Über die Liebe I

heart-462873_640Wenn wir von Liebe sprechen, denken wir im allgemeinen an große Gefühle und romantische Situationen, aber es gibt auch eine viel bodenständigere Ebene dieses weltbeherrschenden Phänomens, nämlich deren körperliche Ebene. Und dabei denkt dann so ziemlich jeder gleich an Sexualität, den körperlichen Ausdruck der Liebe. Aber wir können heute noch eine Ebene tiefer gehen und uns mit der Chemie, genaugenommen mit der Biochemie der Liebe beschäftigen, die immer besser erforscht wird und wirklich spannende Einsichten in das spannendste Thema der Menschheit eröffnet.

Wissenschaftlich schon längst entschlüsselt sind die Hormone, die unsere Lust entfachen, die Östrogene und Androgene. Dass es auch hormonelle Gründe hat, wenn wir mit jemandem ins Bett gehen, mag auf den ersten Blick desillusionierend wirken. Wichtig ist dabei, sich jederzeit bewusst zu sein, dass das nur eine Parallelebene zu jener geistig-seelischen ist und keine die andere durch ihre Existenz unwichtig oder minderwertig macht. Beide gehören untrennbar und kommen in jedem Moment der Liebe zusammen.

Nun wurde auch noch das Phänomen jener zauberhaften Anziehung, das zum Phänomen euphorischer Verliebtheit führt und Schmetterlinge in den Bauch zaubert biochemisch entschlüsselt oder sollten wir sagen entzaubert? Kaum schauen wir uns nämlich in die Augen, spielen auch schon die sogenannten Neurotransmitter verrückt, jene Hormone oder Botenstoffe, die zwischen Nervensystem und Drüsen stehen und über das Blut verschickt werden. Vermehrt gebildetes Dopamin zieht unsere ganze Aufmerksamkeit auf den jeweiligen ins Auge gefassten Partner. Wir haben ihn noch längst nicht angefasst, aber schon ins Auge gefasst, und schon geht es biochemisch los in uns zu arbeiten. Immerhin bleibt aber der Akt, des Anschauens noch unserer Seele überlassen, wobei wir auch dabei – wenn wir uns mit der Bedeutung der Duftstoffe befassen – auf einige wissenschaftliche Überraschungen gefasst sein sollten.

Wenn unsere Aufmerksamkeit vom Dopamin gefesselt ist, stürzt ein anderer Neurotransmitter, das Serotonin in den Keller und Norepinephrin wird ausgeschüttet. Das ist jener ebenfalls lange bekannte Stoff, der für die Prägung neugeborener Tiere auf ihre Mütter verantwortlich ist. Wenn er einmal kreist wird jede der Gesten des potentiellen Partners zu einer einzigen Offenbarung von Anmut und jedes Lächeln verwandelt sich in eine Flut von unwiderstehlichem Charme und Liebreiz.

Schließlich kommt auch noch Phenyläthylamin hinzu und bringt uns in jene ebenso verrückte wie wundervolle Gemütlage, wo wir weder Schlaf noch Nahrung brauchen, Gott und die Welt umarmen wollen, und nur noch den (biochemischen?) Traumpartner im Auge haben. Diese Verrücktheit kann so stark werden, dass Menschen Ihre Familien, ihre Arbeit, ja ihr ganzes bisheriges Leben im Stich lassen, um den neuen Impulsen nachzugehen, die die Neurotransmitter vermitteln.

Eigentlich könnten uns solch moderne Entdeckung helfen, uns ein wenig von der Unsitte der Schuldprojektion zu befreien. Wenn es doch Hormone sind, die derlei auslösen oder gar verursachen, so könnten wir mit den Betroffenen milder umgehen und vielleicht ganz darauf verzichten, sie zu bewerten oder sogar zu verurteilen. Vielleicht geschieht es ja sowieso nur aus Neid auf den begnadeten Zustand, der einem selbst im Moment verschlossen ist beziehungsweise den man sich verschlossen hat.

Wie stark und prägend solche Zustände sind wissen wir alle von der persönlichen Erfahrung der Großhirnvergiftung mittels Alkohol. Wer in diesem alkoholisierten Zustand aktiv wird, bekommt ja auch mildernde Umstände, warum also nicht auch diejenigen, die sich unter dem Einfluss von Phenyläthylamin wahnsinnig verliebt haben.

