgesprochen an Kindergeburtstagsfeiern in entsprechenden Kinderzimmern erinnern. Äußerlich erwachsen aussehende Menschen lassen sich auch abende- und sogar jahrelang im Mehrheitsmedium Fernsehen ein Programm bieten, das über weite Strecken einer rund um die Uhr laufenden Kinderstunde entspricht. Nicht nur all die kindlichen, sogenannten Gameshows und Sportspiele sind hier gemeint, sondern auch die Actionfilme, deren Realitätsgehalt kaum je an den eines Kasperletheater herankommt. In Psychogruppen und sogar Managementtrainings werden mit gutem Zulauf Pubertätsersatzrituale angeboten und auf allen möglichen Kriegsschauplätzen dieser Welt versuchen in jedem Moment, erwachsen aussehende Buben, mit brutalen und manchmal sadistischen Aktionen so etwas wie Männlichkeit in sich zu finden. Hätten nicht Frauen die wundervolle Chance, in dem natürlichen Ritual einer natürlichen Geburt erwachsen zu werden, wäre die Kindergesellschaft vollkommen und noch offensichtlicher und schwerer zu ertragen. Zum Glück leistet sich die Natur ein solches Desaster kaum.

Wie ungebrochen das Bedürfnis nach kultischer Einbindung ist, kann auch die eigenartig inflationäre Benutzung des Wortes Kult verdeutlichen. Alles ist heute Kult vom Kultfilm, über Kultfiguren und Kultbands bis zum Kultstatus, den zu erreichen höchstes Ziel von immer mehr Künstlern und (Selbst-)Darstellern ist. Des religiösen völlig unverdächtige Menschen kümmern sich auf diese Art intensiv um Kultisches, wenn auch auf der profanisierten Ebene unserer modernen Medienwelt.

Wie stark der Bedarf an Ritualen ist, könnte uns auch das ausufernde Angebot an Ersatzritualen zeigen. Nur allein zum Thema Pubertät finden wir diesbezüglich eine überwältigende Fülle. Die Rituale der archaischen Völker mögen hart und oft sogar grausam und gefährlich sein, aber die Ersatzrituale bei uns stehen ihnen darin in nichts nach. Von der ersten Zigarette, die fast immer im Rahmen eines Pubertätsersatzrituals geraucht wird über S-Bahn-Surfen bis zu den Geisterfahrten auf unseren Autobahnen, überall stoßen wir auf eigenartigste Mutproben, die ihre Erklärung hauptsächlich in unseren Problemen mit der Pubertät finden. Von archaischen Gesellschaften abgeschaute und auf Geschäftsebene organisierte Ersatzrituale wie das Bungee-Springen wirken da geradezu noch harmlos, ähnlich wie etwa auch die Horrorfilme. Letztere erfüllen offenbar ein Bedürfnis, sonst wären sie in einem Gesellschaftssystem wie unserem gar nicht zu finanzieren. Heute werden moderne Jugendliche nicht mehr ausgeschickt, das Fürchten zu lernen, und so ziehen sie in eigener Regie aus. Was des einen Ersatzritual, ist des anderen Horror, wenn man etwa an den entgegenkommenden Geisterfahrer denkt. Da wäre Bungee-Springen, das tatsächlich einem afrikanischen Stammesritual entlehnt ist, weit besser, auch wenn es auf den ersten Blick Angst machen mag. Darin läge im übrigen gerade seine Chance in diesem Zusammenhang. Allerdings müssen wir feststellen, dass es bei uns heute genauso wenig in Richtung Erwachsenwerden bringt wie die übrigen schon erwähnten Ersatzrituale.

Junge Leute werden Kettenraucher und Horrorfilmfans, Dauerraser auf den Autobahnen, und sie stürzen sich zu Tausenden an Gummibändern in die Tiefe, nur erwachsen werden sie – so stark das Bedürfnis auch sein mag – davon leider nicht. Der Grund dafür ist im Mangel an wirksamen Ritualen in der modernen Welt zu vermuten, denn in der archaischen Welt gelingen solche Übergänge in der Regel problemlos mit Hilfe von Ritualen, in denen den entsprechenden rituellen Handlungen eine tiefgründige Bedeutung beigemessen wird, die sich offenbar den Seelen auf einer uns kaum mehr zugängigen Ebene mitteilt.

