Reinkarnationstherapie

Bevor ich mich ausführlicher mit der Reinkarnationstherapie auseinandersetzte, erscheint es mir wichtig, das Weltbild und Krankheitsverständnis zu beleuchten, das dieser Therapie zugrunde liegt. Diebezüglich kann ich mich kurz fassen, da die laufenden Artikel in der Co-med hier bereits eine Grundlage gelegt haben. Der zentrale Unterschied zur gängigen Me­dizin ist, daß uns Krankheit nicht als der große Feind erscheint wie den meisten therapeuti­schen Ansätzen. Krankheitsbilder sind vielmehr Hinweise, um Lernaufgaben zu erkennen und Schritte in Richtung Heilung anzuregen. Aus unserer Weltsicht ist der Mensch grund­sätzlich krank. Insofern sprechen wir auch gar nicht von Krankheiten, so wenig wie von Gesundheiten. Krankheitsbilder liefern Hinweise darauf, daß die Betroffenen aus dem Gleichgewicht gefallen sind und können uns im Sinne der Krankheitsbilder-Deutung Hin­weise darauf geben, wo die Störung der Balance genau liegt. Krankheit ist als Feindbild aufgegeben, und wir sehen eher in seinen Zeichen, den Symptomen, Chancen auf dem Weg zum Heilwerden.

Nach unseren Erfahrungen ist der Körper die Bühne, auf der diejenigen Stücke ge­spielt werden, die bewußt von den Betroffenen nicht aufgeführt werden bzw. denen sie keinen Raum geben. Die Bühne aber kann auch bei einem Theaterstück nicht schlecht oder tragisch sein, sondern nur das Stück, der Inhalt. Insofern gehen wir auch bei einer gestörten Nierenfunktion davon aus, daß nicht die Niere an sich das Problem ist, sondern das Thema dahinter. Natürlich gibt es manchmal und insbesondere in akut bedrohlichen Situationen keine Alternative zu funktionalen Maßnahmen der Symptomunterdrückung. Der Schock­zustand erfordert diese z.B. schnell und ohne wenn und aber. Trotzdem ist die funktionale Behandlung von Symptomen für uns grundsätzlich eine Therapie der Zeichen und eben nicht der wesentlichen Strukturen. Wenn der Motor eigenartige Geräusche von sich gibt, ist es keine gute Lösung, das Radio lauter zu drehen. Zwar erspart das für kurze Zeit die Aus­einandersetzung mit der unangenehmen Situation im Motorenbereich, aber langfristig macht das alles nur viel schlimmer. Therapie im Bereich der Warnzeichen mit dem Ziel, diese zu beseitigen ist heute eine Domäne der Schulmedizin, wird aber glücklicherweise zunehmend von Patienten als zu oberflächlich durchschaut.

Bei der Reinkarnationstherapie gehen wir davon aus, daß wir uns von den Sym­ptomen den Weg weisen lassen und uns von allen Störungen so frühzeitig und bereitwillig wie möglich stören lassen sollten, um erstens Schlimmeres zu vermeiden, und zweitens, um dem Heil näher zu kommen. Das Wort Heilung enthält eben nicht zufällig das Heil und dieses müßte das Ziel aller Therapie, die diesen Namen verdient, sein. An diesem Punkt mag deutlich werden, warum wir auch allen naturheilkundlichen Maßnahmen, die lediglich auf Wiederherstellung der Funktion zielen ohne der Deutung des Symptoms Bedeutung beizumessen, kritisch gegenüberstehen. Natürlich haben sie den großen Vorteil, wenn überhaupt zumeist viel geringere Nebenwirkungen im Vergleich zu den schulmedizinischen Medikamenten zu haben, aber sie vergeben genauso die eigentlichen Chancen, die uns je­des Symptom verschafft.