Irgendwann – ist zu vermuten – wird dieser bezaubernde Cocktail gerade entdeckter Neurotransmitter sicher aus dem Labor der Wissenschaftler entweichen – wie noch alles andere bisher auch – und seinen Weg auf den freien Markt finden. Wer dann einen Schluck aus dem entsprechenden Liebesfläschchen nimmt, wird wohl sehr offen dafür sein sich unsterblich zu verlieben. Ob es allerdings völlig gleichgültig sein wird, wen man dann gerade als ersten zu sehen und zu fassen bekommt, muss sich erst zeigen. Die Liebe über diesen Weg zu zwingen ist ja ein alter Traum der Hexenmedizin. Über diesen biochemische Zugang könnte die alte Welt der Liebes- und anderer Zaubertränke wird wieder sehr aktuell werden.

Oder ist es möglicher weise doch so, dass wir uns über die Augen verlieben, über diesen besonderen Blick und die Seele dabei eine Rolle spielt und dass sich parallel dazu das ganze Szenario der Hormone und Neurotransmitter aufbaut? Die Zukunft wird es wahrscheinlich in dieser Richtung offenbaren, denn Körper und Seele gehen letztlich immer parallel.

Möglicherweise ist es aber nicht einmal „Zufall“, wer uns in dieser Hinsicht auffällt und wem wir tiefer in die Augen schauen. Denn dass wir angelockt von speziellen Duftstoffen unseren Weg zum für unseren Nachwuchs besten Immunsystem finden, mussten wir schon vor langer Zeit desillusioniert zur Kenntnis genommen. Wissenschaftler hatten belegt, wie wichtig die sogenannten Pheromone sind, jene Duftstoffe, die die Geschlechter auf subtile Art aufeinander hetzen. Sie werden heute in Ihrer Macht weitgehend zu gering eingeschätzt, zumal die Zeiten vorbei sind, wo das reizende Mädel ihr Taschentuch durch die Achselhöhle zog und dem angebeteten Herrn Leutnant zuwarf.

Diesbezüglich hab ich einige spektakuläre Erfahrungen bei der psychotherapeutischen Arbeit machen können. Einmal fand eine Patientin während ihrer vierwöchigen Reinkarnationstherapie rückwirkend heraus, dass Sie Ihren Mann nur geheiratet hatte, weil er genau wie ihr Vater roch, weil er nämlich dasselbe Rasierwasser verwendete. Von dem Vater hatte sie nie genug Zuwendung und Anerkennung bekommen, weil er zuwenig zuhause war. Als sie dann endlich einen Mann fand, der für sie Zeit hatte und so roch wie Papa, ohne dass sie sich dessen bewusst war, gab sie seinem Werben rasch nach und heiratete ihn. Scheiden ließ sie sich mit vielen guten Gründen einige Jahre später. Den bestimmenden Grund aber fand sie erst in der Psychotherapie heraus: ihr Mann hatte das Rasierwasser gewechselt und sie hatte schlagartig das Interesse verloren. Als sie all das heraus fand, war sie schon jahrelang geschieden.

Das zweite Beispiel konnte ich direkt miterleben. Ein Mitarbeiter verliebte sich für alle offensichtlich während eines Seminars in eine 20 Jahre ältere Teilnehmerin, die darüber ebenso erstaunt war, wie alle anderen. Auch nach einigen eindeutigen Hinweisen schaffte er es nicht, sich von ihr fernzuhalten. Hinweise darauf um wie viel attraktiver, jünger und passender seine Freundin sei halfen gleichfalls nichts. Während einer kurzfristig angesetzten Psychotherapie-Sitzung, stellte sich nebenbei und von ihm wenig beachtet heraus, dass die Teilnehmerin so duftete, wie seine vorletzte Freundin, die ihn verlassen hatte. Darauf hin sprach ich die Dame an und erkundigte mich nach ihrem Parfum, ließ es besorgen und rüstete alle Mitarbeiterinnen und noch einige mir bekannte Seminarteilnehmerinnen damit aus. Das Ergebnis war beeindruckend. Wie ein verwirrter Jagdhund nahm der Mitarbeiter ständig neue, für ihn ganz ausgesprochen wundervoll duftende Fährten auf. Als wir ihm das ganze Spiel enthüllten, konnten alle herzhaft lachen, der Bann war gebrochen und der Spuk vorbei.

Das Bewusstsein kann uns also helfen, über solche biochemischen Wirkungen hinwegzukommen, beziehungsweise uns darüber zu stellen.

