Politik, Projektion und Verantwortung

bundestag-369049_640Wie wohl jede Gesellschaft vor uns, glauben wir, es nicht einfach mit unserer besonderen Zeit zu haben. Wir haben heute Probleme, von denen unsere Vorfahren nicht einmal träumten, etwa unseren materiellen Überfluß, den Überdruß angesichts wachsender Freizeit, die schon sprichwörtliche Verdrossenheit an der Politik, den Widerwillen gegen die moderne Medizin usw. Dabei kann die Medizin mehr als je zuvor, haben wir selbst fast alles getan, um den materiellen Überfluß zu erschuften und haben sich die Politiker mit Erfolg bemüht, ihn sicherzustellen. Und erfüllt mehr Freizeit nicht einen uralten Traum der Menschen?

Die Tendenz für die Mehrheit in unseren Breiten ist klar: Weniger Ar­beitszeit – mehr Freizeit. Die 35 Stunden-Woche wird nicht das En­de der Entwicklung sein, und sie kommt im guten wie im schlech­ten. Der Kampf geht nur noch um die Moda­li­tä­ten der Ver­kürzung. Die Frage lautet lediglich: Wird es weiter und auf die Dau­er mög­lich sein, bei immer weniger Arbeitszeit immer mehr Geld zu ver­die­n­en? Die Null-Stunden-Woche der Arbeitslosigkeit beschert vielen be­reits eine makabre Antwort: für gar keine Ar­beit weniger Geld. Selbst diese Gleichung kann offenbar auf Dauer nicht auf­ge­hen. Ei­gent­lich wissen wir alle, daß es auf lange Sicht nur eine be­frie­di­gende Lösung geben kann: für sinnvolle Arbeit den ihr ent­spre­chen­den Lohn.

Wahrscheinlich wissen es sogar jene Gewerkschaf­ter, die ihre Denk­­muster in einer Zeit geschmiedet haben, in der es noch darum ging, reichlichen Überfluß gerecht zu verteilen und auch jene Arbeitgeber, die es sich nicht verkleifen können, bei jeder Gelegenheit in frühkapitalistische Marotten zurückzufallen. Kann Recht auf Ar­beit das Recht auf die gewünschte oder gewohnte Arbeit sein? Kann es ein Recht einzelner oder von Grup­pen geben, Dinge zu produzieren, die nicht (mehr) ge­braucht werden, Kampfflugzeuge zu bau­en zur Abschreckung nicht mehr vorhandener Gegner, um ein besonders groteskes Beispiel zu nennen? Hier wird Um­den­ken notwendig sein, und wir sehen überall wie schwer das fällt und welche Widerstände es hervorruft.

Offenbar kommt eine Zeit, wo viel zu viele viel zu viel Zeit haben, sich aber bei aller Freizeit materiell nicht mehr alles leisten können. Bleibt das Materielle die Haupttriebfeder, zeichnet sich für diese Mehrheit ei­ne bittere Zukunft ab, deren Symbol der Mangel sein könnte. Auf der anderen Seite der gesellschaftlichen Medaille werden im­mer weniger Menschen immer weniger Zeit haben und ihren Streß­pe­gel wei­ter hochschrauben. Wo Konzerne große Teile ihres mittle­ren Manage­ments aussortieren, werden die wenigen Verbliebenen immer mehr Ver­ant­wortung zu tragen haben. Sie werden sich auch in Zukunft al­les leisten können, aber kaum Zeit dafür haben.

Der Workoholic, den diese Gesellschaft bisher in höchsten Ehren hält, wird in solchen Zeiten zu ihrem Feind, nimmt er doch ge­ra­de­zu süch­tig an­de­ren die so dringend benötigte Arbeit weg. An­de­rer­seits ver­­walten im Augenblick relativ we­ni­ge Workoholics die noch vor­han­­dene Arbeit. Das viel gepriesene Ar­beits­tier als Gesell­schafts­schädling – diese Sicht fordert vor allem von diesen „Lei­stungs­­trä­gern“ radikales Umdenken.

Der moderne Mensch ohne Feierabend, dem Arbeit und Hobby weit auseinanderklaffen, wird über kurz oder lang krank. Das kann sowohl da­ran liegen, daß er nicht aufhören kann zu arbeiten oder gar nicht erst an­fan­gen darf. Ob der Lei­stungsträger sich unter selbiger krümmt oder der Ar­beits­lose un­ter der Bürde des Nicht-gebraucht-werdens, ist seelisch ähnlich gefährlich zu be­wer­ten. Beide kommen jedenfalls nicht zu sich, ihnen fehlt etwas und dieser Mangel hat die Tendenz zuzunehmen.