Aber selbst in den modernen Welten gibt es viele Hinweise für die Wirksamkeit von Ritualen. So hatte etwa die kommunistische Sowjetunion mit ihren unglaublich hohen Scheidungsraten Zuflucht zu Ritualen genommen und versuchte ein quasi katholisches Hochzeitsritual zu kopieren, weil statistisch deutlich geworden war, dass katholisch besiegelte Ehen sehr viel besser hielten. Statt Symbolen für Gott kamen Marx und Engels auf den Altar und Lenin in Gips sollte wohl die Heiligenfiguren ersetzen. Ein Parteimitglied las aus einem großen Buch Feierliches vor und es kamen die üblichen Kerzen und Blumen zum Einsatz. Braut und Bräutigam waren in traditionellem Weiß und Schwarz. Aber es half trotzdem nicht besonders viel. Das rein äußerliche Kopieren der Zeremonie hat nämlich keine besondere Wirkung. Rituale folgen bestimmten inneren Gesetzmäßigkeiten, die es zu beachten gilt, will man sie zur Wirksamkeit bringen. Wie so typisch für unser Zeit hatten die kommunistischen Kopierer den Inhalt vergessen vor lauter Imitieren äußerer Formen. Bleiben diese aber äußerlich, ist nur mit geringer Wirkung zu rechnen.

Allerdings haben wir heute inzwischen ähnlich viele Scheidungen wie die ehemaligen kommunistischen Staaten, was sich dramatisch auf die Familiensituation und damit letztlich auf das ganze Gemeinwesen auswirkt. Dem modernen Trend folgend, der die Qualität der Quantität unterordnet, haben die Eltern heute nicht mehr vier Kinder, sondern die Kinder vier Eltern. Dass das kein wirklicher Zugewinn ist, zeigt sich immer deutlicher.

Im übrigen gibt es auch in unserer modernen, logischen und von allem Aberglauben befreiten Welt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der ohne Rituale funktionieren würde, auch wenn wir uns dessen nicht mehr bewusst sind. Weder der Verkehr noch die Justiz kämen ohne Rituale aus, aber auch Banken und Kliniken wären ohne sie wohl kaum erfolgreich zu führen, auch wenn die dort Beschäftigten das wahrscheinlich vehement bestreiten mögen. Sie würden hinter ihren Uniformen oder Kleiderordnungen wohl kaum Ritualgewänder und – vorschriften vermuten und auch ihren antrainierten Verhaltenskodex eher mit pseudologischen Rationalisierungen abdecken.

Ausblick auf medizinische Ritualwelten

Obwohl die allermeisten modernen Ärzte den Gedanken weit von sich weisen würden, noch immer Heilungsrituale zu zelebrieren, schaut es in den Praxen und Kliniken sehr danach aus. Wer z.B. Ärzte fragt, warum sie so viele lateinische Brocken in ihre Sprache einstreuen, erhält Rationalisierungen zur Antwort wie: Das sei nötig, um sich auf internationalen Kongressen zu verständigen. Wer je auf solch einem Kongress war, weiß dass dort schon lange Englisch vorherrscht und die lateinischen Zeiten längst vorbei sind. Außerdem wäre kaum ein Arzt in der Lage, sich in Latein verständlich zu machen. Selbst wenn er es aber könnte, würde er sich schon beim Versuch lächerlich machen. Ähnlich ergeht es einem bei der Frage nach dem Sinn der weißen (Ritual-)Gewänder in der Medizin. Man bekommt zu hören, dass das die hygienisch sinnvollste Farbe wäre und andere gut gemeinte Rationalisierungen ähnlicher Art. In Wirklichkeit ist Weiß so unpraktisch, dass sobald der Patient das Bewusstsein verloren hat, auf Farben wie grün oder blau gewechselt wird, einfach weil die das Auge der Operateure weniger blenden und das Blut nicht so grässlich kontrastreich aufleuchten lassen. Das Gegenteil der Rationalisierungen ist also jeweils eher wahr. Im Endeffekt geht es den Ärzten, auch wenn sie das nicht mehr wissen oder jedenfalls kaum zugeben würden, darum, sich mit Weiß in die Farbe der Einheit und der Vollkommenheit zu kleiden wie das auch der Papst und viele indische Gurus und eben alle tun, die sich Gott besonders nahe wähnen. Die Halbgötter in Weiß sind in dieser Hinsicht aber keine Ausnahme, sondern fest gegründet in der uralten Heiltradition, wo sie wie die Schamanen aller Länder versuchen, Patienten mit Unverständlichem zu beeindrucken, ob sie es nun sagen oder schreiben. Wo früher besondere Federn und Kristalle aufgelegt wurden, sind es heute Stethoskope und allerlei Schallköpfe. Statt auf die innere oder die Stimme des Herzens hören die Schamanen im Arztpelz auf Darmgeräusche und Herztöne, in den Abläufen aber hat sich soviel gar nicht geändert.

