Kunst und Kultur

Kunst kommt von Können und nicht von wollen, sonst würde es „wunst“ heißen, statt Kunst. Soweit weiß schon der Volksmund Bescheid. Kunst und Kultur sind eine Weiterentwicklung, die sich erst ergeben kann, wenn die Menschen längere Zeit mit der sie umgebenden Natur gut fertig geworden sind. Solange sie um ihr Überleben zu kämpfen haben, sind sie noch nicht offen für Kultur und so kann sich auch noch keine Kunst entwickeln. Solange der Krieger noch Krieg führt und der Jäger mit Jagd

beschäftigt und überfordert ist, wird er seinen Speer nicht verzieren. Das kann erst geschehen, wenn er genügend Zeit und Muße hat. Dann mag ihm der Gedanke kommen, nicht nur den funktional besten, sondern auch den optisch schönsten Speer haben zu wollen und möglicherweise fängt er an, am Lagerfeuer in den Stunden der Muße ihn mit ihm wichtigen Symbolen zu verzieren. Oder er glaubt, bestimmte in den Schaft eingravierte Symbole könnten sein Kriegs- oder Jagdglück fördern.

Was für die Geschichte der Menschheit Gültigkeit hat, wird in Modernen Zeiten noch an Auswanderern deutlich. Wer die Deutschen in Namibia kennen lernt, wird entdecken, dass erst jetzt nach drei bis vier Generationen überhaupt Zeit und Geld da ist, um ein Museum zu gründen, das sich mit den Bodenschätzen des Landes, den Edelsteinen und Kristallen, auseinandersetzt.

Kultur setzt also ein erfolgreiches Bewältigen der Natur voraus. Erst auf dieser Grundlage kann sich Kunst entwickeln. Naturwissenschaft beschäftigt sich, wie der Name schon so ehrlich sagt, mit der Basis, der Natur. Kunst dagegen mit einer viel weiter entwickelten Ebene. Mir sagte einmal ein Homöopathie-Lehrer, dass wir uns in der Homöopathie mit Heil-Kunst beschäftigen, was weit über der naturwissenschaftlichen Schulmedizin rangiere. Dieses Selbstbewusstsein würde auch den heutigen Homöopathen sicher gut tun. Tatsächlich muss man das relativ einfache Wissensgebäude der Schulmedizin als Basis beherrschen und darauf aufbauen, wenn man es mit der Heil-Kunst weit bringen will. In Paracelsus, einem der größten Ärzte, leben diese beiden Aspekte. Er gilt der Schulmedizin als einer ihrer Begründer, was von diesem Blickwinkel durchaus stimmt, hat er doch die genaue rationale Beobachtung und erste Aspekte einer auf Chemie aufbauenden Pharmakologie begründet. Sein Ziel aber war immer aus der Heil-Kunde eine Heil-Kunst zu entwickeln, die die Urprinzipien kannte und die Alchemie, als spirituelle Weiterentwicklung der Chemie zum Gipfel der Medizin erklärte. So kannte er auch schon den Grundsatz der Homöopathie: similia similibus curentur – Ähnliches möge Ähnliches heilen. Samuel Hahnemann blieb es vorbehalten, den entscheidenden Schritt zu machen, indem er die Arzneistoffe potenzierte und sie damit von ihrer materiellen Körperlichkeit befreite.

Die Kunst des Heilens ist also auf einem ungleich höheren Niveau angesiedelt als die Schulmedizin, aber natürlich auch – nomen est omen – als die Naturheilkunde.

In der alternativen Medizin wird oft das Thema Natur zum Maßstab aller Dinge. Dabei ginge die Heilkunst so viel weiter. An diesem Punkt können sich auch viele Missverständnisse klären. All die Übungen auf dem spirituellen Weg gehen weit über die Natur und die Naturheilkunde hinaus. Auch auf diesem anspruchsvollsten aller Wege gilt: die Natur ist die Basis, das Fundament, aber das eigentliche kommt erst auf höheren Entwicklungsebenen der Kultur.

