Lebens-Mitte oder Lebens-Krise?

Das Leben konfrontiert uns ständig mit Übergängen. Das fängt schon mit der Geburt an, bei der wir uns vom „Schlaraffenland“ verabschieden müssen und aufbrechen in eine neue Welt, in der „Milch und Honig“ nicht mehr so selbstverständlich fließen. Ab diesem Zeitpunkt ist unsere einzige Sicherheit die Gewissheit, dass sich alles unaufhörlich verändert und entwickelt. Begegnen wir diesem „Lebensfluss“ mit Widerstand, dann entsteht Leid, und längerfristig erwachsen daraus Probleme, die in den Praxen der Ärzte landen.

Unsere Gesellschaft hat den kollektiven Wahn entwickelt, dass es uns möglich sein müsste, Entwicklungen zu gängeln oder einfach anzuhalten, wie es uns passt. Wirtschaftswissenschaftler machen sich schon seit Jahrzehnten lächerlich bei ihrem chronisch erfolglosen Versuch, das Rad der Entwicklung auf dem Punkt der Hochkonjunktur festzunageln. Aber auch Politiker wetteifern in ähnlich sinnlosem Bemühen… und nicht zuletzt auch die Mediziner.

In dieser ausgesprochen entwicklungsfeindlichen Manier wünschen wir uns bei fast jedem Abschied, vor wichtigen Ereignissen oder vor großen Reisen: „Hoffentlich passiert nichts!“. Würde das Leben tatsächlich nach diesem Modell funktionieren, hätte es so etwas wie Evolution niemals geben können. Aber zum Glück WIRD immer wieder etwas passieren! Und nur wenn wir großes Pech haben, können wir uns mit unserer Verweigerungsstrategie für eine Weile dem Fluss der Entwicklung entziehen – um danach allerdings umso intensiver mit entsprechender Entwicklung „büßen“ zu müssen.

Panta rhei – Alles fließt

… betonte schon Heraklit – und er meinte damit, dass letztendlich nichts bleiben kann wie es ist. Wir haben es hier mit einem Grundgesetz menschlicher Entwicklung zu tun, dessen Nichtbeachtung enorme Probleme schafft. Und bei keinem anderen Lebensübergang geraten wir so kollektiv in entwicklungsfeindliches Fahrwasser, wie bei der Lebensmitte. Unter dem Schreckgespenst der Osteoporose bekamen die Wechseljahre ein geradezu grauenhaftes Image verpasst. In jener Zeit, welche Bilanz für ein halbes Leben fordert und folglich überreich mit Krankheitsbildern „gesegnet“ sein kann, ist die Knochenentkalkung nur eines unter vielen Symptomen – aber doch jenes, das den Vorwand lieferte zum allgemein verbindlichen hormonellen Rundumschlag. Zwei Jahrzehnte lang galt es als ärztlicher Kunstfehler, eine Frau nicht mittels „rechtzeitiger“ Hormongaben am Wechseln zu hindern. Ein typischer Denkfehler im herrschenden Medizinsystem, der letztendlich vielen Frauen Brustkrebserkrankungen einbrachte.

Die Wechseljahre

… liegen in der Lebensmitte, und damit am Umkehrpunkt schlechthin. Hier muss sich die ganze Bewegungsrichtung im Lebensmandala umdrehen. Es ist jene Zeit, auf die sich der Christus-Satz bezieht: „So ihr nicht umkehret und wieder werdet wie die Kinder, könnt ihr das Himmelreich Gottes nicht erlangen“. Dieser Richtungswechsel in der Entwicklung gilt natürlich für beide Geschlechter. Bei Männern wird er im Allgemeinen heruntergespielt und unterschätzt, aber natürlich haben auch sie in ihrer Lebensmitte Bilanzzeit und damit die Möglichkeit zu einer Fülle von Symptomen – die reichen vom Anschwellen der Vorsteherdrüsen und den daraus resultierenden Problemen beim Wasserlassen bis zu Depressionen. Durch den Mangel an speziellen Männerärzten werden Männer allerdings kaum mit Hormongaben und erhöhter Operationsbereitschaft konfrontiert.

