Mythos Erotik

Das Lebensprinzip Eros ist bei uns auf dem absteigenden Ast und feierte doch kürzlich in der Roman-Trilogie 50 Shades of Grey einen ebenso unerwarteten wie spektakulären Erfolg. Noch nie hatte ein Buch solch großen Erfolg, und noch nie hat sich eines in so kurzer Zeit über die Welt verbreitet. Noch erstaunlicher, dass es sich dabei um eine erotische Geschichte handelt, mit deutlichen Sado-Maso-Einschlägen, die (gesellschafts)politisch völlig inkorrekt ist. Sie propagiert die Sehnsucht nach einem starken Mann, der sich die Frau nimmt wie er will und diese genießt das in vollen Zügen, wenn auch mit starken, dem Zeitgeist geschuldeten Bedenken. Wie konnte es dazu kommen?

Wir werden zunehmend zu einer von Depressionen, Burn- und Boreout geplagten Gesellschaft, in der Lebensgenuss und Sinnlichkeit, Erotik und Liebe immer weniger Chancen haben. Durch zunehmenden Stress, kommen viele immer weniger zu Sinnfragen, verdrängen unter steigendem Druck zentrale Themen, und schuften sich wie die Wahnsinnigen bis ins Burnout. Andere verweigern sich dem ganzen Wahnsinn von vornherein im Bore-out und langweilen sich im Widerstand. Die einen schuften sich, die anderen langweilen sich zu Tode, die dritten verweigern die Auseinandersetzung mit dem Tod, was letztlich zu Depressionen führt. Alles drei aber endet im Seeleninfarkt. Daraus ergibt sich die Sinnfrage des Lebens. Erotik und Sinnlichkeit könnten mehr mir ihr zu tun haben, als uns heute noch bewusst ist.

Die tiefere Ursache für diese Entwicklung liegt in unserem Gesellschaftssystem, dem galoppierenden Turbokapitalismus, der die Globalisierung vorantreibt und uns nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Eros aber ist kein Sprinter, sondern braucht Zeit und Muße. Der moderne Casinos-Kapitalismus, um Helmut Schmidts Ausdruck zu verwenden, konnte sich auf dem Boden evangelisch-puritanischen Christentums entwickeln, das schon von sich aus körper- und damit auch erotik-feindlich ist. In den Hochburgen des Puritanismus gedieh der Kapitalismus tatsächlich am besten.

Hinzu kommt der Erfolg der politischen Emanzipations-Bewegung, die sich heute so weitgehend durchgesetzt hat, dass sie schon über das ursprüngliche Ziel der Gleichberechtigung hinaus schießt. Während Frauen modisch immer anmachender unterwegs sind, dürfen Männer darauf kaum noch reagieren, ohne die Etikette zu verletzen. So vertun wir viel Zeit mit – in meinen Augen völlig absurden – Sexismus-Debatten. Was war Auslöser der letzten? Eine junge Journalistin spricht oder „baggert“ einen altgewordenen und an diesem Abend müde wirkenden Spitzenpolitiker an einer Bar an. Sie spricht ihn auf sein Alter an, um noch spät abends ein paar Infos zu ergattern, ist sie doch von ihrem „Stern“ auf seine Partei angesetzt. Der Herr Brüderle aber hat – so spät – keine Lust mehr über Politik und sich selbst zu reden, sondern dreht den Spieß um und ihr stattdessen ein plumpes Kompliment an im Sinne von „sie könnten gut ein Dirndl ausfüllen“. Die Journalistin wartet ein geschlagenes Jahr, um damit ganz spekulativ eine Sexismus-Debatte vom Zaun zu brechen. Und eine Nation wie Deutschland hat nichts Besseres zu tun und offenbar keine größeren Probleme, als sich wochenlang mit dem Thema Sexismus zu beschäftigen. Aber welches Deutschland ist das? Dasjenige der großen Zeitungen, der Fernseh-Talkshows, das der politischen, aus dem linken Lager kommenden Emanzipations-Bewegung.

Könnte es nun sein, dass die – jedenfalls weibliche Mehrheit jener weltweit 70 Millionen, die den Roman 50 Shades genossen hat, sich gar nicht mehr für diese politischen Ambitionen interessiert, sondern deren Früchte wie nebenbei mitnehmend, wagt – politisch völlig inkorrekt – von richtigen Männern zu träumen, die sich noch trauen, eine Frau zu nehmen – „wie sie es braucht“ und sie es brauchen? Schon diese Frage mit diesen Ausdrücken zu formulieren, ist heute politisch völlig unkorrekt.

