Mentaltraining – oder alter Wein in neuen Schläuchen

Unter den „Säulen der Gesundheit“ ist die des Bewußtseins die zentrale, wie praktisch alle alten Medizintraditionen wußten. Lediglich wir haben heute die Hierarchie der Heilkunde auf den Kopf gestellt und fangen fast immer mit der Behandlung des Körpers an, so wie wir ja auch die Probleme solange ignorieren, bis sie endlich im Körper landen oder sich verkörpern beziehungsweise somatisieren, wie die Medizin sehr richtig erkennt. In der Analogie heißt das aber, daß wir fast immer versuchen, die Treppe von unten nach oben zu kehren. Von der Schwierigkeit dieses Unterfangens könnte uns schon der Volksmund berichten, allein die etablierte Medizin achtet nicht auf den Volksmund.

Umso interessanter ist heute das überall zu beobachtende Auftauchen des Mentaltrainings. Man könnte das gut und gerne als Renaissance bezeichnen, wenn es auch westlichem Forschergeist immer naheliegt, die wiederentdeckten alten Dinge als völlig neu auszugeben. Ein besonders komisches Beispiel ist hier die sogenannte Psychoneuroimmunologie, jener Zweig der Wissenschaft, der sich jetzt – einige Tausend Jahre nach den großen Traditionen daran macht, u.a. geführte Meditationen zu entdecken und zu propagieren. Daß für etwas so altes, das schon die Mysterienkulte so vieler Kulturen bestimmte, ein solch aufwendiger neuer Name herhalten muß, ist typisch für diesen Trend. Schon vorher hatte Hans-Carl Leuner angenommen, das katathyme Bilderleben entdeckt zu haben, wobei sich die Entdeckung wohl auf den Namen beschränkte. Das Phänomen ist uralt und wurde nur in unseren Breiten lange von der Wissenschaft ignoriert. Immerhin ist es ein wesentlicher Vorläufer des heutigen Mentaltrainings. Zeitlich davor lag noch I.H. Schulz, der aber immerhin offen bekannte, mit seinem Autogenen Training eine östliche Methode für den Westen adaptiert zu haben. Neu ist das Mentaltraining also durchaus nicht, das ist lediglich der breite Trend in diese Richtung.

Vor allem dort, wo es dieser Gesellschaft wirklich darauf ankommt, breitet sich das Mentaltraining rasant aus: in den Chefetagen der Firmen und im Leistungssport. In der Schulmedizin bleibt dagegen die Tendenz zur Psychosomatik noch eher das Steckenpferd einiger weniger. In Spitzensport und Management andererseits, wo die Konkurrenz immer härter wird und inzwischen nur noch Leistung zählt, ist der männliche Macherpol, der nur auf den Intellekt vertraut, schon merkbar an seine Grenzen gestoßen. Muskeln kann man eben nur bis zu einem gewissen Grad trainieren und eine Stunde ist nicht über 60 Minuten hinaus verlängern und nutzen. Weil es aber weitergehen muß in Richtung Fortschritt zu immer höherer Effizienz, entdeckt man nun die Möglichkeiten, die in der Seele liegen. Denn auch wenn wir von „Mentaltraining“ sprechen, geht es hier vor allem um seelische Eigenschaften, wie etwa Ausgeglichenheit, innere Ruhe, Einstellung, Motivation und Konzentrationsfähigkeit.

Bei all dem stehen allerdings wieder archetypisch männliche Ziele und nicht etwa – was ja immerhin denkbar wäre – wirklich der weibliche Pol und sein Anliegen eines gefühlvolleren und erfüllteren Lebens im Mittelpunkt. Im Bereich des Mentaltrainings sammeln sich sozusagen all jene Aspekte der Psychotherapie, die sich am besten für die Ziele unseres auf unaufhörliche Expansion gerichteten Wirtschaftssystems gebrauchen lassen. Wenn hier auch Meditationsmethoden zum Einsatz kommen, müßte man sich zumindest bewußt sein, daß das der Grundidee des absichtslosen Ankommens im Augenblick des Hier und Jetzt, dem eigentlichen Anspruch von Meditation, zuwiderläuft. Trotzdem funktionieren die Techniken natürlich (auch auf dem Gegenpol) und werden heute mit „Erfolg“ eingesetzt. Wo im Spitzensport und -management von Mentaltraining gesprochen wird, geht es eindeutig um Leistungsmaximierung – lediglich mit subtileren Mitteln. Ein spiritueller Lehrer wie der verstorbene Tibeter Trungpa würde in diesem Zusammenhang wohl von spirituellem Materialismus sprechen, was die Anwender aber kaum abschrecken dürfte.

