Religionen und Glaubensgemeinschaften

Vom Wort her will uns die Religion mit unserem Urgrund verbinden im Sinne der „religio“, der Rückbindung. Tatsächlich verrät die jeweilige Religion auch einiges über die Wurzeln eines Menschen. Wir sind mehr in unserer Kultur verwurzelt als wir gemeinhin glauben. Der Kult, der unsere Kultur ausmacht, hat uns geprägt.

Das in der Zukunft liegende Ziel der Religion ist immer, ihre jeweiligen Anhänger mit der Einheit in Verbindung zu bringen. Dazu haben Religionen zumindest solange sie jung und vital sind, Übungen, Meditationen, Gebete und Exerzitien, die diesen Zugang öffnen und die Einheit erfahrbar machen sollen.

Insofern kann man Alter und Vitalität einer Religion am Zustand dieser praktischen Übungen ablesen. Wie sich Vitalität und Alter beim Pferd am Gebiss spiegeln, tun sie es bei der Religion an der Ernsthaftigkeit und Disziplin, mit der die Vertreter des jeweiligen Gottes auf Erden bei der Sache sind.

Diesbezüglich schneiden die christlichen Kirchen sehr schlecht ab, haben Sie sich doch vor allem politisch hervorgetan und die Übungen und Rituale fast vorsätzlich verkommen lassen, als hätten sie direkt Angst, Ihre Anhänger könnten echte Gotteserfahrungen machen. In Peru traf ich einmal einen Cuandero, einen jener Pflanzenkundigen, die mit Hilfe ihrer heiligen aus Amazonaspflanzen gebrauten Tränke Suchende auf die innere Reise schicken und sie mit ihren Gesängen in den Seelen-Bilder-Welten leiten, der das deutlich zum Ausdruck brachte. Nachdem er zunehmend auch westliche Suchende begleitete, war er auch mal aus dem Urwald herausgekommen und hatte aus Neugierde an einer katholischen Messe teilgenommen, um herauszufinden, warum deren Anhänger zu ihm kamen und was deren Religion zu bieten hätte. Bereit und wissbegierig nahm er am Abendmahl teil und empfing sowohl die Oblate als auch einen Schluck Rotwein und erlebte wenig bis nichts, obwohl er sehr offen nach innen horchte. Erstaunt wollte er von mir wissen, was uns antrieb, wegen solch unwirksamer Tränke so ein Theater zu machen. Ich konnte ihm nur sagen, dass Christen sich heutzutage mehr auf intellektuelles Verständnis ihrer Religion spezialisiert hätten und sich kaum noch direkte Erfahrungen in den Seelen-Bilder-Welten erhofften.

Aber das war früher auch in unserer Kultur anders. Vor vielen Jahren machte ich einmal eine längere Fastenzeit in einem Jesuiten-Kloster in Verbindung mit strenger Zen-Meditation. Jeden Mittag gab es eine Eucharistiefeier und der leitende Jesuiten-Pater, der zugleich Zen-Meister war, verabreichte den Fastenden und Meditierenden einen guten Schluck guten Weines zur Oblate. Zu Beginn der Fastenzeit war die Wirkung überschaubar, aber gegen Ende der 16 Tage bekam der gute Wein geradezu etwas Magisches. Äußerlich zeigte es sich auch daran, dass immer mehr Nichtkatholiken zum mittäglichen „Abendmahl“ strebten. Obwohl die ganze Zeit streng geschwiegen wurde, zeichnete sich offenbar auf den Gesichtern der mit dem Blut und der Vitalität ihres Meisters versorgten Katholiken eine Inspiration ab, die ansteckend wirkte.

Mir wurde dabei klar, welche Wirkung einmal der Wein gehabt haben musste einerseits im Dionysos-Kult der Antike, als man sich vorsätzlich berauschte, um in religiöse Raserei zu geraten und in so genannten Orgien orgiastische Gefühle feierte. Zum anderen in den 40-tägigen Fastenzeiten der frühen Christen, wo der Alkohol des Weines nach fünf und sechs Fastenwochen natürlich ganz andere Wirkungen entfaltete.