Aber eines zeigen beide Beispiele klar, wir reagieren wahrscheinlich auf Duftstoffe mindestens so stark wie auf den Anblick, nur manchen wir es uns nicht bewusst. Wissenschaftlich lässt sich auch das wieder erklären. Unser Riechhirn ist viel älter und größer als die Sehrinde, jener Gehirnteil, der die optischen Eindrücke verarbeitet. Außerdem ist es eng mit dem Hypothalamus assoziert und anderen Regionen, die für die Verarbeitung mit Gefühlen zuständig sind. Das Riechhirn hat also den direkteren und mächtigeren Draht zur Gefühlswelt und ist viel beherrschender als wir uns meist träumen lassen.

Dem entspricht jedenfalls auch die Erfahrung vieler Partnerschaften, dass man sich an ein hübsches Aussehen sehr rasch gewöhnen kann, aber nie an einen unangenehmen Geruch. Wer auf eine haltbare Beziehung aus ist, müsste also eher seiner Nase als seinen Augen folgen. Andererseits zeigt es auch, wie wichtig Düfte und auch künstliche im Sinne von Parfum sind. Die Franzosen, die noch die Kunst des Duftes verstehen, sind hier also ganz gut beraten und sie wenden Parfums durchaus noch im Bereich der sekundären Geschlechtsmerkmale an, um den eigenen Körperduft im Sinne der Benutzer zu verfeinern. Insofern kann man Parfums eigentlich nicht an den Fingerrücken einer Hand testen, da sie nur im Zusammenhang mit der eignen Duftnote wirklich einzuschätzen sind.

Wie weit Duft in unserem Liebes- und Partnerschaftsleben unbewusst mitspielt, hat eine wissenschaftliche Untersuchung von den Partnerpräferenzen schwangerer und nichtschwangerer Frauen aufgezeigt. Die nichtschwangere Frau fühlt sich duftmäßig zu Männern hingezogen, die ihrer eigenen Sippe genetisch fremd sind. Das hat vom Standpunkt der Evolution unbedingte Vorteile, denn dadurch wird das Erbgut besser gemischt. Wenn sie dann aber empfangen hat, ändert sich das und sie tendiert wieder mehr zu Männern aus der eigenen Verwandtschaft. Auch das ist evolutionslogisch, denn so wird sie eher treu bleiben und kann das Kind in der Geborgenheit des eigenen vertrauten Umfeldes von diesem beschützt aufziehen.

Im Zusammenhang mit der Anti-Baby-Pille ergaben Untersuchungen nun folgendes Duft-Fiasko. Die Frau, die die Pille einnimmt, reagiert wie eine Schwangere, sie fühlt sich zu Männern ihres eigenen (genetischen) Kreises hingezogen. Wenn Sie sich dann in einen davon verliebt, die Pille absetzt und mit ihm ein Kind bekommen will, wird er ihr schon weniger gut schmecken, weil er zwar noch riecht wie vorher, sie das aber durchaus nicht mehr so wundervoll findet. Jetzt tendiert sie geruchsmäßig zu Fremden, die ihr genetisch ferner stehen. Insofern ist die Pille auf dieser Ebene durchaus bedenklich oder jedenfalls Beziehungstechnisch für einige Verwirrung gut.

Inzwischen gibt es aber noch neuere Durchbrüche im Bereich wissenschaftlicher „Liebesforschung“. Es hat sich gezeigt, dass es ein für die Dauer einer Beziehung viel wichtigeres Hormon gibt als es Östro- und Androgene sind. Es kommt bei beiden Geschlechtern vor und wird wegen seiner entsprechenden Eigenschaften auch schon als Bindungshormon bezeichnet. Sein Name ist Oxytocin, und es ist eigentlich schon lange bekannt, seine Wirkung wurde aber bisher lediglich bezogen auf das Stillen erkannt. Jetzt wissen wir, dass es obendrein auch beim Austausch von Zärtlichkeiten und vor allem bei Orgasmen ausgeschüttet wird. Indem es ein starkes Gefühl von Verbundenheit auf der seelischen Ebene vermittelt, erhöht es die Bindungsfähigkeit ungemein. Beim Stillen ist das natürlich überaus sinnvoll, und in der Praxis zeigt sich dann auch, dass Brustfüttern nicht nur für das Kind, sondern gerade auch für die Mütter ganz entscheidend ist, weil es ihr Gefühl und ihren Bezug zum Kind so deutlich verstärkt.