Wir gehen einem gesellschaftlich schwierigen Pro­zeß mit Re­du­zie­rung, Rationalisierung und Schrum­pfung entgegen, der viel Ähn­lich­keit mit einer Fastenkur hat. Dem Fastenarzt drängt sich da na­türlich die politisch ketz­e­ri­sche Frage auf, ob das nicht auch ge­sund sein könnte im Sinne von Gesundschrumpfung. Ei­nem über­­la­de­nen Körper bekommt nach einer Zeit der Über­fül­le, ja der Völ­le­rei nichts so gut wie rundherum loszulassen und zu fasten. Während er das angesetzte Fett in einem langsamen aber ziel­stre­bi­gen Prozeß verbrennt, kom­men auch Seele und Geist wie­der zu sich, und hier liegt die große Chance solch ei­ner Zeit: Wenn dabei näm­lich nicht nur die Hose, sondern auch das Bewußtsein wei­ter wird, was bei bewußtem Fasten kaum zu ver­mei­den ist, sind die Chan­cen für eine Neu­orien­tierung gut. Denn Körper, Seele und Geist er­leich­tern sich nicht nur, sie reinigen und regenerieren sich auch in einem erstaunlichen Maße und werden offen für neue Erfahrungen. So wie Fasten für den Organismus anfangs etwas Krisenhaftes hat und dann zur Chance des Neuanfangs wird, könnte auch in der Gesellschaft aus der Krise der Neubeginn wachsen. Lebenskrisen1 sind ja überhaupt gute Möglichkeiten, wieder Zugang zu den wesentlichen Themen des Lebens zu finden. In solchen Zeiten können Anstöße aus spirituellen Texten wieder zurück in eine sinnspendende Lebensspur weisen.

Fasten könnte über die Metapher hinaus den Einzelnen und über diese auch der um Orientierung ringenden Gesellschaft wei­terhelfen. Allerdings müßten wir uns trauen, ganz konkret zu werden und radikal zur Sache zu gehen. Radikale, d.h. an die Wurzeln gehende Lösungen schätzen wir aber nicht sehr, verfolgen lieber phä­no­menale Ide­en. Die allerdings bleiben – nomen est omen – an der Oberfläche und werden weiterhin wie all die gutgemeinten Apelle an Opf­er­be­reit­schaft und Flexibilität wenig fruchten. Alle wirklichen Lö­sun­gen fangen bei den Einzelnen an oder gar nicht.

Angenommen wir wür­den – unter dem warnenden Gezeter schulmedizinisch orientierter Ärzte – kollektiv fasten, wä­ren die Er­geb­nisse mit Sicherheit verblüffend. So schwer wäre das gar nicht, gäbe es doch nicht nur in der christlichen, sondern auch in jeder anderen großen Religion Erfahrungen einer langen und be­währ­ten Tra­dition und die ent­sprechenden einfachen An­wei­sun­gen. Es gibt sogar Kulturen, die soetwas bis in unsere Zeit vorgelebt ha­ben, wie das kleine Himalayavolk der Hun­zas, das re­gel­mäßig im Früh­jahr fastete und weder Krebs noch eine unserer üblich ge­wordenen Zivilisationskrankheiten kann­te. Dafür waren die Hunzas offen für ihre Religion und die Heilige Schriften, die sie ihnen vermittelten. Darüber hinaus brauchten sie wenig und hatten z.B. auch kaum Bücher. Sie lasen das Wort Gottes in der sie umgebenden kargen Natur, waren über­aus gesund an Leib und Seele, und selbst Kriminalität blieb ihnen fremd.

Der ent­schei­dende Unterschied zwischen den Hunzas und uns ist nun nicht deren regelmäßiger Nahrungsverzicht, sondern die aus dem Fasten erwachsene innere Haltung. Diese Menschen besaßen wenig und lebten materiell gesehen dürftig. Sie hatten dazu passend geringe materielle und enorme spirituelle Ansprüche. Grund zum Jammern sahen sie nicht, sondern genossen im Gegenteil ihr einfaches Leben. Wir da­ge­gen haben ma­teriell enor­men Überfluß und noch höhere Ansprü­che, sind spi­ri­tu­elle An­al­pha­beten, können unseren Überfluß kaum ge­nie­ßen und unsere Länder hallen wider von Äußerungen der Unzufriedenheit. Wir sind nicht mehr fähig die Zeichen der Zeit zu lesen und das könnte damit zusammenhängen, daß wir im tieferen Sinne Analphabeten geworden sind. So wäre es dringend notwendig, wieder die Zeichen der Zeit lesen zu lernen, der allgemeinen wie auch der speziellen Lebenszeit. So wie Gesellschaften älter werden und bestimmte Wachstums- und Übergangsprobleme entwickeln, geschieht es ja noch deutlicher im individuellen Leben.

