Sucht und Suche 2

In alten Zeiten wurde jedes Krankheitsbild als Sucht betrachtet. Das mittelhochdeutsche Wort „suht“, das wie unser heutiges Wort Sucht ausgesprochen wurde, bedeutete noch Krankheit schlechthin. In der Medizin des letzten Jahrhunderts finden wir noch Spuren dieses Verständnisses, die sogar bis in die heutige Zeit reichen, etwa wenn wir bei Leberentzündung von Gelbsucht sprechen. Es ist noch nicht so lange her, da hieß die Epilepsie Fallsucht, die Tuberkulose Schwindsucht, die agitierte Psychose Tobsucht, die Ödemneigung Wassersucht und die Anämie Bleichsucht. Heute begrenzen wir Sucht auf einen zunehmend kleiner werdenden Teil der Medizin. Selbst innerhalb der Suchtkrankheiten grenzen wir immer mehr aus, sodaß die bürgerliche Mehrheit jedenfalls nicht mehr mitbetroffen ist. Viele setzen Sucht heute schon gleich mit Drogensucht und meinen hier eigentlich auch nur die Heroinsucht, und sicher nicht den eigenen Tranquillizermißbrauch. Die Nikotin- oder Arbeitssucht als eigentliche Schwerpunkte unseres Suchtproblemes jedenfalls fallen schon nicht mehr darunter. Letztlich wollen wir von Sucht nichts wissen, so wie wir überhaupt von Krankheitsbildern nichts wissen wollen, obwohl sie uns soviel zu sagen hätten.

Sucht hat mit Suche zu tun, und so finden sich in der Tiefe jeder Sucht Hinweise auf fehlgeschlagene Versuche, den eigenen Lebensweg zu finden. Früher war die Suche das Wichtigste im Leben der Menschen, und so war es nicht verwunderlich, daß man Probleme in diesem Bereich sehr wichtig nahm, ja für lebensentscheidend hielt. Insofern wurden Krankheitsbilder, die deutlich machten, daß etwas auf dem Lebensweg nicht stimmte, konsequent in Beziehung zur gescheiterten Suche gebracht und im Hinblick auf dieses wichtigste Thema Sucht genannt. Heute dagegen, wo große Teile der Bevölkerung die Suche nach dem eigenen Lebenssinn und -weg für überflüssig halten, lehnen wir die Beziehung zwischen Krankheitsbildern und Sucht ab.

Nach „Krankheit als Sprache der Seele“ sinken zentrale, aus dem Bewußtsein gedrängte Themen, ins Unbewußte bzw. in den Schatten und müssen sich später irgendwo anders Raum verschaffen. Dafür kommt der Körper in Frage als Bühne für die Fülle der Krankheitsbilder, aber auch die Psyche und das soziale Verhalten. Und so haben wir heute, wo die Mehrheit gar nichts mehr von der Suche wissen will, mehr Suchtprobleme als zu allen (überlieferten) Zeiten. Man könnte sogar noch schärfer formulieren und feststellen, daß die bürgerliche Gesellschaft mit großem Abstand das höchste Suchtpotential hat und ihre Kinder unwissend, aber nichts desto weniger zielstrebig in die überall entstandenen Suchtszenen treibt. Wo Suche zu kurz kommt, droht Sucht. Insofern verdienen wir uns unser enormes Suchtpotential redlich.