Alles spricht dafür, dass unsere in alten archaischen Mustern empfindenden Seelen, genug haben von diesem Theater, wo schon ein deutlicher männlicher Blick Anlass zu Klagen ist, wo in den USA ein über Monate aufgehobenes Kleid mit Samen-Flecken fast einen Präsidenten zu Fall brachte, wo Männer sich gar nichts mehr trauen und folglich Frauen in dieser Hinsicht auch kaum noch etwas erleben. Viele weibliche Seelen jedenfalls scheinen in Phantasien zu flüchten, die den erwähnten Roman beflügeln. Sie träumen von einer Welt, in der Eros nicht in Eros-Centern verkommt, sondern wieder ein großer Gott ist, der mit dem Feuer seines Vaters Mars und dessen Kriegswaffen, Pfeil und Bogen, das Anliegen seiner Mutter, der Liebesgöttin Venus, in die Herzen der Menschen schießt oder mit der Brandfackel hinein stößt, um es zu entflammen. Eros ist das illegale Kind eines illegalen Verhältnisses, wo die kunstsinnige auf Versöhnung und Frieden gepolte Aphrodite-Venus, dem Polaritätsgesetz gehorchend, dem Gegenpol verfällt und sich Ares-Mars wilder Natur ergab – nach dem Motto Gegensätze ziehen sich an. Nur so konnte es zu Kindern wie Harmonia und Eros kommen. Lebendige Erotik braucht offensichtlich auch die archetypisch männliche Kraft von Mars. Die ist heute unter dem Druck der politischen Emanzipations-Bewegung ausgesprochen unpopulär geworden, jedenfalls in Ländern mit puritanischem Hintergrund wie den USA oder Norddeutschland. In katholischen Gegenden wie Italien oder Frankreich ist Eros noch viel lebendiger und solche Debatten lösen Staunen und Unverständnis aus.

Der zeitlose Mythos könnte uns vieles erklären und helfen, aus der entstandenen Schieflage wieder in einen Bereich zu gelangen, wo Lebens- und Liebeslust zu unserem Leben gehören. Das jedenfalls ist das Anliegen von Mythos Erotik.

Eros-Amor wiederum geht mit Psyche ein Verhältnis ein< Voluptas, die Wollust, ebenfalls göttlichen Ursprungs ist und uns vom Gott der Liebe und der durch die Liebe unsterblich gewordenen Seele geschickt und geschenkt ist. Es gibt also keinerlei Grund sie zu verachten. Wenn wir andererseits von unsterblicher Seele sprechen, sollten wir uns immer klar machen, dass sich für die Psyche diese Unsterblichkeit erst und nur durch die Liebe verwirklichen lässt. Mythologisch untermauert lässt sich also feststellen, der Weg zur unsterblichen Seele führt offensichtlich über unsterbliche göttliche Erotik und Sinnlichkeit. Das aber heißt, dass unsere Sinne als Vorstufe und Voraussetzung von Sinnlichkeit und Sinn Stufen zur Unsterblichkeit der Seele darstellen. Weiter können wir feststellen, wenn die Psyche oder Seele sich mit Eros´ Sinnlichkeit vereint, entsteht Freude, Vergnügen und (Woll-)Lust und das Leben kann weiter gehen. Auf biochemischer Ebene, lässt uns der Stress, der durch Überforderung, Vermeidung und Widerstand steigt, immer schneller, immer mehr Serotonin verbrauchen, was auf Missstimmungen und mangende Liebesfähigkeit hinausläuft und in schwereren Fällen bis zu Depressionen geht. Zusammen mit der erwähnten parallel abnehmenden seelischen Neigung, sich Themen wie Sinnfindung (Burnout) und Tod (Depression) zu stellen, entwickeln sich Teufelskreise. Würden wir aber einerseits für genug Serotonin-Nachschub – am einfachsten und gesündesten über die Rohkost-Variante – sorgen oder den Stresspegel drastisch reduzieren, könnte daraus auch eine Art „Engelskreis“ werden, denn die Verliebtheit hätte unter einem ständig hohen Serotonin-Angebot die Chance, ihre wundervollen Empfindungen zeitlich und auf alle möglichen Felder des Lebens auszudehnen und in tiefere Ebenen der Liebe überzugehen. Die Früchte der Liebe oder Venus Kind: Eros Eros-Amor ist ein ziemliches Früchtchen, was die Amoretten und Putten in Rom und im Rokoko bildhaft andeuten. Er hat die Schönheit von der Mutter, Venus, seine Waffen aber vom Vater, dem Kriegsgott Ares-Mars. So verzaubert er auch zuerst mit Schönheit die Männer und mit Düften die Frauen, bevor später