Märchen und Schicksalsgesetze

„Die Schicksalsgesetze im Märchen“ (Teil I Dornröschen)

Märchen werden heute als Unterhaltung für Kinder verstanden. In alten Zeiten, als etwa die Brüder Grimm sie sammelten, waren sie hauptsächliche Seelennahrung für Heranwachsende. Als im Volk verankerter Schatz an Symbolen und Mustern des Entwicklungsweges begleiteten sie Kinder nicht nur in den Schlaf, sondern auf den (Lebens-)Weg. Ob moderne Kids, die bei Fernsehen und Videos einschlafen, wirklich die bessere Einstimmung auf die Nacht bekommen, ist sehr zu bezweifeln. Wer sich vor dem Einschlafen mit dem archetypischen Muster des Entwicklungsweges beschäftigt und so ganz nebenbei und in kindgerechter Form die Lebens- oder Schicksalsgesetze mitbekommt, ist für die Nacht und ihre Ausflüge ins Traumreich der Seelen-Bilder-Welt bestens gerüstet und über viele Nächte und Gute-Nacht-Märchen auch fürs Leben. Das ist der Grund, warum wir sie in dem Buch „Krankheit als Sprache der Kinderseele“ als Seelennahrung noch vor gesunder typgerechter Vollwertkost empfehlen.

Wenn wir Kindern Märchen vorenthalten, müssten wir ihnen die Spielregeln des Lebens, die Schicksalsgesetze, in anderer Form beibringen. Wo auch das nicht geschieht, lassen wir sie – aus meiner Sicht – unverantwortlich unvorbereitet ins Leben stolpern. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der auch den meisten Erwachsenen die Lebensgesetze unbekannt bleiben und wo viele kläglich scheitern – leider auch jene, die nur Halbwissen erwarben etwa aus „The Secret“, das das Resonanzgesetzes als wichtigstes propagiert. Wer dieses zweitwichtigste Gesetz an erste Stelle stellt, schafft damit alle Voraussetzungen, im Gestrüpp von positivem Denken und Affirmationsakrobatik Schiffbruch zu erleiden. Halbwissen ist langfristig fast noch gefährlicher als keines. Wer das Leben meistern will, müsste das Polaritätsgesetz an 1. Stelle rücken und das Konzept des Schattens und der Entstehung des Bösen durchschauen.

Das Märchen vom Dornröschen mag das verdeutlichen. Es konfrontiert uns mit einer fast modernen Situation. Wie 6 Millionen junge Deutsche bekommt das Königspaar trotz starker Sehnsucht lange kein Kind. Als es dann doch klappt und eine kleine Prinzessin geboren wird, ist die Freude riesengroß. Allerdings gibt es bezüglich der Taufe ein scheinbar kleines Problem. Für 13 weise Frauen des Reiches hat es nur 12 Gedecke. Man stelle sich vor, am Königshof fehlt ein Gedeck! Tatsächlich muss mehr dahinter stecken.

Das Märchen beleuchtet offenbar den schwierigen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Die 13 Monde beschreiben das Jahr auf archetypisch weibliche Art, die 12 Sonnenmonate auf männliche. Am Königshof soll hier der symbolische Wechsel von der 13 zur 12 passieren. So lädt man nur 12 der weisen Frauen ein und schließt damit die 13. aus. Die 13 ist wegen ihrem symbolischen Bezug zum Weiblichen in modernen patriarchalen Zeiten als Unglückszahl verschrien Sie kommt etwa in US-amerikanischen Flugzeugen als Reihe nicht mehr vor und manche Wolkenkratzer haben keinen 13. Stock, weil dort niemand wohnen will.

Bei Königs ist die Taufe im Gang und 11 weise Frauen haben bereits ihre Segenswünsche ausgebracht, als unerwartet die nicht eingeladene 13. Fee hereinplatzt und den bekannten Fluch ausbringt: Die Königstocher solle sich an ihrem 16. Geburtstag an einer Spindel stechen und tot umfallen. Alle sind starr vor Schreck, und die 12. Fee kann den bösen Zauber nur noch in einen todähnlichen Schlaf umwandeln.