Am Fasten lässt sich aber andererseits auch wieder erkennen, was aus einer Religion geworden ist. Während Christen auf das Ramadan-Fasten der Muslime scheel herabschauen, weil es sich dabei nur mehr um eine Farce handelt, übersehen sie gern die eigene Entwicklung in ganz ähnlicher Richtung. Den Moslems war Essen und Trinken verboten solange die Sonne am Himmel stand, was früher offenbar ein radikales Fasten meinte. Heute wird nach Sonnenuntergang entsprechend zugeschlagen mit dem Ergebnis, dass diese Abart des Fastens im wesentlichen radikalisiert und fanatisch macht. Ständig hungrige und durstige Menschen sind in schlechter Verfassung finden alles andere eher als Gott in ihren Herzen.

Die christliche Fasten-Varianten sind heute aber nicht weniger lächerlich. Ursprünglich von Aschermittwoch bis Ostersonntag fastend, hatten die frühen Christen ein fast sechswöchiges ausgedehntes Ritual zu absolvieren, das sicher zu tiefen Erfahrungen führte. Mit der Zeit beschränkte man dieses strenge Fasten auf die Klöster und entließ die normalen Gläubigen in die Bequemlichkeit. In den Klöstern erfanden die Mönche darauf hin das Bier und labten sich auch während des Fastens daran. Als das Bier zum Welterfolg wurde und sich in die Bevölkerung ausbreitete, erfanden die Mönche das Starkbier für die Fastenzeit und hatten damit nicht nur eine hochkalorische Ernährung sondern auch eine aufgrund der hohen Stammwürze beschwingte Zeit. Bis heute ist die Fastenzeit auch Starkbierzeit in Bayern und bietet einige der wenigen noch eingehaltenen Rituale. Der Salvator, was nichts anderes als Heiland meint, fließt dann aus dickbäuchigen Fässern.

Solcherart beschwingt wurden die Mönche immer mutiger und erklärten auch so genannte Fastenspeisen für erlaubt. Diese hochkalorischen Mehlspeisen erfreuen sich in katholischen Gegenden bis heute großer Beliebtheit. Später ging man mutig weiter und erlaubte auch noch Fisch. Der Höhepunkt der katholischen Fastenreform war erreicht, als man alles was schwamm zu Fisch erklärte. Nachweislich wurden die Biber in Bayern in dieser Zeit von den „fastenden“ Klostergemeinschaften aufgefuttert und ausgerottet. Wer nun am Karfreitag anstatt eines Schweinebratens einen fetten Karpfen isst und sich durch diese Art von Fastenanstrenung auf dem spirituellen Weg glaubt, ist offensichtlich eher auf dem Holzweg und sein Weiterkommen ist in Frage gestellt. Das ist leider die Situation der meisten modernen Menschen unseres Kulturraumes und das Fasten nur ein exemplarisches Beispiel für den erreichten Stand.

Natürlich gibt es auch hierzulande noch viele Menschen, die wirklich bewusst fasten und es auch als Weg zu spirituellen Erfahrungen nutzen. Und so gibt es natürlich auch in der spirituellen Tradition des Islam bis heute Sufis, die strenges Fasten sehr ernst nehmen und ihre Gotteserfahrungen damit machen. Wir haben die Wahl, was wir erreichen wollen. Die klassischen Religionsgemeinschaften bieten aus meiner Sicht keinerlei Gewähr mehr, ihre Anhänger weiter zu bringen, oft sogar im Gegenteil. Aber wir haben heute die Freiheit auch außerhalb solcher Gemeinschaften und Vereine, Schritte auf dem Weg zu uns Selbst zu unternehmen.

So wie die Schulmediziner das Thema Heil-ung aus dem Auge verloren haben, ist auch den Theologen und Berufschristen, dem Großteil des christlichen Bodenpersonals, dieses Thema irgendwie aus dem Visier geraten, wie anders könnte man es sich sonst erklären, dass einfach keine Übungen und Exerzitien mehr an die Gläubigen weitergegeben werden, um Erfahrungen der Einheit zu machen. Das Schöne aber ist eben, wir können diese Möglichkeiten auch ohne professionelle Hilfe nutzen, um auf dem Weg voranzukommen. Und diesbezüglich sind die Angebote heute vielfältiger denn je.