In der Umkehrzeit der Lebensmitte werden uns die offenen Rechnungen eines halben Lebens präsentiert. Das kann uns enorm fordern und manchmal auch den Körper in seinen Reaktionsmöglichkeiten überfordern. Wie alle Probleme können allerdings auch diese große Chancen eröffnen. Wir sind am Klimax, am Höhepunkt des Lebens angekommen. Das eigentliche Thema dieser langen Zeit (es handelt sich um Wechsel-JAHRE, nicht etwa um -monate oder -wochen!) ist die die Vorbereitung auf die zweite Lebenshälfte, welche die Umkehrbereitschaft im Lebensmandala voraussetzt.

(hier könnte man ganz gut ein schwarz-weißes oder auch farbiges Mandala aus „Mandalas der Welt“ (Hugendubel) einfügen)

Den Heimweg im Lebenskreis des Mandalas kann man mit dem Abstieg nach einer Bergtour vergleichen. Wie der erfahrene Kletterer zieht der Körper mit Erreichen des Gipfels Bilanz und legt alles ab, was er nicht mehr unbedingt braucht, um sich den Abstieg zu erleichtern. Auch im Lebensplan gilt es nun, den anstehenden Rückweg zu überdenken, etwa im Hinblick auf äußere Aktivitäten kürzer zu treten oder von (über)fordernden Posten und Positionen Abstand zu nehmen.

Ballast abwerfen

… lautet also die vorrangige Aufgabe der Wechseljahre – in übertragenem Sinn, wie auch bezogen auf jene Aufforderung von Christus, wieder zu „werden wie die Kinder“. Wird diese Lebensaufgabe ignoriert, führt das meist zu beeindruckend deutlichen körperlichen Konsequenzen. Denn wie immer springt auch hier der Körper ein, wenn die Seele ihre Aufgabe verkennt oder verweigert. Er wird anfangen, jenen Ballast abzuwerfen, den die Betroffenen auf anderen Ebenen nicht loswerden (wollen). Und der einfachste Weg Ballast loszuwerden, ist die Entkalkung der Knochen. So erleichtert sich der Organismus das Leben bzw. den Rückweg – wobei (wie bei all diesen körperlichen Lösungsversuchen) zwar der gute Wille symbolisch deutlich wird, die Nachteile aber überwiegen.

Vergleichen wir unser Leben mit dem Bau eines Hauses, entspräche die Lebensmitte dem Richtfest. Beim Hausbau allerdings erkennt jeder, dass der zweite Abschnitt mit dem ganzen Innenausbau mindestens genauso wichtig ist, wie der Aufbau der äußeren Form. Im Leben ist das ebenso. Folglich hat der Körper Recht mit seinem Versuch, Ballast abzuwerfen, um es sich für den Heimweg leichter zu machen. Jene Frauenärzte aber, die den Organismus mittels Hormongaben täuschten und ihm signalisierten, dass die Zeit zum Wechseln noch in weiter Ferne liegt, setzten falsche Signale. Hier handelt es sich schlicht und einfach um Betrug – in erster Instanz am Körper und in zweiter Instanz am Leben der betroffenen Frauen.

Diagnose Knochenentkalkung

… – eine logische Konsequenz, um diesem „Kalkmangel“ zu begegnen, wäre ja, Calcium zu verschreiben. Dieser Versuch würde aber kaum Resultate erzielen, da der Organismus der Idee des Ballast-Abwerfens viel mehr Wichtigkeit beimisst, als dem eigenen Bedürfnis nach Stabilität seines Knochengerüstes. Statt den verabreichten Kalk in die Knochen einzubauen, scheidet er ihn wieder aus, um auch diese Beschwernis loszuwerden. Der Körper springt wie ein treuer Ritter für die Seele ein und erledigt ihre Aufgaben stellvertretend. Als bedingungslos ergebener Erfüllungsgehilfe der Seele stellt unser Körper seine eigenen Interessen bereitwillig hintan, um sich zur Bühne für die anstehenden notwendigen Themen zu machen.

