„Notfallapotheke für die Seele“ für Natur &Heilen

Wir haben heute eine ausgeprägte Notfall-Medizin, die von Notärzten getragen, sich auf Notarztwagen und Hubschrauber, Notfallambulanzen und Intensivstationen und riesige finanzielle Etats stützen kann. Aber all das bezieht sich ausschließlich auf körperliche Notfälle, für seelische gibt es wenig bis keine Hilfsangebote. Psychotherapeuten sind in der Regel nicht auf Notfälle und akute Situationen eingestellt, und wer würde schon in die Psychiatrie gehen wollen? So bleibt gerade einmal die Telefon-Seelsorge. Dabei sind seelische Notfälle eher häufiger und die meisten körperlichen ziehen obendrein noch seelische nach sich. Da die Seele in der offiziellen oder Schulmedizin weiterhin ein Schattendasein führt, bleiben Betroffene im seelischen Bereich meist auf sich selbst gestellt.

Ebenen, auf denen seelische Notfälle ablaufen, sind die entscheidenden inneren der Emotionen und Gefühle. Letztere treiben die Betroffenen um und machen sie manchmal geradezu verrückt, so dass sie nicht mehr zur Ruhe und zu sich kommen, sondern außer sich geraten – wie die Sprache so ehrlich sagt. Hilfen müssten Sie also wieder zu sich, zurück in ihre Mitte bringen, so dass sie von neuem in sich ruhen können.

In guten 30 Jahren praktischer Medizin und Krankheitsbilder-Deutung im Sinne von „Krankheit als Symbol“ hat sich jener breite Schatz von Möglichkeiten bei seelischen Notfällen ergeben, den ich in „Notfallapotheke für die Seele“ zusammengestellt habe. Seelische Notfallsituationen rauben Betroffenen jede Lebensfreude zusätzlich zu ihrem Frieden und lassen sie keinen Moment mehr Ruhe finden.

Hier ein klassisches Beispiel, das schon der Schlager verewigt hat: Seine Frau hat sich in seinen besten Freund verliebt und ihn verlassen. Da die Zuneigung beiderseits ist, hat er mit einem Schlag seine beiden wichtigsten Bezugspersonen nicht nur verloren, sondern sie sind – zumindest in seiner Vorstellung – zu seinen Gegner geworden. Er fühlt sich hintergangen, getäuscht und Schlimmeres. In seinen inneren Bildern und Gedanken sieht er beide ständig vor sich, wie sie Dinge tun, von denen er glaubte, sie stünden nur ihm zu. Von einer Bekannten schließlich zur Beratung geschleppt aus Angst, er könnte sich oder anderen etwas antun, kann er kaum ruhig vor mir sitzen, will vielmehr ständig aufspringen und „jetzt endlich irgendetwas tun“. „Aber es muss doch etwas geschehen“ sind seine ständigen Worte und er lässt durchblicken, dass er Schlimmes meint. Die Bandbreite seiner Gedanken reicht von Rache bis Suizid: von denen etwas antun bis zu Hand an sich selbst legen. Ein ruhiges Gespräch über seine Möglichkeiten ist in diesem Zustand kaum möglich.

Nachdem ich gern und viel auf unsere wundervolle Sprache achte, brachte mich der Ausdruck „etwas durchstehen“ auf die Idee, solche Gespräche im Stehen zu führen. Es wird einfacher ihm beizustehen, als wenn ich ihm gegenüber sitze. Das abgeknickte Sitzen bringt viel mehr widersetzen und Stau ins Spiel des Lebens als Stehen, wo man sich lang und gerade macht und streckt, um aufrecht zu seiner wahren Größe zu kommen. Aufrichtigkeit fällt aufrecht deutlich leichter. Tatsächlich hab ich in meiner Praxiszeit einige solcher Situationen mit Patienten im wahrsten Sinne des Wortes durchgestanden. Anfangs war es ungewohnt, aber es ging immer gut. Wir stellen uns dann gegenüber, legen die Arme auf einem vorgestellten Luftpolster auf Brusthöhe vor uns ab und stehen gemeinsam durch, was immer ansteht. Zu Beginn erscheint es bald mühsam, die Arme in dieser Mittellage oben zu behalten, aber angesichts des bedrängenden und anstehenden Themas sind sie bald vergessen und es entsteht eine Art Trance. Tatsächlich lassen sich selbst schwierige Dinge besser durchstehen als aussitzen. Der Stand fordert uns ganz anders, und es entwickelt sich so nebenbei Stand– und Durchhaltevermögen, die Unruhe weicht auf der körperlichen Ebene verblüffend rasch und Betroffene können im Stehen ungleich besser zu sich stehen als im Sitzen, wo sie mehr zum Durchsetzen tendieren. So haben wir schon einiges gemeinsam durchgestanden und Beständigkeit und Standvermögen entwickelt, Widerstandsimpulse umgeleitet, etwa gegen die eigene Resignation und Mutlosigkeit. Anfangs hat mich der Effekt dieser aufrechten Position selbst überrascht.