Wenn auch beim „Schmusen“ und erst recht auf dem Weg zum und am Höhepunkt des Liebesaktes ebenfalls Bindungsmittel freigesetzt wird, dient das offensichtlich dem Erhalt der Beziehung. Hier zeigt sich, um wie viel konservativer die Natur ist gegenüber unserer heutigen Gesellschaft, die immer mehr dem One-night-stand frönt. Die Natur wirkt mit dem Oxytocin diesem modernen Trend entgegen. Wenn zwei sich einmal auf diese Ebene des Geschlechtsverkehr einlassen, will sie offenbar ihren Zusammenhalt fördern und erhalten. Dahinter steht das Bestreben, die Art zu erhalten und eine familiäre Situation sicher zu stellen, um Kindern ein Nest zu schaffen.

Diese Art Wissenschaft auf ein sehr konkretes und für alle so wichtiges Thema anzuwenden, kann geradezu Spaß machen, es zeigt aber auch, wie komplex die Zusammenhänge letztlich sind, zumal wir wahrscheinlich erst die Spitze des Eisberges erforscht haben und noch eine Menge unter der Oberfläche darauf wartet.

Wer nun Angst hat, dass sein ganzes (Liebes)Leben von Neurotransmittern und Pheromonen bestimmt sei, mag entspannen. Aus Sicht der spirituellen Philosophie gibt es gar keinen Zufall, stattdessen fällt einem gesetzmäßig zu, wozu man sich reif gemacht hat und wofür man reif geworden ist. Dahinter steckt das Gesetz der Resonanz. Es gibt also durchaus ein größeres und höheres Gesetz, und wir sind keineswegs Marionetten unserer eigenen Biochemie. All diese Forschung ist wichtig und erhellend, aber sie findet auch ihre Grenzen an den großen Zusammenhängen des Lebens.

 

 

Über die Liebe II

 Essen und Genießen im Lust-Reich der Venus – Liebe auf anderer Ebene

Laut Bibel erfolgt der Schritt aus dem Paradies in die polare Welt der Gegensätze durch Essen jenes berühmt be­rüchtigten Apfels. Auch Verführung ist schon zu allem Anfang mit im Spiel. Was ist dieses Essen symbolisch ge­sehen, mit dem alle Entwicklung beginnt? Es ist das Einverleiben von Fremdem, um es zu Eigenem zu machen. Wie die Geschichte der Menschheit beginnt auch unsere eigene individuelle mit Einverleiben, dem Einsaugen der Muttermilch. In den Monaten nach der Geburt tritt alles hinter dem Genährtwerden zurück. Baby erlebt und ge­nießt im Wesentlichen durch Mund und Bauch. Der Saugreflex ist einer der ersten und wichtigsten. Selbst wenn es bereits krabbelt, steckt das Kind zuerst noch alles in den Mund. Vor allem möchte es wissen, wie das Leben schmeckt. Alle Schmerzen und Probleme erlebt das Kleinkind über den Bauchnabel und die entsprechenden Bauchschmerzen in seiner Mitte. Bauch und genaugenommen Magen sind der Nabel der kindlichen Welt.

Auch die Liebe erlebt das Neugeborene ganz natürlich über Mund und Magen. Mit dem warmen, süßen Milchstrom fliesst der Einfluß des venusischen Prinzips ins Leben: Baby saugt bereits an der gleichen Brust, an der auch die Erwachsenen (Männer) auf der Suche nach Liebe saugen. Wo es dem Kind um die süße, nährende Milch geht, kostet der Mann die süße Liebe der begehrten Frau. Saugen steht zu Beginn und ab der Pubertät dann wieder an zentraler Stelle des Liebesgeschehens und damit das Einverleiben. Auch alle wesentlichen Aspekte des Liebesspiels spielen sich an Körperöffnungen ab und kreisen um die Themen Aufnehmen und Eindringen.

Liebe und Essen sind sich auch sprachlich nahe: Die Sehnsucht, sich zu öffnen und Fremdes hereinzu­nehmen spiegelt den Urwunsch des Menschen, zum Ursprung, zur Einheit des Paradieses, zurückzukehren. Das Einheitsgefühl beim Orgasmus läßt für einen kurzen Moment die runde Vollkommenheit des Paradieses wieder aufleben. Durch den Genuß der verbotenen Frucht war dieser Paradieszustand verspielt worden, in der Liebe kehrt er wenigstens für Augenblicke zurück. Essen bis zur Kugelgestalt bringt ihn nur äusserlich und damit unbe­friedigend zurück. Symbolisch sind körperliche Liebe und körperliches Essen sich entsprechende sinnliche Vor­gänge.

