The Power

Das Verdienst von Ronda Byrne ist ohne Zweifel ein breites Feld für die Schicksalsgesetze bereitet zu haben. Ihr Drama ist, dass sie das zweitwichtigste der Schicksalsgesetze für das wichtigste und einzige hält. Diese Verkennung der Wirklichkeit wird in ihrem neuen Buch „The Power“ noch krasser. Halbwissen ist leider oft noch gefährlicher als Unwissenheit.

Wie sie sich unter den Schicksalsgesetzen mit dem Gesetz der Anziehung oder Resonanz das einfachste heraussuchte und es als einziges weltbekannt machte, macht sie im neuen Buch weiter. Sie erklärt gebetsmühlenartig mit dem aus „Secret“ bekannten Widerholungssystem die Liebe zum Allheilmittel. Das ließe sich noch nachvollziehen, aber sie will damit das Schicksal und das Glück zwingen. Man brauche nur intensiv genug zu lieben, um alles zu bekommen, was man wolle. Ausgehend von ihrem funktionalen Begriff von Liebe, will sie ihre Leser animieren, Wunder am Fließband zu wirken.

Schon die Vorstellung, man könne Liebe beliebig produzieren und lenken, ist für viele gewöhnungsbedürftig. „Lieben, um zu…“ entspricht nicht gerade der christlichen Vorstellung. „Liebe, denn wenn Du liebst, hast Du die größte Macht“ ist wohl erst recht nicht, was Jesus im Auge hatte.

Da sie dabei auch gar keine Grenzen akzeptiert, wird es rasch anrüchig. Die Liebe auf das Thema Geld zu lenken, um viel Geld zu bekommen, ist schon eine krasse Vorstellung, die die Liebe in meinen Augen ungemein herabwürdigt. Ihre Vorstellung, Menschen, die – nach ihrer Methode – richtig gut lieben könnten, würden damit auch reich, wenn sie ihre Liebe nur genug aufs Geld richteten, macht endgültig deutlich, wes Geistes Kind hier spricht. Nach dieser ihrer Logik sind die Reichen die Liebesfähigen. Auch wenn sie das nicht mehr expressis verbis sagt, macht das die Armen zu den Liebesunfähigen. Dass solch eine abwegige, ja zynische Position bei uns bestsellerfähig ist, ist vor allem traurig.

Nebenbei wäre noch zu erwähnen, dass für die Rechte von „The Power“ unglaubliche Summen gefordert wurden. In solchen Angelegenheiten verlässt sich die Autorin selbst dann offenbar nicht auf die Kraft der Liebe, sondern auf die Kraft der Macht.

Und damit hat sie dann auch Erfolg. Das ist eine Art Erpressung zum Bestseller. Bei so hohen Vorauszahlungssummen ist der Verlag, der dieses Wagnis eingeht, praktisch zum Erfolg gezwungen. Ansonsten droht ihm die große Pleite, die Autorin aber hat in jedem Fall gewonnen, selbst wenn das Buch die verdiente Pleite erlebte, bliebe ihr die gewaltige Vorauszahlung in jedem Fall. Ich rechne es Gerhard Rieman, der noch „The Secret“ verlegt hatte, hoch an, dass er sich aus inhaltlichen und den erwähnten Gründen dieser „Power“ verweigert hat.

Das Buch beginnt und endet wie sein Vorgänger mit unglaublichen Versprechungen, die Autorin verspricht im wahrsten Sinne des Wortes das Blaue vom Himmel. Wer auf ihre Art anfange, alles zu lieben, um alles zu bekommen, werde im Handumdrehen reich und erfolgreich, begehrt und glücklich. Ohne das ausdrücklich zu sagen, straft sie damit gleich von Anfang an so ziemlich alle Religionen und Traditionen ab wie etwa Buddhismus und Christentum. Die christliche Leidensgeschichte wirkt eigenartig daneben, kann man es doch mit Ronda Byrnes Power-Liebe soviel leichter haben. Christus folgt dem zeitlosen Muster der Religionen und Traditionen „Niedergefahren ins Reich der Toten, am dritten Tage auferstanden.“ Also auch der Heiland muss zuerst hinunter ins Schattenreich, um anschließend aufzuerstehen und in den Himmel zum Vater zu gelangen. Der Buddha erkannte das Festhalten als Quelle allen Übels und das Leben als Leid. „The Power“ empfiehlt dagegen die Liebe zur Materie und verrät Tricks, wie diese einmal gewonnen, anschließend festzuhalten wäre.