nicht selten auch das väterliche Aggressionsthema noch zum Vorschein kommt. Er hat Flügel und kann also beflügeln und so das Leben himmlisch leicht machen, wobei es langfristig durch ihn nicht unbedingt leichter wird. Und er ist nicht nur nackt, er kann auch sehr nackt machen. Er ist uralt und kann sehr alt aussehen lassen. Mit dem Liebesgott, kommt über seinen Vater Mars das Feuerelement ins Spiel des Lebens und der Liebe – und damit ein ganz besonderes Feuer, nicht das strahlende der Sonne oder die abgeklärte jovische Glut, sondern das erste und stärkste Feuer des Entwicklungszyklus, eben das lodernde des Kriegsgottes Ares-Mars, das lichterloh in Flammen setzt. Als Kind der Liebe und des Kampfes, des Friedens und des Krieges, versucht Eros – wie alle Kinder – beiden Eltern gerecht zu werden, was ihn voller innerer Widersprüche zurück lässt. So ist er äußerlich schön wie seine Mutter und übernimmt einerseits ihr Anliegen die Liebe, andererseits versucht er es aber mit den Kriegswaffen seines Vaters, Pfeil, Bogen und Brandfackel rücksichtslos durchzusetzen. Als großer Gott, der an allen Elementen Anteil hat, spielt neben dem Feuer vom Vater und der himmlischen Luft der Mutter beziehungsweise des Großvaters, auch etwas Erde über sie und ihren Bezug zu Besitz und Revier und kulinarischen Genüssen herein, den sie im Feld des Stieres lebt. Und auch Wasser kommt über die schaumgeborene Mutter und das Meer, das ihn großmütterlicherseits mit bestimmt. Das Verhältnis, dem Eros entspringt, ist ein durchaus illegales, denn Venus ist mit dem Kunst sinnigen äußerst kultivierten Götterschmied Hephaistos ehelich verbunden. So haftet der Erotik, die der Liebe erst die Würze gibt, bis heute leicht etwas Illegales und sogar Verbotenes an. Mit Hephaistos hat Venus eine Beziehung zum Wohl nach dem Motto, gleich und gleich gesellt sich gern, während sie mit ihrem Gegenpol, dem grobschlächtig vitalen Mars eine Beziehung zum Heil erlebt nach der Devise Gegensätze ziehen sich an. Hier deutet sich bereits an, dass die Liebe, die schon mit einem Aufstand auf die Welt kommt, weiter für Aufstände sorgt und im Verlauf ihres Lebens oft auf illegalen und von Menschen und ihren Gesetzen verbotenen Wegen ihre Ziele verfolgt und verwirklicht. Eine große brennende Liebe hält sich an keine Gesetze und achtet sogar die Regeln der Götterwelt gering und erst recht von Menschen ersonnene Bestimmungen. Venus geht es um Ausgleich und himmlische Bestimmung ist ihr wichtiger als weltliche Gesetze und Regelwerke. Um ihr Werk durchzusetzen, bedient sie sich denn auch oft unkultivierter Natur, die eher Mars entspricht, als ihrem Anliegen Kultur. Im Gegenteil richtet sich die von ihr und ihrem Sohn gestiftete Liebe oft sogar gegen die Kultur der Menschen und lässt deren Natur beflügelt vom geflügelten Liebesgott, aus natürlichen Urtiefen hervorbrechen und Kulturprodukte wie die Ehe hinweg fegen oder zumindest empfindlich stören. Von Eros gestiftete Verliebtheit wird in der Moderne zum Katalysator möglicher Liebe. Dazu ist ein gefährliches Geschenk des Gottes notwendig in Gestalt eines seiner Pfeile. Denn nur von ihnen getroffen, entbrennen wir in Liebe. Mit Feuer, Wasser, Luft und Erde wie sie mit Eros und seinem Thema ins Spiel des Lebens kommen, sind aber natürlich nicht nur Schatten, sondern im Gegenteil auch außergewöhnlich wunder-vollen Erlebnissen von beglückender Leichtigkeit und schwebender Seligkeit Tür und Tor geöffnet – wenn auch meist weit jenseits von menschlicher Planung, Legalität oder gar Opportunität. Zwischen Ehe und Liebe und besonders erotischer herrscht schon immer ein Spannungsfeld. Früher stifteten Eltern Verbindungen unter Saturns Regie und sorgten so für Haltbarkeit. In der Moderne ist das mehr als verpönt. Wir bevorzugen entschieden, von Eros Pfeilen in Aktion getroffen zu werden, auch wenn er ziemlich wild um sich schießt und Verwirrung stiftet, ohne sich um Konventionen zu kümmern. Dabei ist er ganz klar