Lesen, Sehen, Hören und die Medienwelt

Wir sehen und hören die Welt – darüber zu lesen ist schon Erfahrung aus zweiter Hand, gleichsam Legende, das zu Lesende. Aber sehen und hören wir die Welt heute überhaupt noch original und aus erster Hand? Alexander von Humbold, der Weltreisende, sagte noch unbestritten, die schlimmste Weltanschauung sei die von Leuten, die die Welt nicht angeschaut hätten. Tatsächlich bildet Reisen wie wenig anderes, sorgt es doch für neue Bilder im Bilderalbum der Seele. Reisen schulen Hören und Sehen, denn sie machen uns wach für Neues.

Gerade zurückgekehrt von einer Ärzte-Kreuzfahrt ins Heilige Land ist mir das wieder sehr klar und deutlich geworden. Ein Film oder Buch hätte niemals die Erfahrung vermitteln können, im See Genezareth oder im Toten Meer zu schwimmen, aber beide hätten auch nicht annähernd das Gefühl von den beiden Mauern im Heiligen Land vermittelt und nicht einmal ansatzweise von der Mauer in den Köpfen der dortigen Menschen. Denn wir erleben Welt ja immer nur auf dem Hintergrund unserer bereits angesammelten inneren Bilderwelt und können alles immer nur mit unseren Vorerfahrungen vergleichen.

Ausnahmslos aus dem deutsch-sprachigen Raum kommend, standen wir ziemlich fassungslos vor der Klagemauer, die den Juden das Heiligste in ihrem Heiligen Land ist, das so schwer mit dem Schatten ringt. Im Klagen vor der heiligen Mauer und vor Jahwe, dem strengen Gott des alten Testamentes, finden orthodoxe Juden offenbar eine Art Erfüllung ihrer Religion, ihrer Sehnsucht nach Beziehung und Rückverbindung zu Gott. Diese Mauer gibt ihnen Hoffnung und die Sicherheit am rechten Ort zu sein. Die andere Mauer, die sie gegen die Terrorakte radikaler Palästinenser quer durch ihr ohnehin schmales Land gebaut haben, gibt ihnen ebenfalls ein Gefühl von Sicherheit, hat sie doch die Überfälle und Selbstmordattentate von Seiten der Palästinenser deutlich vermindert. So schauen sie auf das vier Meter hohe und endlos lange Gebilde aus Stahlbeton und Überwachungstechnik mit einer gewissen Dankbarkeit. Auch der eiserne Zaun, der die Mauer dort ersetzt, wo sie noch unfertig ist, erscheint ihn als Bollwerk gegen das Böse und als Schutzwall, der Sicherheit schafft.

Deutsche mit so ganz anderen Mauer-Erfahrungen und schrecklicher Erinnerung an eiserne Vorhänge sehen dagegen am selben Ort ein Monstrum. In angewiderter Stimmung verbünden sie sich gern mit ähnlich empfindenden Palästinensern. Es braucht etwas Zeit, sich die Situation klar zu machen. Die Erbauer der Mauern suchen in der Regel Schutz dahinter, die anderen empfinden sich als Aus- beziehungsweise Eingeschlossene und Opfer. Das war auch schon mit der Mauer in Deutschland so und ist es noch immer mit dem weiter bestehenden eisernen Vorhang zwischen den USA und Mexico.

Abbilder solch äußerer Mauern finden sich in den Köpfen der Menschen, die von ihnen auch äußerlich getrennt werden. Diese sind weniger heilig, sondern verhindern konsequent das Heil. Solange wir solche Mauern errichten, wird sich drinnen und draußen kein Frieden entwickeln können. Das kann man nur direkt vor Ort sehen und hören, wenn man in die Augen schaut und auf die Zwischentöne horcht. Dem steht die christliche Aufforderung „Liebet eure Feinde“ mit bezaubernder Würde, aber auch hilflos gegenüber. Jeder sieht und hört die Welt nur auf der Basis seiner eigenen inneren Bilder und Muster, seiner Vorerfahrungen, gemischt noch mit den Ahnungen und inneren Bildern seiner Ahnen und deren Mythen.

Mir wurde das wieder besonders am Gegenpol deutlich, jenen wenigen Menschen, die die Mauer im eigenen Kopf eingerissen haben und die letzten Hoffnungsträger in solch zerrissenen Ländern darstellen; jenen Ärzten etwa, die ich traf, um ein weiteres Mal den von Hamer propagierten Mythos der angeblich ganz anderen israelischen Krebsmedizin nachzugehen. Und ich fand zum wiederholten Male das genaue Gegenteil, etwa in dem Chefarzt der Kinderonkologie von Tel Aviv. Bis zur Unabhängigkeit hatte man hier israelische Kinder der Gegend und die Palästinenserkinder aus dem Gazastreifen behandelt. Als der Gazastreifen selbständig wurde, waren diese Kinder plötzlich ohne entsprechende Versorgung. Aber weil die Ärzte dieses größten Spitals Tel Avivs die Mauern im Kopf schon abgebaut haben, behandelten sie die kleinen Leukämie-Patienten aus Gaza einfach gratis weiter. Und sie tun es genau wie alle Onkologen der westlichen Welt mit den inzwischen in 80 % erfolgreichen Methoden der Schulmedizin und setzen auf Chemotherapie, Bestrahlung und Knochenmarkstransplantation. Es gibt sie offensichtlich nicht, die spezielle israelische Krebsmedizin, wie meine Nachforschungen ergeben. Die besseren Erfolge der israelischen Krebsmedizin könnten darin begründet sein, dass die Menschen – Palästinenser wie Juden – in diesem sonnenheißen Land viel besser mit Vitamin D versorgt sind. Keine Not(wendigkeit) also, eine neue Mauer aufzubauen, sondern Anregung eher selbst zu denken.

