Religionen und Esoterik

Die Idee der Esoterik ist es, zur Essenz der Religionen vorzudringen und das gemeinsame und Verbindende und damit Allgemeinverbindliche zu finden. Ähnlich wie Alexander von Humboldt die Universität wie eine Torte verstanden wissen wollte, wo die verschiedensten Forscher in den verschiedensten Fakultäten die Vielfalt der Erscheinungsformen (-versität) erforschten, um sich dann in der Mitte bei der einen gemeinsamen Idee zu treffen (uni-) und ihre verschiedenen Ansätze in die Einheit münden zu lassen. An den modernen westlichen Universitäten ist diese Idee fast untergegangen und mancherorts sogar in ihr Gegenteil verkommen, wenn sich Fakultätsfürsten gar nicht mehr miteinander austauschen und statt dem Verbindenden das Trennende betonen. Ähnlich ist es der Esoterik ergangen, wo sich verschiedenste Schulen heute kaum darin ergänzen, das Gemeinsame Eine zu verwirklichen, sondern sich in Haarspaltereien über den richtigen Weg ergehen, der fast immer der eigene ist. Die Religionen unseres Kulturkreises sind ihrerseits kaum auf das Finden von Gemeinsamkeiten aus, wenn man von den fast rührenden Versuchen einiger Berufschristen absieht, auf der Basis der gleichen Bibel so etwas wie Ökumene zu verwirklichen.

Wenn wir an die Anfänge zurückgehen, getreu der esoterischen Erkenntnis, dass im Anfang alles liegt, kann sich die Erklärung für manche dieser, auf den ersten Blick so unverständlichen heutigen Trends ergeben.

Bei allem modernen Gegeneinander fällt doch beim Blick zurück das Gemeinsame auf. Karl Jaspers sprach von der Achsenzeit (800 – 200 v. Chr.), in der sich in vier großen Kulturräumen fast gleichzeitig und doch getrennt voneinander die großen Religionen und Philosophien abzuzeichnen begannen. In China traten Konfuzius und Laotse auf und schufen die Grundlagen der chinesischen Philosophie in der so genannten Zeit der Hundert Schulen.

In Indien war es die Zeit der Ausbreitung des Buddhismus auf dem Boden einer bereits von den Upanishaden lebenden hinduistischen Kultur.

Im Orient brachte Israel zu dieser Zeit die biblischen Propheten mit ihren Weissagungen hervor von Elijas über Jesaja bis zu Ezechiel. Im Iran lehrte Zarathustra seine Weltsicht des Kampfes zwischen Gut und Böse, Ahura Mazda und Ahriman, die im Zoroastrismus bis heute fortlebt.

Im Okzident war es in Griechenland die Zeit der homerischen Epen Ilias und Odyssee, der Naturphilosophen Thales von Milet und Anaximander, von Sokrates, Platon und Aristoteles die die Basis der heutigen europäisch-abendländischen Weltanschauung legten. In dieser Zeit entstand in der antiken Polis die Idee der politischen Freiheit, die uns bis heute beflügelt. Sie ist im Westen geboren und zuhause und hat bis heute hier ihre stärksten Wurzeln, während andere Kulturen sich damit eher mühsam mühen und mehr zu Demokraturen denn zu Demokratien tendieren.

Wenn wir die verschiedenen Religionen betrachten, finden wir neben dem Zeitfaktor noch viel mehr Parallelen als Trennendes. So wie das Judentum die Wurzeln des Christentums und des Islam in Gestalt des alten Testamentes enthält, entstand der Buddhismus aus dem Hinduismus, der sein Fundament oder altes Testament wurde.

Allerdings haben die großen östlichen Religionen fast immer auf Integration gesetzt im Gegensatz zu den ausgrenzenden und ausschließlichen Tendenzen der aus dem Judentum kommenden Religionen. Das macht bis heute einen wesentlichen Unterschied zwischen West und Ost aus.