Eine weitere Rolle spielt sicher auch noch der nähere und intensivere Augenkontakt. Wir blicken uns und der jeweiligen Schwierigkeit ins Auge und konfrontieren sie noch bewusster, wenn wir solcherart die Stirn zeigen (lat. frons -tis = Stirn).

Der Betroffene kann im Stehen tatsächlich mehr Verständnis entwickeln, etwa für seine Partnerin und seinen Freund und vor allem auch für sich und dadurch auch für sich selbst besser einstehen. Ihm wird so leichter klar, wie viel auf dem Spiel steht und dass es jetzt einzig von seiner Reaktion abhängt, ob er die beiden wichtigsten Menschen seines Lebens verliert oder behält. Dazu muss er allerdings einen riesengroßen Schritt schaffen und im wahrsten Sinne des Wortes über seinen Schatten springen, um sie beide auf neuer Ebene zurückzugewinnen. Die dem männlichen Pol naheliegenden Lösungen sind jeweils einseitig und konkurrenzorientiert, wie etwa die Frau zurückerobern, den Rivalen besiegen, oder die Frau verstoßen und den Freund zurückgewinnen.

Bei auf Integration und Synergien zielenden Lösungen, die jetzt eine Chance hätten, steht Verständnis an, statt Rache und Krieg um beide zu behalten und allen eine bewusstseinserweiternde Erfahrung zu bescheren. Obwohl er sich als Opfer fühlt, das Wiedergutmachung einklagen kann, müsste er sich zum Handelnden aufschwingen, der in der Liebe im geradezu christlichen Sinn wachsen müsste. Wo immer das „Schattenprinzip“ ins Spiel unseres Lebens kommt, wird es anstrengend und intensiv. Einerseits ist dann viel von uns gefordert, aber andererseits auch enorm viel zu gewinnen.

Er muss dazu stehen lernen, seine Partnerin und seinen Freund noch immer zu lieben – jeden auf seine Art. Das ist möglicherweise nicht so schwer zu verstehen, denn nur weil er sie noch liebt, trifft ihn der akut eingetretene Verlust so sehr. Wären ihm beide gleichgültig, könnte er ja froh sein über die eingetretene Lösung.

Außerdem ist ihm im Stehen auch leichter verständlich zu machen, was geschehen ist. Wenn er seine Partnerin liebt und seinen Freund, ist es naheliegend, dass beide sich auch mögen werden. Auf der Ebene der Resonanz wird es noch deutlicher. Er ist in Resonanz mit beiden, d.h. er schwingt mit ihnen und ist für beide auf Empfang gepolt, also auf derselben Wellenlänge, und hat einen Draht zu beiden. Folglich ist es sogar selbstverständlich, dass sie auch miteinander schwingen und also in Resonanz sind. Liebe ist im Wesentlichen ein Resonanzphänomen. Tatsächlich kann er lernen, mit beiden in Resonanz zu bleiben und für die Resonanz zwischen ihnen dreien Verständnis zu entwickeln. Im Stehen wird diese Resonanz besser spürbar und leichter verständlich.

Zweimal hab ich so miterleben dürfen, wie aus solch einem zuerst schrecklichen Geständnis mit anschließender Panik und Rachegedanken über eine Stehrunde Verständnis und dadurch eine ganz neue Form von Dreierbeziehung entstand. Mit der Zeit kam die Partnerin dabei auch noch in den Genuss seiner Freundschaftsliebe, die die Griechen Philia nannten, und die davor nur dem Freund vorbehalten war. Die sinnliche Liebe „Eros“ mochten die beiden Männer untereinander nicht teilen, aber sie teilten sie in Bezug auf die geliebte Frau, was allen dreien – sogar in gemeinsamen Liebesfesten, zu denen sie sich ermutigen ließen – verblüffend gut tat. Die Frau erlebte, wie sich ihre sinnliche Liebe zu ihrem Mann sogar noch steigerte, von der Freundschaftsliebe ganz zu schweigen.

