Schnelllebigkeit versus Langeweile

Dieser Titel lässt sich in den Extremen auf die Frage Burn- oder Bore-out reduzieren. Unsere Zeit wird einerseits immer schnelllebiger. Die Firmen geben ihren Mitarbeitern Gas und diese ihren Untergebenen. Die durchschnittliche deutsche Hausfrau spart heute pro Tag über 40 Stunden ein gegenüber ihrer Vorgängerin vor 100 Jahren und hat doch immer weniger Zeit. So geht es vielen und das Märchen von der Zeit, Momo von Michael Ende, ist populärer denn je. Die grauen Männer sammeln die Zeit ein und so fehlt sie an allen Ecken und Enden. Wir hetzen ihr nach und finden sie doch nicht. Momo und Konsorten wie Beppo Straßenkehrer, der immer nur im Augenblick kehrt, und deshalb auch längste Straßen problemlos schafft, haben sich zurückgezogen und – manchmal möchte man fürchten – den Kampf aufgegeben.

Während sich also viele fast zu Tode und jedenfalls in Krankheitsbilder wie Herz- und Seeleninfarkte im Sinne von Burnout und Depression hineinbewegen, gibt es auf der anderen Seite zunehmend Menschen, die sich zu Tode langweilen, wie Couchpotatoes, die schon von Kindheit an nicht in die Gänge kamen, aber auch alle, die sich mit langweiligen Jobs über die Zeit retten, ohne Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen. Eine ausufernde Fun- und Freizeitgesellschaft versucht sie geradezu krampfhaft und mit bescheidenem Erfolg zu bespaßen.

Wie in der Welt der Polarität üblich, haben diese beiden Extreme eine gemeinsame Mitte. Sowohl Burn- als auch Bore-out-Kandidaten finden keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Beide sind weit weg von ihrer eigenen Mitte und dem Augenblick des Hier und Jetzt.

Während aber Burnout-Kandidaten und vor allem –opfer inzwischen viel Aufmerksamkeit bekommen und sich eine regelrechte Burnout-Industrie um sie bemüht, bleiben die Bore-out-Opfer weiter unbeachtet und verpassen ihr Leben, ohne dass sie selbst und die Gesellschaft es so richtig merken. Sie langweilen sich Tag für Tag und überstehen ihr Leben gelangweilt und nicht selten genervt. Oft sterben sie eigentlich schon in ihren Dreißigerjahren, während sie sich aber erst mit über 80 eingraben lassen.

Als ich das Buch „Seeleninfarkt“ zu schreiben begann, stand Burnout weit im Mittelpunkt, allerdings war mir auf Grund des Polaritäts-Gesetzes klar, dass es einen Gegenpol geben müsse, der auch erhebliche Ausmaße haben musste, denn immerhin gibt es in Deutschland inzwischen 9 Millionen Burnout-Opfer, darunter über die Hälfte der niedergelassenen Ärzte. Das wären auf Österreich umgelegt 900 000 Fälle. Nun können wir hoffen, dass hierzulande weniger Menschen zum Ausbrennen neigen, weil der Lebensgenuss einen höheren Stellenwert genießt und folglich Hetze und Stress nicht so im Vordergrund stehen. Allerdings dürfte es – nach meiner Einschätzung – zwischen Wien und Vorarlberg diesbezüglich erhebliche Unterschiede geben. Das Wissen um das Polaritätsgesetz jedenfalls machte mir klar, dass es diesen Gegenpol geben müsse und er war dann auch leicht zu finden und hat mit Bore-out auch schon seinen amerikanischen Namen.