An diesem Punkt wird deutlich, wie diametral moderne Mediziner (in sicherlich bester Absicht) über lange Jahre dem zeitlosen Lebensrhythmus zuwider handelten. Sie zwangen den Körper durch Hormongaben vor der Lebensmitte zum Halt – ergo hätte die Seele den notwendigen Weg allein bewältigen müssen. Unbewusst brachten sie so jene Frauen, die ihnen Glauben schenkten, um das halbe Leben. Heute wissen wir, dass diese Redewendung noch eine ganz andere, unglaublich schreckliche Dimension hat, wenn wir an all die Brustkrebsfälle denken, die durch solche Irrtümer in Gang gesetzt wurden.

Die Hormongaben

… brachten natürlich für alle Beteiligten eine Menge Vorteile:

Die Frauen ersparten sich die Mehrzahl ihrer Bilanzsymptome, wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche oder Blasenprobleme, weil sie die Mitte gar nicht erst erreichten und folglich auch keine Bilanzarbeit drohte. Sie bekamen allerdings auch nicht mit, wie die Dinge in ihrem Leben stehen… was ja der einzige Sinn einer Bilanz wäre.

Die Ehemänner waren auch froh, ihre Frauen weiterhin im Einflussbereich des Östrogen zu wissen. Die weiblichen Hormonzugaben verhinderten, dass Frauen ab der Lebensmitte mit der Verwirklichung ihres männlichen Seelenanteils (des Animus im Sinne C.G. Jungs) ernst machten. Normalerweise schwindet nämlich im Wechsel der Einfluss des Östrogen zu Gunsten des männlichen Hormons Progesteron – somit kümmert sich Frau ab dann natürlicherweise mehr um ihren männlichen Seelenanteil. Falls sich der Ehemann nun nicht entsprechend um die Entwicklung seines weiblichen Pols (Anima) kümmert, kann es zu Kämpfen um die Führungsrolle kommen.

Auch viele Frauenärzte verschrieben die „Wechselhormone“ gerne, denn das bedeutete eine Menge zusätzlicher Arbeit zu einer Zeit, wo diese eher knapp und die Konkurrenz größer wurde. Und die Pharmaindustrie reagierte auch mit bewährter Entschlossenheit – zuerst wurde der riesige Markt erschlossen, um ihn dann ausgiebig und höchst gewinnbringend zu bedienen.

Aber lange war schon klar und in Büchern wie „Lebenskrisen als Entwicklungschancen“ oder „Frauen-Heil-Kunde“ seit deren Erscheinen – also viele Jahre vor der Aufdeckung der durch die Hormongaben eklatanten Krebsgefährdung – deutlich, dass das nicht gut gehen konnte. Dass allerdings die Krebszahlen so dramatisch durch die Hormongaben in die Höhe schnellen würden, hatte auch ich nicht befürchtet. Inzwischen traut sich kaum noch jemand den Hormonwahnsinn fortzusetzen.

Aber natürlich sind die Ausweichmanöver in Richtung naturheilkundliche Auswege wieder nur Täuschungsversuche, die hoffentlich weniger furchtbare Nebenwirkungen heraufbeschwören werden, aber doch keine Lösungen darstellen. Die lägen in der Akzeptanz dieses Umkehrpunktes im weiblichen Leben.

Die Betonung des weiblichen Pols

… ist natürlich etwas, das wir ohnehin dringend bräuchten – allerdings nicht in dieser materiellen Form. Mit jenen Hormonmengen, die sich bereits in unsere Umwelt ergossen haben, wurde ein ökologisches Problem geschaffen, das einer sanften Ausrottung gleichkommt: Während der letzten 40 Jahre hat sich die Zahl der männlichen Spermien in den Industrieländern auf die Hälfte reduziert, und in den USA sind bereits heute an die 50 % der jungen Männer zeugungsunfähig… Tendenz steigend. Männliche Wesen reagieren auf weibliches Hormon sehr empfindlich, und die momentan in unserer Umwelt angebotenen Mengen beleidigen sie in ihrer Männlichkeit erheblich.

Schon allein diese „zerstörerische Umweltsituation“ macht also die Lösung aller Wechselprobleme mittels Hormonpillen zu einem zeitlich überschaubaren Irrweg. Auf Grund der nun endlich auch von der Schulmedizin zugegebenen Brustkrebsgefahren müssen wir aber sowieso schon längst nach anderen Wegen suchen, um mit dem Dilemma der Lebensmitte fertig zu werden.

