Mythos Erotik – eine Lebenskraft tritt aus dem Schatten

Wahrscheinlich gab es nie eine bessere Zeit, um die Erotik aus ihrem Schattendasein zu befreien und uns so viel Freude und Lust zu bereiten, wie schon lange nicht mehr oder überhaupt noch nie. Die katholische Kirche ist mit eigenen Problemen aus verdrängter Erotik und Sexualität beschäftigt und zu einem Paradebeispiel dafür geworden, wie wenig Verdrängung bringt, beziehungsweise was sie anrichtet. Politiker haben andere Sorgen und schaffen sich ständig neue und finden jedenfalls weder Interesse noch Zeit, sich in unser Privatleben einzumischen. Wir sind also ziemlich frei und könnten uns befreien und nach Herzenslust der Lust und Liebe hingeben. Verblüffende Koinzidenzen verstärken diesen Eindruck. Wenn man zu Jahresbeginn von der anderen Seite unter den Straßen überspannenden Begrüßungsbannern des neuen Jahres 2013 hindurch fuhr, las man mit etwas Phantasie EROS. Die Zeit scheint also reif für dessen Wiederentdeckung zu sein, des ehemals großen Gottes der Antike.

Selbst diejenigen, die ihn und seine Macht wohl unbewusst fürchten, beschäftigen sich doch mit ihm, wenn auch auf der Schattenseite. Sie flüchten in Sexismus-Debatten wie die jüngst in Deutschland vom Zaun gebrochene, als ein ältlicher Politiker einer jugendlichen Journalistin seine Tanzkarte anbot und mutmaßte, dass sie ein Dirndl füllen könne. Wer aus solchem Stoff ein wochenlanges Theater macht, hat offenbar ein Problem.

Auf der anderen Seite haben zeitgleich über 100 Millionen Frauen weltweit Shades auf Grey zum erfolgreichsten Bestseller aller Zeiten gemacht. Ein Buch, das ziemlich genau das Gegenteil zu den Sexismus-Debatten darstellt, nämlich die Lust von Millionen Frauen auf einen richtigen Mann, um sich richtig ihrem Frausein ergeben zu können.

Beide geschilderten Trends der Gesellschaft laufen diametral gegeneinander. Diejenigen, die im Schatten der Emanzipations-Bewegung in platten Komplimenten ältlicher Politiker schwere grundsätzliche männliche Vergehen erkennen, leisten zumindest unbewusst einem Trend Vorschub, der Männer immer weiter in die Defensive treibt. Solche auf alle Männer ausgeweiteten Diskussionen kaufen ihnen den letzten Schneid ab und nehmen den Mut, überhaupt noch Komplimente zu wagen, oder hinzuschauen, wenn ihnen eine Frau figürlich gefällt. Die Frage wäre schon hier zu stellen: Wollen Frauen eigentlich solche Männer, die sich gar nichts mehr trauen in Bezug auf sie. Die lieber wegschauen, als einen frechen Blick zu riskieren, lieber flüchten als sich einzulassen. Wenn das so wäre, warum zeigen sich Frauen dann überhaupt so reizvoll, geschieht das nur für sie selbst und andere Frauen?