dem Schicksals- und damit dem höheren Gesetz verpflichtet. Und auch wenn die Mehrheit das immer noch nicht zur Kenntnis nimmt, spricht sie intuitiv den Eltern jedes Recht zur Partnerwahl ab und schenkt es Eros. Einen Ausweg aus dem so nur allzu leicht entstehenden Chaos versprach man sich früher von platonischer Liebe, wie sie etwa Goethe mit Frau von Stein pflegte. Aber solch körperfeindliche Einstellung, wie sie bis heute die katholische Kirche dominiert, und solches Vermeidungstheater ist der Macht von Eros nicht einmal im Ansatz gewachsen. Das wissen eigentlich alle und führt zu solch internationalen Bestsellern wie den Dornenvögeln. Zu bedenken ist, dass nur von seiner Mutter Venus ein Minimum an Erdelement durch Eros ins Spiel des Lebens kommt, sodass die Gefahr besteht, unter dem Einfluss der Liebe den Boden unter den Füssen zu verlieren und jedenfalls die Realität der materiellen Welt zu verkennen. Leicht kann diese Mischung mit- und auch hin- und sogar umreißen, und selig, wer sich dem Strudel der erotischen Liebe ergibt. In solchen Momenten sind die Liebenden fast ganz von der Erdenschwere befreit. Sie spüren nur noch das Feuer heißer Begierde in den verzehrenden Flammen ihrer Liebe, ein Erbe von Vater Mars. Ihre Begeisterung, die auch einen Feueraspekt in sich trägt, stammt aber vor allem vom Großvater Uranos, insofern der Geist seinem luftigen Element angehört. Und sie erleben das Fließen des reißenden Gefühlsstromes, ein Erbe der Mutter Venus, und den leichten, ja lichten und jedenfalls schwebenden Seelenvogel in sich, wiederum ein Geschenk des Himmelsvaters. So vergessen sie leicht und gern, dass sie durch ihre Körper auch irdisch sind und den Gesetzten der Erde unterworfen. Von den wunder-vollen Zuständen in Eros´ Reich allein ist natürlich keine Haltbarkeit zu erwarten, denn die wäre ein Aspekt des Erdelementes. Die Heirat und damit der Schritt in die irdische Institution der Ehe ist also ein Schritt in Richtung Dauer und Haltbarkeit, wobei er die Gefahr birgt, das ursprüngliche Anliegen, die Liebe zu beschweren. Um Partnerschaft auf erlöste Art und mit allen vier Elementen zu leben, ist also große Achtsamkeit notwendig. Bei der Zeugung der Liebesgöttin kommt das Erdelement – gleichsam von außen – als Geburtshelfer in Gestalt des feindlichen Saturn zum Zuge, als er seinem und dem Vater der Liebe, Uranos, das Gemächte wegschlägt. Das aber macht Saturn und die Venus auf gefährliche Art zu Geschwistern, die als solche natürlich eine gewisse gegenpolare Nähe haben. In oft unsanften (Bruch-)Landungen auf dem Boden der Tatsachen, mit denen die Höhenflüge der Liebe manchmal enden, kommt dieser gegensätzliche Erdbezug zum Durchbruch. Auch wenn Liebende – entflammt in brennenden Herzen – sich in die wässrigen Wogen aufwühlender Liebesgefühle stürzen und sich völlig gehen und treiben lassen und nicht selten zugleich abheben, um mit der Liebe in deren himmlisches Luftreich zu entschweben, irgendwann müssen sie doch zur Erde zurück, und dann wird ihnen deren Schwere zur doppelten Last und ausgesprochen lästig. Alle Flieger und Überflieger, ob Drachen- oder Segelflieger, Paraglieder oder Fallschirmspringer und selbst noch die Sternenflieger der Nasa wissen aus Erfahrung, wie leicht Abheben ist, wie andererseits aber die Landung auf der harten Mutter Erde gelernt sein will, um nicht an ihrer Härte zu zerschellen. Menschen können entschweben, ertrinken, verbrennen und zerschellen. Insofern haben alle Elemente auch ihren Schatten beziehungsweise ihre Gefährlichkeit. Für die Liebe aber stellt der Boden der Tatsachen, die größte Herausforderung dar. Eros hat wie alle Kinder dieser Welt sein Erbteil gerecht von beiden Eltern mitbekommen, von der Mutter Aussehen und himmlische Liebe und Gefühlstiefe, vom Vater feurige Energie und Kraft. Mit den Waffen des Vaters „schießt“ er die Liebe, das Anliegen der Mutter, in die Herzen der Menschen oder stößt die Brandfackel der Liebe in sie. Die martialische