Nach einem Gespräch im Sitzen muss man sich immer erst wieder gleichsam aufraffen und aufstehen, um sich der neuen Situation zu stellen. Nach der Stehrunde, steht man schon und kann mit der neuen Energie gleich starten.

Ist etwas so Herausforderndes und Schwieriges erst einmal durchgestanden, kann sich die aufgewirbelte Energie wieder setzen und die hochgehenden Wellen der Emotion legen sich. Dann ist es auch wieder leichter sich zu setzen und alles erst einmal setzen zu lassen.

Im Sitzen oder Liegen bietet es sich bei seelischen Notfällen weiters an, in Trance auf die Ebene der Seelen-Bilder-Welten zu gehen. Seit ich Arzt bin hab ich diese innere Ebene immer mehr schätzen gelernt und traue ihr heute mehr als der offensichtlichen Realität zu. Aus ihr stammen all unsere Ideen und Pläne, unsere Phantasie und Kreativität. Wir können auf ihr alles erleben, nacherleben und –fühlen, was im realen Leben geschieht und darüber hinaus noch viel mehr. Niemand hindert uns, hier Rituale zu vollziehen, die in der sogenannten Realität schon längst nicht mehr gibt. Hier können wir auch verschiedenste Entwicklungen in Gedanken vorwegnehmen und so ausprobieren, was uns besser bekommt und zu uns passt.

Vor allem aber können wir akute Traumata auf dieser inneren Seelen-Bilder-Ebene bewusst verarbeiten. Mit Hilfe von geführten Meditationen auf CD – allein von mir gibt es über 40 zu allen möglichen schwierigen und anspruchsvollen, aber auch beglückenden Themen – gelingt es rasch in „Tiefenentspannung“ zu gelangen, also auf die sogenannte Alpha-Ebene der Gehirnwellen, wo nicht nur unsere Intelligenz drastisch zunimmt, sondern auch unsere Kreativität und mit ihr die Möglichkeiten der Lösung.

Vor allem aber lassen sich hier mittels eines einfachen Trickst emotionale Traumata in Rekordtempo verarbeiten. Dazu können wir uns das Wissen zu Nutze machen, dass wir vor allem nachts in den Traum- oder REM-Phasen seelisch verdauen. REM steht für „rapid eye movement“, zu deutsch schnelle Augenbewegungen. Wenn wir nun diese Augenbewegungen aus den Traumphasen gleichsam in „Tiefenentspannung“ imitieren, lassen sich mit ihrer Hilfe seelische Notfälle und emotionale Probleme ideal verarbeiten.

Das Vorgehen ist beinahe simpel: wir gehen über einfache (Auto-)Suggestionen in „Tiefenentspannung“, kultivieren ein inneres Lächeln in unseren Augen und lassen die Augäpfel kreisen im Sinne einer liegenden 8. Das eine Auge macht den oberen Bauch, das andere den unteren der 8. Während dieser kreisenden Augenbewegungen denken wir an das Trauma, unseren Notfall zurück und durchleben ihn nochmals von Anfang bis Ende. Schon nach einem einzigen solchen Wiedererleben unter Zuhilfenahme der kreisenden lächelnden Augenbewegungen löst sich viel von der emotionalen Ladung auf dem jeweiligen Thema. Nichts hindert uns, auf diese Weise auch jetzt noch die seelischen Notfälle der Vergangenheit rückwirkend aufzuarbeiten. Die CD zum Buch bietet einen mustergültigen Rahmen dafür. Diese Technik hat sich selbst in so krassen Situation wie nach Vergewaltigungen und schwersten Kriegstraumata bewährt.

In Verbindung mit geführten Meditationen oder inneren Reisen ist es natürlich auch möglich, weitergehende Bearbeitungen seelischer Themen anzugehen. Sobald Charme und Chance des ersten aufsteigenden Gedanken erkannt und geschätzt sind und die Bereitschaft und Fähigkeit entsteht, sie für sich einzusetzen, eröffnen sich diesbezüglich enorme Möglichkeiten. Eine kleine Übung mag die her verborgenen Chancen andeuten:

Stellen Sie sich jetzt einfach darauf ein, beim kommenden Experiment den ersten aufsteigenden Gedanken sofort wahr- und wichtig zu nehmen und ihn nicht mehr entwischen zu lassen. Es mag sich sogleich eine gewisse Spannung aufbauen, da Sie ja noch nicht wissen, worum es bei diesem Gedankenspiel gehen wird.