Tatsächlich läuft allerdings ein weitgefaßtes Mentaltraining in eine aus spiritueller Sicht vertretbare Richtung, wenn es darum geht, sich zu verwirklichen, um das beste aus sich und seinen Anlagen zu machen. Auch ein Manager, der diesen Weg konsequent geht, wird irgendwann auf tiefere Themen stoßen und sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen und schließlich nach dem letzten Sinn stellen. Dann aber wird er über alle vordergründigen Absichten und Effizienzgedanken hinauswachsen können. So wird selbst der moderne Trend, alles zu funktionalisieren, um mehr aus sich und dem Leben herauszuholen und manchmal zu pressen, in letzter Konsequenz oft zu einem Weg, wenn es sich auch viele auf ihm zuersteinmal entsetzlich schwer machen.

Eigentlich entspricht es sogar der Absicht der meisten Traditionen des Ostens, zuersteinmal das physische materielle Leben zu bewältigen und sich dann anschließend – sozusagen befreit von materiellen Zwängen – dem Spirituellen zuzuwenden. Insofern sind die Manager, die die ökonomischen Möglichkeiten ausgereizt haben, durchaus auf dem richtigen Weg, wenn sie sich anschließend daran machen, auch die geistigen noch auszuschöpfen. Nachdem viele von ihnen auch die eigenen Körper wieder in Form gebracht und ihre diesbezüglichen Reserven erhöht haben, bot es sich an, im Bereich von Motivation, Entscheidungsfähigkeit und ganz allgemein geistiger Dynamik weiterzugehen. Natürlich merkt man schon bei allen Versuchen, den Körper in Form zu bringen, daß der springende Punkt immer im geistigen Bereich liegt. Praktisch jeder ist in der Lage, seinen Körper in Form zu halten oder zu bringen, aber nicht jeder bringt die Motivation dafür auf. Insofern gibt es ganz konsequent heute auch bereits Motivations- oder Erfolgstrainer, die nichts anderes machen, als ihren Klienten Feuer unter dem träge gewordenen Hintern.

Ein einigermaßen intelligenter Mensch braucht zum Laufen keinen „personal Trainer“ neben sich, denn was er dazu wissen muß, kann er einem Buch wie „Säulen der Gesundheit“ in einer knappen Stunde entnehmen. Aber so ein Trainer kann einen dazu bringen, den inneren Schweinehund zu überwinden. Wenn er dafür gut bezahlt wird und sonst keine Aufgabe hat, wird er das auch sicher mit Engagement machen. Natürlich könnte man sich auch mit einem Freund zum Laufen verabreden, aber Freunde werden in so strengen Zeiten seltener und haben noch seltener Zeit und dann besorgt man sich eben Ersatz. Unser Leben wird ja auch in anderen Bereichen zunehmend von Ersatz geprägt. Vom abendlichen Ersatzleben vor dem Fernseher über die Ersatznahrung bis zur Ersatzliebe, warum nicht auch mit professionellen Ersatzfreunden zum Laufen gehen. Ersatz hat den für effiziente Menschen enormen Vorteil, daß er besser plan- und kontrollierbar ist als das Echte. Schon Clark Gable bekannte auf seine Vorliebe für Callgirls angesprochen, daß die sehr viel praktischer und verläßlicher seien. Wenn man das ganze dann noch in Amerikanismen kleidet, klingt das schon gleich ziemlich bedeutend – und wer dann noch ohne personal Trainer joggt, ist schon ziemlich out.

Der springende Punkt ist also die Motivation und innere Einstellung. Wir merken das zunehmend und in allen Bereichen von der Volksschule bis zum Beruf und selbst in der Partnerschaft. Stellen wir uns nur vor, die Deutschen würden ihre ganze Umwelt so behandeln wie ihren Schrebergarten, oder man würde in allen Nachbarskindern die eigenen sehen und dem Mietwagen mit der gleichen Sorgfalt begegnen wie dem eigenen, der Firma wie dem eigenen Geschäft. Hier lägen offensichtlich noch enorme Produktivitäts- und alle möglichen anderen Reserven. Daß die Industrie solche Ansätze mit Leidenschaft verfolgt, ist ihr nicht zu verdenken, und auch wenn es aus ausschließlich eigennützigen Motiven heraus geschehen sollte, ist es doch von Vorteil für alle Beteiligten. Denn warum ein Mensch auch immer anfängt, bewußt zu leben, es nützt zuersteinmal vor allem ihm und dann auch noch allen anderen. Daß die Chefs der Firma möchten, daß man sich wie zuhause fühlt und sich auch so verhält, ist genauso verständlich wie der Wunsch der Umweltschützer, daß wir doch bitte den Wald als unseren eigenen betrachten und behandeln mögen. Würden wir gar alle Kinder und übrigen Menschen wie unsere eigenen sehen und lieben, wären wir mitten auf dem christlichen Weg. Klar zu machen, daß vor allem wir selbst davon profitieren, wäre die große Chance, an die sich die Mentaltrainer hoffentlich mit mehr Erfolg heranmachen als die spirituellen Lehrer. Denn letztlich geht es immer darum, der Welt und sich selbst bewußt zu begegnen. Welches Wunschergebnis man dabei in den Vordergrund stellt, ist letztlich gleichgültig, wenn es auch die einzelnen Schulen voneinander unterscheidet. Insofern könnte Mentaltraining, aus welchen Motiven heraus es auch initiiert oder betrieben wird, allen nützen. Voraussetzung ist natürlich eine gewisse Offenheit dabei für die Ganzheit der Entwicklungsmöglichkeiten und ein Durchschauen der Fallstricke auf diesem Weg wie das positive Denken (Affirmationen), das eher Schatten produziert als ihn zu lüften und somit in Richtung Verwicklung statt Entwicklung zielt.