Wortwahl macht schon deutlich, dass er mit den „väterlichen“ Waffen auch tiefe Wunden schlagen und lang andauernde Schmerzen verursachen kann, besonders wenn er seine Pfeile vorher noch in bittere Galle taucht. Das soll vorkommen und ist als Erbe seiner mitunter eifer- und sogar rachsüchtigen Mutter zu deuten. So kann Eros Lust und Bitterkeit, Ekstase und Absturz aus himmlischen Höhen in jene irdischen Tiefen bewirken, zu denen er selbst gar keinen Bezug hat. Jedenfalls verfügt er über eine gewaltige Feuerkraft, die Menschenherzen entflammen und das ganze Leben in Brand setzen kann, ähnlich wie die ihm im Organismus entsprechende Kundalini-Energie, wenn sie unvermittelt nach oben „schießt“ und durch die Wirbelsäule, unsere Weltachse, den Rücken hinauf glüht. Gnade uns (der) Gott (Eros), dass sie den richtigen direkten Weg nach oben findet im mittleren Kanal Shushumna, und sich nicht in den Seitenkanälen der Polarität, Ida und Pingala, verfängt. Denn für jeden einzelnen der beiden Pole ist die ganze Energie zu stark und erhebliche Leiden sind auf den Seitenwegen vorprogrammiert. Ein schönes Bild, dass wir – und beide Geschlechter – zusammen stärker sind und das Erleuchtung des harmonischen Zusammenspiels beider Pole bedarf. Mit dieser glühenden Kraft und vom Vater ererbter Rücksichtslosigkeit kann Eros treffen und nehmen, wen er will. Und genau von dieser Energie und Kraft träumen heute viele vor allem Frauen vergeblich. Männer, die sie nicht mehr spüren, weil sie sich zu weit aus diesem Archetyp entfernt haben und Frauen, die selbst so mächtig geworden sind, dass sie sich von keinem Mann mehr besiegen lassen – davon aber insgeheim träumen. Das bahnt sich schon bei Siegfried und Gunther an. Siegfried ist noch der ursprüngliche – in der Natur aufgewachsene starke Mann, Gunther schon der neue, sanfte aber schwache, in der höfischen Kultur verweichlichte, der sich nicht traut und seiner Braut nicht mehr Herr werden kann. Ihr Gürtel weiblicher Macht bleibt heute immer häufiger ungefährdet. Eine Klientin kam als Notfall besonders dringend und ziemlich außer sich zur Beratung. Sie war beim Bau eines Wintergartenanbaus an ihre schöne Villa, die sie mit ihrem wundervollen Mann, einem erfolgreichen und angesehenen Facharzt und ihren Kindern bewohnte, von einem rüpelhaft verschwitzten Zimmermann, der auch noch animalisch stank, an die Wand gedrückt und erotisch bedroht worden. Sie hatte ihn so gut sie konnte abgewehrt und erfolgreich in die Flucht geschlagen. Als ich sie fragte, wo dann das Problem sei, wurde sie sichtbar blass und sagte, „ich empfand keinerlei Angst dabei, sondern eine große kaum bezwingbare Lust.“ Von sich selbst angewidert wollte sie wissen, wie so etwas sein könne, wo sie doch den besten denkbaren Ehemann hatte, der differenziert und musisch, gebildet und einfühlsam alles, was sie sich immer gewünscht hatte, in sich vereinigte und dem sie nicht das Geringste vorzuwerfen hatte? Ich erzählte ihr die Geschichte von Eros. Eros´ mythische Entwicklungsgeschichte Als Repräsentant der körperlich sinnlichen Liebe hatte Eros wegen der von ihm ausgelösten Komplikationen schon in der Antike keinen leichten Stand. Ursprünglich einer der ganz großen Götter des griechischen Pantheons, der in alten Versionen des Mythos sogar lange vor Venus und Mars war, erlitt er noch in athenischer Zeit, die schon eine patriarchale Ordnung darstellt, einen drastischen Ansehensverfall. In den Zeiten des Matriarchats davor soll der Gott der Liebe der wichtigste männliche Repräsentant der himmlischen Sphäre des Olymp gewesen sein. Sein kultureller Abstieg verlief parallel mit dem von Hera und dem Matriarchat, während andererseits der Aufstieg von Zeus und mit ihm der des Patriarchats begann. In einer archetypisch weiblichen Welt war Eros natürlich der König unter den Göttern, in archetypisch männlichen Zeiten verlor er zuerst die Anerkennung und dann auch noch die Achtung und wurde schließlich sogar zum