Wollen wir mit diesem Problem je fertig werden, müßten wir uns ihm zuerst einmal zuwenden und zwar auf allen Ebenen. Im Augenblick verdrängen wir die offensichtlichsten Bereiche der Sucht nicht nur aus dem gesellschaftlichen, sondern auch aus dem Bewußtsein der Medizin. Medizinstudenten lernten alles über die Punktion der Leber und die Auswertung des zu Tage geförderten Zellmaterials, damit sie das jeweilige Stadium einer Leberzirrhose bestimmen können. Immerhin ist die Leberzirrhose die vierthäufigste Todesursache in Österreich. Dagegen lernen sie wenig über den Alkoholismus, der der Leberzirrhose meist zugrunde liegt. Die internistischen Professoren halten das für ein psychiatrisches Problem und die Psychiater haben dazu fast nichts zu sagen. Das Wenige erschöpft sich in Allgemeinplätzen wie der Alkoholiker sei willensschwach, man müsse ihm den Alkohol verbieten, was aber kaum Erfolg habe. Zwar gibt es eine Reihe Alkoholiker als Patienten in fast jeder Psychiatrie, aber sie werden eigentlich nicht behandelt, sondern ihr Elend lediglich verwaltet. Ähnlich erlebte ich noch den Umgang mit sogenannten Drogensüchtigen. Der körperliche Entzug wurde in die Wege geleitet, wohl wissend, daß man beim wichtigeren zweiten Schritt, der seelischen Entwöhnung, nichts zu bieten hatte und deshalb auch scheitern würde. Leider hat sich daran bis heute nichts geändert. Verantwortlich für diese Misere ist sicher nicht Böswilligkeit, sondern schlichte Hilflosigkeit. Man müßte den in der Sucht gestrandeten Suchenden wieder auf die Suche verhelfen, da aber ist die Schulmedizin prinzipiell überfordert, fehlt ihr doch schon das Verständnis für den Zusammenhang zwischen Sucht und Suche. In dieser unangenehmen Situation wird ignoriert und verdrängt, wie in der übrigen Gesellschaft, deren typisches Aushängeschild die herrschende Medizin ist. Erst wenn einem das Ausmaß dieses kollektiven Verdrängungsprozesses bewußt wird, bekommt man auch ein Gefühl für die Brisanz der uns umgebenden und betreffenden Suchtproblematik.

Nachrichtensprecher verkünden mit häßlicher Regelmäßigkeit einmal im Jahr die Zahl der Drogentoten und meinen damit ausschließlich jene, die an Heroin gestorben sind. Daß im selben Zeitraum deutlich mehr Menschen durch Alkohol und zwar allein im Straßenverkehr umgekommen sind, verschweigen sie mit penetranter Regelmäßigkeit. An Alkohol insgesamt sterben pro Jahr ca. 10 mal soviele Menschen, ohne daß es erwähnenswert erscheint und jedenfalls nicht im selben Atemzug mit Suchtproblemen. Da wundert es dann auch kaum noch, daß die ca. 80 mal höheren Zahlen der Tabaktoten gleich mit unterschlagen werden, von den Tausenden, die an ärztlich verordneten Drogen süchtig geworden und schließlich gestorben sind, ganz zu schweigen. Wer sollte sie auch zählen? Wer an Arbeitssucht, Spiel- und Konsumsucht, Hab- und Herrschsucht zugrunde geht, stirbt offiziell zumeist an Herzversagen.

Die Gründe liegen auf der Hand: Es ist annähernd jeder betroffen, und in dieser Gesellschaft gibt es fast nichts, woran man nicht süchtig werden könnte. Vom Fernsehen, über das Einkaufen bis zu Sex und Sport ist inzwischen schon beinahe alles dabei. Dabei sind es gar nicht die Suchtmittel, die das Problem darstellen. Wer nicht mehr (nach dem Sinn und Ziel seines Lebens) sucht, dem kann praktisch alles zum Suchtmittel werden. Umgekehrt waren die klassischen Suchtmittel lange nicht so gefährlich wie wir sie gerne hinstellen, solange ihre Benutzer sie im Rahmen des Kultes auf der Suche einsetzten. Noch heute gibt es Bergstämme in Thailand, die ausgiebig Opium im Rahmen ihrer Rituale konsumieren. Opiatsüchtig werden sie davon aber nicht. Auch in der Geschichte unserer Kultur gibt es entsprechende Hinweise. In der Antike war der Dionysos-Kult auf Alkohol als Kultdroge aufgebaut. Die Menschen berauschten sich am Wein, um in Ekstase ihre Orgien zu feiern. Von einem Alkoholproblem in der Antike ist uns aber nichts bekannt. Die Überlieferung ist hier durchaus gut genug, daß wir es wüßten, wenn die Straßen von Athen und Korinth von Sandlern und Clochards gesäumt gewesen wären. Nicht einmal die Indianer, die viel stärkere Tabake rauchten, bekamen davon Gefäßverschlüsse oder Lungenkrebs, solange sie eingebunden in den Rahmen ihrer schamanistischen Tradition rauchten. Das mag materialistisch gesinnten Menschen völlig unglaublich erscheinen und doch ist es wahr: wir können dergleichen mit Hilfe unserer raffinierten modernen Untersuchungsmethoden durchaus auch rückwirkend noch feststellen.