Als der Gautama Buddha die hinduistisch indische Welt mit seiner vergleichsweise traditionsfeindlichen Lehre aufrüttelte, die die Kasten und Privilegien radikal in Frage stellte und den Menschen über das Amt und die Erfahrung über die Riten hob, gab es keine Kriege, sondern Umarmungsversuche. Die Brahmanen, die ihre Kaste und Pfründe gut abgesichert hatten und auf den Veden aufbauend, eine sichere Existenzform in ihren immer komplizierter gewordenen Ritualen gefunden hatten, über die sie allein das Monopol besaßen, kämpften nicht gegen die neue, die Erfahrung in den Mittelpunkt und sie selbst ins Abseits stellende Lehre, sondern nahmen sie auf. So wurde Buddha flugs zum Avatar ihres hinduistischen Gottes Vishnu befördert oder degradiert, ganz wie man will, und solcherart „eingemeindet“, mit dem Erfolg, dass der Buddhismus in seiner Heimat Indien heute praktisch nicht mehr existiert. Er wurde richtiggehend aufgesaugt und in den Mutterschoß des alten Glaubens zurück gesogen. Andererseits hat der Buddhismus in Ländern seiner stärksten Ausbreitung wie vor allem Thailand den Hinduismus als sein altes Testament integriert und so gehören Tänze und Aufführungen aus dem Epos Ramayana dort zur Tradition. Wie die Hindus Buddha zu einem ihrer Avatare machten, bedienten sich im Gegenzug die Buddhisten bei den Avataren Vishnus wie Rama, um ihrer an sich trockenen und pragmatischen Philosophie Farbe und Mythen und wenigstens den Anstrich einer Religion zu schenken.

Außerdem drangen aus dem Untergrund die alten animistischen Vorstellungen allmählich wieder durch und gaben zum Beispiel dem thailändischen Buddhismus ein eigenartig buntes Gepräge. Statt auf die Strenge einer auf reine Erfahrung gegründeten Philosophie wie man sie noch im Zen-Buddhismus findet, stößt man in Thailand heute auf eine bunte Mischung aus Hausgöttern und ihren vielgestaltigen Tempeln, die in keinem Gegensatz zu den Tempeln und Pagoden des Buddha gesehen werden. Das Volk braucht seine bunte Religion und macht sie sich zurecht, um den Alltag zu bewältigen und die religiöse Obrigkeit des Ostens ließ das zu.

Dieses Phänomen, der verschiedenen Schichten von Religion finden wir überall. In Tibet verband sich der Vajrajana-Buddhismus zwanglos mit der lange vorher existierenden Bön-Religion und existiert bis heute in der Schwarzmützen-Tradition weiter. Der Vorteil des Ostens bei all dem ist die für westliche Menschen verblüffende Friedlichkeit, die zu gegenseitiger Durchdringung statt zu Abgrenzung führt. Das Bodenpersonal östlicher Gottheiten ist einfach wesentlich weniger ausgrenzend, sondern im Gegenteil geradezu vereinnahmend.

Auch bei uns erkennen wir diese Schichtungen der Religion. Ganz konkret finden wir im Untergrund unter fast jedem bedeutenden christlichen Gotteshaus die Grundmauern heidnischer Tempelanlagen. Man verwendete nicht nur dieselben Grundmauern, sondern auch dieselben Zeiten für die entscheidenden Feste. Allerdings war das nicht von Koexistenz, sondern von wütendem Verdrängungswettbewerb und oft genug blinder Zerstörungswut gekennzeichnet. Die alten Tempel wurden geschleift und ihre Priester, wo immer möglich ermordet. Was aber statt integriert ausgerottet werden sollte, wurde doch nur in den Schatten verdrängt. Insofern waren die östlichen Religionen letztlich erfolgreicher mit ihrer Synthese, die allen Religionen und Glaubensrichtungen parallel Lebensraum ließ, während sich die aus dem Judentum hervorgegangenen in ständiger kämpferischer Ausschließlichkeit lebenden ihrer Existenz nie sicher sein konnten, und es bis heute nicht können.

Die große Göttin des Matriarchats, deren Einflussbereich mit allen Mitteln zerstört worden war, wie sich uns etwa in den Mythen von Avalon enthüllt, hat ganz heimlich die christliche Jungfrau Maria unterwandert und wird in vielen schwarzen Madonnen weiter verehrt. Sie meldet sich heute – wenn auch vorerst nur äußerlich – ebenso in den Figuren so vieler Frauen zurück, die der Venus von Willendorf unwillentlich und unbewusst nacheifern. Der alte Naturgott Pan macht in rasant zunehmenden Pan-ik-Attacken wieder von sich reden. Natürlich sind das Schattenmanifestationen, aber in der kämpferischer Feindschaft der einzelnen Richtungen ist das auch nicht anderes zu erwarten.