Rhonda Byrne empfiehlt den Direktflug in den Himmel, für den es zwar keine Präzedenzfälle gibt, der aber allen Entwicklungsfaulen natürlich sehr entspricht.

Damit reiht sie sich in die populäre Reihe der Wunsch-Spezialisten und Best(s)eller beim Universum. Wie die anderen dieser Zunft verschweigt sie, dass man sich zwar alles wünschen und auch alles bestellen könne, es aber am Ende auch bezahlen müsse. Was jede und jeder in jedem Geschäft und jedem Restaurant dieser Welt bestätigt finden kann, dass man zwar alles bestellen dürfe, aber dann auch alles bezahlen müsse, wird hier auf naive und manchmal charmante Art verschwiegen.

Natürlich sind diese einseitigen kostenfreien Geschäfte mit dem Universum bei einfachen Gemütern ungeheuer populär, wenn auch in der Praxis problematisch. Mich erinnert das immer an eine Wahlkampfveranstaltung der Swapo in Namibia, die ich in der Ausklangphase des dortigen Apartheitregimes miterleben konnte. Der schwarze Wahlkämpfer versprach seinen schwarzen Zuhörern sofort nach seiner Wahl Scheckkarten wie sie die Weißen hätten, verschwieg aber geflissentlich, dass dazu Bankkonten mit entsprechender Deckung gehörten.

Die angenehme und überaus populäre These: Du kannst alles haben und Dir steht alles zu, was immer Du willst, du musst es nur genug wünschen und lieben, ist vergleichsweise viel angenehmer als die Wahrheit.

Ein besonderer Trick der Autorin besteht darin, die großen Geister der Weltgeschichte bis hin zu den Religionsstiftern Christus, Buddha und Mohammed deren zeitlose Lehren sie mit ihrem Banalsystem einerseits Lügen straft andererseits verbessern will, dann doch ständig zu zitieren und so für sich und ihr dünnes System in Anspruch zu nehmen. Wie schon beim Vorgängerbuch nimmt sie ihre und die Zitate anderer großer Geister und mischt sie zwischen diejenigen von US-Erfolgsgurus, die schon als Zeugen für „The Secret“ dienten.

Damit bedient sie sich der Gedanken der Meister und großen Denker als Zeugen für ihr esoterisches Banaltheater, obwohl deren Religionen und Philosophien unvergleichlich tiefer und weiter reichen als der dargebotene Resonanz-Gesetz-Verschnitt.

Christus, Buddha und Mohammed damit in Verbindung zu bringen, ist eine Zumutung in jeder Hinsicht, aber auch Teillard de Chardin und George Bernard Shaw werden hier meilenweit unter ihrem Wert geschlagen und schlicht missbraucht.

Keiner dieser großen Geister kann sich noch wehren, aber ich bin überzeugt, sie wären nicht einverstanden, für solch eine Rattenfänger-Methode herhalten zu müssen, auch wenn die Autorin sie wirklich in raffinierter Weise mit kleinsten Gedankenausschnitten gekonnt für ihre Zwecke einsetzt. Als Zitat ist das jeweils in Ordnung, aber Christus und Buddha in einem Werk zu bemühen, das auf das Gegenteil ihrer Lehren hinausläuft, bleibt in meinen Augen blasphemisch. Große Geister wie Shaw und Chardin für ein so flaches System zu bemühen, ist mindestens unseriös.

Und doch in einer Zeit der Krisen und des Jammerns hört man diese einfachen Hoffnungsblasen natürlich gern: Alles ist möglich für jeden und so kinderleicht. Die Autorin verspricht einfach alles und schon gleich zu Beginn mit leichter Hand und illustriert mit kindlichen anmachenden Bildern.

In einem Fort von Liebe sprechend, differenziert sie diese kein Bisschen. Es ist bei ihr alles ein und dieselbe Liebe, diejenige, die zum Gesetz der Anziehung gehört, mit der man Geldberge auf sein Bankkonto zwingt, partnerschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg erzwingt und das Schicksal nötigt, sich den eigenen Wünschen zu fügen.

Die Griechen kannten immerhin noch drei Arten von Liebe, die göttliche Agape, die freundschaftliche Philia und die menschliche Erotik. Rhonda Byrne macht es alles mit ihrer funktional in jede Richtung verbiegbaren Allzweckliebe, die so zur Allzweckwaffe wird in einem wundervoll erfüllten Leben. Wer sich so das Blaue vom Himmel wünscht, wird sicher sein blaues Wunder erleben…

In meinen Augen bringt sie mit diesem Buch, das letztlich ein Banal-Verschnitt von Prentice Mulford ist, die ganze spirituelle Szene in Verruf. Alles Positive über positives Denken erzwingen und den Schatten verdrängen – die alten Botschaft, nur das jetzt auch noch das Wort Liebe dafür herhalten muss …

In Anbetracht dieser Situation fällt mir der Ausdruck eines deutschen Philosophen ein, der Esoterik als die „Philosophie der dummen Kerle“ bezeichnete. Hier fände er jedenfalls viel weiteren Stoff. Ein Irrtum ist auch ausgeschlossen, denn die Autorin wiederholt wie schon im Vorgängerbuch auf jeder Seite und das ganze Buch über ihre Gedanken gebetsmühlenartig.