Nicht umsonst begannen Ärzte zu allen Zeiten das Patientengespräch mit der Frage „Was fehlt ihnen?“ Auch wenn Patienten heute darauf Auskunft geben, was sei haben, ihre Symptomen nämlich, ist die ursprüngliche Fragerichtung doch die entscheidende. Dem Pa­tienten fehlt etwas zur Ganzheit. Und dieses Etwas läßt sich über das Krankheitsbild fin­den. Wir fühlen uns deshalb auch nicht einem allopathisch unterdrückenden sondern dem homöopathisch aufdeckenden Denken verpflichtet, nehmen die Symptome wichtig als Wegweiser auf dem Pfad der Entwicklung. Das Ziel unserer Therapie ist also weniger Symptomfreiheit als Selbstverwirklichung. Das Selbst ist aber – um mit C.G. Jung zu spre­chen – das Ganze. Es enthält die Ichidentifikationen, aber auch alle Schattenanteile. Krank aber wird der Mensch immer am Schatten, an dem, was ihm fehlt im Bewußtsein, wovon er nichts weiß.

Der Schatten wird uns vom Schicksal auf verschiedenen Wegen nahegebracht, wohl nicht, um uns das Leben zu erschweren, sondern um uns heil werden zu lassen. Der eine Weg läuft über die Umwelt. Grundsätzlich können wir davon ausgehen, daß alles, was wir draußen nicht wahrhaben wollen, was uns stört oder als feindlich begegnet, mit uns selbst zu tun hat. Unsere Feinde haben eben genau die Eigenschaften, die wir bei uns selbst ablehnen, das gerade macht sie zu Feinden. Hier liegt wohl auch der Grund, warum Chri­stus uns aufforderte, unsere Feinde zu lieben. Wenn es uns nämlich gelingt, sie anzuneh­men, uns ihnen zu öffnen und sie also zu lieben, müssen wir uns mit unserem durch sie ge­spiegelten Schattenanteilen aussöhnen und werden folglich heiler. Die Mehrheit der Men­schen und leider auch der Christen neigt aber stattdessen zur Projektion und bekämpft den eigenen Schatten in den Feinden heftig.

Ganz ähnlich verhält es sich bei der zweiten Möglichkeit, den Krankheitsbildern und Schicksalsschlägen, mit denen das Schicksal (das gschickte Heil (lat. salus = Heil)) ver­sucht, uns Schatten nahezubringen. Wir wollen genauso wenig wie von den äußeren von diesen inneren Feinden etwas wissen und bekämpfen sie oft bis aufs Blut. Auch in jedem Krankheitssymptom kommt aber Schatten zum Ausdruck, wenn auch auf eine verschlüs­selte Weise – ganz ähnlich wie in den Träumen der Nacht die seelischen Wirklichkeiten in symbolischer Form verschlüsselt werden. An diesem Punkt setzt die Krankheitsbilder-Deu­tung an, die ich regelmäßig an dieser Stelle in der Comed vorstelle. Wir können also sagen, das Symptom sei die Verkörperung von Schatten, die Inkarnation jener dunklen Inhalte, die das Bewußtsein nicht wahrhaben will, von denen wir nichts wissen wollen. Dabei hätten sie uns so viel zu sagen.

Bewußtsein ist hier natürlich im Sinne jenes kleinen Bewußtseinsausschnittes ge­meint, den wir auch Ego nennen. Das Ego hat Angst, durch die Integration von Schatten sich im Selbst aufzulösen. Das ist aber letztlich das Ziel aller Entwicklung und auch das der Reinkarnationstherapie. So betrachtet ist das Auftauchen eines Symptoms im Körper ei­gentlich schon der Beginn eines Heilungsprozesses. Nach unserer Auffassung wäre es die Aufgabe der Medizin diese Heiungsprozesse statt zu unterdrücken, dahingehend zu för­dern, daß ihr Sinn deutlich wird und die Heilungsaufgabe gefördert wird. Natürlich ist die­ser Selbstheilungsprozeß über die Körperbühne nicht ideal, ja in vielen Fällen geradezu ge­fährlich und manchmal lebensbedrohlich. Trotzdem würden wir ihm nicht seine Rolle als Heilungsprozeß absprechen, wir müssen aber natürlich versuchen, die Problematik wieder auf eine Ebene zu heben, wo sie lösbar wird. Diesbezüglich ist die Bewußtseinsebene viel geeigneter als die Körperbühne. Wenn das Symptom die Verkörperung eines Schattenbe­reiches ist, muß es bei Heilung darum gehen, dieses Schattenthema bewußt zu machen, d.h. das Symptom ist als in den Körper gestürztes Thema wieder auf die Bewußtseinsebene zu heben.