Selbst an den heiligsten Festen der Christenheit kommt jetzt, wo die christliche Kraft erlahmt, das alte, bis auf den Tod bekämpfte Heidentum wieder heraus, so lebendig wie eh und je. Weihnachten, das Geburtstagsfest des Jesuskindes, steht schon längst wieder unter dem Zeichen heidnischer Symbole. Der Christbaum ist klammheimlich wieder zum Weihnachtsbaum geworden, jenem Lichterbaum der alten Zeit, der die geweihte Nacht des Wintersolstitiums erhellt und als immergrüner Baum anzeigt, dass das Licht auch in der Zeit tiefster Dunkelheit unbesiegbar bleibt. Auch in anderen Traditionen wie der von Eleusis im antiken Griechenland rief man in dieser Nacht: „die Jungfrau hat geboren!“, allerdings meinte man es nicht so wörtlich, sondern eher symbolisch. Längst haben sich unter den meisten modernen Weihnachtsbäumen, die mehr dem Santa Claus als dem Christkind geweiht sind, und in alter Zeit schon von den Druiden mit Lichtern und Lebkuchen behängt wurden, die Krippen verabschiedet. Geblieben aber ist die Weihnachtsgans, jenes Symboltier der germanischen Totengöttin Hel, im Märchen Frau Holle genannt. Wenn Frau Holle ihre Gans rupft, schneit es auf Erden, wie der Mythos weiß. Bis heute hat diese ihren festen Platz beim Fest als Festbraten, der natürlich mehr mit Völlerei als mit Verehrung der Totengöttin zu tun hat. Verdrängte und scheinbar niedergekämpfte Religionen und Glaubensrichtungen zeigen sich immer in ihren scheußlichsten Schattenseiten, während integrierte ihre schönen Seiten durchblicken lassen können.

Noch schlimmer ist es dem allerheiligsten Fest der Christenheit ergangen, dem Osterfest oder früheren Frühlingsäquinoktium. Die christliche Passion kommt im Mehrheitsmedium Fernsehen kaum noch vor, im Bewusstsein der Menschen spielt sie längst eine untergeordnete Rolle und wird kaum mehr rituell begangen oder gar gefeiert. Dafür hat der alte heidnische Osterhase seine großen Auftritte bewahrt und ausgebaut, erreicht er doch über die Herzen der Kinder alle Schichten der Gesellschaft. Was für ein eigenartiges heidnisches Fruchtbarkeitssymbol, ein Eier legender Hase, der letztlich in der Zeit des Frühlings die Wiedergeburt der Welt aus dem Weltenei symbolisiert. Dass Hasen in Wirklichkeit keine Eier legen, sondern im Gegenteil in erstaunlichem Ausmaß Junge gebären, verstärkt seine Symbolträchtigkeit nur. Mit doppeltem Uterus ausgestattet, ist die Häsin ein Wunder an Fruchtbarkeit, und natürlich ist auch ihr Partner, der Rammler, kein Kind von Traurigkeit. Hier mag die alte Symbolik der Beltane-Feuer auftauchen oder man denkt an Bali, wo sich die Menschen auf den Feldern liebten, um deren Fruchtbarkeit zu sichern und zu erhöhen. Der Osterhase aus Zuckerguss oder Schokolade hat heute bereits viel mehr Aufmerksamkeit als die Passion und wird diese wohl locker überdauern, wobei er auch schon lange vorher da und eigentlich überhaupt nur vorübergehend untergetaucht war. Insofern durchdringen sich auch bei uns die Religionen, nur nicht in der friedlichen und integrierenden Weise der östlichen Glaubensrichtungen. Rückwirkend müsste sich das christliche Bodenpersonal fragen lassen, ob es nicht besser gewesen wäre, die vorhergehenden religiösen Elemente zu integrieren. Mit der Kampfstrategie hatte man sie zwar 2000 Jahre ziemlich vom Tisch, aber nur um jetzt – spät und unerwartet – ihnen gegenüber doch noch ins Hintertreffen zu geraten.