Noch immer gibt der Patient an der Klinikpforte sehr weitgehend sein Selbstbestimmungsrecht ab und legt sein Schicksal in die Hände der weißen Halbgötter. Darin aber unterscheidet er sich nicht wesentlich von einem Heilungssuchenden der Antike, der in einem Heiligtum des Asklepios an die enge Pforte klopfte. Noch immer auch liegen die Patienten moderner Kliniken ihren Ärzten bei der Visite zu Füßen und erfahren von oben herab, was das Schicksal in Gestalt der weiß gewandeten Helfer mit ihnen vorhat. Auch wenn sie gut sitzen oder stehen könnten, haben sie zu liegen und in dieser demütigen Haltung die ärztlichen Botschaften entgegenzunehmen. In der Klinik sind, auch wenn es dafür in vielen Fällen gar keinen Grund gibt, Schlafanzüge oder bestenfalls Trainingsanzüge zu tragen, normale Erwachsenenkleidung gilt seltsamer Weise als gänzlich tabu. Müssen Patienten zu einer Untersuchung, werden sie nicht selten mit samt des Bettes hingefahren, auch wenn sie ohne weiteres gehen könnten. Oft will man damit wohl einfach verhindern, dass sie sich auf dem Weg ihre eigenen Röntgenbilder oder Befunde anschauen. Warum aber – könnte ein moderner Beobachter fragen – sollen Patienten in einer so aufgeklärten Zeit eigentlich nicht erfahren, was mit ihnen los ist. Warum auch müssen sie so oft und so lange warten, bei allen möglichen, aber auch unmöglichen Gelegenheiten. Sollen sie dabei lernen, sich als Geduldige (lat. patiens = geduldig) zu erweisen und weiter Schritte in Richtung Demut zu machen.

Man könnte meinen, früher wie heute, sollten solche Zeremonien andeuten, dass die Patienten die Dinge nun nicht mehr in der Hand haben, dass sie (dem Schicksal oder der Gottheit) ausgeliefert sind, was sie nach der alten Vorstellung und der der spirituellen Tradition im übrigen die ganze Zeit über waren. Hier soll es durchaus nicht darum gehen, die im Rahmen eines allgemeinen Machtmissbrauchs verkrusteten letzten Rituale zu denunzieren, um sie abzuschaffen. Im Gegenteil wäre dafür zu plädieren, die Macht und Wirksamkeit der Rituale wieder durchschauen zu lernen, um sie bewusst und befreit von unbewussten Machtstrukturen zum Heil der Patienten einzusetzen. In diesem Sinne wird sich der nächste Beitrag mit den Chancen der Rituale in der Medizin beschäftigen.

(12 941 Anschläge incl.)

Literatur von Ruediger Dahlke:

„Lebenskrisen als Entwicklungschancen“ Buch und CD, „Woran krankt die Welt“,

CD „Visionen“ (alles bei Goldmann)

„Richtig essen“, „Von der Weisheit unseres Körpers“ (Knaur)

„Krankheit als Symbol“ (Bertelsmann)

„Mandalas der Welt“, „Das Gesundheitsprogramm“, „Fasten Sie sich gesund“, „Entgiften-Entschlacken-Entspannen“ (alle bei Hugendubel)