Wenn man zu dieser Erkenntnis noch den immer noch weit unterschätzten Aspekt des Feldes hinzu kommt, hat man schon die wesentlichen Themen des Mentaltrainings beisammen. Ein Chef, der gut drauf ist, steckt an, aber auch ein Mitarbeiter, der bewußt lebt und vor Lebenskraft sprüht, steckt an, manchmal sogar den Chef. Immer mehr Firmen erkennen, daß das Arbeitsfeld vor allem von seelischen Komponenten mitbestimmt wird. Natürlich hängen diese auch von äußeren Rahmenbedingungen ab, aber wesentlicher ist die innere Einstellung der Menschen, die dieses Feld formen und die das Feld seinerseits formt.

Im Sport ist man hier schon weiter und hat längst erkannt, daß Mannschaften nicht nur aus Einzelkönnern bestehen, sondern auch einen eigenen Geist haben, um den es sich zu kümmern lohnt. Der legendäre deutsche Fußballehrer Sepp Herberger faßte das noch sehr einfach in dem Satz zusammen: „Elf Freunde müßt ihr sein!“ Nun sind aus den Freunden inzwischen überall und unübersehbar beinharte Konkurrenten geworden. Trotzdem müssen sie zusammen in einem Feld funktionieren, oder das Ganze geht daneben. Immer wieder kann man im Fußball erleben, wie kleine Mannschaften ohne viel Geld in oberen Klassen aufsteigen und dort erstaunlich gut funktionieren. Aber nur genauso lange, wie es ihnen gelingt, ihr Feld zu bewahren. Sobald das große Geld dazwischen kommt und einzelne Bausteine aus dem erfolgreichen Muster herausbricht, bricht auch das Feld weg und die Mannschaft, die keine mehr ist, stürzt nicht selten ins Bodenlose. Das ist auch der Grund, warum ein Aufstieg soviel leichter ist als das Obenbleiben – und das gilt natürlich für den Sport wie für alle anderen Bereiche. Bis sie oben sind halten Mannschaften oder Firmen oft gut zusammen, dann aber fangen die einzelnen Egos gerne an, sich gegen das Feld zu profilieren und gefährden das Ganze. Daß die Spitzen (Trainer oder Chefs) darauf so empfindlich reagieren, hat seinen Grund darin, daß sie zumindest unbewußt spüren, daß selbst kleine Dinge hier schon erhebliche Gefahren beinhalten können.

Fußballtrainer, die in der Regel ausgewechselt werden, wenn sie kein funktionierendes Feld mehr hinbekommen, wissen längst ein Lied von der Sensibilität von Feldern zu singen und versuchen – zum Teil allerdings mit grotesken Mitteln – ihre Zöglinge von allen schädlichen Einflüssen abzuschirmen. Die Erfahrung zeigt, wenn einmal der Wurm drin ist, bekommt man ihn nur schwer wieder hinaus. Hier liegt einer der Gründe für das erstaunliche Maß an Aberglauben im Spitzensport. Die Athleten achten peinlich darauf, nur ja das Erfolgsfeld nicht zu ändern. Wer ein Auge dafür hat, erkennt schmunzelnd solche Mechanismen hinter unrasierten Gesichtern, eigenartigen Kratz- und Spuckritualen und den seltsamsten Ticks und Tricks. Ähnliche Phänomene zeigen sich in Unternehmen, nur bekommt die Öffentlichkeit mangels Fernsehkameras davon weniger mit. Besser als Aberglauben funktioniert allerdings Mentaltraining, um ein Feld aufzubauen und zu erhalten. Voraussetzung allerdings wäre ein Wissen um das Wirken und den Aufbau der Felder.