Noch viel früher, lange vor dem Auftauchen der aggressiv-offensiven, aus dem Judentum hervorgegangenen Religionen, war auch bei uns die integrierende Tendenz vorherrschend. Deutlich wird das bis in die Gegenwart auf Island, der letzten Bastion germanischer Religion und nordischer Naturgeister-Religiosität. Noch heute wird dort bei der Straßenplanung auf die Behausungen von Gnomen und Feenwesen Rücksicht genommen. Vor allem aber existiert noch immer – zumindest im Untergrund und in den Herzen – die alte germanische Tradition. Als die Isländer, die fest in dieser Tradition gegründet waren, die Aggressivität des anstürmenden Christentums zu spüren bekamen, beriefen sie eine Volksversammlung ein und hielten eine Abstimmung darüber ab, ob man das Christentum annehmen oder zurückweisen sollte. Der Volksentscheid ging unentschieden aus und ein Weiser wurde mit der Lösung des Problems beauftragt. Nach entsprechend tiefer Innenschau in strenger Zurückgezogenheit brachte er eine germanische Lösung aus sich hervor. Er sprach sich für die äußere Annahme des Christentums im ganzen Land aus, um kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden und empfahl, die alten Götter mit sich nach innen zu nehmen. Er selbst zog sich mit deren Statuen zurück und versenkte sie im Godafoss, dem Wasserfall der Götter. So ist Island bis heute unterwegs: der alte Glaube lebt innen in den Herzen weiter, außen aber wurden Kirchen gebaut, um die christlichen Eiferer zufrieden zu stellen. Die Isländer sind mit Recht stolz, dass es nie Krieg auf ihrer Insel gab. Ja, es gab dort noch nicht einmal Militär, was bis heute so geblieben ist. Ein stabiler Frieden lässt sich auf das Talent der Integration zurückführen, und Isländer weisen nicht ohne Genugtuung darauf hin, dass sie das Wahlrecht für Frauen 100 Jahre vor den Schweizern und vor allen anderen Nationen eingeführt haben.

Auch das hat seine Wurzeln in ihrer Religion, die eher versöhnlich den Ausgleich zwischen den Geschlechtern sucht. Als nämlich die patriarchalen Asen um Odin und Thor mächtiger wurden und den matriarchalen Wanen um Freya und Njörd auf den Pelz rückten, gab es keinen Krieg, sondern einen Kompromiss und sie teilten sich die Sitze im germanischen Götterhimmel. Dass diese an sich friedliche und auf Ausgleich gepolte Religion durch die Nazis so in Misskredit geriet, ist schade für uns, und so haben wir uns mehr dem Mythos der Antike zugewandt, der eigentlich den mediterranen Völkern auf den Leib und in die Seele komponiert ist. Immerhin lässt die Tatsache hoffen, dass auch an unserer religiösen Wiege eher Versöhnung eine Rolle spielte als Kampf und Krieg.

Wenn wir an den Ursprung von Christentum und Islam denken, mag uns die esoterische Weisheit, dass im Anfang alles begründet liegt, wie im Samen schon die ganze Pflanze, eher Furcht einjagen. Der Stammvater Abraham war die längste Zeit seines Lebens keiner, denn er konnte mit seinem Weib Sarah keine Kinder zeugen. Spät – mit 86 Jahren -, aber immerhin erlaubte ihm Sarah bei seiner ägyptischen Sklavin Hagar zu liegen und mit ihr ein Kind zu zeugen. So ist Ismael das Kind dieses Kompromisses Abrahams Erstgeborener und galt offiziell als Sarahs Sohn. Dann aber inszenierte der Gott des alten Testamentes ein seltsames Spiel und schenkte den greisen Eheleuten doch noch ein eigenes Kind, nämlich Isaak, der dadurch Abrahams Zweitgeborener wurde. Nun führte die Eifersucht Sarahs dazu, dass sie Abraham drängte, den Erstgeborenen Ismael mit seiner leiblichen Mutter Hagar zu vertreiben. Abraham ließ sich tatsächlich von seiner eifernden Frau zu diesem Unrecht verleiten, damit Isaak sein Erstgeborener werden und Stammvater der Juden und damit auch der Christen. Ismael, der eigentlich Erstgeborene und Vertriebene aber wurde Stammvater der Ismaeliten oder Araber und damit der Muslime. Ihm sagte Gott voraus, dass Not und Kampf für ihn kennzeichnend sein würden, aber auch eine große Nachkommenschaft. Er und seine Nachfahren lebten – als Vertriebene in der Wüste Paran, wo sie als Nomaden herumzogen, ohne Ruhe zu finden. Diese nomadisierenden Wüstenstämme wurden schon bald und zum ersten Mal in der Zeit der Richter als die Feinde Israels bezeichnet.