Für die Burnout-Lawine der letzten 10 Jahre gibt es vielfältige Gründe auf verschiedenen Ebenen. Im Bereich der Arbeitswelt ist das Phänomen zuerst aufgefallen und auch reichlich analysiert und auf den ersten Blick leicht durchschaubar. Angestellte und Arbeiter erleben seit mindestens einem Jahrzehnt wie der Druck in der Arbeitswelt rapide steigt. Immer strengere Rationalisierungsmaßnahmen haben alle Freiräume und „unnötige Pausen“ beseitigt. Firmen wie Price-Waterhouse, Roland Berger oder McKenzie haben die Unternehmen „zukunftsfähig“ gemacht, d.h. sie haben dafür gesorgt, dass immer weniger Leute immer mehr leisten und der sogenannte Shareholdervalue kontinuierlich stieg. Dadurch wurden viele arbeitslos und zu erheblicher Flexibilität gezwungen. Menschen mussten weiter fahren für kürzere Arbeitsverhältnisse, um überhaupt noch unter zu kommen. Von der alten Lebensarbeitsstelle ging der Trend weltweit in Richtung Zeitarbeit. Die Wanderarbeiter aus den harten Zeiten des beginnenden Kapitalismus kamen klammheimlich und durch die Hintertür zurück. Das machte die Arbeitnehmer und ihre gewerkschaftlichen Vertretungen unzufrieden bis wütend, zumal sie keinen ihnen adäquat erscheinenden Anteil am wachsenden Reichtum bekamen. Von dieser Seite wird entsprechend genervt auf die Verantwortlichen auf Unternehmerseite projiziert nach dem Motto, die bösen Bosse sind schuld.

Aus deren Sicht aber zwingt die Globalisierung die Wirtschaft in eine gnadenlose weltweite Konkurrenz, in der nur bestehen kann, wer mitmacht und die Preise niedrig hält. Um überhaupt noch Arbeitsplätze zu erhalten, müssten sie rationalisieren und die Gangart verschärfen beziehungsweise Produktivität und Output erhöhen.

Wenn zwei sich streiten, liegt die Lösung meist auf einer anderen Ebene in einem dritten Punkt. Schon Albert Einstein wusste, dass Problem- und Lösungsebene zweierlei seien. Tatsächlich bringt die Projektion von Schuld nirgends weiter. Das wird besonders deutlich, wenn wir die andere wichtige Ebene unseres Lebens, die der Partnerschaft, hinzunehmen. Hier erleben wir denselben Trend, von langen sicheren Ehe-Beziehungen mit großen Familien nach dem Modell „bis dass der Tod euch scheidet“ über Klein- und Kein-Kind-Familien zu Lebensabschnitts-Partnerschaften und neuerdings One-night-stands. Auch hier beklagen Betroffene mangelnde Sicherheit und Verlässlichkeit. Nach einem schönen One-night-stand erwartet überhaupt niemand, der Partner des Abends würde ihm bei späteren Schwierigkeiten beistehen. Das sind Lebensverhältnisse für sehr autonome Menschen ohne Probleme, die jedenfalls keine Hilfe von außen brauchen oder sich diese leicht auf professioneller Ebene kaufen können.

Der Trend ist auf beiden Ebenen, in Arbeitswelt und Partnerschaft, derselbe und führt zu kürzeren Zeitabschnitten. Außerdem fordert er höhere Flexibilität, Eigenständigkeit und -verantwortung. Wer die Zukunft nicht mehr absichern kann, wird gleichsam gezwungen, im Augenblick zu leben. Das aber predigen Religionen und Traditionen in allen Teilen der Welt. Buddhisten streben nach dem Eintauchen in das vielbesungene Hier und Jetzt, Hindus suchen den Augenblick ebenso wie Sufis. Als Christen sind wir angehalten, wie die Vögel des Himmels, die weder säen noch ernten, im Moment zu leben. Was aber tun wir in der modernen Welt? Wir hetzen durch den Arbeitstag und vergessen den Feierabend zu feiern, und statt ganz entspannt im Hier und Jetzt, sind wir völlig verspannt im Wenn und Aber.

Die Frage, wofür das Ganze, stellen sich immer weniger Menschen – vielleicht aus Zeitmangel. In der Arbeitswelt haben die Rationalisierungswellen die Zeiten für Besinnung und Regeneration, des Innehaltens abgeschafft. Wer aber nicht mehr inne hält, erhält auch keinen inneren Halt mehr, sondern wird tendenziell haltlos. Ohne inneren Halt, läuft allmählich auch der Inhalt Gefahr, verloren zu gehen. Wer aber ohne Inhalt bleibt, ist der Sinnlosigkeit preisgegeben und die kann bereits lebensmüde machen. Ohne Inhalt und Sinn ist das Leben schwer erträglich. Wenn die Partnerschaft entsprechend in der Routine landet und die Liebe sich nicht mehr ausdrücken kann – mangels Zeit, die man füreinander hat – verflüchtigt sich auch hier der Sinn und auch das ist schwer erträglich. In solchen Situationen werden schon kleine Herausforderungen und Anforderungen rasch zu viel und der Seeleninfarkt droht.