Genau hier setzt die Reinkarnationstherapie an. Bevor ich jetzt auf ihre Vorge­hensweise genauer eingehe, ist allerdings noch ein paar häufigen Mißverständnissen vorzu­beugen. Ich verstehe unter Reinkarnationstherapie jene Therapieform, die in den 70-er Jah­ren im Institut Dethlefsen entwickelt und später im Heil-Kunde-Zentrum Johanniskirchen weitergeführt wurde. Sie hat z.B. nichts mit jener aus den USA zu uns gekommenen auf Netherton zurückgehenden Past-Life-Therapie zu tun, die in früheren Leben nach Urtrau­mata forscht. Für uns ist Reinkarnationstherapie weit mehr als eine zeitlich verlängerte Psy­choanalyse, die einfach den Betrachtungsrahmen weiter zurückschiebt. Nach unseren Er­fahrungen läßt sich gar kein Ur- oder erstes Trauma finden, einfach weil es unzählige gibt. Mit der Ursachenfrage können wir beliebig fortfahren zu fragen „warum?“ und finden nie ein Ende im Sinne einer wirklich Ursache. Warum bekommt man einen Schnupfen? Weil er sich bei einem Freund angesteckt hat. Aber warum hat er sich denn angesteckt, andere habe es ja auch nicht getan? Weil er an dem Tag eine schwache Abwehrlage hatte. Warum aber hatte er eine schlechte Abwehr? Weil er dieses Abwehrsystem letztlich von seinen El­tern geerbt hat. Warum aber haben die es ihm vererbt? Weil sie es auch wieder geerbt ha­ben von ihren Eltern usw. bis Adam und Eva. Wobei die Frage offen bleibt, warum diese beiden ersten Menschen mit so einem unzulänglichen Abwehrsystem ins Leben geschickt wurden. Wissenschaftlich anspruchsvollere Denker können diese Warum-Kette auch nach Belieben bis zum Urknall zurückverfolgen, ohne natürlich eine Antwort auf die Frage zu finden, warum es denn da plötzlich geknallt habe? Die Kausalität führt, so wie sie heute im Rahmen der naturwissenschaftlichen Medizin angewandt wird, letztlich immer in eine Sackgasse.

Das wiederum hat damit zu tun, daß der Wissenschaft im Laufe ihrer Entwicklung das Verständnis für die Polarität abhanden kam bzw. es sich nie sehr weit entwickeln konnte. Als Aristoteles den Übergang vom ganzheitlichen Weltbild eines Sokrates und Plato zum wissenschaftlichen hin strukturierte, setzte er noch auf zwei Arten von Kausali­tät, nämlich die aus der Vergangenheit auf die Gegenwart zielende sogenannte Causa effi­ziens und die von der Gegenwart in die Zukunft weisende Causa finalis. In der Naturwis­senschaften hielt sich aber nur die erstere Ursache, sodaß dort seither konsequent in der Vergangenheit nach Ursachen geforscht wird. In den Geisteswissenschaften dagegen ver­legte man sich mehr auf die Zielursache. Wenn man einen Naturwissenschaftler danach fragt, warum ein Vogel Flügel hat, darf er strenggenommen nicht antworten, damit er flie­gen kann. So würde zwar jeder normale Mensch antworten, aber der Naturwissenschaftler darf sich solch einer finalen, auf die Zukunft weisenden Antwort nicht bedienen. Ganz of­fensichtlich kann man mit dieser einseitigen Betrachtungsweise der Wirklichkeit aber nicht gerecht werden. Nicht einmal einfachste Ereignisse lassen sich so beschreiben. Warum lau­fen der 100 m Sprinter bei der Olympiade wie verrückt in Richtung Ziel? Wo jeder ver­nünftige Mensch antworten würde, weil sie die Goldmedaille gewinnen wollen, bleibt dem Schulmediziner nur die Suche nach einer Causa effizienz, die aus der Vergangenheit auf die Gegenwart wirkt. Er könnte als solche z.B. den Startschuß ausmachen. Natürlich ist es aber mehr als lächerlich zu glauben, daß der Sprinter nur wegen dem Startschuß Jahre lang hart trainiert hat. Die Naturwissenschaften und mit ihnen die Medizin binden sich hier selbst die Hände. Nichtmediziner können natürlich leicht beide Arten der Kausalität wieder vereinen und nehmen so auch viel leichter ganzheitliches Denken an.