Info zu Seminaren, Ausbildungen und Therapien: www.dahlke.at

Teil 2

Rituale in Medizin und Gesellschaft

Vor allem wenn wir bedenken, wie viele Rituale durch die moderne Unbewusstheit ins Gegenteil umschlagen und der Heilung schaden, drängt sich der Gedanke nach einer „Ritualreform“ in der Medizin auf. Da wir feststellen können, dass sie sich nicht abschaffen lassen, sollten wir uns bei der Wahl zwischen unbewussten schädlichen und bewussten heilsamen Ritualen für letztere entscheiden. Wenn zum Beispiel eine Patientin einen Knoten bei sich an einer Stelle entdeckt, wo er nicht hingehört, beginnt ein häufiges und leider hochwirksames Angstritual. Sie wird in der Regel eine ziemlich lange Zeit mit Selbstuntersuchungen verbringen und aus schulmedizinischer Sicht vergeuden, bis sie sich zum spannungsgeladenen Arztbesuch durchringt. Nach einem im allgemeinen längeren Warteritual, dessen Spannung mit jedem Patienten zunimmt, der vor ihr aus der Warteschleife fällt, wird sie alle Hoffnungen und Ängste auf den Hausarzt projizieren, der ihr in der Regel nichts Genaues sagen kann, sondern sie auf eine Untersuchungstour zu Fachärzten schickt, die nicht selten zur Tortour verkommt. Bei jeder Untersuchung wieder Warten und Hoffen und wieder nichts Genaues erfahren. So gehen nicht wenige Patienten dazu über, die Mimik der Untersucher und ihre vagen ausweichenden Bemerkungen zu deuten, schließlich geht es ja um ihr Leben. Jeder sinkende Mundwinkel wird nun gedeutet und jede Geste bekommt Be-Deutung. Nach dieser oft längeren Odyssee durch die Tempel moderner Heil- beziehungsweise Diagnosekunst wird sich ein noch quälenderes Warteritual beim Hausarzt anbahnen. Jetzt ist die Spannung so groß, dass die Zeit sich dehnt und in einer Mischung aus größter Wachheit und Angst alle Zeichen wahr- und wichtig genommen werden und als Symbole in einem schrecklichen Ritual erscheinen. Wenn der Arzt schließlich die entscheidenden Worte der Diagnose ausspricht, fallen, sie in ein rituell bestens bereitetes Bett und werden nicht selten wahr.

Heute ist durchaus schon umstritten, ob das an der Exaktheit der Diagnose liegt oder im Rahmen einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu deuten ist. Denn der Arzt ist jetzt für diese Patientin längst vom Halbgott zum Gott geworden, kommt doch aus seinem Mund ihr Schicksalsspruch. Folglich hängt sie an seinen Lippen und glaubt ihm, was er zu sagen hat. Lässt sich ein Arzt in dieser Situation – aus welchen Motiven auch immer – dazu hinreißen, ihr die noch verbleibende Lebenszeit zuzumessen, wie es eigentlich nur den Nornen der germanischen Mythologie zusteht, wird sie ihm nicht selten folgen. Der Glaube kann Berge versetzen, hat schon Christus gelehrt. Warum seine unglaubliche Kraft noch immer in solch brutaler Weise missbraucht wird, liegt wohl daran, dass die meisten Ärzte gar nicht wissen, was sie da tun und wie mächtig die rituellen Werkzeuge sind, mit denen sie zumeist völlig unbewusst spielen.

Der Ärger mit Wundern in Medizin und Religion

Dabei wäre es so leicht, von Anfang an die Weichen anders zu stellen und schon die Zeit bis zur endgültigen Diagnosestellung in sinnvoller Weise für innere Klärungs- und Heilungsprozesse zu nutzen. Aber auch noch in der zugespitzten Situation der Diagnoseübermittlung gäbe es heilsame Alternativen. Anstatt sich zu sowieso nicht haltbaren Zeitzumessungen hinreißen zu lassen, wäre es für die meisten Ärzte leicht möglich, eine wahre Geschichte zu erzählen von einer Patientin, die in ähnlich bedrohlicher Situation das Ruder ihres Lebensschiffes noch herumgerissen hatte und wieder gesund und zumeist sogar wesentlich gesünder als vorher geworden war.