Nicht die Suchtmittel also sind das Problem, wie es Mediziner und erst recht Politiker hinstellen, sondern die Einstellung bzw. der Mangel an ritueller innerer Haltung auf der Lebensreise. An jungen Menschen und ihren Suchtmitteln kann man das in den Schatten gesunkene Bedürfnis nach Suche und Ekstase noch ablesen, weshalb sie wohl auch als besonders verdächtig gelten. In der Hippiezeit war die Suche noch ein ausgesprochenes Thema und so wurden auch entsprechende psychodelische Drogen konsumiert, die praktisch ohne körperliches Suchtpotential, mächtige innere Erfahrungen möglich machten. Aber schon Jahrzehnte vorher hatte Aldous Huxley mit ähnlichen Drogen aus schamanistischen Traditionen wie Meskalin und Peyote Erfahrungen gemacht und davon literarisches Zeugnis abgelegt. In Worten wie LSD-Trip kommt der Weg noch zum Ausdruck, wenn auch hier bereits die Gefahr aufscheint, vom Weg ab und auf einen Trip zu geraten. Immerhin hatten seriöse Forscher wir der Psychiater Stanislav Grof damit Patienten zu Reisen in die eigenen Bilderwelt angeregt und ihnen innere Seelenwelten eröffnet. Selbst bei so extrem gefährlichen Drogen wie Heroin sieht man am Namen noch den ursprünglichen Anspruch. Der Heros und die Heroine zielen auf die Heldenreise des Lebens und die einschlägige Droge vermittelt für einen Moment das Gefühl von Unbesiegbarkeit und Euphorie, fast so als würde man nicht in die Flucht, sondern auf die Suche nach dem Ziel des Lebens gehen. Der herumgehende Joint verbindet alle Mitrauchenden zu einem verschworenen Kreis und läßt den Ritualcharakter deutlich anklingen. Man braucht nur an das Kalumet, die indianische Friedenspfeife, zu denken, die ebenfalls im Kreis herumwandert, um dem Erdkreis und der Götterwelt, in die der ausgesandte Rauch aufsteigt, den Frieden zu verkünden. Auch wenn diese tiefen Wurzeln bei vielen der modernen bürgerlichen Suchtformen nicht mehr so leicht zu durchschauen sind, können sie doch oft noch gefunden werden.

Machen wir die Suchtmittel verantwortlich für das Elend der Sucht, lenken wir vom eigentlichen Thema ab, und das dürfte auch das Hauptanliegen bürgerlicher Drogenpolitik sein. Man projiziert das eigene Problem auf eine Randgruppe wie die Heroinabhängigen und bekämpft den eigenen Schatten an ihnen. Solche Sündenbockpolitik ist allerdings nicht nur für die Ausgegrenzten gefährlich, sondern auch für die Ausgrenzenden, weil sie im Kampf an der äußeren Drogenfront überhaupt nicht auf die Spur der eigenen Problematik kommen. Dagegen war der ursprüngliche Umgang mit dem Sündenbock, wie er in archaischen Gesellschaften gepflegt wurde, geradezu anspruchsvoll. Dort kannte man auch schon Probleme, mit denen man kaum fertig wurde, aber man war sich dessen immerhin bewußt. So wurde ein Schaf- oder Ziegenbock ausgewählt und das ganze Jahr über projizierte man ganz bewußt alles Böse auf ihn, um ihn – wenn die Zeit gekommen war – feierlich den Göttern zu opfern. Das mag keine Lösung für drängende Probleme sein, steht aber auf alle Fälle weit über der heute üblichen unbewußten Projektionsorgie, die beide Seiten, die Heroinabhängigen und die projizierenden Bürger ohne Chancen läßt.

