Träume und innere Bilder und ihre Bedeutung für unser Leben

lake-140228_640Wie wichtig die Träume für uns und unsere Gesundheit sind, enthüllt die moderne Traumforschung. Im Schlaflabor ist es möglich, Versuchpersonen sofort zu Beginn eines Traumes zu wecken. Man klebt ihnen eine kleine Elektrode in den Augenwinkel und sobald sie in Traumphasen sinken, melden es die Elektroden, denn Träumen ist mit Augenbewegungen verbunden. Deshalb nennt man die Traumzeiten auch Rem-Phasen vom Englischen „Rapid eye movement“, was „schnelle Augenbewegungen“ bedeutet. Jedes Mal nachdem die Versuchspersonen geweckt wurden, durften sie sogleich weiterschlafen, brauchten aber naturgemäß wieder ca. eine Stunde, um in die für Träume nötige Tiefe zu kommen. Am Ende der Nacht hatten sie durchaus ihre 7 oder 8 Stunden geschlafen, fühlten sich aber wie gerädert. Nach einigen solcher Nächte fingen die ersten Versuchspersonen an, bei offenen Augen ihre nicht geträumten Traumbilder zu sehen. Nach einer guten Woche reagierte auch die letzte Versuchsperson mit diesen bedenklichen Symptomen.

Der Druck hinter diesen inneren Bildern war offensichtlich so stark, dass sie sich nun sogar gegen die äußeren Bilder durchsetzten und ins Tagesbewusstsein einbrachen. Psychiater sprechen in diesem Fall von optischen Halluzinationen und behalten einen zumeist gleich da, wenn man sich ihnen mit diesem Problem offenbart. Wir können daran sehen, wie wichtig, ja lebenswichtig für unsere geistig-seelische Gesundheit die Verarbeitung der inneren Bilder ist. Der Organismus setzt dieses Programm im Notfall gegen alle Widerstände durch, selbst wenn er dabei den Verlust der äußeren Orientierung in Kauf nehmen muss.

Angesichts dieser Tatsache ist es erstaunlich, wie wenig wir auf diese inneren Bilder achten. Viele Erwachsene leben überhaupt in dem Glauben, dass sie gar nicht träumen und das auch nicht müssten. Das ist zum Glück unrichtig, sie erinnern lediglich ihre Träume nicht mehr. An diesen Zustand kann man sich in der männlich dominierten Leistungsgesellschaft fast problemlos gewöhnen, denn hier zählt nur, was von der linken analytischen Gehirnhälfte kommt und ihr wichtig erscheint. Die Träume wie auch alle anderen inneren Bilder kommen dagegen aus der rechten, dem weiblichen Pol der Wirklichkeit verpflichteten Gehirnhemisphäre. Indianer oder Eskimos hingegen könnten diesen Mangelzustand kaum ertragen, denn für sie sind die Visionen und Bilder lebenswichtig, sie bestimmen ihr Leben in einem uns kaum vorstellbaren Maße, jedenfalls in ihren klassischen Gesellschaften. Ohne Traumbilder würden sie weder ihre Vision noch ihre Berufung finden, ihr Totemtier nicht und wohl auch kaum ihre Bestimmung.

Patricia Garfield, die sich intensiv mit Träumen auseinandergesetzt und Bücher wie „Traummandala“ darüber geschrieben hat, berichtet von der Kultur der Senoi, denen die Träume der Nacht wichtiger gewesen sein sollen als die Aktivitäten des Tages. Die zwar nicht in matriarchalen Strukturen lebenden Aborigines Australiens kennen die sogenannte Traumzeit, die völlig anderen Gesetzen gehorcht und diesen Menschen vom Ursprung, wie der Name eigentlich übersetzt heißt, enorm wichtig ist. In matriarchalen Kulturen, die Mondgöttinnen anbeteten, dürften diese Botschaften aus der dunklen Hälfte unseres Bewusstseins generell wichtig genommen worden sein. Heute finden unsere Archäologen zwar kaum Spuren aus dieser Zeit und auch die Senoi leben heute schon längst nicht mehr auf diese Weise, doch spricht vieles für solch eine frühe matriarchale Zeit. Aus Funden wissen wir nur weniges über den Zeitraum zwischen 35 000 bis 10 000 vor Christus, aber doch soviel, dass in dieser Zeit fast ausschließlich weibliche Figuren dargestellt wurden, wie etwa die Venus von Willendorf. Eine Zeit, die ausschließlich die weibliche Hälfte der Wirklichkeit betont, muss wohl ein Matriarchat gewesen sein. Die Nacht mit ihren Träumen gehört zum weiblichen Pol der Wirklichkeit und wurde in solch frühen Zeiten sicher ganz anders als heute geschätzt.