Es ist für wache Menschen mit offenen Augen kaum möglich zu übersehen, dass sich immer wieder Dinge in der Medizin ereignen, die sich mit naturwissenschaftlicher Logik nicht erklären lassen. Immerhin hat selbst die Schulmedizin inzwischen ein beginnendes Verständnis von Spontanremissionen, wie hier schamhaft die Wunderheilungen umschrieben werden. Dass weder Schulmedizin noch Religion heute gut auf solche Wunder zu sprechen sind, dürfte mit deren Ablauf einerseits und andererseits mit der Starrheit beider Organisationen zu tun haben. Wunder verstoßen gegen die Lehrmeinung und bringen Unruhe ins so gut stabilisierte System. Zudem begegnen sie kaum je den hohen Würdenträgern in den Hierarchien der Kirche oder der Universitätskliniken. Im Gegenteil sind es zumeist einfache Gläubige, die Wunder erleben, und so sind es die Landpfarrer und in der Medizin die Land- und Hausärzte, die Zeugnis davon ablegen könnten, welche Wunder – entsprechenden Glauben vorausgesetzt – möglich sind.

Die Würdenträger haben damit nur Ärger und alle Hände voll zu tun, die Unruhe zu bekämpfen und die einfachen Bauernmädchen, denen die Jungfrau Maria erschienen ist, unter Kontrolle zu bringen. Ganz ähnlich erging es die längste Zeit den wider schulmedizinisches Erwarten Geheilten. Sie mussten sich die längste Zeit als Ärgernis vorkommen und waren durchaus nicht gern gesehen, hatten sie doch die hehre Lehre Lügen gestraft. Zum Glück hat sich hier in den letzten Jahren in der Medizin einiges bewegt. Professor Gallmeier von der Uni Nürnberg, einer der ersten schulmediziner, die sich in Deutschland mit Spontanremissionen beschäftgten, wird mit dem Satz zitiert „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“.

Rituale in allen Bereichen

Wohin wir auch blicken, überall finden wir in unserer modernen aufgeklärten Gesellschaft an sich unlogische, aber durch und durch ritualisierte Abläufe, die davon leben, dass viele Menschen ihnen folgen. Das beschränkt sich keineswegs auf Ärzte oder bestimmte Berufsgruppen. Noch auf jeder normalen deutschen Autobahn erleben wir eigenartige Verfolgungsjagden, bei denen als normal geltende Menschen sich bei Minimalabständen Stoßstange an Stoßstange verfolgen und dabei jederzeit bereit sind, ihr Leben zu riskieren beziehungsweise in die Hände des Verfolgten zu legen. Sogenannte Massen-Auffahrunfälle beschwören gar nicht selten Massenschicksale herauf, die den Irrsinn, der jeder Logik und Belehrung trotzt, offenbar werden lassen. Hier sind vor allem spätpubertäre Buben in rituellen Jagden dabei, sich und anderen zu beweisen, dass sie Mut haben und es verdienen würden, erwachsen zu werden. Allein diese Versuche müssen scheitern und verraten genau das Gegenteil, dass die Betreffenden nämlich gerade nicht für voll zu nehmen, sondern als Halbstarke nur mit Vorsicht zu genießen sind.

Unser ganzes Verkehrssystem funktioniert nur auf Grund des relativ strikten Einhaltens der Regeln, wobei diese durchaus nicht an sich logisch sind. Da bei uns Rechtsverkehr gilt, halten sich – mit Ausnahme der Geisterfahrer – alle an diese Regel. Dabei könnte man in England täglich erleben, wie viele Vorteile der Linksverkehr bietet. Aber Regel bleibt Regel, und darüber ist dann auch nicht zu diskutieren. Wir fahren rechts, einfach weil das Teil unseres täglichen Verkehrsrituals ist. Schon der Gedanke an einen Wechsel nur diesen einzigen Bausteins des Verkehrsrituals mag zudem aufzeigen, wie haltbar und stabil Rituale sind. In einer etwaigen Umstellungsphase von Rechts- auf Linksverkehr, mit einem noch nicht stabilen neuen Ritual wäre die Unfallhäufigkeit sicher enorm. Hinter dem, was wir die Macht der Gewohnheit nennen, verbirgt sich vor allem die Macht der Rituale und ihrer Felder.