Sowohl die Reinkarnationstherapie als auch die Krankheitsbilder- Deutung haben sich außerhalb der Naturwissenschaftlichen Medizin durchgesetzt. Beide resultieren aus ei­nem Weltbild mit erweiterter Kausalität, das sich die Schulmedizin ohne jede Not selbst verstellt. Sobald wir nämlich die Finalität ins Spiel bringen, bekommen die Dinge und Er­eignisse Sinn. Für Geisteswissenschaftler ist das kein Problem. Werden sie gefragt, warum van Gogh jenes Bild gemalt habe, sind sie gewohnt in finalem Sinn zu antworten, weil er damit dieses oder jenes Thema ausdrücken wollte. Eine Causa effizienz ist zwar auch hier vorhanden, aber sie wirkt geradezu lächerlich. Natürlich sind auch die Armmuskeln und ihre Bewegungsmöglichkeiten eine notwendige Ursache wie auch vielleicht die materielle Not van Goghs, aber entscheidend ist doch seine (künstlerische) Absicht.

Es kann also nicht darum gehen, die Ursache zu finden, nicht weil es keine Ursa­chen gäbe, im Gegenteil es gibt sie in unendlicher Zahl und sie treten wie alles in der Polari­tät immer im Doppelpack auf. Es bringt auf die Dauer nicht viel, das psychoanalyti­sche Denkmodell einfach über die Geburt hinaus auszudehnen und in früheren Leben auf Ursachensuche zu gehen. Menschen leben in ihrem jeweiligen Muster und das findet sich in allen möglichen Zeiten und Lebenssituationen. Dieses Muster ergibt sich aus dem Zu­sammenspiel von bekannten und noch unbekannten Anteilen des Bewußtseins. In der Reinkarnationstherapie gehen wir natürlich auch von den Problemen des Patienten aus und finden sie durch alle Zeiten gespiegelt. Schon in der Geburt, die in jeder Reinkarnationsthe­rapie ausführlich bewußt gemacht wird, finden wir das jeweilige Thema wieder. Wir finden es aber natürlich auch in jedem früheren Leben wie auch in seiner heutigen Beziehung und im aktuellen Beruf. Wer gelernt hat diese mustergültigen Themen zu sehen, findet sie überall.

Nehmen wir das Beispiel eines Allergikers, um zu zeigen, warum wir überhaupt auf Inkarnationen zurückgreifen. Hier ist noch anzumerken, daß wir durchaus nicht der Meinung sind, daß die ganze Fülle des zu Tage geförderten Materials aus historischen In­karnationen besteht. Für die Therapie ist das auch gänzlich gleichgültig, denn es handelt sich in jedem Fall um für diesen Menschen typische Anteile des Seelenmusters, die sich aus Phantasien, Projektionen und Inkarnationsbruchstücken zusammensetzen. Nehmen wir nun einen Allergiker an, der über die normale Patientenkarriere schließlich bei der Erkenntnis gelandet ist, daß in dem Krieg, den sein Abwehrsystem gegen irgendwelche Pollen führt, sich sein Aggressionsproblem spiegelt. Trotzdem wird er sich selbst meist als gar nicht ag­gressiv wahrnehmen, im Gegenteil das Aggressionsproblem projiziert er wie die meisten Menschen nach draußen auf andere. Hier ist es nun hilfreich, mit dem Mittel der zeitlichen Regression zu arbeiten. Schon beim Wiedererleben seiner Geburt wird er nämlich ein Ge­fühl dafür bekommen, mit wieviel aggressiver Kraft er hinaus ins Leben geschoben werden mußte. Gehen wir weiter zurück in frühere „Leben“ wird er immer wieder wahrnehmen, wie sehr er zum Opfer von Aggressionen wurde. Es ergeben sich auf diese Weise ganze Ketten zu einem Thema, die wir beliebig zurück in der Zeit verfolgen können. Durch die­ses Anschauen und damit einhergehende Aussöhnen mit diesen Situationen ergibt sich eine energetische Entladung der betreffenden Kette, was bereits zu Symptombesserungen füh­ren kann, aber nicht mit Heilung verwechselte werden sollte. Hier liegt aber immerhin die (Erfolgs-)Basis vieler Past-life-Therapien, die bei uns leider häufig auch als Reinkarna­tionstherapien bezeichnet werden. In unserer Therapie gehen wir immer weiter zurück, zwar nicht bis zu einem „Urtrauma“, sondern bis dorthin, wo sich der Patient plötzlich nicht mehr als Opfer, sondern als Täter erlebt. Wenn er dann mit einer Waffe auf jeman­den losgeht und seinen ganzen Haß in dieser Situation spürt, wird ihm viel leichter bewußt, daß er dieses Gefühl kennt und es genau dem entspricht, was er spürt, wenn er mit seinem Anwalt wegen der bevorstehenden Scheidung verhandelt.