Milch und Liebe gleichzeitig an der Mutterbrust zu nuckeln, mag dem Kind paradiesisch erscheinen, fast wie im Schlaraffenland, wo ebenfalls Milch und Honig fließen, ohne dass man sich darum bemühen müßte. Bis sich zumindest das männliche Kind wieder Zugang zu jenem himmlisch weichen Platz am Busen verdient, muss es anstrengende Lernaufgaben bewältigen. Auch wenn Bewegungen wie etwa die ersten eigenen Schritte genuss­voll erlebt werden, bleibt die orale Sphäre, was sinnlichen Genuss angeht, vorrangig. So wird auch das Abstillen leicht zum Problem: Baby will den Luxusplatz am Herzen der Mutter nicht freiwillig aufgeben. Ist ein kleines Ge­schwisterchen in Warteposition der Anlaß, entzündet sich an der Brust oft das erste Eifersuchtsdrama. Es gleicht allen späteren, geht es doch bereits um Liebe, wenn auch deren nährender Aspekt noch ganz im Vordergrund steht.

Nach dem Abstillen suchen Mutter und Kind nach Ersatz. Während die Mutter zumeist den Partner wieder mehr zum Zuge kommen läßt, steigen Kinder gern auf den eigenen Daumen um. Nicht annähernd so weich und ergiebig wie die Brust der Mama, steht er dafür wenigstens immer zur Verfügung. Der Schnuller, an dem nach Herzens-Lust gesaugt und gelutscht werden kann, ist im wesentlichen eine Ersatzbrustwarze. Manche Kinder bemerken jedoch sofort, dass durch diesen Plastikersatz (genaugenommen eine Brustwarzenplastik) we­der Milch noch Liebe fliessen und lassen sich nicht so leicht abspeisen. Die Milchflasche, ebenfalls von einem Schnuller gekrönt und zudem warme süße Milch spendend, wird naturgemäß bereitwilliger angenommen. Hier beginnt nun ein zwiespältiger Weg: Die Liebe geht von Anfang an durch den Magen und oft nimmt sie auch spä­ter wieder diesen Weg. Findet sie allerdings keine entwickelteren Kanäle, kann die Mund-Magen-Strasse durch­aus zur Einbahnstrasse werden. Der Schwerpunkt der Empfindung sollte allmählich vom Magen zum Herz wan­dern.

Natürlich muss jedes Kind von der Brust als Milch- und Lustquelle Abschied nehmen, bevor es sie wie­der entdecken darf. Offenbar müssen wir schon in zartem Alter Verzicht üben, um reifere Formen der Lustbe­friedigung zu finden, bleiben aber oft am Essensgenuss hängen oder fallen darauf zurück. Sobald herbere Zeiten anbrechen, kommen Süssigkeiten und Schleckereien ins Spiel (des Lebens). Süsse Sachen verraten ihren Charak­ter als Liebesersatz sehr schnell. Erlebt das Kind etwas Schmerzliches, wo es früher in den Genuß des Brust kam, soll jetzt z.B. ein Lutscher die Tränen stillen. Sprachlich ist der Zusammenhang zwischen Liebe und Zuckerwerk so eindeutig, dass hier keinerlei Unterscheidung gemacht wird. Süsse Mädchen, die zum Vernaschen reizen, Schokimäuse und Zuckerpuppen sprechen für sich. Das Ausmass der Schleckereien ist der erhaltenen Liebe und Zärtlichkeit seitens der Eltern oft umgekehrt proportional und macht den Ersatzcharakter deutlich.

Empfänglich für Süssigkeiten sind und bleiben aber kleine wie grosse Kinder. Auch reifere Damen erhal­ten noch gerne süsse Huldigung und Hinweise auf ihre verführerische Süsse in Form von Pralinen, Konfekt und Bonbonnieren. Für süsse Komplimente sind fast alle Menschen empfänglich und lassen sich nur zu gerne verfüh­ren und oft auch „vernaschen“. Stimmiger Weise begann die Schokolade denn auch ihre Karriere als Aphrodisia­kum. Schmausen und Schmusen liegen nahe beieinander. Die Vor-Liebe für Süssigkeiten bzw. die verzehrende Sehnsucht verraten es.