Wo aber lägen die Chancen bei diesem heiklen Thema? Die Psychiatrie verrät uns ganz richtig die Kriterien der Sucht. Da wäre die Gewöhnung an das Suchtmittel, das Unbehagen und die Angst, wenn man es nicht bekommt und dann vor allem die Dosissteigerung. Wen wir diese Kriterien an ganz unverdächtige Bereiche unserer Gesellschaft anlegen wie etwa den Energieverbrauch, können wir bereits Suchttendenzen orten. Wir haben uns so an den Überfluß an Energie gewöhnt, daß sofort Angst aufsteigt bei dem Gedanken, mal nicht mehr genug davon zu haben. Daß die Lichter ausgingen, wenn kein Atomstrom produziert wird, ist etwa das Hauptargument der Atomlobby, das dem Normalverbrauchern in der Nachbarländern bereits soviel Angst einjagt, daß er jeder Gefährdung unserer gemeinsamen Zukunft per Wahlzettel zustimmt. Die jährliche Dosissteigerung können wir schließlich dem Jahresbericht der Energiemultis entnehmen. Wir sind aber nicht nur energiesüchtig, sondern Suchttendenzen sind inzwischen fast überall zu entdecken. Allein das so entscheidende Kriterium der Dosissteigerung ist enorm verbreitet. Das Mehrheitsmedium Fernsehen führt sie uns ständig vor Augen. Ein Mordfall wie in althergebrachten Krimis reicht schon längst nicht mehr, moderne Actionschinken eskalieren die Mordorgien immer weiter ohne absehbares Ende. Aber auch in Industrie und Wirtschaft, ja bis in den Sport ist die Dosissteigerung unübersehbar: immer mehr, immer besser, effektiver, lukrativer, schneller, höher, weiter…..

All diese Aspekte sind Ausdruck der Tatsache, daß wir kollektiv den Weg genauso verloren haben, wie einzelne Süchtige. Das mag schon daran klarwerden, daß bei genauerer Selbstbetrachtung fast jeder Suchtkomponenten bei sich ausmachen wird. Das wiederum ist nicht sehr erstaunlich, denn wer nicht sucht, ist suchtgefährdet, wer aber sucht heutzutage schon wirklich? Daß wir als Gesellschaft mit dem Weg auch das Ziel aus den Augen verloren haben, zeigen uns einfache Überlegungen. Die Politik, die ja nie schuld ist, sondern immer nur Spiegel wie auch die Wirtschaft und die Medizin, behauptet frech und unüberlegt, Fortschritt sei das Ziel. Aber wohin schreiten wir denn fort? wäre bei diesem Ziel doch die entscheidende Frage. Verblüffender Weise kümmert sich in der Politik gar niemand ums Ziel und so kommt es, daß der Fortschritt immer weiter fortschreitet von den Menschen, denen er angeblich dient. Diese Gesellschaft ist so süchtig und ziellos wie die meisten ihrer Mitglieder.

Die einzige Suchttherapie, die wirklich tief genug greifen würde, müßte die Betroffenen wieder zu Suchenden auf dem individuellen Lebensweg machen. In sogenannten primitiven Gesellschaften, die oft in wesentlichen Lebensfragen nicht annähernd so primitiv sind wie wir, die wir uns so gern als hochentwickelte Zivilisation bezeichnen, gibt es trotz offensiven Umgangs mit Drogen keine Suchtphänomene, solange der Kult intakt ist und die Drogen in Rituale der Suche eingebunden sind. Wo der Kult und damit die Kultur verfällt, Symbole ihre Bedeutung verlieren, Rituale in leeren Formen erstarren und untergehen und statt offensiver Suche Fluchttendenzen in den Vordergrund treten, steigt das Suchtpotential ins Unermeßliche. Die Suche anzuregen, wäre eigentlich Aufgabe der Religion und auch der Medizin, die sich ihrem Namen entsprechend um die Mitte des Menschen und das rechte Maß zu kümmern hätte. Heute sind breite Schichten der Bevölkerung ohne religiöse Einbindung und auf Ersatzlösungen wie Psychotherapie angewiesen.