Guter Rat ist teuer. Der König als typischer Vertreter des funktional denkenden männlichen Pols kommt auf die scheinbar rettende Idee, alle Spindeln verbrennen zu lassen. Er hätte natürlich auch seinen Fehler überdenken können, denn die 13. Fee war ja nur durch ihren Ausschluss böse geworden. Dieser Aspekt des Weiblichen war sozusagen nicht mehr zugelassen an der Tafel des Bewusstseins und wurde durch die Verdrängung ins Unbewusste unberechen- und vor allem unbeherrschbar. Aber der König will nicht zurück, sondern versucht mit funktionalen Mitteln den Schicksalsspruch unmöglich zu machen. Mit solchen Methoden haben immer wieder Vertreter des männlichen Pols versucht, Schicksal auszuhebeln und Bücher und manchmal auch Menschen verbrannt. Funktioniert kann das nie, sondern lediglich kurzfristig die Nerven kurzsichtiger Machthaber beruhigen.

Auch im Märchen kommt es wie es muss. Eine vergessene Spindel wird von der Prinzessin gefunden, die so etwas gar nicht kennt und damit auch nicht umgehen kann, sich sticht und in den todähnlichen Schlaf fällt und mit ihr das ganze Reich. Hier wird deutlich, wie funktionale Maßnahmen langfristig genau das Gegenteil bewirken. Das Polaritätsgesetz hebelt das der Resonanz nach Belieben aus.

Dornenhecken überwuchern das Schloss, d.h. Mutter Natur holt sich ihr Recht mittels ihrer Pflanzen zurück. Erst viel später bringt ein junger mutiger Königssohn mit dem Kuss der Liebe, dem Zeichen der Versöhnung und Liebe zwischen den Geschlechtern und Polen, die Prinzessin zurück ins Leben.

Das Märchen macht hier deutlich, wie die Schicksalsgesetze wirken und wie etwa das Böse in die Welt kommt. Wir brauchen nur einen Teil der Wirklichkeit auszuschließen, aus dem Bewusstsein zu verbannen, schon wird er böse. Vorher war er das keineswegs.

Und es wird deutlich, dass alles zwei Seiten hat, Licht und Schatten, gut und böse. Die ursprüngliche Ganzheit der 13 Weisen Frauen, die noch alles enthielt, zerfällt auf dem Weg in die Polarität in die 12 guten und eine böse Fee. Das ist ein ähnlicher und damit mustergültiger Vorgang wie er dem Christentum passierte, als man den großen einen und allwissenden Gott, den alleinigen Schöpfer von Himmel und Erde, kastrierte und zum Lieben Gott machte. Danach fehlte ihm der böse Teil zur Ganzheit und der Teufel wurde als Gegenspieler notwendig.

Weiter verrät uns das Märchen vom Dornröschen, dass es langfristig keinen Sinn hat, sich auf dem Lebensweg funktionaler Tricks zu bedienen, um sich am Schicksal vorbeizumogeln. Das funktioniert nie.

Schließlich zeichnet sich auch die Lösung ab in der Aussöhnung und Anerkennung der ganzen Wirklichkeit. Alles Ausgegrenzte muss schlussendlich wieder integriert werden. Der junge Held muss sich dem weiblichen Unbewussten in Gestalt der Dornenhecken widmen und sich durch sie hindurch kämpfen mit dem Schwert der Ent-scheidung. Er muss es beziehungsweise sich ent-scheiden und die Versöhnung mit einem Symbol deut-lich machen. So können Weibliches, die Prinzessin, und Männliches, der Königssohn, wieder zusammenfinden. Oder mit den Worten C.G. Jungs: der Prinz findet seine Anima, seinen weiblichen Seelenanteil unter den Dornen des Unbewussten und vereint sich mit ihr. Die auseinandergerissenen Pole können wieder zusammenkommen und die Gesetze des Schicksals haben sich ein weiteres Mal durchgesetzt. Zum Schluss müssen sich alle den Spielregeln des Lebens fügen.

„Die Schicksalsgesetze im Märchen“ (Teil II – der Lebensweg)

Märchen beschreiben – jedes auf seine Art und mit seinen speziellen Nuancen – den archetypischen Weg, den die Seelen zu nehmen haben, und prägen das entsprechende Muster dem Bewusstsein ein. Sie geben so Orientierung und Sicherheit ohne pädagogisch belehrend zu wirken. Darüber hinaus und vielleicht noch wichtiger bringen sie die Grundthemen der Schicksalsgesetze ins Leben, etwa indem sie mit den Gegenpolen von Gut und Böse im Sinne des Polaritätsgesetzes vertraut machen und das Gesetz der Entsprechung beziehungsweise Resonanz in Geschichtenform vermitteln. So lehren sie schon früh die Spielregeln, nach denen diese Schöpfung funktioniert auf eine unverdächtige und von den allermeisten Kindern geschätzte Art und Weise. Heute wissen wir aus psychologischen Studien, dass weniges so schädlich für Kinder ist wie Orientierungslosigkeit und Verunsicherung. Nur wer die Spielregeln des Lebensspiels versteht, kann in diesem Spiel Erfolg haben. Wenn Erwachsene diesen Zugang über die Märchen versäumt haben, bleibt nur noch später „Die Schicksalsgesetze“ als Spielregeln fürs Leben direkt zu lernen, wenn man nicht durch die Methode von Versuch und Irrtum Zeit und Energie verlieren will.