Betrachten wir die heutige Feindschaft zwischen Juden und Arabern, erscheint einiges vor dem Hintergrund der mythischen Geschichte durchsichtiger. Die Nachkommen des zurückgesetzten und vertriebenen Erstgeborenen, kämpfen noch immer um ihr Recht und ihre Anerkennung und haben sich nicht wirklich lösen können von dem Odium des Zurückgesetztseins. Dafür sind sie wirklich sehr viele an der Zahl, heute das Hauptproblem des modernen Israel.

Ismael bleibt gebunden und kommt sogar noch zur Beerdigung seiner Vaters Abraham, der ihn verstoßen hatte. Die Christen erben einerseits diese Geschichte als Nachfahren der Juden, andererseits haben sie eine ständige eigene Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, denn auch ihr Prophet, Christus, als solchen sehen ihn jedenfalls die Muslime und nennen ihn voller Achtung Isa, wird ja nicht nur vertrieben, sondern sogar von den Juden ermordet. Insofern ist es verständlich, wenn Christen und Araber in ständiger Auseinandersetzung mit ihren gemeinsamen Wurzeln im Hader leben und kämpfen. Die Muslime kämpfen dabei um ihr Lebensrecht und die seinerzeit und damit von Anfang an verweigerte Anerkennung. Bei den Christen geht es oft genug um Rache für den Mord an ihrem Religionsstifter. Begegnen sich aber Muslime und Christen, geraten erstere rasch in die Rolle Erben der entrechteten und vertriebenen Underdogs, letztere aber die der vorgezogenen und bevorzugten Nachfahren Isaaks.

Was immerhin auffallen sollte, ist, dass hinter all dem Gott als Initiator steht und dass es sich hier offenbar um eine inszenierte Geschichte handelt, an denen die Menschen lernen und wachsen sollen.

Wenn wir die Religionen in ihrem Eigenleben und ihren Entwicklungsstadien seit der Achsenzeit betrachten, ja ihnen eine Art menschliche Entwicklung zugestehen, können wir Geburtswehen erkennen und die Pubertät, aber auch eine Midlife-Crisis und das Alter. Besonders die Geburten prägen – nicht nur bei den Menschen – sondern auch bei den Religionen das spätere Leben. Da kann sich der Gautama Buddha friedlich von seiner Familie lösen und eine in Kasten gespaltene Welt in sanften Tönen und Übungen zu versöhnen suchen, kann Anerkennung finden und Verehrung und seinen Anhängern einen friedlichen, auf Meditation gegründeten Auftrag hinterlassen, den sie abwandeln und ihren Bedürfnissen anpassen, aber im wesentlichen friedlich umsetzen. Mehr als eine Selbstverbrennung aus Protest gegen den Vietnamkrieg kann da kaum passieren. Sie kämpfen nicht mit dem Schwert, sondern fliehen eher wie heute vor der brutalen Unterdrückung durch die Chinesen in Tibet.

Christus dagegen wurde verfolgt und umgebracht und seine Anhänger erbten dieses Schicksal in den brutalen Christenverfolgungen durch die Römer. Sie litten schwer und ließen andere leiden, als sie dann vermittelt durch Kaiser Konstantin selbst an die Macht gelangten. Auch der Prophet Mohammed musste hart kämpfen und seine Anhänger tun es ihm bis heute nach.

Auch eine Art Pubertät lässt sich bei Religionen finden, die natürlich – wie auch bei Menschen – sehr weitgehend von der Vorgeschichte, der Geburt und Kindheit, geprägt ist. Das Christentum hatte seine Sturm und Drangzeit in der Epoche der Kreuzzüge und den offenbar dazugehörenden eifernden Fanatismus in der Inquisition. Einiges spricht dafür, dass der eigentlich erstgeborene, aber dann doch später auf die Welt gekommene Islam in der Gegenwart seine heftige Pubertät lebt. Und natürlich wehren sich die älteren mit all ihren sehr beschränkten Mitteln dagegen. Islamische Länder sind auch tatsächlich von vielen jungen Menschen geprägt, während die älteren christlichen Kulturen bekanntlich überaltern.