Manchmal wird der Unterschied zwischen Natur und Kultur konkret sehr deutlich. Knoblauch etwa gilt als ausgesprochen gesund in der Naturheilkunde, weil er die Durchblutung fördert und so manches mehr. Außer Hildegard von Bingen, die ihn zusammen mit allen Lauchgewächsen von den Speisezetteln verbannt, wird überall sein hohes Lied gesungen. Trotzdem verbieten ihn die allermeisten Gurus und spirituellen Lehrer. Diese scheinbar Diskrepanz löst sich auf dem Hintergrund von Natur und Kultur auf. Was natürlich und gesund ist, also dem Körper sehr zu gute kommt, muss noch nicht dem Entwicklungsweg dienlich sein. Auch wenn er die Durchblutung fördert, überlagert Knoblauch doch die Eigenschwingungen aller Zellen, weshalb man auch aus allen Poren stinkt, wenn man ihn im großen Stil genießt. Auf dem spirituellen Weg ist aber das Ziel, die Eigenschwingung immer deutlicher heraus zu bringen. Deshalb ist er auf dem Weg, den natürlich auch Hildegard im Auge hat, verboten, aber in der Naturheilkunde von großem Wert. Wenn wir auf dem Entwicklungsweg erkennen, dass es primär um Kultur geht und wir die Natur überwinden und hinter uns lassen sollten, ist schon viel gewonnen. Das spricht natürlich gar nicht gegen die Natur an sich, die immer in Ordnung und Grundlage bleiben muss. Die Stationen des Tarotweges können hier zusätzliches Licht auf die Notwendigkeiten des Entwicklungsweges werfen. Von den 22 Stationen, den großen Arkana, ist die vierte, also noch nicht einmal eine sehr fortgeschrittene Station, sondern eine des Anfangs, der Kaiser oder Emperor. Er sitzt auf einem Würfel als Ausdruck der Materie, die er besitzt. Damit markiert er eine äußerst wichtige Station des Weges, auf dem es gilt, Herr über die Materie und die Natur des eigenen Körpers zu werden. Für die höheren Stufen ist es unabdingbar, dass man die Materie besitzt und nicht mehr besessen von ihr ist. Das gilt für alle Aspekte der Materie, also nicht nur für Geld, sondern auch für den Körper. Wenn das Bewusstsein sagt „sitz!“ hat der Körper ohne Mucksen zu sitzen und die Position zu halten, wie es eine Fülle von spirituellen Übungen erfordern. Der Körper ist hier eindeutig Basis, Grundlage und Heim der Seele und des Bewusstseins, aber er hat hinter beiden zurückzustehen und ihnen zu dienen. Es erfordert einiges Üben, ihn darauf zu eichen, dass er wirklich still zu werden lernt, um der Seele ihre Erfahrungen zu ermöglichen und dem Bewusstsein seine. Die Natur des Körpers ist also sehr wichtig, aber es gilt, wenn sie gemeistert ist, auf ihr aufbauend weiter in den Bereich der Kultur zu wachsen, um die Kunst der Liebe und des Lebens zu erlernen.

Kultur ist demnach vor allem ein System im Rahmen eines Kultes, der meist, aber nicht zwingend religiöser Herkunft ist, um den menschlichen Entwicklungsweg abzukürzen. Nach Auffassung der östlichen Religionen erlangt jeder Mensch irgendwann Befreiung. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es geschieht. Die Kultur stellt im allgemeinen im Rahmen ihres Kultes Rituale und Exerzitien zur Verfügung, die den Entwicklungsweg abkürzen sollen. Askese heißt eigentlich Kunst des Lebens, sie ist demnach eine hohe Form der Kultur, in der sich das Leben extrem verdichtet.

Tatsächlich gilt uns Askese aber heute als eine Art spirituell begründeter Abwendung vom eigentlichen Leben. Ähnlich ist der Begriff der Kultur inzwischen für alles Mögliche in Benutzung und völlig abgelöst vom Kult, der nur noch den Wortstamm ausmacht, in der Praxis aber schon längst keine Rolle mehr spielt. Das meiste, was heute hierzulande unter Kultur angeboten wird, hat im eigentlichen und tieferen Sinn damit überhaupt nichts zu tun, da es losgelöst vom Kult und schon gar einem allgemeinverbindlichen ist.

Wir müssten uns generell die Frage stellen, ob das Wort Kultur für uns überhaupt noch angemessen ist. Reicht es schon und kann man von Kultur sprechen, wenn jemand nur gute, gepflegte Weine genießt? Natürlich hatte der Wein einen hohen Stellenwert in unserer „Kultur“. Die Bibel ist voll des Lobes über ihn in dieser Hinsicht. So halten sich viele Alkoholiker für Kulturmenschen, nur weil ihr Suchtmittel teure Weine sind. Oder reicht es schon in Bilderausstellungen oder Konzernte zu gehen, um sich als kulturelles Wesen zu fühlen? Auch volksdümmliche und Pop-Musik gehören offiziell zum Kulturangebot und rangieren in den entsprechenden Rubriken, auch wenn sie nicht gerade mit dem christlichen Kult verbunden sind.

Kunst ist inzwischen ebenso weit weg vom ursprünglichen Kulturbegriff entfernt und hat nur noch ausnahmsweise mit dem Kult zu tun. Kultur im eigentlichen Sinn muss demnach einen religiösen oder spirituellen Hintergrund haben, Kunst im ursprünglichen Sinn wäre Lebenskunst, die den religiösen Entwicklungsweg fördert und dem Ziel spirituellen Erwachens verpflichtet ist.