Auch dass wir uns bei Tisch bestimmter Sitten bedienen, ist nicht an sich logisch, was man schon daran sehen kann, dass diese sich durchaus – wenn auch langsam – dem Zeitgeist anpassen können. Noch zu Luthers Zeiten galt der Satz „Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?“ Heute gehören Körpergeräusche in bürgerlichen Kreisen unserer Breiten nicht mehr zum Tischritual. Andererseits darf man inzwischen die Kartoffeln durchaus mit dem Messer schneiden, was vor einigen Jahrzehnten noch ein absolutes, wenn auch ziemlich unlogisches Tabu war.

Auch dass wir uns vor dem Essen die Hände waschen, ist zum Ritual geworden und entbehrt in einer Zeit, wo sich die meisten Menschen die Hände physisch kaum noch schmutzig machen, naturwissenschaftlicher Logik. Andererseits ist das natürlich eine wundervolle Gelegenheit, sich die Hände in Unschuld zu waschen, weil sie sich viele im modernen Leben in übertragener Hinsicht schmutzig machen (müssen). Ähnliches gilt für das morgendliche Duschen, das viel beliebter ist als das abendliche. Logischerweise müsste es gerade umgekehrt sein, denn der anstrengende Tag könnte für Schweiß und Schmutz verantwortlich sein. Das Ritual aber will die Reinigung am Morgen und hat recht, denn damit können wir die Nacht von uns abwaschen und haben die Chance, den Tag in einer sauberen Gesinnung zu beginnen. Allerdings bräuchten wir dazu Bewusstheit. Diese kann im Handumdrehen aus unsinnigen Gewohnheiten die schönsten und wirksamsten Rituale machen.

Noch deutlicher wird das Thema, wenn Wochenende für Wochenende Tausende in eine riesige Stahlbetonburg am Rande ihrer Stadt pilgern, um sich dort für viel Geld hinter Stahlgittern einsperren zu lassen und mitzuerleben, wie 22 Hohepriester und ein schwarzgekleideter Zeremonienmeister ein eigenartiges Ritual zelebrieren. Bei diesem geht es einzig darum, ein rundes Totem aus Rindsleder in einen besonders markierten Kasten zu befördern, der in Wirklichkeit gar keiner ist, sondern eher wie ein überdimensioniertes viereckiges Schmetterlingsfangnetz wirkt. Die Zehntausenden hinter den Stahlgittern begleiten das Ritual mit rhythmischen Gesängen, bei denen es offenbar weniger um die Schönheit ihres Gesanges, als vielmehr um die Lautstärke geht. Ihre Stimmung hängt dabei ausschließlich davon ab, wie das Ritual verläuft und ob das Totem möglichst oft an jenem besonderen Ort in der Tiere des gegnerischen Ritualfeldes untergebracht werden kann. Zwischenzeitlich, wenn ihre rituelle Begeisterung besondere Triumphe feiert, geben sie sogar ihre eigene Individualität völlig auf und werden zu einer Art Gruppenseele, deren Geist sie veranlasst, sich wie ein einziges riesiges Schlangenwesen wellenförmig im Rund der Betonburg zu bewegen.

Teilnehmen ist für die einzelnen Ritualbesucher Ehrensache und die leidenschaftlichsten würden alles dafür tun und selbst bei widrigsten Witterungsbedingungen wie von einer inneren Macht getrieben an diesen – unter logischen Bedingungen betrachtet – schrecklichen Ort kommen. Wie zu früheren Zeiten in die Kirche strömen die Massen heute eher und lieber ins Fußballstadion, und jedenfalls sind sie leidenschaftlicher dabei, wenn ihre Götter sich mit denen der Nachbarstadt messen.

In naher Zukunft werden wir in Deutschland die Macht dieses Rituals zu spüren bekommen. Schon einmal hat ein Erfolg darin Deutschland nicht unwesentlich aus der Nachkriegsmisere geholfen. Das Wunder von Bern hat das Selbstbewusstsein entscheidend zurückgebracht. Und könnte nicht auch jetzt ein neues Wunder das angeschlagene deutsche Lebensgefühl wieder beleben, wenn der Strahlemann Klinsi seine Jungs zum Erfolg führt? Was aber, wenn sie sehr früh ausscheiden? Wird www.jammern.de dann noch unerträglicher?

Mein nächster Beitrag wird sich noch mit anderen Heilungs- und Entwicklungsritualen beschäftigen.