Es ist also weniger die Höhe der Belastung oder die Länge der Arbeitszeit noch das Arbeitstempo, die in das eine Extrem des Burnout führt, sondern der Mangel an Sinn. Es gibt genug Beispiele von Menschen, die über lange Zeit Enormes, ja Unvorstellbares geleistet haben, wie die Beispiele großer Künstler wie Mozart oder Beethoven zeigen, und doch keinen Seeleninfarkt erlitten, weder im Sinne von Burn- noch von Bore-out. Solange jemand weiß, wofür er brennt, wird er nicht verbrennen und Burn- und Bore-out gewinnen so wenig die Macht über ihn wie Depressionen, die letztlich nur eine andere Variante des Seeleninfarktes sind.

Betrachten wir das Dilemma aus der Sicht von „Krankheit als Symbol“, deuten das Geschehen und suchen die tiefere Sinnebene: Der Seeleninfarkt sowohl in Gestalt von Burn- als auch Bore-out zwingt Menschen – allerdings wie Krankheitsbilder immer auf ausgesprochen unerlöste Art und Weise – in den Augenblick. Sie landen in verzweifelter Missstimmung, aber immerhin im Moment des Hier und Jetzt. Das lässt sich schon daran erkennen, dass Hoffnungmachen im Sinne von „Das wird schon wieder“, „in ein paar Wochen ist das alles vorbei“ bei Ihnen gar nicht fruchten. Sie sind jetzt und in jedem Moment verzweifelt und ohne Aussicht, so dass Ihnen alles aussichts- und hoffnungslos erscheint. Das zweite verbindende ist diese Sinn- und daraus folgend Hoffnungslosigkeit. Also geht es darum, möglichst oft in den Augenblick einzutauchen und Sinn im Leben zu finden.

So eröffnet sich zwischen Schnelllebigkeit und Langeweile ein Mittelweg, der die Lösung für viele moderne Probleme und auch für den Seeleninfarkt enthält. Dieser Mittelweg führt auch in die Mitte, jene Mitte, wo aller Sinn und das letzte Ziel zusammentreffen, in der wir Ankommen im Augenblick des Hier und Jetzt. Diese beiden Aspekte, Sinn und das Leben im Augenblick, sind das Kernstück und Wesen aller Religionen und Traditionen. Um Seeleninfarkte zu vermeiden und unser Lebensschiff zwischen Skylla und Charybdis, zwischen Schnelllebigkeit und Langeweile, sicher hindurch zu steuern, können wir uns also auf die bewährten Ziele und Werte des spirituellen Lebens verlassen. Und die Möglichkeiten dafür sind ebenso vielfältig wie anmachend, die wichtigsten hab ich im Buch „Seeleninfarkt“ dargestellt, wie auch viele praktische Tipps, unser Lebensschiff auf Kurs zu halten, um frei von beiden Bedrohungen zu bleiben.

Natürlich ist etwa auch sein Treibstoff wichtig. Wer Angst und die Schwingung von Lethargie und Apathie isst, hat auch ungleich größere Chancen, in Angst und Lethargie zu landen und sogar zu enden. Das aber widerfährt Fleischessern im großen Stil und meist ohne, dass sie die geringste Ahnung davon haben. Moderne Schlachttiere, wie etwa die 60 Millionen Schweine, die die Deutschen pro Jahr verzehren, wovon über 99 % aus der Massenhaltung stammen, vegetieren ein kurzes entsetzliches Leben auf engstem Raum in bedrückenden Umständen und haben lediglich die Wahl zwischen Wahnsinn und Lethargie beziehungsweise Apathie. Sie sterben, nachdem sie vielen Artgenossen dabei zusehen mussten, im maximalen Stress größter Todesangst. Wer ihr Fleisch zu sich nimmt, bekommt Angst, Apathie und Lethargie gleich mit ab. Tatsächlich führt jede Form von Seeleninfarkt in ein apathisches Dasein, aus dem jedes Pathos gewichen ist. im Sinne von „Peace-Food“ wäre das leicht und genussvoll zu vermeiden und eine gute und sogar wesentliche Unterstützung der spirituellen Übungen, die in den Augenblick und zu Sinn führen. Tatsächlich genießen „Peace-Food“ Anhänger wachsenden inneren Frieden und schon von daher tiefere und schönere Meditationen und ihre Chancen auf Erfahrungen der Mitte und im jeweiligen Augenblick nehmen zu.