„The Power“ wird wohl einen noch größeren Schatten nach sich ziehen als „The Secret“ in Gestalt von Enttäuschten und Frustrierten und einer riesigen Schattenproduktion. Es ist tatsächlich ein Buch, um den Schatten, den es sich so engagiert zu verdrängen bemüht, hervor zu bringen.

Rhonda Byrnes Weltbild ist wirklich einfach:

Positiv sei alles, was wir wollen und lieben, negativ alles, was wir nicht wollen und nicht lieben. So leicht ist es! Darüber hinaus empfiehlt sie alle negativen Worte aus dem Vokabular zu streichen, kritische Gedanken sowieso und nur noch positiv zu denken. Der Schatten lässt dann später grüßen.

Bei mir hat das Buch ganz deutlich das Gegenteil bewirkt. Selten wurde die Welt so einseitig und einfältig beschrieben. Aber es wird wohl viele über die fällige Enttäuschung dazu bringen, sich tiefer und nachhaltiger mit dieser Welt und ihren Gesetzmäßigkeiten zu beschäftigen und wird so auch wieder etwas wirklich Positives leisten.

Das Buch kommt und folgt „The Secret“ weil es „geht“ – so wie die Schweinegrippe der Vogelgrippe folgte, weil sie gut ging und die Rechnung aufging…

Die Frage lautet, wie lange fallen Menschen darauf herein?

Ich bin mir sehr bewusst, mich mit dieser Buch-Besprechung bei sehr vielen von Ihnen in die Nesseln zu setzen, und als Martin Frischknecht und Jürgen Lipp mich fast gleichzeitig zu dieser Arbeit animierten, hatte ich schon gemischte Gefühle. Als Arzt will ich natürlich nicht nur meine Patienten, sondern auch meine Leser gut behandeln, allein das zwingt mich, Ihnen liebe Leser, bezüglich der Schicksalsgesetze reinen Wein einzuschenken. Ich bin froh und dankbar, dass Rhonda Byrne das zweitwichtigste der Schicksalsgesetze, das der Anziehung, so ungeheuer populär gemacht hat, aber ich fühle mich verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, dass es mit dem Gesetz der Polarität noch ein wichtigeres gibt. Bei dessen Missachtung droht man Opfer des „Schattens“ zu werden.

Zwei amerikanische Schattentherapeutinnen Byron Katie und Debbie Ford haben erfrischende Alternativen zu Rhonda Byrne. Erstere rät dazu zu „lieben, was ist“, statt das Schicksal mit Liebe zu zwingen. Letztere sagt über Positivdenken und die Arbeit mit Licht-Liebe-Affirmationen sinngemäß: Wer über Mist Eiskrem streicht, wird doch immer wieder auf den Mist zurückkommen.

Dem hab ich wenig hinzuzufügen. Unsere eigentlichen Schätze liegen in unseren Schattenseiten. Diese zu konfrontieren und die dort in Unterdrückung und Blockaden gebundene Energie zu heben und wieder dem Leben zuzuführen, macht Freude und gibt wirklich Kraft.

Wer die von Rhonda Byrne empfohlene Abart funktionaler Liebe in großem Ausmaß anwendet, wird Schatten in gewaltigem Stil schaffen.

Die gute Nachricht aber ist, der von der Autorin mit ihrem ersten Buch bereitete Boden kann wunderbar genutzt werden, sich mit allen wesentlichen Schicksalsgesetzen auszusöhnen und mit der Kenntnis der Spielregeln seinem Glück in Lila, dem kosmischen Spiel, Vorschub zu leisten.

Und das Gute am Schlechten: Rhonda Byrne singt das hohe Lied der Dankbarkeit und animiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu großem Dank und hat damit einfach nur Recht. Wenn jeder Gedanke ein Danke wird, nimmt das Leben eine wundervolle Wendung.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und hoffe Ihnen Mut gemacht zu haben. C.G. Jung sagte: Du musst Dich entscheiden, willst Du gut sein oder ganz.