Wenn wir diese in Analogien deutende Betrachtungsweise nun zum Schluss noch auf die christliche Geschichte anwenden, könnte uns noch mehr über unsere Kultur klar werden. Auch hier handelt es sich um eine große Inszenierung, die gedeutet, verstanden und damit als Lernaufgabe durchschaut werden kann.

Christus hatte den 12 Urprinzipien entsprechend 12 Jünger. Bei einigen wird der urprinzipielle Charakter besonders deutlich wie etwa bei Thomas, dem Zwilling und Zweifler. Er ist der einzige, dem Christus nach der Auferstehung erlaubt, seine Hand in die Wunden der Kreuzigung zu legen, damit auch er, der Zweifler, ihn als seinen Herrn erkennen könne. Christus, könnte man sagen, kennt seine Pappenheimer und gibt jedem seine Aufgabe und seinen Platz im Leben und in seiner Nachfolge. Er bezeichnet Johannes als den Jünger, der seinem Herzen nahe ist, und er ist auch der einzige, der die spirituelle Essenz seiner Lehre versteht. Ihm wird er am Ende, die beiden Frauen seines Lebens anvertrauen, seine Mutter Maria und Maria Magdalena. Johannes nimmt er oft in Schutz gegenüber Petrus, der Ihn und vor allem Seine Lehre kaum versteht und offenbar eher einen Aufstand gegen die Römer, eine Art Revolution, im Auge hat. Als Christus die Jünger im Garten Gethsemane ein letztes Mal um sich versammelt und darauf hinweist, dass er sein Werk nun vollenden müsse und sie keinen Widerstand gegen die Römer leisten sollen, versteht ihn Petrus ein weiteres Mal miss, zieht sein Schwert und schlägt einem römischen Soldaten das Ohr ab. Als Christus Petrus zum allerletzten Mal begegnet, sagt er ihm voraus, dass er, Petrus, ihn bereits dreimal verleumdet haben würde, bevor der Hahn drei mal krähte. Typischerweise weist Petrus das weit von sich, um dann kurz darauf zu erkennen, wes Geistes Kind er ist, als nämlich der Hahn zum dritten mal kräht und er seinen Herrn bereits dreimal verleumdet hatte.

Und trotzdem, obwohl er all das weiß und voraus sieht, baut Christus seine (äußere) Kirche auf Petrus, diesen Felsen, von dem er weiß, dass er ihn von Anfang an nicht verstehen konnte und später dauernd verleumden würde und das noch nicht einmal selbst durchschauen könne. Andererseits baut er auf Johannes – eine innere Kirche, die keine weltliche Macht und keine Tempel und Paläste braucht und davon weiß, dass das Himmelreich Gottes in uns ist.

Auch hier also wieder die große Inszenierung, damit wir unsere Plätze und Muster und uns selbst darin erkennen können. Wer aber sein Muster durchschaut, kann sich davon ein Stück distanzieren und frei werden.

Heute könnten wir mit den immensen Möglichkeiten im Hinblick auf Information und Reisen alle Religionen kennen lernen und sie vergleichen. Dabei könnte uns – bei aller äußerlichen Verschiedenheit – auch viel Versöhnliches auffallen, vor allem wenn wir über enge theologische Grenzsetzungen hinaus schauen. Die Essenz des Christentums über die Konfessionen hinweg liegt in den Sätzen zur Liebe: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“ und „Liebet deine Feinde“. Wer das verwirklicht hat, erkennt sich selbst in jedem anderen und entspricht dem Hindu, der seinen Auftrag, das „Tat twam asi“ verwirklicht hat. Dieses „ich bin das, und das und das“ bringt ihn auf die gleiche Stufe, er erkennt sich in allem und ist mit allem eins geworden.

Menschen aller Religionen, die auf den so verschiedenen Pfaden ihrer Traditionen Verwirklichung gefunden haben, entsprechen sich im Wesentlichen. Ob wir ihre Situation mit dem Himmelreich Gottes oder als Paradies umschreiben, davon ausgehen, dass sie in Kether angekommen sind oder Nirvana oder auch Samadhi verwirklicht haben, Befreiung gefunden oder eins mit dem großen Geist geworden sind, letztlich sind sie – frei von jedem Widerstand – eingetaucht in den Augenblick des Hier und Jetzt. Das diskursive Gedankengut von Theologen verschiedenster Couleur wird sie dann weder interessieren noch hindern können, einander als Gleich und eins mit allem zu erkennen.