Sport und Bewegung und ihre Bedeutung bei Herz-Kreislauf-Problemen

woman-692789_640Seit Jahren gebe ich zusammen mit meinen Freunden Baldur Preiml und Franz Mühlbauer, beide aus dem Bereich der Sportpädagogik kommend, im norditalienischen Kurbad Montegrotto Seminare über gesunde Formen der Bewegung, über sinnvolles Kreislauftraining und Meditation. Wir halten diese Seminare, weil bewußte Bewegung und Sport uns persönlich Freude machen und weil wir hier eine einfache und überaus wirkungsvolle Möglichkeit sehen, ansteckende Gesundheit zu vermitteln. Auf der anderen Seite erleben wir gerade in Seminaren wie „Sport und Meditation“ oder im Rheumakurs, wie einseitig und unmeditativ dieser wundervolle Weg der Gesunderhaltung oft betrieben wird und dann nicht selten ins Gegenteil umschlägt.

Sinnvolles Ausdauertraining würde das Herzkreislaufsystem trainieren und so dem Herzen Reserven verschaffen – es im wahrsten Sinne des Wortes wieder in Form bringen. Ehrgeiz und eigenartig verstandene Familiensolidariät führen aber gerade hier zu ganz gegenteiligen Ergebnissen. Wenn ein bis an die Grenzen der Belastbarkeit gestreßter Manager sich auf Raten seines Arztes auch noch drei wöchentliche Sporteinheiten in der Tennishalle oder im Squashkäfig verordnet, ist seine Gesundheit erst recht in Gefahr. Solche unvorbereiteten und kurzfristigen Exzesse bringen nichts an Ausdauertraining und sind damit nicht nur überflüssig, sondern durch die Leistungsansprüche auch noch gefährlich. Meist beginnt die Sportstunde hier bereits in der Herzkreislaufüberforderung. Man(n) macht sich fertig und ist auch noch stolz darauf.

Besonders kraß wird die Situation auch beim Familiensport, der von gesundheitlicher Warte einen ausgesprochen guten Ruf hat. Ein typisches Szenario sieht folgendermaßen aus. Das Ehepaar plant aus gesundheitlichen Gründen gemeinsame Radaktivitäten. Er stachelt seine Motivation an, indem er sich den allerletzten Schrei von Titan-Leichtlauf-Mountainbike mit 24 Gängen für 40 000 Schilling leistet, ihre Motivation kommt daher, daß sie gern etwas mit ihm zusammen macht. Obwohl an sich sportlich wenig engagiert, motiviert sie sich, ihr Bestes zu geben, um ihn nicht zu enttäuschen und nicht zu langweilen. Als Rad reicht ihr ein alter Drahtesel mit Dreigangschaltung, die sie aber nur ungern und deshalb selten benutzt. Bei dieser Ausgangslage muß das Ganze in ein gesundheitliches Fiasko führen. Er wird auf diesen Ausfahrten nicht annähernd in einen Auslastungs- oder Trainingsbereich kommen, sein Superrad fährt ja eh fast von allein. Sie dagegen wird sich auf ihrem alten Drahtesel so mächtig ins Zeug legen müssen, daß sie für Ihre Verhältnisse die meiste Zeit im Überforderungsbereich strampelt und so ebenfalls kaum einen Trainingseffekt hat. Manchmal halten beide solche Quälereien über Jahre durch. Zu seinem Erstaunen wird sie dabei überhaupt nicht konditionsstärker, und sie merkt, daß sie bei aller Anstrengung doch nicht so schnell ist, daß es ihm wirklich Spaß machen würde.

Mißt man während einer solchen Tour beider Herzkreislaufbelastung, stellt sich danach für alle sichtbar dar, was für ein Elend hier seinen mühseligen Lauf nimmt. Der naheliegende Rat, die Räder zu tauschen, bringt auch wenig, weil ihn der alte Drahtesel völlig frustriert und sie keinen Spaß an dauernder Schalterei findet. Wenn es den beiden wirklich um Zugewinn an Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Herzkreislaufbereich ginge, müßten sie radikal umdenken und alte Muster und Gewohnheiten verlassen. Auch das kann Spaß machen und dann wirklich viel an Regeneration bringen, insbesondere wenn die beiden anfangen, die eigenen unterschiedlichen Stärken und Schwächen zusammenzubringen und sich gegenseitig befruchten zu lassen. Seinen Überhang an Ehrgeiz und Kraft macht sie nämlich oft an Sensibilität und Einfühlungsvermögen wett. Er könnte von ihr meditieren lernen und die sanfte Kraft von Übungen aus dem Bereich etwa des Chi Gong oder Tai Chi in sein Leben integrieren, sie könnte ihre Ausdauer in seinem Windschatten erhöhen. Wo er ihr oft an Kraft voraus ist, kann sie sich meist ungleich besser dehnen, und so könnten Kraft und Flexibilität eine Ehe eingehen und zu einem neuen dritten führen, nämlich Gesundheit. Diese hat ja viel mit Mitte zu tun, wie uns das Wort Medizin noch verdeutlicht. Medizin wollte früher einmal genauso zur Mitte führen wie Meditation. Das ist zwar lange her, wäre aber immer noch ein überaus lohnendes Ideal.