Denken Sie nun an das erste Tier, das in Ihrer Phantasie auftaucht. Es ist natürlich jetzt sofort schon da und ist Ihr Totemtier. Da Sie nicht wissen konnten, worum es geht, können Sie sicher davon ausgehen, dass Sie Ihrem Tierverbündeten begegnet sind. Hätten Sie dagegen einen Totem-Tier-Workshop bei einem angesehenen Schamananen gebucht, hätte ihr Intellekt sie wahrscheinlich boykottiert, wie er es fast immer tut. Schon beim Buchen hätten Sie sich Gedanken zu Ihrem Tier gemacht und sogleich eine kleine Auswahl im Bewusstsein gehabt. Bei der Anreise am Freitag, wären es noch mehr gewesen, die Schwitzhütte am Samstag hätte die Auswahl zusätzlich erweitert und am Sonntagnachmittag bei der eigentlichen Totem-Tier-Suche hätten Sie schon einen ganzen Zoo zur Auswahl gehabt. Ihr Intellekt hätte dann leichtes Spiel gehabt, ihnen das eindrucksvollste und repräsentabelste Tier davon zu präsentieren oder jedenfalls eines, das ihn nicht in Probleme gebracht hätte. Der erste aufsteigende Gedanke kann sich zu einem wirksamen Gegengewicht zum Intellekt entwickeln und uns in seelischen Notfallsituationen wundervoll beistehen. Sofern Sie ihn mit der einfachen Technik der geführten Meditation kultivieren lernen, haben Sie in Zukunft ungleich leichteres Spiel bei Notfällen und eine wirksame Hilfe in Ihrer einschlägigen Notfallapotheke.

Ein häufiger Grund für seelische Notfälle sind Enttäuschungen. Bei einer akuten Enttäuschung ist die Übung mit den kreisenden Augenbewegungen eine gute Hilfe. Generell aber wäre es im Hinblick auf Enttäuschungen besser, sich auch deren insgesamt hilfreichen Charakter klar zu machen. Ent-täuschungen beenden, wie das Wort so ehrlich sagt, Täuschungen. Nun leben wir – laut östlicher Philosophie – in Maya, der Welt der Täuschungen, und unser Ziel ist es, diese Welt zu überwinden. Das Ziel des Ganzen, die Inder sprechen hier von Lila, dem kosmischen Spiel und meinen das Leben, ist es, alle Täuschungen zu überwinden. Wer solcherart in der letzten Wirklichkeit ankommen will, muss diese Täuschungen durchschauen und viele Ent-täuschungen sind folglich sein erklärtes Ziel, um für die wirkliche Wirklichkeit aufzuwachen. Insofern könnten wir von Menschen des Ostens lernen und unsere Enttäuschungen schätzen lernen.

Wenn ich gedacht habe, dieser Mann ist allein meiner und der beste überhaupt und ich finde ihn unangekündigt im falschen Bett, habe ich mich offenbar (in ihm) getäuscht. Dann kann ich diesen Punkt abhaken auf der langen Liste von Täuschungsmöglichkeiten. Natürlich kann ich es mir dabei auch leichter machen und durch Abstraktion schneller lernen. Wenn mir diese gleiche Enttäuschung schon mehrere Male widerfahren ist, könnte ich von den Einzelerlebnissen abstrahieren und erkennen, dass vielleicht die ganze Vorstellung, Männer seien monogam oder jedenfalls dazu abzurichten, eine Täuschung ist, der frau sich zeitweise mit Genuss und Freude hingeben kann, um sie dann aber zu durchschauen und wieder eine – in diesem Fall sogar weit verbreitete – Täuschung zu durchschauen und loszuwerden.

Ähnlich ist es bei Gesichtsverlusten. Natürlich kann man dabei nur immer die äußere Fassade ruinieren, die man sich in Gestalt der sogenannten Persona aufgebaut hat. Das wahre Gesicht ist nicht zu verlieren, es liegt hinter der Persona, jener Maske, durch die wir ständig hindurchtönen (lat. per-sona-re = hindurch tönen). Aber wenn man sein wahres Gesicht selbst nicht gekannt und sich selbst und sein Selbst nicht gut erkannt hat, mag es doch so wirken, als ließe sich das Gesicht verlieren und sich vor allem so anfühlen, wenn man dann gesichtslos dasteht. So es einem die als Schutz zusammen gezimmerte Fassade verreißt und einem jemand die Maske vom Gesicht reißt und den ehrlichen Spiegel vorhält, könnte man diesem Unhold auch dankbar sein. So unangenehm es ist, es hilft auf dem Weg zu echter Selbsterkenntnis und ist so von unschätzbarem Wert. Man hatte sich im Hinblick auf sich selbst und Sein wahres Selbst getäuscht und ist anschließend – sogar unentgeltlich – therapiert.