Wenn wir sie schon nicht mehr anleiten können, hätten wir wenigstens die Chance, jungen Menschen die Suche als etwas Positives, über alle Maßen Erstrebenswertes darzustellen. Auch Ekstase sollten wir, statt sie zu verteufeln als menschliches Lebensrecht durchschauen und sie eher anbahnen als behindern. Wer ekstatisch tanzt oder Sport und Musik bis zur Ekstase erlebt, ist jedenfalls wesentlich besser gegen Drogenmißbrauch gewappnet, als gut angepaßte spaßlose Mitglieder der schweigenden Mehrheit.

Um dem Thema wirklich gerecht zu werden, müßten wir das Archetypen- oder Urprinzipienverständnis zurück in unser Leben holen. Dabei handelt es sich um das Wissen um die Urbilder und Aufgaben des Lebens. Es gibt die verschiedensten Urprinzipiensysteme, das für uns sinnvollste ist aber wohl das aus der Antike überlieferte, welches sich der Namen der Planetengottheiten für die 10 Urprinzipien bedient. Mit solchem Verständnis ausgestattet, würden wir das Neptunprinzip hinter der Suchtproblematik erkennen. So ließe sich auch das Geheimnis lüften, warum manche Meditationszirkel und religiösen Gruppen bessere Entzugsergebnisse aufweisen als die Psychiatrie. Das liegt einfach daran, daß sie „zufällig“ etwas anbieten, das dem Neptunprinzip gerecht wird. Alles Neptunische müßte bei Suchtproblemen nicht verboten, sondern geradezu gefördert werden. Süchtige leben dieses Prinzip in ihrer Sucht und in der Flucht, die knapp dahinter auszumachen ist, und damit auf äußerst unerlösten Ebenen. Es ginge nun darum, ihnen andere Wege zu weisen, wie sie diesem Prinzip gerecht werden können und dabei noch Freude und Spaß auf der Heldenreise des Lebens haben. Hier wäre vor allem die Suche nach dem Transzendenten, dem Numinosen und allem Hintergründigen zu nennen, hier kämen Meditation, Philosophie und Religion ins Spiel des Lebens.

Stattdessen wird in der Psychiatrie noch immer das ganze Neptun-Prinzip tabuisiert. Beim verzweifelten Versuch das Umfeld der Sucht trockenzulegen, wird auch alles Neptunische verboten, sodaß die Süchtigen ohne Chance bleiben, sich mit diesem Archetyp auszusöhnen. Dafür werden ihnen andere Prinzipien zur Aufgabe gemacht, vor allem das des Saturn. So kommt es, daß sie sich an Stelle von Meditation und Religion, von Transzendenz und Ekstase mit Ordnung und Disziplin beschäftigen müssen. Was auf den ersten Blick noch ganz logisch aussieht, läuft auf den zweiten darauf hinaus, einem Erstkläßler, weil er nicht addieren kann, Multiplikationsaufgaben aufzutischen. Das führt mit Sicherheit nicht dazu, daß er addieren lernt, und wahrscheinlich auch nicht multiplizieren.

So bringt uns die intensive Auseinandersetzung mit dem Suchtthema wieder in den Bereich der Archetypen, jenen Wurzelbereich, der unter der Oberfläche doch das ganze Geschehen im Sichtbaren bestimmt. Wirkliche Lösungen müssen diese tiefe Ebene einbeziehen und sind deshalb wohl auch so selten.

Uns öffentlich und naiv über Drogenprobleme zu entsetzen, wird langsam wirklich peinlich, insbesondere wenn die Diskussion so penetrante Züge annimmt wie in letzter Zeit am Beispiel von Andi Goldberger. Wer fordert, ihm die Flügel zu stutzen und ihn vom Skisport auszuschließen, müßte dann konsequenter Weise auch den Ausschluß großer Teile der Jugendlichen von der Mittelschule betreiben. Heute zu glauben, es wäre möglich, in Österreich durch die Schule zu kommen, ohne Kontakt zu Marihuana, Haschisch zu bekommen ist vorsätzlich naiv.