Untersucht man Menschen, deren Suche zur Sucht und damit zur Flucht verkommen ist, findet man häufig, dass ihnen sowohl der Rahmen als auch die Wegweiser für ihren Lebensweg gefehlt haben. Entweder wurden sie so sehr verwöhnt, dass sie keine Frustrationstoleranz erwarben oder aber so vernachlässigt, dass sie alle Orientierung auf dem Weg entbehrten. Neben Wegweisern fehlte ihnen vor allem der Ausblick auf das Ziel des Lebens. So wäre es eine lohnenswerte Forschungsaufgabe, einmal nachzuprüfen, inwieweit Süchtige und in anderer Hinsicht auf dem Weg Gescheiterte in ihrer Kindheit auf Märchen verzichten mussten.

Betrachtet man das Urmuster des Weges, wie es in den Königs- und Zaubermärchen der Brüder Grimm dargestellt ist, stellt sich manches überraschend modern dar. Die oft tief zerrütteten Verhältnisse in den aller­meisten Familien der Märchenhelden erscheinen plötzlich als wichtige Absprungbasis, um aus dem Nest hinaus zu finden wie klassisch bei Hänsel und Gretel. Die schwierige Rolle der Eltern erscheint somit in neuem Licht. Unter diesem Aspekt des Polaritätsgesetzes können gerade die an den eigenen bürgerlichen Kriterien scheiternden Eltern zu jenen werden, die ihre Kinder wider Willen auf den Weg zu sich selbst bringen. Die Problematik des Erwachsenwerdens, die sich heute als tiefe Krise der modernen Gesellschaft herausstellt, existiert im Märchen kaum, denn die Helden müssen früh aus dem Zuhause und Bewährungsproben in der Welt suchen, wie klassisch im Märchen von dem, der auszog das fürchten zu lernen. Heute ist bei vielen Eltern, die selbst den Weg nicht finden und die Schicksalsgesetze nicht kennen, gar kein Verständnis für die Notwendigkeit vorhanden, Kinder früh in die Selbständigkeit zu entlassen. Das Ergebnis ist eine Kindergesellschaft, in der Kinder oft vergeblich versuchen Kinder zu erziehen und damit im wahrsten Sinne des Wortes nicht fertig werden bis zur Pubertät und oft nicht einmal bis zur Adoleszenz.

Die Sagen und Mythen der Völker bringen die daraus sich entwickelnden Probleme im Sinne der Tiefenpsychologie zum Ausdruck, wohingegen uns die Märchen eine Art Höhenpsychologie nahe bringen, wie Oskar Schlag diesen Gegenpol nannte. Im Märchenhelden, der in unserer patriarchalen Welt fast immer ein Königssohn oder jedenfalls junger Mann ist, wird jener Mensch deutlich, der mit sich im Einklang ist und die Tiefen der eigenen Seele und damit die Tiefenpsychologie überwunden hat. Weitgehend angstlos und heiter beschwingt folgt er seinem persönlichen Weg, der sich aber immer am archetypischen Entwicklungsweg orientiert. Seelenaspekte wie Sturheit und Verbissenheit, aber auch Rache oder Hass hat er hinter sich gelassen. Die Bestrafung der Bösewichte, die als Vertreter der Schattenwelt in keinem Märchen fehlen dürfen, überlässt er vertrauensvoll dem Schicksal der christlichen Anweisung „Die Rache ist des Herrn“ folgend. Auf der anderen Seite vertraut er einerseits seiner Intuition, andererseits den Helfern, die ihm das Schicksal immer zu rechten Zeit schickt. Versöhnt mit dem Schicksal und frei von Hader und Schuldprojektion, lässt er sich in voller Eigenverantwortung in den Strom des Lebens eintauchen.