Auf uns zukommende (wirtschaftltiche) Fastenzeiten hätten wir (und unsere Umwelt) bitter nötig, ja man könnte sagen, wir haben sie uns redlich verdient. Schön wäre, wir würden auch selbst und im übertragenen Sinn davon pro­fi­tie­ren. Dazu müßten wir es allerdings konkret angehen lassen mit dem Fasten. Würde es ein regelmäßiges gesell­schaft­liches Ritual mit der zugehörigen Haltung von Innerlichkeit, müßten gro­ße Tei­le der Ärzteschaft mit Arbeitslosigkeit rechnen und viele Kli­niken schließen, Krank­heits­bil­der wie Gicht und Al­ters­diabetes wür­den ganz ver­schwin­den, wie auch das Gros der Blut­hoch­druck­pro­bleme und Rheumaerkrankun­gen. Die Menschen würden auf Dauer ge­se­hen besser, bewußter und we­niger essen und ihren inneren Arzt, die jedem Menschen inne­woh­nen­de Selbstheilungskraft, entdec­ken. Und sie würden keines­wegs – wie häufig befürchtet – in mo­ra­lin­-saurer Dauer­as­kese ver­sin­ken, sondern im Gegenteil wieder ge­nuß­fähiger und damit auch zu­friedener und offener werden. Nach einer Woche fasten hat man garantiert nur Unwesentliches verloren und ist im Gan­zen we­sentlicher geworden. Aus solch einer Erfahrung, die man mit Leib und Seele macht, kann der Mut erwachsen, auch wie­der Wesentliches zu denken, zu fühlen und zu lesen. Letzteres wird besonders erleichtert, da das Bewußtsein offener und weiter wird. Parallel zur Lust auf einfache natürliche Nahrung nach einer besinnlischen Fastenzeit würde wohl auch die Lust auf einfache ursprüngliche spirituelle Kost wieder zunehmen. Denn so wie bei unserer körperlichen Ernährung die am besten geeigneten Dinge ursprünglicher und einfacher Natur sind, wäre es auch bei der geistigen Nahrung. Statt uns mit ursprünglichen Lebensmitteln zu versorgen, verderben wir uns heute die Mägen mit raffiniertesten Nahrungsmitteln, und statt Seele und Geist an Urtexten zu laben, verknoten wir uns die Gehirne mit X-fach raffinierten, aber letztlich doch nur wiedergekäuten Dingen.

Allerdings – und das ist das Problem – erfordert jede Fastenkur eigene Ini­tia­­tive und den Verzicht auf das Gesellschaftsspiel der Projek­tion. Ohne Prophet zu sein, kann man voraus­sagen, daß die­je­ni­gen, die sich ganz auf den Staat verlassen, verlassen sein werden. Wer nur nach fremder Hil­fe ru­ft, wird in Zukunft vielleicht noch gehört, aber sicher nicht mehr er­hört werden. Nicht weil der Staat nicht wollte, son­dern weil er auf Grund von Schulden nicht mehr kann. Eigentlich wissen und fühlen wohl alle Betroffenen, was zu tun wäre.