Natürlich läge eine ungleich bessere Chance im Bewußtmachen dieser Zusammenhänge als in den oft geradezu paranoiden Versuchen, alle Fremdeinflüsse von existierenden Feldern abzuhalten. Wenn Fußballehrer sich so sehr gegen die Presse wehren, hat das meist den Grund, daß sie spüren, daß die davon lebt, ihnen ihr Feld kaputtzuschreiben. Andererseits müßten sie sich eingestehen, daß sie wiederum davon leben, daß sich die Presse für sie interessiert. Die wiederum hat das Problem, daß sich ihre Leser nicht für gleichbleibenden Erfolg, sondern nur für möglichst dramatische Veränderungen interessieren. Nur ein kometenhafter Aufstieg oder ein spektakulärer Absturz sind interessant, denn das Ego der Menschen lebt von der Veränderung, von der Abwechslung und genießt sie – wenn auch oft auf makabre Weise. Also können Presseleute durchaus (und oft unbewußt) helfen, ein Feld aufzubauen, das einen Aufstieg ermöglicht. Man sucht sich einen Underdog und schreibt ihn gleichsam mit nach vorne. Wenn er dann oben ist, wird sich das Spiel aber umdrehen. Nun laufen die Interessen auseinander und es geht für den neugeborenen Star darum oben zu bleiben, die Presse aber beginnt, wenn irgend möglich, den gerade aufgebauten neuen Stern wieder zu demontieren beziehungsweise ein Haar in der Suppe zu (er-)finden.

Das Spiel der Abwechslung macht uns an, ist es doch Abbild der Polarität, des wichtigsten Prinzips unserer Schöpfung. Selbst Autorennfans haben nur beschränkt Spaß, wenn die dröhnenden Bolliden sich stetig und ohne jede Veränderung im Kreise drehen und es einen (langweiligen) Start-Ziel-Sieg gibt. Überholmanöver und besonders riskante sind dagegen gefragt und selbst Unfälle ziehen Zuschauer an, auch tödliche, wie die Zahlen immer wieder betrüblich belegen.

Das Spiel der Polarität zu durchschauen, wäre unsere Lebensaufgabe. Auch das aber ließe sich viel besser auf der mentalen Ebene bewältigen als auf der konkreten. Vor allem aber könnten von hier aus Impulse kommen, die das Spiel zu den eigenen Gunsten mitgestalten. Und das meint in diesem Zusammenhang, es in Richtung Bewußtheit zu lenken. Was ich bewußt mache, bringt mich weiter, selbst wenn ich etwas bewußt durchleide, kann mich das stärker und bewußter machen. Dazu müßte ich allerdings die dahinter wirkende Gesetzmäßigkeit durchschauen. Wo ich dazu in der Lage bin, ist aber der Schritt nicht mehr weit dazu, das Spiel bewußt mitzuspielen und dann wird Leid immer öfter durch Lebensfreude ersetzt. Das Durchschauen der Gesetze, die unsere Welt bestimmen ist natürlich ein mentaler Prozeß und daher im weitesten Sinne auch noch als Mentaltraining zu sehen. Nach unseren Erfahrungen geht nicht nur im therapeutischen Bereich sondern ganz generell alles leichter, wenn dieser Schritt erfolgt ist, weshalb wir als Grundlage aller unserer Ausbildungen dafür eine Woche reservieren.

Bezüglich der praktischen Umsetzungsmöglichkeiten setzt das Mentaltraining vor allem auf die in den alten Traditionen bewährte Arbeit mit inneren Bildern unter Einbezug von NLP und vergleichbaren Trancetechniken, wobei heute auch schon Methoden aus anderen Bereichen der Psychotherapie zum Einsatz kommen bis hin zu Übungen mit dem verbundenen Atem, mit denen sich besonders effektiv das Eis brechen und der oft bei Managern und Sportlern gleichermaßen vorhandene intellektuelle Abwehrwall leichter zu knacken ist.

Insgesamt könnte sich Mentaltraining zu einer guten Chance auswachsen, weil es die in unserer Gesellschaft entstandene Kluft zwischen Körper und Seele schließen hilft. Es könnte sich zu einer noch besseren entwickeln, wo es vertieft wird und noch mutiger und offener Anleihen bei den alten Techniken der Traditionen genommen werden. Wer schon die Arbeit mit inneren Bildern entdeckt hat und um Felder weiß und die Macht der Polarität, der wird über kurz oder lang auch das Gesetz der Resonanz finden und sich für Rituale zu interessieren beginnen. Dann aber sind wir schon mitten in der spirituellen Therapie. Persönlich freut es mich zu sehen, wie sich die wissenschaftliche Welt, Stück für Stück immer mehr aus dem Schatz der alten Weisheitslehren holt und es klammheimlich integriert, wenn ich auch mit einem schmunzelnden Auge sehe, wie man sich anschließend bemüht, genau diese Tatsache wieder zu verschleiern.