Ganz ähnlich ist es bei seelischen Notfällen aufgrund von fürchterlichen Blamagen. Einer Blamage muss immer eine Selbsttäuschung zugrunde liegen. Bricht diese zusammen, fühlt man sich bloßgestellt und blamiert, d.h. der aufgebaute Schutzschild bricht weg und man steht so da wie man ist, bloß und ehrlich. Natürlich kann – vor allem solcherart erzwungene Ehrlichkeit – scheußlich weh tun, aber sie ist immer ein Schritt in die richtige Richtung auf dem Entwicklungsweg zur Vollkommenheit. Insofern schulden wir selbst Menschen, die uns vorsätzlich blamieren, langfristig Dank, denn sie helfen uns ehrlicher zu werden. Bei diesen und ähnlichen Erkenntnisschritten könnte uns auch gleich das christliche „Liebet eure Feinde“ klarer werden und näher kommen.

Selbst Kränkungen, die langfristig krank machen, wie das Wort schon verrät, müssen mit dieser Einstellung nicht zu seelischen Katastrophen werden. Sie holen Schatten aus uns heraus in dem Sinn wie Krankheitsbilder immer Schatten verkörpern. Die diesbezüglich in uns angelegten Schwachpunkte sollten wir auf Dauer sowieso im Sinne von Schattentherapie bearbeiten. Wenn uns jemand hilft, sie rascher herauszuholen, könnten wir – das einsehend – auch hier geradezu Dankbarkeit empfinden. Kränkbar sind wir nur, wo wir in Resonanz gehen und mitschwingen. Und dann können nur unsere eigenen Schwachpunkte sein.

Wirft uns beispielsweise jemand vor, ein Mörder zu sein, wird das die wenigsten provozieren und auch kaum kränken, einfach weil der Vorwurf so entfernt von unserer Resonanz ist. Werden wir dagegen – an sich viel harmloser – als Schwindler bezeichnet, fragen wir uns sofort, woher dieser Mensch das wisse und geraten dabei schon in Resonanz. Die jeweilige Resonanz könnte uns zeigen, dass hier noch Arbeit von uns zu leisten ist, und wir noch gefordert sind.

Über dasselbe Resonanzgesetz ließe sich allerdings auch ein wirksamer Schutz vor Kränkungen aufbauen, einfach indem wir von uns aus niemanden mehr kränken. Ähnlich wie beim Mobbing kann uns – auf Dauer – nur widerfahren, was wir auch aussenden. Wenn wir grundsätzlich aufhören, andere zu kränken, werden wir mit der Zeit auch keine Kränkungen mehr erfahren. Dann müssen wir allerdings die Themen entsprechender Krankheitsanlangen und unseres Schattens anders angehen.

Ähnlich können wir natürlich auch Fehler nutzen lernen. Wer einen gravierenden Fehler in einer wichtigen Situation macht, mag dessen Auffliegen schockierend erleben. Aber jeder Fehler enthüllt – nomen est omen – etwas Fehlendes. Und da das Ziel schlussendlich Ganzheit, also Vollständigkeit ist, können Fehler sehr nützen. Jeder für sich trägt einen weiteren fehlenden Puzzlestein zum ganzen Mosaik bei, das uns ausmacht. Wer das vollständige Mosaik schon frühzeitig und in Übereinstimmung mit den Religionen und Traditionen als sein Lebensziel erkennt, wird Fehler ganz anders sehen und ungleich besser verarbeiten. Er muss jetzt nur noch – um Zeit zu sparen auf dem Entwicklungsweg – lernen, denselben Fehler nicht mehrmals zu machen.

Bedenken wir, dass wir Seele sind und in einem Haus namens Körper wohnen, sollten wir nicht nur gut zu diesem sein, und ihm in Notfallsituationen beistehen, sondern uns auch entsprechend um die eigene Seele kümmern. Ersteres damit die Seele gern im Körperhaus lebe, wie Theresa von Avila sagt, letzteres, damit sie überhaupt in ihm bleibt und nicht verschreckt das Weite sucht. Ganz ideal wäre Im Sinne von Vorbeugung, sich so auf die Seele und ihre Bedürfnisse einzustellen, dass Notfälle kein Thema mehr für sie sind und sie sich jederzeit wohl zu zuhause fühlen kann – gleichgültig ob sie Herausforderungen wie Enttäuschungen und Kränkungen durchsteht oder das Leben in seiner Schönheit und Fülle genießt.