Der Widerstand, der sich gegen solche Gedanken sofort erhebt, erinnert den Fastenarzt eigentümlich an das Gezeter, das beim ersten Fasten in den ersten drei Tagen im Körper losbrechen kann: Ja, ja, alle sollen ab­specken schreit da der linke Oberschenkel, außer mir, denn oh­ne mich kommt ihr alle keinen Schritt weiter. Kommt nicht in Frage, sagt das Doppelkinn, ich hab noch einen legitimen Nachholbedarf. Das Ge­schrei geht dem Gesäß auf die Nerven und es argumentiert, wenn man es in das Fastenprogramm einzubeziehen wage, würde es strei­ken und künftig jede Form von Gemütlichkeit verweigern. Der Hängebauch meint gerade in dieser angespannten Situation auf nichts ver­zich­ten zu können, und so will auch die Fettleber keine einseitigen Vor­leistungen erbrin­gen, vom übergewichtigen Herzen ganz zu schwei­gen. Alle Hinweise, daß Leber und Herz und all die anderen sich ja nur körperlich gesundschrumpfen sollen, sich im übertragenen Sinne aber beliebig ausweiten könnten, verhallen un­be­achtet, und über­haupt will niemand als erster einen Schritt in vermeintliches Neu­land riskieren. Auch Hinweise, daß das Angestrebte so neu nicht sei, sondern dem eigenen Sinn und Wesen viel näher brächte, werden vom Tisch gewischt. Nachdem man sich gar nicht eini­gen kann, kommt man wenigstens überein, alle neuen Ideen ab­zu­schmettern, weiter zu jammern und das Gehirn, sprich die Regierung, für die ganze Misere verantwortlich zu ma­chen.

An diesem zugegebenermaßen banalen Beispiel mag trotzdem der Kern des Problems deutlich und zum roten Faden für die vielen an­de­ren Probleme werden. Wo wir hinschauen, fällt der Blick auf projizie­ren­de Menschen, die sich dieser Tatsache nicht bewußt sind und in einer Fülle von soziologischen, psychologischen und politischen Theorien und Büchern noch in ihrem Irrtum bestärkt werden. Diesbezüglich wären spirituelle Schriften als Heilmittel zu sehen und die natürliche Begleitung solcher Fasten- und Krisenzeiten. Tatsächlich hatten sie in allen alten Kulturen und Gesellschaften diese Funktion inne. Möglicherweise ist unsere Dauerkrise sogar zum Motor hinter dem Auftauchen so vieler spiritueller Bücher geworden.

Projektion ist letztlich hinter jedem individuellen und kollektiven Niedergang zu finden. Da glauben die Ärmsten der Armen, die geistig Armen nämlich, ihr eigenes Elend, dieses Ge­fühl, sich in der eigenen Haut nicht wohl, im eigenen Land nicht an­erkannt, sondern irgendwie fremd zu fühlen, und in keiner Beziehung gebraucht zu werden, verschuldeten je­ne, die sich noch fremder und elender fühlen, die Ausländer. Das Sündenbockmodell, in unserem Land bis zur Vergasung er­probt, wird solange Todesopfer fordern, bis wir diesen Mechanismus durchschauen. Dazu aber kann uns am ehesten spirituelles Lesen und Erleben verhelfen.

An viel zu vielen Stellen auf dieser Welt glau­ben unbewußte Men­schen die Schul­digen für die eigene Misere in anderen Volksgruppen zu fin­den und schla­gen in Eigenblindheit auf die Sündenböcke ein. Fast alle Kriege gehen auf solche Projektionen zurück. Das Strick­muster ist so verblüffend ähnlich – und sagt uns mit aller Direktheit, daß wir seit den Kreuzzügen nicht sehr viel dazugelernt haben. Die wesentlichste Lernaufgabe wäre die Zurücknahme der Projektionen oder christlich ausgedrückt, die Feinde lieben zu lernen.

Aus dem Blickwinkel der esoterischen Philosophie stellt sich die Situation weniger aussichtslos als typisch dar. Politik erscheint aus dieser Perspektive als der Versuch, auf äußeren Ebenen zu erzwingen, was nur im Innern zu erreichen ist. In einer Gesellschaft, die ihr Heil in äußeren statt in inneren Errungenschaften sucht, interessieren sich erwartungsgemäß mehr Menschen für Politik als für Spiritualität. Einer Zeit, die fast bedingungslos an die äußere Machbarkeit der Dinge glaubt, wird es zusetzlich schwer, einen inneren Ausweg zu finden, auch wenn allmählich mehr Men­schen spüren, daß etwas nicht stimmen kann. Die Situation gleicht einem mit Menschen überfüllten Raum, wo alle gegen die Tür drücken, um einen Ausweg zu suchen und niemand auf die Idee kommen, daß die Tür nach innen zu öffnen ist. Das Wiederpopulärwerden so vieler heiliger Schriften und die Versuche, die entsprechenden Weisheitslehren heutigen Lesern nahezubringen, könnten so als Selbstheilungssversuch dieser Zeit verstanden werden.