Seine Entwurzelung durch die schwierige Familiensituation, die oft einer Vertreibung aus dem Nest der Kindheit gleicht, wird so zum Dünger des Weges. Sie führt in eine heilsame Isolation, da er meist in der angestammten Heimat von aller Hilfe und Unterstützung abgeschnitten wird. Aber anstatt ein Drama daraus zu machen, wie es heute üblich geworden ist, und sich dem Jammer und ständigen Schuldprojektionen auf Gott und die Welt zu ergeben, macht sich der klassische Märchenheld auf den Weg, an dessen Ende aus der Isolation Allverbundenheit wird. Er lässt sich von allen helfen und kennt keine Diskriminierung, nimmt jeden Hinweis dankbar und demütig an, vertraut auf sich und sein Schicksal und lässt sich bei jeder Gelegenheit helfen und so wird ihm geholfen, wann immer er Hilfe braucht.

So wird es ihm möglich, die Gefahren der Nachtmeer­fahrt der Seele, die vor ihm, wie vor jedem jungen Menschen liegt, zu bewältigen. Diese Schattenbegegnung mit dem Bösen und der Sieg darüber, findet sich in fast jedem Märchen. Der Held schafft sie und findet schließlich – als Belohnung – seine andere, „bessere Hälfte“ in Gestalt der Königs­toch­ter und wird ganz und heil. Am Ende seines Entwicklungsweges feiert er die chymische Hochzeit und verbindet sich mit seinem weiblichen Seelenanteil, seiner Anima in den Worten C.G. Jungs. Die Vermählung der beiden, ihr zusammen gemahlen werden, lässt sie eins und untrennbar werden.

So bringen Märchenbücher wie solche der Psychologie Beschreibungen der verschiedenen Entwicklungs­stufen der Psyche auf ein und demselben Weg. Da sie dabei immer die Schicksalsgesetze zugrunde legen und der Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten nie fehlt, aber auch das Ziel immer im Spirituellen liegt, ergibt sich hier eine im besten Sinne esoterische Psychologie. Märchen lehren – könnte man sagen – das Leben, seine Gesetze, den Weg und seine Stationen und das Ziel, die Einheit.

„Die Schicksalsgesetze im Märchen“

(Teil III – das archetypische Muster des Weges)

Vielleicht gehöre ich zur letzten Generation, die noch regelmäßig Märchen von der Oma oder Mutter vorgelesen bekam. Vielleicht ist das der tiefere Grund, dass ich sie später wiederentdeckt habe, als eine symbolische Ausdrucksform der Schicksalsgesetze und als Abbild des Lebensweges. Die Kenntnis der Lebensgesetze hat mir so aber auch wieder ungleich tieferen Zugang zu den Märchen ermöglicht und darüber hinaus Vertrauen und Verständnis in die Stufen des Lebensweges und der eigenen Entwicklung vermittelt.

Über meinen verstorbenen Freund Oskar Ruf hab ich Märchen als erwachsener Psychotherapeut wieder lieben gelernt und vieles an meinem eigenen Lebensweg durch sie besser verstehen können. In ihrem archetypischen Muster verdeutlichen viele der Grimms´schen Volks und Königs-Märchen die wesentlichen Stationen des Lebensweges. Sie konfrontieren uns auf dem Hintergrund dieses archetypischen Musters mit unseren eigenen Wurzeln. Der Weg mit seinen Übergängen und Stationen dürfte für alle Menschen im Wesentlichen der gleiche sein, aber jedes Volk hat offenbar seine eigenen Ausprägungen und Besonderheiten entwickelt. Wie es auch eine eigene Sprache hat, hat es auch eine eigene Symbolik, die in ihren Eigenheiten aber doch immer dem allgemeinen Muster folgt. Nirgendwo kommt das so deutlich wie in den Märchen und Mythen der Völker zum Ausdruck.

So sind die Märchen des eigenen Kulturraumes wichtig für die Entwicklung jeden Kindes und bereiten es auf den Lebensweg im jeweiligen angestammten Rahmen vor. Diese Form der Seelennahrung vermittelt der Seele Ordnung und prägt sie auf unverwechselbare Weise so wie die physische Nahrung den Körper prägt und ihm die Chance vermittelt, seine typische Form und Ausprägung zu bekommen.