Was Herz und Kreislauf anbelangt, bräuchten ist weder Über- noch Unterforderung, sondern die goldene oder gesunde Mitte. In dieser banalen Erkenntnis verbirgt sich generell ein wunderbares Heilkonzept, das weit über Herz und Kreislauf hinaus reicht. Selbst Streß kann nämlich eine positive Herausforderung sein, wenn sich die Betroffenen davon fordern und letztlich fördern lassen und nicht überfordert werden. Überforderung, der man in keiner Weise mehr gerecht werden kann, macht dagegen (herz)krank. Genauso gefährlich ist aber die Unterforderung, die zu Langeweile und Frustration führt. In unserer augenblicklichen gesellschaftlichen Situation können wir an diesem Punkt unschwer erkennen, daß wir einer gefährlichen Zukunft zusteuern. Immer mehr Menschen haben immer weniger zu tun und nehmen in der Arbeitslosigkeit seelisch und nervlich Schaden. Immer weniger Menschen haben aber immer mehr zu tun und nehmen ebenfalls an Leib und Seele schaden. Die Mitglieder der ersten viel größeren Gruppe werden immer weniger Geld bekommen und sich folglich die Errungenschaften unseres Fortschritts immer weniger leisten können. Die Vertreter der letzteren viel kleineren Gruppe verdienen zwar immer mehr Geld, haben aber gar keine Zeit, sich zu leisten, was die Gesellschaft alles zu bieten hätte. Das Fazit ist bedenklich: wir produzieren wie die Irren für niemanden und gehen dabei alle ziemlich kaputt.

Das Ganze macht also wenig Sinn, und gerade die Sinnfrage ist es, die uns aus dem Dilemma heraushelfen könnte. Für Leistungssportler mag das Ganze wenigstens noch einen Zweck haben, nämlich erfolgreich zu werden und sich Anerkennung und Reichtum zu verschaffen. Für die Normalverbraucher aber hat vieles im Sportbereich nicht einmal mehr einen Zweck. All der Ehrgeiz, den man auf kleinen Nebensportplätzen toben sieht, bringt verblüffend wenig, die Figuren profitieren davon genauso wenig wie die Kondition.

Spüren wir der Frage nach dem Sinn all solcher Unternehmungen nach, landen wir am ehesten bei alten Idealen wie jenem von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper. Mens sana in corpore sano wird in den Mittelschulen noch manchmal zitiert, in der Praxis spielt dieser Spruch aber kaum noch eine Rolle. Auch in der Antike war der gesunde Geist im gesunden Körper keine Selbstverständlichkeit, der ganze Spruch hieß dann auch, es ist zu beten, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Nun reicht hier beten offenbar allein auch nicht, es muß auch etwas geschehen, allerdings nicht so geistlos, wie das im Sport bis heute oft üblich ist. Nicht umsonst haben östliche Bewegungsübungen wie Chi Gong und Tai Chi bei uns immer größeren Zulauf, verbinden sie doch körperliche Bewegung und Bewußtheit. Tatsächlich kann die Verbindung von Bewußtheit und Sport auch jeden der bei uns bereits bestens eingeführten Sportbereiche unendlich bereichern. Nicht länger die Quantität, sondern die Qualität würde dann in den Vordergrund rücken und der Einheit von Körper, Seele und Geist gerecht werden.

Dieser Schritt mag – obwohl so leicht – für den intellektuellen, leistungsorientierten Macher, der besonders zu Hochdruck und Herzinfarkt neigt, doch zu ungewohnt und damit überfordernd sein. Einen guten Einstieg könnte hier die leichteste Form der Meditation bieten, die geführte oder Phantasie-Reise. Hier kann der Macher auf gewohntem Terrain die ersten Schritte tun, geht es doch primär darum, sich Gedanken zu machen, wenn auch in einer sehr entspannten und hingebungsvollen Weise. Das Wort Meditation mag ein wenig anspruchsvoll klingen und mit östlichen Bildern von entrückten Meistern auch etwas illusionär wirken, es wäre in diesem Zusammenhang auch durchaus verzichtbar, denn letztlich geht es lediglich darum, sich in seine inneren Seelenlandschaften einzufühlen. Hier aber läge der Schlüssel zum Sinn. Was wir außen so angestrengt und manchmal geradezu krampfhaft suchen, liegt ja meist so nahe und noch öfter innen. So wären einfache Übungen unter Einbezug von Bewußtheit und Achtsamkeit nicht nur medizinisch die bessere Lösung, sondern oft auch familienpolitisch. Die gemeinsame Meditation und Sinnfindung in den eigenen Seelentiefen, kann in einer Weise verbinden, wie äußere und nicht selten erzwungene Maßnahmen es kaum vermögen. Und selbst ein gemütlicher Radausflug mit offenen Augen für die Landschaft macht ihr im allgemeinen mehr Spaß und langweilt ihn zumindest auch nicht mehr als die Trainingseinheit, die doch keine ist. Neue Wege im außen können sich gerade auch aus Reisen auf inneren Wegen ergeben und dem Leben und Erleben eine Tiefe bringen, die im positiven Sinne ans Herz gehen kann. Das Herz aber braucht vor allem auch im übertragenen Sinne Nahrung, wie jeder Angina pectoris Anfall und jeder Infarkt demonstrieren, wenn Teile des Herzens vom nährenden Blutstrom tendenziell oder ganz abgeschnitten werden. Natürlich ist auch die konkrete Nahrung nicht ohne Be-Deutung, dazu Näheres im nächsten Beitrag.