Wir spielen in dieser Situation sozusagen mit der Zeit, denn der Patient erlebt ja al­les in der Gegenwart. Es ist natürlich unmöglich, sich an früheste Zeiten (intellektuell) zu erinnern, das klappt schon bei der Geburt nicht mehr, wie die Psychoanalyse ja hinlänglich bewiesen hat. Analytiker stehen dieser ganzen Arbeit, die mit dem Wiedererleben in der Gegenwart, wie sie auch von vielen Methoden der humanistischen Psychologie bevorzugt wird, deshalb wohl auch oft so kritisch gegenüber. Über den Intellekt und seine Analysen kann man sich schlauer über das Funktionieren von Seele machen, aber über eine analyti­sche und damit archetypisch männliche Methode wird man der archetypisch weiblichen Seele nicht einmal nahe kommen. Das ist auch der Grund, warum Patienten nach langen Gesprächstherapien oft so erstaunlich gut über ihre seelischen Probleme Bescheid wissen, ohne daß sich an denen etwas Wesentliches geändert hätte.

Bei der Reinkarnationstherapie geht es uns darum, daß ein Mensch aufwacht für sein Muster und Schritt für Schritt mehr davon bewußt in sein Leben integriert. Die Inkar­nationen sind an sich unwichtig, ja außer für den Patienten selbst sogar ziemlich langweilig. Es geht lediglich darum, das Muster in ihnen zu erkennen, um es auch in der Gegenwart zu finden und so frei zu werden von der Vergangenheit. Je bewußter uns Vergangenheit wird, desto leichter ist es, sie hinter sich zu lassen und im Hier und Jetzt anzukommen. Wenn das eigene Muster in der Vergangenheit deutlich geworden ist, wird es überall wiederentdeckt und z.B. besonders deutlich in der Geburt, die wie eine Zusammenfassung des ganzen Le­bens erscheint. Nicht umsonst sagen Volksmund und esoterische Tradition, daß im Anfang alles begründet liegt. Ein solcherart erwachter Mensch wird immer wieder auf seine eige­nen Strukturen stoßen, er wird selbstverständlich aufhören zu projizieren, weil er ja erlebt, wie sehr er selbst mit all seinen Problemen verbunden ist und auf beiden Seiten an ihnen mitwirkt. Er kann so erkennen, daß innen und außen letztlich eins sind und alles draußen nur Spiegel des eigenen Innen ist. Natürlich wird er nach solch einer Therapie z.B. nicht mehr auf Ausländer projizieren, denn er hat sich ja selbst in so vielen Zeiten, Ländern und Kulturen erlebt. Er neigt nun mehr dazu, sich in allem wiederzufinden, als auf andere Schuld zu projizieren.

Allein dieser Punkt der Zurücknahme aller Projektionen ist eine unbeschreibliche Befreiung und nicht Beschwernis, wie es manchen erscheint. Wenn nach einer langen The­rapie nur herauskommt, daß die Eltern oder bevorzugt die eigene Mutter Schuld ist, war die Anstrengung umsonst. Allein das Übernehmen der Verantwortung für sich selbst kann uns befreien. Die Erkenntnis, daß alle Menschen ihre Rollen spielen im Rahmen ihrer Mu­ster kann dazu der wesentlicher Schritt sein. Auf alle Fälle wird das leidige Schuldausteilen beendet, was noch niemandem genützt aber schon viele behindert hat. Das Ende der Pro­jektionen ist gleichbedeutend mit der Schattenintegration, denn sobald wir erkennen, daß alles äußere nur ein Spiegel unseres Innen ist, beginnt auch das Anerkennen der eigenen dunklen Seiten. Daraus folgt wiederum ein allmähliches Aufgeben von Wertungen. Böse entsteht ja nur durch unsere Abwertung dieser Seite der Wirklichkeit.