Die unübersehbare große Zahl moderner Frauen, die sich „Shades of Grey“, den „Schatten von Grau(en)“ gegönnt haben, sind offensichtlich auf der Suche nach den letzten Exemplaren richtiger Männer, die es der political correctness zum Trotz wagen, zu ihrer Männlichkeit zu stehen und ihre Faszination für Frauen ausdrücken und leben. In der Gestalt von Christian Grey, einem unglaublich tollen Mann und zugleich völlig neurotischen Kontrollfreak, begegnen sich Mythos und Märchen. Märchenhaft reich und gut aussehend, ist er durch seine Lebensgeschichte so verbogen, dass Ana Steel, ein eisenhartes Aschenputtel, viel Lust, Liebe und Arbeit mit ihm bekommt. Sie erfüllt den Traum so vieler Frauen, biegt ihn sich zurecht und rettet ihn mit ihrer Liebe aus den Tiefen der Neurose. Allerdings nicht ohne dabei seine Männlichkeit voll auszukosten und sich mit viel Erotik und hartem Sex von ihm in eine neue Dimension erotischen Erlebens einweihen zu lassen. Als sie ihn schließlich und über drei Bände domestiziert hat, fehlt ihr selbst der Marsanteil in der Beziehung und sie wünscht sich den sogenannten Red-Room zurück, den roten Raum heißer Lust, wo sich die einfühlsame Venus und der raue Mars nach Herzens- und Körperlust treffen können in der Millionen anmachenden Begegnung mit einem befreiten Eros, der hier als Liebesgott die verbindende Brücke schlägt. Er(os) demonstriert diese Synthese, indem er Kraft und Aggressions-Energie seines Vaters Mars und dessen Kriegswaffen, Pfeil und Bogen, nutzt, um das Anliegen seiner Mutter, die Liebe, in die Herzen der Menschen zu schießen oder ihnen sogar eine Brandfackel ins Herz zu stoßen, sodass dieses in heißer, feuriger Liebe entbrennen.

Auch diese faszinierende Polarität spricht dafür, Eros, den Liebesgott, wieder als großen Gott zu erkennen und in unser (Liebes)Leben einzuladen. Er(os) ist das Kind der Liebesgöttin Venus und des Kriegsgottes Mars, die in ihrem illegalen Verhältnis neben ihm noch andere wichtige Kinder wie Harmonia, die Göttin der Balance, aber auch Phobos und Daimos, die Götter der Angst und dämonischer Besessenheit zeugen. Letztere drohen vermehrt denjenigen, die sich ersteren verweigern. Was uns heute Studien offenbaren, wusste der Mythos schon immer.

So unumstritten Gleichberechtigung in Wirtschaft und Politik ist, im Bett steht Eros auf die unübersehbare Polarität der Geschlechter. Millionen Frauen und Fans der Schatten von Grau wollen dort offenbar wieder männliche Energie und Kraft spüren, um sich als ganze Frau und in großen Orgasmen zu erleben. Ana Steele macht es vor und über 100 Millionen Leserinnen folgen ihr enthusiastisch.

Der Mythos aber reicht noch viel weiter: Als Eros sich in die wunderschöne Psyche verliebt, deren Schönheit selbst Venus eifersüchtig macht, führt das über viele Verwicklungen schließlich zu Psyches Erlösung und Aufnahme in den Olymp. So wird deutlich, dass unsere Seele über Erotik Erlösung finden und in den Himmel der Einheit aufsteigen kann. Dort in Liebe vereint, zeugen Psyche und Eros die Tochter Voluptas, die Wolllust. Als himmlisches Kind sollten wir uns diese nicht ständig vermiesen und sie auch nicht herabsetzen, sondern sie uns freigiebig schenken, wann immer wir wollen und Lust haben.

Der germanische Mythos des Nibelungenliedes verrät uns natürlich ganz ähnliches. Hier ist der Held Sieg-Fried, der schon im Namen Mars und Venus verbindet, in der Lage sowohl Brunhild als auch Kriemhild den Gürtel der Freya, der germanischen Liebesgöttin, abzunehmen im Gegensatz zu seinem König Gunther. Der ähnelt schon dem modernen weichgespülten Mann, der stets auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Wem alte zeitlose Mythen nicht reichen, der kann in „Mythos Erotik“ auch auf eine moderne wissenschaftliche Flirt- und Liebesschule zurückgreifen. Dieser Brückenschlag zwischen zeitloser Weisheit und moderner Wissenschaft macht Mythos Erotik zu einem befreienden und beglückenden Buch für alle, die bereit sind, ihren Phantasien und Träumen und der Liebe zu folgen, um über irdische Polarität zu himmlischer Einheit zu gelangen.