Die wichtigsten drei Stationen sind der Absprung von Zuhause, der Kampf mit dem Schatten in Gestalt des Bösen und die dadurch möglich werdende Vereinigung mit der anderen Seelenhälfte. Der Märchenheld muss früh lernen, dass er ein Reisender ist und nur zu Gast auf Erden. Er darf sich nicht an Grund und Boden, an Heimat und Besitz klammern, sondern muss hinaus ins Leben ähnlich wie es das christliche Gleichnis vom Verlorenen Sohn darstellt. Anders als der Adel, der mit dem Wörtchen „von“ andeutet, dass er an eine Region gebunden ist, hat der Märchenheld sich von allem zu lösen. Deutlich wird das in einem Märchen wie dem Hans im Glück, der zu Beginn einen großen Goldklumpen im wahrsten Sinne des Wortes am Hals beziehungsweise über der Schulter hat. Aber er tauscht diesen äußeren Besitz ständig in innere Werte um, bis er zum Schluss statt äußeren nur noch innere Werte hat und sich glücklich nennen darf.

Losgelöst vom Irdischen, muss der Held dann das Böse in der Welt konfrontieren und ihm stand halten beziehungsweise es in sich überwinden. Diese Herausforderung, die – mit modernen Worten – auf die Überwindung des inneren Schweinehundes hinausläuft, ist das Kernstück, der Heldenkampf. Wenn er diesen gewonnen hat, ist er reif zur Vermählung mit der Prinzessin, die in der Regel der Siegespreis für den Heldenkampf ist. In anderen Worten handelt es sich dabei um die Anima, den weiblichen Seelenanteil, oder „die bessere Hälfte“ wie der Volksmund es ausdrückt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. Mit diesem (arche-)typischen Schluss drückt das Märchen aus, dass es sich hier eben nicht um eine beliebige Geschichte, sondern um ein Urmuster, einen Archetyp handelt, der zeitlos und damit ewig ist. Insofern sind Märchen natürlich noch immer genauso wichtig für die Seelen unserer Kinder wie zu allen Zeiten, denn sie bringen ihnen und uns die Schicksalsgesetze und das Grundmuster des Weges bei.

Märchen enthüllen so die Universalität des Musters „Lebensweg“ und die Schicksalsgesetze der Polarität und Resonanz. Sie präsentieren dieses letzte Wissen einerseits in genial einfacher Form in einer so eingängigen Weise, dass es sogar für Kinderseelen zugänglich und aufnehmbar wird. Andererseits verbergen sie es aber auch mitten im Zentrum der Öffentlichkeit vor dieser. Sie halten die höchste Lehre hermetisch geheim ähnlich wie der Entwicklungsweg des Tarot auf den Spielkarten immer präsent und doch in seiner letzten Tiefe verborgen bleibt.

Auch Erwachsene können an Märchen noch lernen, wobei sie dann besser mit einem Konzept daran gehen und sich klar machen, dass es – wie ja auch bei guten Filmen – nicht etwa darum geht, sich nur mit der Hauptperson zu identifizieren, sondern auch im Bösewicht eigene Schattenanteile zu erkennen. An den Helfern im Märchen könnten wir lernen, dass uns alle Wesen auf dem Weg unterstützen können und die Brüder und Schwestern des Helden zeigen, dass sich Dünkel und Arroganz schlussendlich immer rächen. Insgesamt können Märchen auch Erwachsenen helfen, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen und das archetypische Ziel des Lebens wieder zu finden.

Im Kampf zwischen Licht und Schatten wird das Polaritätsgesetz verständlich und an den Helfern des Helden zeigt sich das Resonanzgesetz, denn mit seinem reinen Herzen zieht der Held im Wesentlichen hilfreiche Kräfte an, die ihm helfen, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben und seine große Aufgabe zu erfüllen.

Wo die alten klassischen Märchen in Vergessenheit geraten, entstehen in der Regel neue wie etwa die Starwars-Quadrologie, aber nur wenn sie die archetypischen Stationen des Entwicklungsweges integrieren, können sie dauerhaften Erfolg haben.

Glücklich wer dieses Muster und die Spielregeln des Lebens mit der Muttermilch aufgenommen hat. Wem das nicht mehr vergönnt war, dem bleibt immer

noch ein Buch wie „Die Schicksalsgesetze“, das sie bild- und symbolreicher weise lehrt. Selbst für diejenigen, die mit Märchen aufgewachsen sind, ist es hilfreich, nicht erst im Alter auf diese Grundthemen zurückzukommen, sondern schon in früheren Entwicklungsabschnitten des Lebens in Einklang mit dem Weg und seinen Regeln, den Gesetzen des Schicksals, vertraut zu werden, um sich so Ängste und Misserfolge zu ersparen und früher mit dem Ziel, der Einheit, vertraut zu werden.