Wir modernen Menschen der patriarchalen Industriegesellschaft verachten sie geradezu und bringen uns damit um Wesentliches wie Regeneration und seelischen Tiefgang. Sprechen wir heute von Nachtleben, meinen wir, dass wir eigentlich das Gegenteil, nämlich dass wir das Leben des Tages mit künstlichen Mitteln in die Nacht hinein ausdehnen. Die Nacht mit ihrem Anspruch an Regeneration in den Tiefschlafphasen und seelischer Verarbeitung in den Traumphasen stehlen wir damit die notwendige Zeit. Zumal wenn wie sie am nächsten Morgen mittels Wecker beenden, bevor Regeneration und seelische Verarbeitung zu ihrem natürlichen Ende durch Aufwachen kommen. Eigentlich ist der Wecker, so betrachtet, ein schreckliches Instrument, das uns um ausreichende Erholung und Verarbeitung unserer Lebensthemen bringt. Wenn wir jeden Tag beginnen, ohne mit der Verarbeitung des letzten fertig geworden zu sein, werden wir über lange Zeit ein enormes Defizit in dieser Hinsicht aufbauen. Auch der Regenerationsmangel, der sich solcherart aufbaut, ist nicht zu unterschätzen. Tatsächlich decken Psychotherapien dann auch häufig Probleme in dieser Hinsicht auf.

Bei einfachsten geführten Meditationen schlafen viele Menschen selbst auf Stühlen sitzend ein, so groß ist ihr Schlafdefizit. In der Meditation nimmt sich der Organismus, was er am meisten braucht, und das ist nicht selten Schlaf. Schlafdefizite lassen sich aber nach einer gewissen Zeit nicht mehr einfach durch Schlafen ausgleichen. Nach einer Dienstphase von 40 Stunden ohne Schlaf, wird man zwar etwas länger schlafen, aber nicht 25 Stunden, sondern eher 9 statt 7. Das aber reicht zum Überleben, aber nicht zu voller Regeneration. Insofern wäre es gut, sich über den Weg der Meditation von solchen Defiziten zu befreien. Durch die zunehmende Entspannung, die bei geführten Meditationen wie von selbst und ohne Anstrengung geschieht, taucht das Bewusstsein ganz nebenbei und fast unbemerkt in tiefere Trance-Ebenen ab. Hier wird es nun möglich, nachzuschlafen. Sinnvoller als die Sitzposition wäre es in diesem Fall gleich von Anfang an die liegende Position (auf dem Rücken) zu wählen, die für geführte Meditationen genauso möglich ist, und die Entspannung sogar noch weiter fördert, weil man nicht einmal mehr den Kopf hochhalten muss. Macht man diese Übung mit einer geeigneten Kassette wie etwa „Heilungs-Rituale“ kann es sein, dass man während der Übung regelmäßig einschläft, wobei man übrigens die gesprochenen Botschaften trotzdem in den tieferen Schichten des Unbewussten aufnimmt. Zu empfehlen wäre nun, jedes mal wenn man aufwacht, die Kassette wieder umzudrehen und von vorne zu beginnen, solange bis man nicht mehr einschläft. Klarerweise empfiehlt sich ein Feiertag für solch eine Aufarbeitung des eigenen Schlafdefizites. Wer dann eine ganz Meditation ohne einzuschlafen durchhalten kann, wird erleben, wie viel wacher und lebendiger er sich nach dieser einfachen Kur fühlt. Leider bemerken wir bewusst die Entstehung eines Schlafdefizites kaum, sondern gewöhnen uns vielmehr allmählich an diesen unteroptimalen Zustand. Haben wir den Regenerationsmangel dann aber behoben, erleben wir sehr wohl den Fortschritt hinsichtlich Wachheit und Vitalität.

Ein zusätzlicher Vorteil der geführten Meditationen liegt darin, dass sie uns mit der Zeit auch den bewussten Zugang zu unseren nächtlichen Träumen wieder erschließen. Denn die inneren Bilder, die wir solcherart tagsüber erleben, sind nahe verwandt mit den nächtlichen Traumbildern und kommen von denselben seelischen Ebenen. Fangen wir an, innere Bilder wieder wichtig zu nehmen und lernen solcherart auch unsere Träume zu schätzen, werden diese auch leichter ins Bewusstsein dringen und uns so wichtige Botschaften aus unserer Innenwelt übermitteln.