Die Reise hat uns beschenkt und besonders alle diejenigen, die bereit waren, mit eigenen Augen zu sehen und zu hören. Sie konnten bald beide Seiten verstehen. Die verschiedenen so unterschiedlich gesehenen Mauern lassen sich bis zu ihren Wurzeln verfolgen, ohne neue aufzubauen, im Gegenteil mit der Anregung, eigene innere abzubauen. Und wer so schauen und horchen gelernt hat, konnte auch darauf verzichten, wohlfeile Ratschläge an andere zu verteilen bezüglich der Mauern.

Was immer ich über die israelische Krebsmedizin aus den Mündern von Hamers Anhängern gehört habe, hat also gar nichts zu tun, mit der Wirklichkeit, die ich vor Ort gesehen und gehört habe, was mich wiederum darin bestärkt, selbst zu schauen und zu verstehen. Und genau das kann ich auch weiterempfehlen.

Wir haben durch die moderne Medienwelt mehr Information denn je und auch viel mehr als wir je verarbeiten können. Jeder kann – ziemlich unkontrolliert – alles behaupten und viele tun es auch. Wir müssen es machen wie unser Gehirn, das den Großteil der Informationsflut ausblendet, die die Sinnesorgane anliefern. Die Frage ist nur was wir hereinlassen und was ausblenden. Unser Gehirn macht das auf der Grundlage seiner Vorerfahrungen, die uns oft gar nicht mehr bewusst sind.

Insofern scheint es mir wichtig, sich klar zu machen, was uns geprägt hat und wie das Bilderalbum der eigenen Seele aussieht. Die Reisen in die eigene Bilderwelt sind mir deshalb schon lange mindestens so wichtig wie die in die äußere Welt. Insofern verbinde ich äußere Reisen auch besonders gern mit Ausflügen in die inneren Seelen-Bilder-Welten. Wenn sich im Außen zeigt und mit dem Inneren verbindet, kann bleibende Eindrücke hinterlassen. Und tatsächlich prägt, was ich schon in mir habe, entscheidend was sich noch hereinlasse. Hier kann ich recht bewusst Einfluss nehmen. Damit uns etwas bleibt von äußeren Bildern und gehörten Musik-Kunstwerken, aber auch von gelesenen Texten, muss sich also innerlich in uns etwas damit verbinden.

Dazu ist es notwendig die beiden Komponenten des Sehens und Hörens mit einzubeziehen. Da ist das Sehen, das Informationen liefert, da ist aber immer auch die Schau, die tiefere Bezüge vermittelt. Das ist der Unterschied zwischen einem Ausblick und einer Vision. Letztere kann offensichtlich viel weiter gehen und tragen, verbindet sie doch Bilder mit der Seele und verankert sie so ungleich tiefer in uns. Ähnlich beim Hören, wo es zuerst wieder um Information geht, wo aber auch das Horchen hinzukommen und die Seele mit ins Spiel bringen kann. Auch Lesen kann zu innerem Miterleben führen und hat damit dieselbe Chance der Tiefe.

Die moderne Medienwelt läuft Gefahr, mit der Fülle der Information das Schauen und Horchen mit den inneren Augen und Ohren zu blockieren, weil wir uns in Bergen von Material verlieren und dabei das Wesentliche aus den Augen und Ohren verlieren. Insofern gilt auch hier, weniger ist mehr. Wir müssten also dafür Sorge tragen, vieles bewusst wegzulassen, um für Weniges und Wesentliches noch Offenheit und Raum zu behalten. Weniges, das uns mit unserer Seelentiefe verbindet, ist ungleich mehr als vieles, was uns gebildet erscheinen lässt.

Wo Sehen zu Kontemplation wird und Hören uns tiefer in unsere Seelenwelt eintauchen lässt, wo Lesen uns mit unserem Selbst verbindet, wie ich es manchmal in Texten von Eckart Tolle und oft in denen von Hermann Hesse erlebt habe oder in Gedichten von Rilke, können wir im Augenblick des Hier und Jetzt aufgehen und tiefsten Sinn finden.

Das wäre nebenbei auch die einfachste, wirkungsvollste und schönste Vorbeugung bezüglich Seeleninfarkten, die uns wie eine große Tsunamiwelle zu überrollen drohen. Vor lauter Information vergeht immer mehr Menschen wirklich Hören und Sehen und lässt sie in Sinn- und Hoffnungslosigkeit versinken. Die Lösung läge im Ankommen im Augenblick des Hier und Jetzt, in dem aller Sinn unseres Lebens liegt.