allgemeinen Gespött. Im antiken Rom mit seiner unverhohlen männlich patriarchalen Militärkultur verkam er zu jenem kleinen dicken pausbäckigen Kerlchen, das aus dem Hinterhalt seine Pfeile abfeuerte und nicht mehr ernst genommen wurde. Parallel verlor sich naturgemäß auch die Kultur der Liebe, die sich in den Aphrodite-Venus-Tempeln zu hoher Liebeskunst entwickelt hatte. In Rom begann der Abstieg der Liebestempel, die allmählich immer mehr zu Orten „käuflicher Liebe“ und dann bald auch billiger Lust verkamen. Eine Entwicklung, die erst in modernen Zeiten ihren Höhepunkt erreicht, der eigentlich ein Tiefpunkt ist, wenn man an die Liebesdarbietungen im deutschsprachigen Privatfernsehen nach Mitternacht denkt. Eros und Psyche Wie wichtig Eros für uns Moderne heute noch ist, können wir daran sehen, dass es ihm zu verdanken ist, dass Psyche, unsere Seele, ihren Aufstieg bis auf höchste göttliche Ebenen nehmen kann. Denn während Eros selbst in einem stetigen Sinkflug seit dem Matriarchat ist, was Achtung und Anerkennung angeht, hat Psyche, unsere Seele, parallel dazu ständig an Bedeutung gewonnen. Diese spiegelt sich heute in einer Flut von Literatur und einem Boom von Psychotherapien, die ihren Zenit wohl noch gar nicht erreicht hat. Psyches Entwicklung ist zum Teil auf Venus´ Eifersucht zurückzuführen, und wieder einmal zeigt sich im Schatten das größte Entwicklungspotential. Denn weil sie schöner ist als Venus selbst und alle nur noch von ihr reden, beschließt die Liebesgöttin aus gekränkter Eitelkeit und Eifersucht Psyche umzubringen, beziehungsweise sie in den Hades zu verbannen. Sie befiehlt ihrem Sohn Eros, ihr einen Liebespfeil ins Herz zu schießen, damit sie sich in Hades, den Tod, verliebe. Eros aber verletzt sich an diesem Pfeil und verliebt sich folglich selbst und unsterblich in Psyche. Als Gott darf er sich ihr aber nicht zeigen, da sie seinen göttlichen Anblick nicht ertragen würde. Deshalb bittet Eros den Westwind, Psyche ins Tal des Paradieses, den Himmel auf Erden, zu tragen. Dort genießen die beiden die Höhen himmlischer und die Tiefen sinnlicher Liebe. Aber ihre eifersüchtigen Schwestern, die auch gern einen Gott als Geliebten gehabt hätten, hetzen Psyche auf und schwärzen ihr Eros als hässliches Schlangen-Ungeheuer an. Sie bringen sie schließlich dazu, Eros sogar ermorden zu wollen. Aber bevor sie noch dazu kommt, erwacht Eros, bemerkt das Komplott und bestraft Psyche, die er weiter unsterblich liebt, recht milde mit seiner Abwesenheit. Er selbst kehrt zurück zur Liebesgöttin und Mutter Venus. Psyche, die Seele, fällt nun, ob dieser Situation und ihrer eigenen Verschuldung derselben, in tiefe Depressionen und leidet schwer. Niedergeschlagen und weinend sitzt sie an einem Fluss als Pan, der alte Naturgott vorbei kommt und ihre (Über-)Lebensinstinkte neuerlich weckt. Sie erkennt, dass sie dorthin muss, wo die Wunde geschlagen wurde, zu Venus und damit zur Liebe. Ihr will sie sich zuwenden. Venus stellt ihr vier scheinbar unlösbare Aufgaben, wie ja die Anforderungen der Liebe auch uns oft unerträglich und unmöglich erscheinen. Sie muss zum Einen alle Samenkörner sortieren. Damit ist das Jungfrauprinzip und die Unterscheidung angesprochen, so dass sie in Zukunft differenzieren kann, was ihr nützlich und was schädlich ist, und sie nicht mehr auf die Nattern des Neids in Gestalt ihrer Schwestern und unerlöster Wesensanteile hereinfällt. Sie vertraut bei der Lösung dieser Aufgabe auf Enten, also einfache Tiere aus dem Naturreich, die ihr sortieren helfen. So kommt nach dem Rausch des Verliebtseins auch wieder Ordnung in ihr zerrüttetes Leben. Des weiteren muss sie von den Schafen des goldenen Vlieses Wolle holen. Die Suche nach dem goldenen Vlies ist eine der großen Herausforderungen des antiken Lebens. Sie aber hört auf das einfache Schilfrohr, und damit auf ganz niedrige Wesen im zweiten Naturreich der Pflanzen, die ihr raten, einfach nachts die Wolle von den Dornbüschen zu sammeln, die