Mit Würde alt werden

footpath-691021_640In dem Buch Methusalem-Komplott werden Befürchtungen geäußert, dass sich unser Immer-älter-werden zu einer fürchterlichen Belastung der zukünftigen Gesellschaft auswachsen werde. Natürlich sind solche Horrorszenarien linear in die Zukunft gedacht, ein Fehler, dem schon vor Jahrzehnten der Club auf Rom aufgesessen war. Wer sich mit dem Gesetz der Polarität beschäftigt, lernt die Vielfalt der Möglichkeiten schätzen, die auch immer wieder über den Gegenpol ins Spiel des Lebens kommen. Vielleicht treiben wir jetzt die Ölpreise so hoch, dass – relativ betrachtet – die erneuerbaren Energien immer billiger werden, sodass sich die überfällige und technisch längst mögliche Energie-Revolution dramatisch und rasch vollzieht. Schon vor mehr als 10 Jahren habe ich ein Passiv-Energie-Haus gebaut, das unter dem Strich mehr Energie liefert als es verbraucht. Es war in der Anschaffung unverhältnismäßig teuer, aber das müsste schon längst nicht mehr sein, wenn sich mehr Menschen zu diesem Schritt durchringen könnten. Steigen die Energiepreise immer noch mehr, wird Energiesparen zu einem Volkssport werden und eine neue saubere Technologie heraufbeschwören, die eine ganz andere Wirtschaft mit sich bringen wird. Wenn wir uns wieder auf die Natur besinnen, könnten wir ein völlig anderes wirtschaften ohne den Zwang zu ständigen Wachstumsraten entdecken usw. usf.

Auch im Immer-älter-werden und sogenannten Überaltern der Gesellschaft könnten, ja müssten demnach Chancen liegen, die wir bisher noch nicht ausreichend ausloten. Denkbar wäre immerhin, dass alte Menschen wieder den Schritt zur Weisheit schaffen, dass die Groß(en)-Eltern Oma und Opa wieder ersetzten und die Alten zu jenem Ansehen zurückfinden, das sie in klassischen Gesellschaften wie der chinesisch-taoistischen hatten oder in archaischen Gemeinschaften wie den schamanistischen Traditionen. Dann wäre es sicher kein Problem, wenn es viele Groß(e)-Mütter und -Väter gäbe. Sie könnten die geistige Inspiration der Familien und der ganzen Gesellschaft werden und mit ihrer Lebenserfahrung selbiges fördern und unterstützen. Sie hätten den Überblick und die Erfahrung und könnten nicht nur sich, sondern auch allen anderen besser helfen.

Zur Horrorvision werden sie nur als jene riesige Masse, die mit ihren Renten und Pensionen den weniger werdenden Jungen die Butter vom Brot futtert und nichts mehr gibt und beiträgt, sondern nur noch nimmt. Dahin scheint es gekommen zu sein, aber dort müsste es ja nicht bleiben.

Vielleicht könnten in Zukunft die alten Weisen freiwillig länger mitarbeiten und den Jungen sogar zuarbeiten, sie dabei von ihrer Erfahrung profitieren lassen in einer Weise, die frei von eigenem Ehrgeiz als angenehm und förderlich empfunden wird. Für die immer älter werdenden Menschen wäre es jedenfalls ein Segen, wenn sie länger aktiv zum Gelingen des eigenen und des Lebens der anderen beitragen könnten. Manchmal trifft man in der Wirtschaft auf solch eine „graue Eminenz“ und in der Politik kennt und schätzt man den „elder statesman“, den weise gewordenen Staatsmann, der ohne Rücksicht auf seine Wiederwahl einfach mal die Wahrheit nicht nur denken, sondern aussprechen kann.

Bei solchen Überlegungen fällt mir immer das Ideal von Barbara Rütting ein, jenes Ökodorf, in dem alte und junge und mittelalte Menschen konstruktiv mit behinderten und gesunden Kindern, alten und verwaisten Tieren und einer gesunden Vegetation zusammenleben. So weit ich sie verstanden habe, scheiterte das bisher immer am Mangel an den jungen Leistungsträgern. Die behinderten Kinder, die alten Menschen und ausgesetzten Tiere haben nichts mehr zu verlieren und würden schon mitwirken an solch einem Gnadenhofkonzept, nur die Jungen fürchten wohl noch zu viel zu verlieren zu haben und vor allem durch geschickt eingesetzten Egoismus überproprotional gewinnen zu können.

In einer Gesellschaft, wo alle alt werden wollen und niemand alt sein will, werden natürlich alle verlieren und unglücklich werden. Wer unbedingt etwas will, was er – sobald er es hat – nicht mehr will, ist selbst verantwortlich für sein Unglück. Dabei könnten wir es uns heute leisten, in Ruhe, Frieden und Würde zu altern, wir produzieren genug und haben genug, wir könnten uns wieder um innere Werte und Themen kümmern und dem alt angestammten Lebensmuster entsprechen, wie es von allen Religionen und Traditionen propagiert wird. Christlich heißt das: So ihr nicht umkehret und wieder werdet wie die Kinder, das Himmelreich Gottes könnt Ihr nicht erlangen. Es ist nur intelligent, dieser Aufforderung nachzukommen, denn wir haben – im Sinne von „Krankheit als Symbol“ sowieso nicht die Wahl, ob wir umkehren und wieder wie Kinder werden, sondern nur auf welcher Ebene. Da wäre die innere Um- und Einkehr der äußeren in Form von Morbus Alzheimer wohl vorzuziehen. Ein Alter in Würde war immer und könnte noch heute Ziel und Höhepunkt des Lebens sein. Wir müssten uns „nur“ darum bemühen. Dieses Bemühen aber würde im Idealfall schon zu Anfang des Lebens beginnen.