Die Gefahr liegt nun darin, einfach nach anderen Medikamenten zu suchen, welche die Wechselsymptome unterdrücken. Soja, Agnus castus oder Cimicifuga dürften zwar weniger Nebenwirkungen haben – eine wirkliche Lösung können sie aber dennoch nicht darstellen, weil ja die zu Grunde liegenden Probleme bewältigt werden müssten. Da die auf der Heimreise des Lebensweges anstehenden Aufgaben vor allem im innerseelischen Bereich liegen, bräuchte die betroffene Frau (wie auch der Mann) nicht mehr so stabile feste Knochen wie für den Hinweg. Unser Problem entsteht aus der zunehmenden Tendenz, natürliche Gegebenheiten des Lebens zu ignorieren und den eigenen, vom Zeitgeist bestimmten Willen über vorgefundene Gesetzmäßigkeiten zu stellen. Ungleich sinnvoller wäre es, die Kurve (im Leben) rechtzeitig zu bekommen und sich den Notwendigkeiten des Weges bewusst zu stellen.

Es ist ein natürlicher Vorgang

…, wenn sich ein gesunder solider Knochenbau in der Lebensmitte etwas erleichtert und filigraner wird. Das bedarf keiner Therapie. Werfen wir im übertragenen Sinn den überflüssig gewordenen Ballast rechtzeitig ab, braucht der Körper mit seinem Knochengerüst nicht für uns einzuspringen und bleibt uns bis ins hohe Alter eine verlässliche innere Stütze. Dann brauchen wir auch keine zusätzlichen Hormongaben und müssen unser Leben nicht auf die erste Hälfte des Weges beschränken. Kurz gesagt: Wir hätten mehr vom Leben – genau genommen das Doppelte – wenn wir sein Muster, wie es sich im Mandala ausdrückt, akzeptieren könnten. Aber zunehmend mehr Menschen haben für dieses Lebensmuster kaum Verständnis, weil sie längst den Sinn des Lebens aus den Augen verloren haben und gar keinem Ziel mehr folgen.

Die Industriegesellschaften

…des Westens betrachten die Lebensmitte als etwas Abstoßendes und durchwegs Negatives. Das ist eine gefährliche Fehleinschätzung, die uns dem Höhepunkt des Lebens gegenüber hilflos macht. In sogenannten primitiven Gesellschaften ist diese Einstellung völlig unbekannt. Einem Mädchen aus einer archaischen Kultur signalisiert der Einbruch der Periode in ihr Leben den Beginn des Frauseins, die Unterbrechung der Periode im Rahmen der Schwangerschaft macht sie zur Mutter und deren endgültiges Ausbleiben in der Lebensmitte zur „großen Mutter“. Hier wird der Höhepunkt des Lebens positiv herausgehoben, und Frauen in entsprechenden Gesellschaften ersehnen diesen (Fort)Schritt von der kleinen zur großen Mutter.

Unser Wort Groß-mutter erinnert noch an die hier liegenden Chancen, ohne sie aber auch nur im Ansatz zu realisieren. Vielmehr häufen sich bei uns in der Lebensmitte die Depressionen dramatisch. Sie sind einerseits Ausdruck von Sinnlosigkeitsgefühlen, andererseits aber auch von einer mangelnden Auseinandersetzung mit dem Tod. Tatsächlich haben wir aber gar nicht die Wahl, ob wir uns mit dem Tod beschäftigen, sondern nur auf welcher Ebene. Statt in religiöser oder philosophischer Hinsicht die eigene Sterblichkeit bewusst zu konfrontieren, beschäftigen sich immer mehr Menschen mit Selbstmordgedanken. Strick oder Kugel, Gift oder Gas ist die deprimierende Wahl moderner Menschen. Dabei gäbe es auch für Depressionen so viel anspruchsvollere und sogar erfüllende Wege aus der dunklen Nacht der Seele wie ich sie in meinem gleichnamigen Buch aufzeige. Man muss sie nur gehen.