von den Schafen dort hängen geblieben ist. Sie lernt also die Sprache der Natur wieder verstehen und innerlich ruhig zu werden. Drittens muss sie ein Kristallglas mit dem Wasser des Styx, des Flusses der Unsterblichkeit, holen. Ein Adler des Zeus nimmt ihr diese Aufgabe ab, bei der es darum geht, den Überblick zurück zu gewinnen, die Dinge von oben mit Abstand und Überblick zu sehen. D.h. der Göttervater selbst, nimmt Partei für die Seele. Schließlich als viertes und letztes soll sie von Persephone, der Göttin der Unterwelt, einen Napf von deren Schönheitssalbe holen. Um das aber zu schaffen, muss sie lernen, selbstbezogener und härter zu werden und ihre Hilfe zu verweigern. All den Leidenden der Unterwelt und den im Fluss Styx jämmerlich Ertrinkenden darf sie ihre Hand nicht reichen. Sie muss sogar ablehnen, den drei Schicksalsgöttinnen beim Spinnen der Lebensfäden zu helfen, muss also sowohl ihren menschlichen Gefühlsregungen, wie auch den Verlockungen himmlischer Macht (über Menschen) widerstehen. Auch darf sie nur noch einfachstes Essen essen, muss also der Gier entsagen. Nachdem sie all diese Aufgaben erfüllt, die damit verbundenen Eigenschaften integriert und die entsprechenden Versuchungen losgelassen hat, wird sie unsterblich und zur gleichberechtigten Partnerin von Eros in den Olymp erhoben. Damit ist Psyche, die Seele, auf einer Ebene mit den Göttern und eine gleichberechtigte Partnerin von Eros, dem Gott der sinnlichen Liebe, den sie nun auch von Angesicht zu Angesicht sehen und lieben darf. Psyches Aufstieg im Märchen des Apuleus wird so zur Analogie der Heldenreise unserer weiblichen Seele und offenbart die Bestimmung der Seele, die darin liegt, durch Fehler reifer zu werden und Fehlendes zu integrieren. So schafft sie es bis auf die Ebene der Götter, wo sie die himmlische Liebe gleichberechtigt mit dem Liebesgott Eros genießen kann. Das aber ist erst nach der Anerkennung und Aufarbeitung ihrer Fehler möglich, die sie zuvor scheitern ließen. Nach all dem hängt die wunderschöne Seele aber immer noch an ihren irdischen Ängsten und ihrer Eitelkeit. Und diesbezüglich kann ihr die selbst Betroffene Venus nicht weiterhelfen. Tatsächlich will sie die Schönheitssalbe der Persephone, der Göttin des Totenreiches, nicht mehr zurückgeben, wahrscheinlich um ihre Schönheit immer und auch angesichts des Todes zu erhalten. Da aber quillt statt Schönheit tödlicher Schlaf aus der Dose. Thanatos, der Gott des Todes, und Hypnos, der des Schlafes, sind mythische Brüder und tun sich hier – wie häufig im Märchen – zusammen. Beide kommen aus dem weiblichen Reich des Schlafes und ereilen immer wieder Königstöchter wie etwa auch Dornröschen. Solch todähnlicher Schlaf kann nur von einem entwickelten Wesen vom Gegenpol, einem befreiten Mann, besiegt werden. Dem Dornröschen hilft der Königssohn mit seinem die Geschlechter versöhnenden Kuss. Psyche hilft der immer noch unsterblich in sie verliebte Eros, indem er den Schlaf einfach wegwischt. Anschließend erhebt Zeus selbst Psyche endgültig zur Göttin und vollendet damit den Weg der Seele aus den Niederungen der Polarität in die Einheit des Himmels. Goethe beklagte die gespaltene Seele in seiner Brust mit der Sehnsucht, eins zu werden. „Zwei Seelen, ach in meiner Brust…“ Psyche gebiert Eros die Tochter Voluptas. D.h. aus der Liebe und Vereinigung mit Eros, der göttlichen Sinnlichkeit und Psyche, der göttlichen Seele, entsteht als Kind die (Woll-)Lust, das Begehren und Vergnügen, die Lebens- und Liebesfreude. Dafür nämlich steht die Göttin Voluptas. Robert Johnson, Jungianer und Mythologe, sagt diesbezüglich in seinem Buch „Der Mann – die Frau“: „Die krönende Leistung der Weiblichkeit liegt möglicherweise darin, Freude, Ekstase, Vergnügen ins Leben bringen zu können… Männer allein können für sich diese Ekstase ohne Hilfe des weiblichen Elementes nicht finden, so finden sie sie entweder in einer äußeren Frau, oder in ihrer eigenen inneren Frau. Freude jedenfalls ist ein Geschenk aus dem Herzen der Frau.