Wir heutigen wissen auch Jahrzehnte nach Freud über unser Traumleben verblüffend wenig Bescheid. Viele Menschen erinnern bestenfalls den letzten Traum der frühen Morgenstunden, der zumeist der oberflächlichen Verarbeitung von Themen des letzten Tages dient. In diesen Bereich gehört denn auch die häufige Morgenerektion bei Männern, die in ihrer Bedeutung sicherlich nicht über zu bewerten ist, aber immerhin doch auch belegt, dass „er“ in dieser Hinsicht etwas kurz gekommen ist.

Ein alter Indianertrick kann helfen, diese noch am leichtesten zu erwischenden frühmorgendlichen Träume zu erfassen. Wenn man sich schon beim Einschlafen vornimmt, beim Aufwachen keine Bewegung zu machen, gelingt es leichter den letzten Traum noch zu erwischen, denn häufig sind es die ersten Bewegungen, die ihn verscheuchen.

Die Oberflächlichkeit dieser Träume der frühen Stunden ist jedoch nicht zu verallgemeinern und auf die ganze Nacht zu übertragen. In der sogenannten Geisterstunde kommen viel tiefere Themen zum Tragen. In den Träumen könnten wir ohne weiteres eine Art Psychotherapie in eigener Regie sehen, die jede Nacht stattfindet und uns wenigstens annähernd im seelischen Gleichgewicht hält. Die schlimmen Folgen der Unterdrückung von Träumen, wie sie sich bei den Versuchen im Schlaflabor zeigen, sind nur ein Indiz dafür. Ein anderes wären die Halluzinationen, die sich bei (übertrieben) stillenden Müttern einstellen, die nicht mehr länger als eine Stunde zum Schlafen kommen und so alle Traumphasen verpassen. Sie bräuchten keine Psychopharmaka wie Haldol sondern lediglich ausreichenden Schlaf.1

An dieser Stelle mag auch klar werden, warum von der „Bearbeitung“ von Schlafstörungen mit chemischen Mitteln so sehr abzuraten ist. Schlafmittel behindern oder unterdrücken die Traumphasen und bringen eher eine Art chemisch herbeigeführte Bewusstlosigkeit zustande, die wir nicht mit regenerierendem Schlaf verwechseln sollten. Einschlafstörungen, die das Gros der Probleme ausmachen, rühren vornehmlich daher, dass immer mehr Menschen Probleme mit dem Loslassen haben und sich eben nicht so einfach dem weiblichen Pol des 24-stündigen Tages anvertrauen können. Jenem Bereich, wo wir nichts mehr kontrollieren und regeln sollen, wo uns alles geschieht und wir passiv werden müssen bzw. dürfen. Menschen, die gewohnt sind, alles zu kontrollieren, zu regeln und zu managen, neigen besonders leicht zu Problemen des Loslassens am Ende des Tages. Auch hier könnten die schon erwähnten geführten Meditationen eine wertvolle Hilfe darstellen, ebnen sie doch immer wieder spielerisch den Weg über die Schwelle vom wachen Tagesbewusstsein zu jenem Bereich der inneren Bilder, die desto leichter aus unseren Tiefen aufsteigen, je mehr wir loslassen von allem Wollen und Sollen.

Auch all die anderen Hausmittel zum Einschlafen sind noch besser als chemische Versuche und zielen letztlich darauf, aus dem männlich aktiven Yang- oder Tagespol in den weiblich passiven Yin- oder Nachtpol hinüber zu gelangen. Ein Spaziergang vor dem Schlafengehen lenkt das Blut aus dem Gehirn in die Skelettmuskulatur um. Die Kneippschen Empfehlungen von Wechselduschen bis zu Fußbädern ziehen das Blut ebenfalls aus dem Hirnbereich ab, um es in die Haut, unser größtes Organ zu verschieben. Eine andere Methode wie das Zählen an sich unzähliger Schäfchenwolken an einem vorgestellten Sommerhimmel macht das kontrollbegierige Großhirn müde und lässt es irgendwann abschalten. Ganz ähnlich wirkt jene Zählmethode, bei der man bis 100 zählt und dann wieder rückwärts und wieder vorwärts bis schließlich doch Hypnos, der Gott des Schlafes seine beruhigenden Fittiche über einen breitet. Mit die schlechteste Einschlafvorbereitung ist sicherlich Fernsehen mit seiner Flut fremder, zum größten Teil aufwühlender Bilder. Wobei auch nur dort Alpträume ausgelöst werden können, wo unverarbeitete Schattenthemen unter der Oberfläche des Bewusstseins schwelen. Ein sehr effektive Methode des Einschlafens ist die Verbindung der inneren Bilder in einer geführten Meditation mit denen der Träume wie auf der CD „Schlafprobleme“. Auf diese Weise werden sowohl das Einschlafen gefördert wie aber auch die Schlaf verhindernden Probleme auf leichte und beschwingte Art und Weise gelöst.