Ein diesbezüglich ganz entscheidender Punkt ist, daß die Therapeuten ihren Patien­ten frei von Wertungen begegnen und Räume zur Verfügung stellen, in denen die Patienten so sein dürfen, wie sie sind. Wertungen auf Seiten der Therapeuten können den Erfolg der Therapie nicht nur gefährden, sondern die ganze Situation noch verschlimmern. Das ist ei­ner der Hauptgefahrenpunkte dieser Therapie. Denn wenn der Patient nicht aus den Wer­tungen herauskommt, wird er sich nach der Therapie auch noch für all die alten dunklen Erfahrungsbereiche verurteilen. Erlebt er aber, daß er so sein darf, wie er mit allen seinen Aspekten ist, wird das enorm befreiend wirken und ungeahnte seelische Kräfte freisetzen, um dem eigenen Lebensmuster in eigener Verantwortung gerecht zu werden. Der sicherste Weg für Therapeuten, um aus dem Wertungsdilemma herauszufinden, ist Eigenerfahrung und -therapie. Das große Ziel der Reinkarnationstherapie ist es, den Menschen mit sich selbst auszusöhnen. Das muß natürlich mit dem Therapeuten beginnen, denn er wird seine Patienten kaum weiterbringen können, als er selbst ist.

Bzgl. seines Musters wird der Patient erfahren, daß er aus diesem genauso wenig heraus kann wie aus seiner Haut, aber er wird Ebenen finden, wo sich diese Energie sehr viel geschickter und angenehmer für ihn und andere aurdrücken kann. Die Energie hinter der Allergie ist Aggression. Aber statt sein Abwehrsystem wie verrückt gegen an sich harmlose Allergene kämpfen zu lassen, kann der Allergiker diese Energie z.B. nutzten, um sich besser in der Firma durchzusetzen oder um sich durch seine Beziehungsprobleme durchzubeißen usw.

Was die Inkarnationen angeht, die dieser Therapieform immer noch etwas Spekta­kuläres anhaften lassen, ist anzumerken, daß sie natürlich nur dann historisch gesehen „langweilig“ sind, wenn die Reinkarnationstherapie auf seriösen Grundlagen erfolgt. Dazu gehört nach unserem Verständnis unbedingt die permanente Messung des Hautwiderstan­des während der ganzen Therapiezeit. Ansonsten kann es passieren, daß von der Esoteriks­zene infizierte Patienten sich und ihren „Therapeuten“ die nettesten Eso-Märchen zusam­menphantasieren. Nach 20 Jahren Reinkarnationstherapie muß ich feststellen, daß die überwältigende Fülle der zu Tage geförderten Inkarnationen in einfachsten Verhältnissen spielt als Tagelöhner und Mägde, Bäuerinnen und Fischer und eben nicht als Pharao und Hohe Priesterin. Natürlich wird das ganze lächerlich und der Begriff Therapie unpassend, wenn Therapeut und Patient die Regressionen nutzen, um ihr Ego auf solch dümmliche Weise aufzuplustern. Man braucht ja nur ein Geschichtsbuch zu öffnen, um festzustellen, wie 99 % der Menschen zu allen Zeiten gelebt haben. Die Hautwiderstandskontrolle ist aber auch darüber hinaus unverzichtbar, weil sie dazu führt, daß nur Themen verfolgen werden, die unter Ladung stehen, d.h. die seelisch wirklich relevant für die Patienten sind. Damit kann man enorm viel (Therapie-)Zeit einsparen, was die Reinkarnationstherapie al­lerdings nicht zu einer so beschaulichen Angelegenheit macht, wie es viele sich über Jahre ziehende Psychotherapien sind.