“ Festzuhalten für uns Moderne bleibt, dass Voluptas, die Wollust, ebenfalls göttlichen Ursprungs ist und uns vom Gott der Liebe und der durch die Liebe unsterblich gewordenen Seele geschickt und geschenkt ist. Es gibt also keinerlei Grund sie zu verachten. Wenn wir andererseits von unsterblicher Seele sprechen, sollten wir uns immer klar machen, dass sich für die Psyche diese Unsterblichkeit erst und nur durch die Liebe verwirklichen lässt. Mythologisch untermauert lässt sich also feststellen, der Weg zur unsterblichen Seele führt offensichtlich über unsterbliche göttliche Erotik und Sinnlichkeit. Das aber heißt, dass unsere Sinne als Vorstufe und Voraussetzung von Sinnlichkeit und Sinn Stufen zur Unsterblichkeit der Seele darstellen. Weiter können wir feststellen, wenn die Psyche oder Seele sich mit Eros´ Sinnlichkeit vereint, entsteht Freude, Vergnügen und (Woll-)Lust und das Leben kann weiter gehen. Psyche gebiert Eros die Tochter Voluptas. D.h. aus der Liebe und Vereinigung mit Eros, der göttlichen Sinnlichkeit und Psyche, der göttlichen Seele, entsteht als Kind die (Woll-)Lust, das Begehren und Vergnügen, die Lebens- und Liebesfreude. Dafür nämlich steht die Göttin Voluptas. Robert Johnson, Jungianer und Mythologe, sagt diesbezüglich in seinem Buch „Der Mann – die Frau“: „Die krönende Leistung der Weiblichkeit liegt möglicherweise darin, Freude, Ekstase, Vergnügen ins Leben bringen zu können… Männer allein können für sich diese Ekstase ohne Hilfe des weiblichen Elementes nicht finden, so finden sie sie entweder in einer äußeren Frau, oder in ihrer eigenen inneren Frau. Freude jedenfalls ist ein Geschenk aus dem Herzen der Frau.“ Festzuhalten für uns Moderne bleibt, dass Voluptas, die Wollust, ebenfalls göttlichen Ursprungs ist und uns vom Gott der Liebe und der durch die Liebe unsterblich gewordenen Seele geschickt und geschenkt ist. Es gibt also keinerlei Grund sie zu verachten. Wenn wir andererseits von unsterblicher Seele sprechen, sollten wir uns immer klar machen, dass sich für die Psyche diese Unsterblichkeit erst und nur durch die Liebe verwirklichen lässt.1 In dieser Analogie steckt so viel erlösendes Potential: Erst die Sehnsucht der Seele, Psyche, nach dem Gott der Liebe, Eros, führt die Seele schließlich zu Befreiung und Erlösung und letztlich in den Himmel. Der Einbruch von Eros ins Leben2 und seine hormonellen Konsequenzen Stellen wir uns – mit dem Konzept der Synchronizität im Hinterkopf – vor, Eros Pfeil trifft jemanden mitten ins Herz, im Moment, wo er den wundervollsten Menschen erblickt. Plötzlich ist er wach, an- und aufgeregt, ja geradezu erregt. Sein ganzes Empfinden verändert sich – und gleichzeitig die Körperchemie. Er fühlt sich seltsam beschwingt, andererseits (über)wach bis aufgedreht. Die Schmetterlinge im Bauch zeigen an: Serotonin-Mobilmachung im Körperland, alles verfügbare Wohlfühlhormon wird Richtung Hirn und Herz bewegt, im Darm bleibt merkbarer Mangel zurück. Zugleich wird Dopamin ansteigen. Dieses Gefühl der Verliebtheit scheint der akuten Serotonin-Mobilisierung durch die Einnahme von Ekstasy zu entsprechen und auch ähnliche Ekstase auszulösen. Der Ekstase-Rausch lässt mit der Droge nach Stunden nach, durch Eros´ Pfeile hält er vielleicht länger an, aber irgendwann müssen die Serotonin-Reserven sich erschöpfen, und es geht ab in jenen Verliebtheitszustand, in dem die Forschung den entsprechenden Hormon-Mangel diagnostiziert. Nach allen mir bekannten Erfahrungsberichten dürften sich die beiden Ekstase-Zustände ähneln, die Be- oder Getroffenen sind nach einer ekstatischen Zeit des Außer-sich-seins, erschöpft und müde, mitgenommen und beeinträchtigt. Serotonin-Mangel hat sie im Griff. Würden wir den rechtzeitig ausgleichen, könnten die Effekte sich gleichzeitig mildern und vertiefen und auch zeitlich verlängern. Dem Übergang in die Liebe unter Venus Schirmherrschaft wären wohl Türen und Tore geöffnet.