Die Pubertät böte die Chance, die Genussbefriedigung von der Ernährung unabhängiger zu machen. Wer hier an Süssigkeiten kleben bleibt, stellt die Weichen auf Fülle statt Erfüllung. Ist Naschen bereits zur zwei­ten Natur geworden oder wie die Sprache weiss, in Fleisch und Blut übergegangen, wird der Übergang schwer. Auf körperlicher wie auf übertragener Ebene geht kaum etwas so schnell in Fleisch und Blut über wie Süssigkei­ten. Leicht löslicher, hoch raffinierter Zucker geht sofort ins Blut, und man setzt unter seinem Einfluss schnell „Fleisch“ an, was wiederum dem fleischlichen Genuß abträglich ist. Zudem stillen Süssigkeiten den Hunger nicht, sondern führen zu weiterem Hunger. Ihre Form süsser Verehrung und Anbetung von Venus macht nie­mals satt und kennt letztlich nur FülIe, nicht aber Erfüllung.

Nach der Pubertät bleiben Essen und Liebe auf manche Weise Partner im erlösten wie im unbefriedi­genden Bereich. Im «Bratkartoffelverhältnis» des Studenten zu seiner Wirtin ist die Liebe eng an Tisch und Bett gebunden. Traditionell war diese Beziehung immer nah, wenn auch nicht so beschränkt. Auch heute noch erwar­ten viele Männer, von ihren Frauen «liebend umsorgt» zu werden, was vorrangig auf «bekochen» zielt. Wenn sie ihm ein verführerisches Mahl bereitet, frisst er ihr aus der Hand, wie seinerzeit im Paradies. Jene Liebe, die durch den Magen geht, hat Eva fest unter ihrer Kontrolle. Die erotische Liebe ist Adam besonders in Zeiten des Stresses nicht so einfach schmackhaft zu machen, und so kommt es, dass der Feierabend eher mit einem kulinarischen als mit einem erotischen Gelage begangen wird, wobei wir dem Wort noch anhören, daß hier ursprünglich eher im Liegen gefeiert wurde.

Die intime Beziehung von Essen und Liebe enthüllen auch viele Flirttaktiken. Die Dame wird zum Essen eingeladen, auch und gerade wenn der Appetit viel weiter geht. Beim Abendessen kann man sich beschnuppern und die zeitlich näher rückende Nacht vorkosten. Die Angelegenheit eskaliert in vorgezeichneten Bahnen von Stufe zu Stufe und Sinnesorgan zu Sinnesorgan. Anfangs können sie sich nicht sattsehen aneinander und berau­schen sich am Klang ihrer Stimmen, danach kommt der Tastsinn zum Zuge und komplettiert das Fest der Sinn­lichkeit. Vom ungemütlichen Stehen lädt er sie zum gemütlichen Beisammensitzen und bereitet den Schritt zum noch entspannteren und zugleich sinnlich-spannenden Liegen vor, womit die Verbindung von Tisch und Bett ein weiteres Mal deutlich wird. Vom genüsslichen Mahle mit Leib- und Lieblingsspeisen, sinnlich angeregt und viel­leicht schon weinselig oder gar liebestrunken, entwickelt sich Tatendurst. Er trägt seine kostbare Eroberung auf Händen und ins nächste Bett, wo sie wonnetrunken den tiefsten Genuss kosten, den Venus auf dieser Ebene zu bieten hat. In ihrer Leiblichkeit erleben sie höchste Lieblichkeit, und in einer köstlichen Nacht empfängt sie ihn und vielleicht mehr. Möglicherweise wird ihre Liebe eine runde Sache und trägt Früchte. Dann ist die Vermäh­lung der nächste Schritt und fordert ein Festmahl. Erst die Trennung von Tisch und Bett kann solch eine Ver­mählung wieder lösen.

Frühere Zeiten gingen mit den verschiedenen Ebenen und Verbindungen innerhalb des Venusreiches noch weit gekonnter um. Die sinnenfreudigen Römer legten sich bereits zum Essen nieder und Iiessen sich zu­gleich alle möglichen Sinne verwöhnen, sodaß sich der spätere Übergang ins Sinnnlich-Erotische fließender und harmonischer gestaltete. Die gebotenen Themen kamen ausnahmslos aus Venus‘ Reich von exquisiten und oft üppigen Speisen über Musik und Tänze bis zum Ertasten und Erspüren üppiger Formen. Bis in unsere Zeit hat sich das Chambre separee – wenn auch mit deutlichen Einbußen im Ruf – gehalten, wo die Liebe bis heute durch den Magen, aber auch ein gutes Stück tiefer geht.