Die Politik selbst liefert leider den traurigsten An­schau­ungs­unter­richt, wo platte Projektion auf die Dauer hinführt. Sie wird ein­fach ent­setz­lich langweilig für jeden der den einfachen Mecha­nis­mus durch­schaut. Selbst krasse Fehleinschätzungen und Lügen wer­den nicht mehr eingestanden, sondern munter auf den politischen Geg­ner pro­jiziert. Stunden­lan­ge Par­la­mentsdebatten, die ster­bens­lang­weiligen Palaver vor und nach der Wahl und die berüchtigten Schlamm­schlachten der Wahlkämpfe sind je­weils in einem Wort zu­sam­menzufassen: Projektion. In der Sache sind sich alle einig: es wird – mehr oder we­ni­ger frech und un­ver­froren – und völlig sinnlos projiziert.

Die Hoff­nung, daß der Bürger darauf weiterhin reinfällt, scheint sich allerdings nicht mehr zu bestätigen. Das Stimmvieh er­wacht erstaunt und durchschaut zunehmend das langweilige Spiel. Und weil es seine ei­ge­nen Muster erkennt, wird es wütend und projiziert gleich wei­ter: die Politiker sind schuld, man geht nicht mehr zur Wahl, sondern ist poli­tik­verdrossen. Das ist das beste Zeichen seit langem, nur müßten wir noch weitergehen und den­sel­ben fatalen Mechanismus auch im häuslichen Parlament entlarven und bei uns selbst. Soweit wird es aber so schnell lei­der nicht kom­men, denn Projektion lebt davon, sich selbst aus dem Spiel herauszuhalten.

Die weiteren Aussichten: der äußere Fortschritt wird sicher ein­drucksvoll weiter fortschreiten (von den Menschen). Denen wird es davon natürlich nicht besser gehen, im Gegenteil. Solange wir die Lösungen auf Ebenen suchen, wo wir uns zwar zurechtfinden, wo aber die Probleme nicht liegen, ähneln wir Mullah Nasruddin, der seinen Wohnungsschlüssel unter einer Laterne sucht, weil dort eben Licht ist, obwohl er ihn ganz woanders, aber eben im Dunkeln, verloren hat.

In der gegenwärtigen Situation erleben wir ein schreckliches Dilemma: Je mehr wir dazu­ler­nen, desto unlösbarer werden unsere Probleme. Eindrucksvolle Beispiele liefern Hightech-Medizin und Gentechnologie, wo galoppierender Fortschritt zu immer gravierenderen Problemen führt. Unser An­spruch an Wissenschaft und Politik, das Leben immer leichter zu machen und uns immer mehr Lernschritte abzunehmen, wird lediglich den Druck des Schick­sals auf die Einzelnen erhöhen: Ob wir wollen oder nicht, wir werden weiter lernen müssen, jeder für sich, und so könn­ten wir es eigentlich gleich alle zusammen tun.

Diese Zeit ist reif für die Wiederentdeckung der Eigen­ver­ant­wor­­tung, und die fastende Gesellschaft beginnt mit ei­nem, der bei sich anfängt und aufhört seine Probleme auf andere abzuwälzen. Dieser eine könnte jeder von uns sein. Und es gibt schon eine ganze Menge von uns und damit Hoffnung. Leider wissen wir noch nicht genau, wieviele notwendig sind, um das Pendel umschwingen zu lassen und das Blatt zu wenden. Folgende Geschichte zum Schluß kann jedenfalls Mut machen.

Verhaltensforscher wollten Affen auf einer Insel im japanischen Meer beobachten. Um mit ihnen in Kontakt zu kommen, legten sie ihnen Süßkartoffeln an den Sandstrand. Die Affen bedienten sich wie beabsichtigt und eine junge Affendame kam auf die Idee, die Kartoffeln vor dem Genuß zu waschen. Andere, vor allem junge Affen äfften sie nach. Mit der Zeit folgten immer mehr Affen dem Beispiel und schließlich kam ein Punkt, wo sich plötzlich alle, auch die alten abgebrühten Typen, der neue Mode anschlossen. Das war für die Wissenschaftler erstaunlich, eine Art Quantensprung in der Zoologie. Noch viel mysteriöser aber war noch die Tatsache, daß auf einer hunderte von Meilen entfernten Insel, wo Wissenschaftler ganz ähnliche Versuche durchführten, und wo bis dahin kein einziger Affe seine Kartoffeln gewaschen hatte, plötzlich auch alle zum Waschritual übergingen. Warum sollte uns Menschen nicht möglich sein, was den Affen längst passiert ist.