Ein weites Kapitel ist das der Traumdeutungen. Natürlich lassen sich Träume deuten und wissenschaftliche Behauptungen, dass sie bedeutungslos seien, sagen zwar einiges über Wissenschaftler aus, aber nichts über Träume und ihre Bedeutung. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen für die Wichtigkeit großer Träume. Allerdings ist die Sprache der Träume eine ganz andere als die des Tagesbewusstseins. Statt Logik herrscht hier Analogik, Abstraktionen spielen kaum eine Rolle, dafür sind Bilder umso wichtiger. Die Träume bedienen sich der Sprache der Seele, die ich in früheren Artikeln in der Co´med auch schon als die der Krankheitsbilder dargestellt habe. Natürlich gibt es auch hier Nachschlagemöglichkeiten, aber noch wichtiger ist die eigene Ein- und Wertschätzung der Traumbilder.

Ich würde vorschlagen, den Botschaften der Traumbilder ganz ähnlich wie denen der Krankheitsbilder zu begegnen mit Fragen wie: Was sagt mir dieses Symbol gerade jetzt in dieser Phase meines Lebens? Wie ist mein Gefühl bei diesen Traumbildern und was hat das mit meinem augenblicklichen Lebensgefühl zu tun? Eine ganz gute Möglichkeit ist auch, die Träume einfach mittels der inneren Reisen als Tagträume weiterzuträumen und so in eigener Regie ihre Bedeutung zu klären und ihre Botschaften zu lesen. Erfahrene Träumer träumen auch manchmal den Traum in der nächsten Nacht weiter, bis er ihnen noch klarer wird oder ein Ende und damit eine Lösung findet.

Würden wir unsere Träume wieder bewusst erleben, könnte unser Leben sehr an Tiefe gewinnen, weil wir viel mehr Zugang zu unseren archetypisch weiblichen seelischen Anteilen bekämen. Sogar für den männlich intellektuellen Pol in uns könnte auf lange Sicht noch einiges Spannende abfallen. Denn wer regelmäßig seine Träume erinnert, wird über kurz oder lang auch einmal ein besonderes Traumgeschenk erhalten. Es kann einem nämlich passieren, dass man im Traum plötzlich merkt, dass man träumt, man erwacht sozusagen im Traum, ohne die äußeren Augen zu öffnen. Ab jetzt kann man – ohne von Raum und Zeit länger beschränkt zu sein – ganz bewusst und aktiv seinen Traum selbst gestalten. Es ist nun ohne weiteres möglich, zu fliegen und jeden Teil der Welt in Gedankenschnelle zu besuchen. Da man gleichsam unbegrenzt und unbehindert von den Zwängen der realen Welt ist, kann man Unglaubliches erleben bis hin Erkenntnissen, die viel tiefer reichen als jene, die man überlegend erhält. Ja, man kann ein Gefühl bekommen für die alte Spruchweisheit, den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf. Solches Erwachen in tieferer Hinsicht ist den Menschen des Ostens ein generelles Anliegen und nicht umsonst nennt man den Buddha den Erwachten. Yogaschlaf meint in Indien jenen Schlafzustand, wo man den Körper zur Ruhe im Bett ablegt, selbst aber mit der Seele auf Reisen geht. So mag sich schon lange vor dem Tod, Thanatos, der übrigens mythologisch ein Bruder von Hypnos, dem Schlaf, ist, ein Gefühl für die Unbegrenztheit und die Unsterblichkeit der menschlichen Seele einstellen.

In meinem letzten Buch „Leichtigkeit des Schwebens“ zeige ich, wie diese Traumbilderwelten uns Zugänge zu einer ganz anderen nicht nur leichteren sondern geradezu beschwingten Lebensweise eröffnen könnten. Die Nacht mit ihren Bildern ist letztlich genauso wichtig wie der Tag für unser Wohlbefinden – im Augenblick sogar noch ungleich wichtiger, einfach weil wir hier viel größere Defizite haben. Auf den Schwingen der inneren und der Traumbilder haben wir einen geradezu idealen Zugang zu unseren Seelenbilderwelten. Jede Nacht wird da zur Chance wie auch jede geführte Meditation.