Aphrodisiaka haben inzwischen an Bedeutung eingebüsst. Sie wurden nicht selten ein Opfer des sinnen­feindlichen Trends zu Fastfood und Pillen. Bis heute aber werden sie geschluckt und manchmal auf noch genos­sen: von asiatischem Ginseng bis zu chemischem Vitamin-E. Unsere Vorfahren waren hier noch mutiger und sinnlicher: Casanova tauschte die einschlägig beleumundeten glitschigen Austern mit seinen Gespielinnen noch von Mund zu Mund. Vor Schokolade und anderen Süssigkeiten wurde im 18. Jahrhundert noch im gleichen Atemzug wie vor sexuellen Ausschweifungen dringend gewarnt. Wir haben sie heute all dieses Zaubers beraubt, profanisiert und z.B. in der Schweiz zu einem Grundnahrungsmittel erklärt, allerdings ohne viel Erfolg was die Tiefen venusischer Gefilde angeht. Das prickelnde Gefühl des Champagnertrinkens haben wir uns dagegen mit samt seiner ursprünglichen Bedeutung erhalten. Bis auf den heutigen Tag verkörpert er für viele Menschen das sündhaft Teure und leicht-sinnig Sinnliche. Er hebt die Stimmung, bringt das Blut in Wallung und fördert die Lust am Venusischen.

Nahe liegt hier das Thema «Verführung», und wieder verbinden sich «Essen» und «Liebe» in trauter Gemeinsamkeit. Mann und Frau können zu Süssigkeiten auf beiden Ebenen verführt werden. Süsse, appetitli­che, verführerische Mädchen, die zum Anbeissen aussehen, werden zum gefundenen «Fressen» für die hungri­gen Blicke des Verführers. Noch vor dem Vernaschen, könnte er über den Magen das Klima z.B. mit «Ferrero-Küsschen» vorbereiten und ihr die Chance einräumen, sich etwa mit «Mon Cherie» zu revanchieren. Bei vielen Spielarten der Sucht spielt Verführung herein, bei der Eßleidenschaft besonders deutlich. Da die Eßlust zwar füllt, aber nie erfüllt, verkommt diese Suche leicht zur (Fett)Sucht. Hunger und Sehnsucht bleiben ungestillt, es wird weitergegessen, ohne die Chance, je satt zu werden. Statt innerer Rundheit erlangt man äussere Kugelform nicht selten aus der Richtung „Kummerspeck“. Ehrlich macht hier die Mode. Der wallende Speck kommt dem Ba­byspeck des Anfangs sehr nahe und wird auch in ähnlicher Weise verpackt. Strampelhosenähnliche Gebilde, sollen nun verhüllen, was zu deutlich ist. Babydoll läßt grüßen.

Die intime Beziehung von Liebe und Essen im Reich der Venus, die ihren gemeinsamen Nenner in der Lust findet, hat im Frust ihren natürlichen Gegenpol. So können unterschiedlichste Enttäuschungen zum Rück­zug aus Venus‘ Reich (ver)führen. Angebote der Venus sind andererseits in diesen Situationen Balsam für ange­schlagene Selbstwertgefühle und herrliche Trostpflaster für schmerzende Wunden. In solchen Augenblicken ließe man sich besonders gern mit Liebe verwöhnen, und die mag aus dem Kochtopf durch den Magen, unter die Haut gehen oder direkt von zärtlichen Händen kommen. Ist man von allen guten Geistern verlassen, drängt sich Selbstbefriedigung auf, und wieder geht die Palette der Möglichkeiten durch Venus‘ ganzes Reich, von süssem Zuckerwerk bis zu ebensolchen Phantasien.

Unter der erdrückenden Beweislast kann das Verhältnis von Essen und Lieben auf der Grundlage des Genusses als belegt gelten. Und dann wäre es natürlich naheliegend, sich dieses Themas bewußt anzunehmen, beide Bereiche mit Hingabe zu verbinden und sich ihner genie­ßend anzunehmen. Schönes Essen und nährende Liebe ergänzen sich wunderbar und es ist ge­radezu schade, wenn der eine Bereich dazu herhalten muß, den anderen zu vertreten. Natürlich können Verliebte von Luft und Liebe leben, aber sie können ebenso gut und besser in köstli­chen Genüssen schwelgen zwischen ihren anderweitigen Liebesfesten. Das Leben zu feiern und diese Feste zu genießen, ist eine alte Tradition, die der Venus auf genußreiche Weise huldigt.