Dafür ist sie aber vergleichsweise äußerst erfolgreich nicht nur im Umgang mit pri­mär seelischen Problemen, sondern auch in der Aufarbeitung psychosomatischer Krank­heitsbilder und auch solcher, die von der Schulmedizin immer noch als rein körperlich an­gesehen werden. Das liegt neben dem inhaltlichen Aspekt sicher auch an Begleitumstän­den, wie eben der routinemäßigen Hautwiderstandsmessung, aber auch an der Intensivie­rung der Prozesse durch begleitendes Fasten, Atem- und Mandalaarbeit, vor allem aber auch an der Durchführung in vier Wochen. Ein Mondzyklus mit täglich zwei Stunden The­rapie und einem ausgefeilten Begleitprogramm hat sich uns als ideal für die Psychotherpie ganz allgemein und die Reinkarnationstherapie im Speziellen erwiesen. Schattenarbeit ist durchaus nicht so angenehm, daß es irgendeinen Sinn hat, solche Prozesse über Monate auszudehnen. Auch muß der Patient, wenn er nach 120 Minuten aus der Sitzung auf­taucht und zurück in sein normales Lebensumfeld kommt, sich dort wieder in den alten vorgeprägten Mustern zurechtfinden. Insofern wird die Therapie mit zwei Wochenstunden leicht zu einer Sisyphusarbeit. Der mühsam den Berg hinaufgerollte Stein wird bis zur nächsten Sitzung wieder hinunterrollen und alles beginnt in einem Fort von vorn. Um sol­ches zu vermeiden erwarten wir, daß die Patienten zu uns aufs Land nach Johanniskirchen kommen und hier in der Abgeschiedenheit sich und ihrer seelischen Entwicklung einen ganzen Monat widmen, ohne andere Arbeit oder Ablenkung. Was sich auf den ersten Blick sehr hart und aufwendig anhört, ist auf den zweiten eher eine Erleichterung. Je schneller man in die eigenen dunklen Bereiche hinabtaucht, desto schneller kann auch von ihren negativen Auswirkungen frei werden und sich der seelischen Entwicklung im Licht der Bewußtheit widmen.

Das gewichtigste Argument gegen die Reinkarnationstherapie kommt nach meinem Geschmack aus der esoterischen Ecke in Form der Feststellung, daß es keine Zeit gäbe und insofern auch Inkarnationen, die hintereinander auf einer Zeitachse ablaufen, nicht existie­ren können. Das ist letztlich richtig, aber für die allermeisten von uns wenig relevant. So­lange wir nämlich noch eine Vergangenheit haben, gibt es auch Zeit für uns. Erst wenn wir die Vergangenheit abschütteln, wozu gerade die Reinkarnationstherapie eine wesentliche Hilfe sein kann, wird uns die Illusion der Zeit bewußt und wir landen im viel besungenen Hier und Jetzt. Das Argument, daß es keine Zeit gibt, ist genauso richtig wie jenes, das da­von ausgeht, daß es nur Energie, aber keine feste Materie im eigentlichen Sinn gibt. So­lange das aber keine existentielle Erkenntnis ist, sollten wir die Türe lieber öffnen und nicht versuchen durch sie hindurchzugehen. Letzteres ist zwar möglich, aber vielleicht nicht auf unserem Bewußtseinsniveau. Solange es also für uns Zeit gibt, macht es Sinn, mit ihr möglichst geschickt zu spielen, wie das etwa in der Reinkarnationstherapie geschieht, die Vergangenheit zur Gegenwart macht und so im eigentlichen Sinne dazu verhilft, frei von der Zeit zu werden. Letztlich berichten schon die vedischen Schriften, daß Raum und Zeit die beiden großen Täuscher sind, die die Scheinwelt der Maya aufbauen. Sie als Täuscher zu durchschauen, ist vielleicht die größte Aufgabe im Lebensmuster aller Menschen. Die Tatsache, daß sich westliche Menschen darum kaum noch kümmern, ändert wenig daran. Vielleicht ist unser zunehmend erwachendes Interesse an östlichen Philosophien auch ein Zeichen für die kollektive Rückkehr zu solchen Themen. Immerhin glauben in einem christlichen Land wie Deutschland laut Umfrage inzwischen 17 % der Menschen fest an Reinkarnation und über 60 % halten sie immerhin für möglich. Auch wenn sie also letztlich wie alles in dieser polaren Welt auf eine Täuschung hinausläuft, ist die Annahme der Rein­karnationsidee und die Nutzung der gleichnamigen Therapie eine ideale Hilfe auf dem Weg der Selbstverwirklichung.