Wo Essen für viele als einzige Lustquelle geblieben ist, wäre der Schritt über schöne Es­sensfeste mit entsprechender Musikuntermalung zu tieferen Ebenen des Venusreiches nahelie­gend und vielversprechend. Der Venus geht es insgesamt nicht gut in einer Zeit, die die Quantität gegenüber der Qualität betont. Nicht nur im Venusbereich wird das deutlich, hier aber auf be­sonders schmerzliche Weise. Über die (Wieder)Entdeckung des Archetyps der Göttin der Schönheit, Harmonie und Liebe könnten wir wieder Freude am Leben finden und auf leichte und genußreiche Art gesunden. Zwischen gesunden Lebensmitteln und Genuß besteht kein Wi­derspruch, sondern eine natürliche Beziehung. Das Aroma der Speisen und die Düfte der Blü­ten und Pflanzen, wie sie sich auch in Parfums und Aromaölen spiegeln, ergänzen sich ideal. Die Inder sagen, ein gesunder Mensch rieche nach der zuletzt genossenen Frucht. Dieses eigene Parfum ersetzen wir heute künstlich und bleiben dabei doch in Venus´ Gefilden. Je wacher die Sinne, desto wacher der ganze Mensch. Aufwecken können wir uns und unsere Sinne durch bewußtes Genießen auf der Essens- wie auch der Liebesebene. Nichts und niemand hindert uns, das Leben als Fest zu feiern und die entsprechenden Venusanlässe zu Höhepunkten darin zu machen.

Sogar der Gegenpol venusischen Genusses, saturniner Verzicht, wie er etwa im bewuß­ten Fasten zum Ausdruck kommt, kann hierbei hilfreich unterstützen. Gerade nach einer Un­terbrechung des Alltagstrottes mit seinen Gewohnheiten und verschlafenen Gelegenheiten er­öffnet sich die Chance eines neuen (Lebens)Genusses. Man kommt wieder in die Lage, die fei­nen Nuancen im Aroma der Speisen zu unterscheiden und sich auch an zarten Anregungen der Sinne zu freuen. Sinnlichkeit, heute fast ganz dem Erotischen zugerechnet, könnte wieder zu einem Allgemeingut werden und aus dem Schlafzimmergefängnis ausbrechen und zumindest die Eßzimmer und Küchen erobern. Solcherart ermutigt, wird sie allerdings weiter um sich greifen und auch im Wohnzimmer Einzug halten und sich in ästhetischem Empfinden, Kunst und einer harmonischen Lebens-art im Sinne von Lebenskunst auswirken. Auch ein neuer sinn­licher Bezug zur Natur wird entstehen, aus der unsere Nahrung stammt oder doch stammen sollte.

Wunderbar ist es, ein- oder zweimal am Tag in friedlicher Absicht zu meditieren, viel­leicht noch wirksamer wäre es, dreimal am Tag in venusischer Absicht zu speisen und es sich und der (Um)Welt dabei gutgehen zu lassen. Der Osten kennt den Bezug zwischen Essen und innerer Entwicklung und spricht von Bhoga – Weltessen. Das Leben will auf alle Fälle verdaut sein und geschickt ist, wer es vorher und dabei genießt. In alten Zeiten war der Herd Zentrum des Hau­ses, so wie das Herz noch immer Zentrum des Körperhauses ist. Wie sich im Haus alles Leben um den Herd drehte, kreist im Leben alles um das Herz, unser energetisches Zentrum und Organ der Liebe. Das Leben und seine Genüsse aus vollem Herzen zu genießen erfreut die Venus und läßt alle anderen Organe gesunden, wobei der Magen sicherlich als erster dafür sorgt, daß er bekommt, was er mag. Wer ein sinnlicher Mensch geworden ist und auf seine Sinne horchen gelernt hat, wird ihnen auch bald gehorchen und in seiner inneren Stimme eine ver­läßliche Hilfe finden, die alle Archetypen zu ihrem Recht kommen läßt. Davon profitiert nicht nur die Venus, sie aber besonders leicht, denn wenige Archetypen machen es uns so leicht, sie zu lieben.