Kommunikation mit dem Schatten

„Schatten“ nennt C.G. Jung all jene Persönlichkeitsanteile, die andere an mir sehen können, mir selbst aber nicht bewusst sind. Trotzdem sind meine Schatten ein Teil von mir und gehören zu mir – genauso wie das „Ich“, welches alles umfasst, womit ich mich bewusst identifiziere. Das „Selbst“ schließlich ist nach Jung beides zusammen. So ergibt sich die Gleichung unseres Lebens: Ich + Schatten = Selbst.
Wenn ich also „Ich Selbst“ werden will, dann sollten Ich + Schatten im Rahmen von Selbstverwirklichung integriert werden. Das aber heißt, dass all jenes, was ich im Verlauf meines Lebens unterdrückt habe, irgendwann wieder zu beleuchten und aus dem Schatten zu befreien ist. Auf dem Weg zur Befreiung, Erleuchtung oder wie immer wir das Ziel des Weges nennen, ist das im wahrsten Sinne des Wortes „Not-wendig“.

Wie Schatten entstehen
Schon als Kleinkind erfahren wir, dass manche unserer Eigenschaften, Vorlieben und Verhaltensweisen den Eltern gefallen und andere auf Ablehnung stoßen. Letztere stellen wir zurück, um uns die Liebe der Eltern zu erhalten. Wir unterdrücken und verdrängen diese „unbeliebten“ Persönlichkeitsanteile (wie z.B. Wut, Zorn, Traurigkeit…) – und so landen sie mit der Zeit im Unterbewussten und schließlich im Schattenreich.
Dieser Prozess der Schattenbildung ist aber keineswegs auf Kindheit und Elternhaus beschränkt. Auch im Kindergarten, in der Schule, mit Freunden erfahren wir, dass einige unserer Eigenarten wenig erwünscht sind. Die erste und jede folgende Partnerschaft werden ebenfalls einiges aus der Auslage des Lebens verbannen, weil es nicht geschätzt oder nicht einmal toleriert wurde. Auch im Berufsleben werden einige Eigenschaften so wenig ankommen und angenommen werden, dass sie auf die Verdrängungsliste geraten. So wächst im Lauf unserer Lebenserfahrungen immer auch der Schatten. Jede weitere Arbeitsstelle, jede weitere Beziehung wird ihn größer und seinen Besitzer enger machen. Damit diese Enge nicht erdrückend wird, kann man allerdings vorbeugen…

Verdrängungs-Mechanismen
Verbote führen zu Verdrängung und Schattenbildung – vom Elternhaus über den Kindergarten, von der Volksschule bis zur Lehre und Universität. Autoritäre Verhältnisse in Schule oder Staat fördern Unterdrückung von Standpunkten und Einstellungen und damit Schattenbildung. Nicht umsonst entwickeln sich in der arabischen Welt allerorten Oppositionen und Untergrundbewegungen gegen autoritäre Regimes. Indem fast alles verboten wurde, haben die Mullahs riesige Schattenbereiche geschaffen – und sich damit langfristig gesehen ihr eigenes politisches Grab geschaufelt.
Dasselbe kann auch im Familienverband geschehen: Eltern, die übermäßig oft und viel verbieten, drängen ihre Kinder in ein enges, beschränktes und behindertes Leben. Wenn dieser Schatten irgendwann an die Oberfläche drängt, werden es die Eltern als „Rache ihrer Kinder“ erleben – dabei wirkt sich hier nur das Polaritätsgesetz aus! Ein offenes, liberales Erziehungsmodell, das statt auf Verbote auf Erklärungen und Verständnis setzt, ist also für die Entwicklung von Kindern zu freien, selbstbewussten Erwachsenen ein Segen.
Das Problem mit den Schatten ist, dass es uns sehr viel Energie kostet, sie daran zu hindern, aus dem Untergrund aufzutauchen. Weil es nämlich unser Schicksal ist, sich ständig weiter zu entwickeln, hat das Leben die Tendenz, die Schatten immer wieder ins Normalleben einbrechen zu lassen. Auch Krankheitsbilder entstehen auf diese Weise – sie sind der Versuch des Organismus, den verdrängten Schatteninhalt körperlich zu manifestieren und so wieder in unser Bewusstsein zu bringen. Die Frage ist nur, ob wir uns davon auch ansprechen lassen…?

Den Schatten integrieren
Tatsächlich ist Schatten weit verbreitet und keinesfalls auf das sogenannte „Böse“ beschränkt. In jeder Frau etwa lebt auch ein männlicher Anteil, Animus genannt, und in jedem Mann auch ein weiblicher, die Anima. Werden diese gegenpoligen Aspekte nicht anerkannt und gelebt, sondern verdrängt, melden sie sich irgendwann, spätestens nach der Lebensmitte. Auf geistig-seelischer Ebene nicht respektiert, sinken sie in den Körper und manifestieren sich unübersehbar z.B. als Damenbart bei den Frauen oder als Männer-Brüste bei den Herren. Wir haben also gar nicht die Wahl, ob wir den Gegenpol integrieren, sondern nur die Ebenenwahl – und offensichtlich ist die Bewusstseinsebene sehr bereichernd, während die Körperebene bestenfalls peinlich, schlimmstenfalls aber bedrohlich ist.
Auch im Hinblick auf unser inneres Kind haben wir nicht die Wahl, ob wir es irgendwann akzeptieren und integrieren, sondern wieder nur die Ebenenwahl. Wir können das im Sinne der Bibel tun, also „umkehren und wieder werden wie die Kinder“, oder es geschieht uns auf der Körperebene. Das entsprechende Krankheitsbild heißt Morbus Alzheimer. Wenn wir als Christen die Hauptaufgabe unserer Kultur, nämlich die Erweiterung des Herzens und der Liebe in den Schatten drängen, dann erleben wir das solchermaßen vergrößerte Herz als Herzinsuffizienz usw.

Der Schatten lässt grüßen
Unser Schatten kommuniziert also ständig mit uns – über Krankheitsbilder, Krisen, Schicksalsschläge, Unfälle und alle möglichen anderen Katastrophen. Auch Fehlleistungen (z.B. wenn jemand bei einer Beerdigung lauthals zu lachen beginnt) sind solche Botschaften aus dem Schattenreich. Hier ein kleines Beispiel aus meiner Praxis:
Ein Pärchen, das seit acht Jahren glücklich und erfolgreich zusammengelebt und gearbeitet hatte, beschloss anlässlich des Schulbeginns der gemeinsamen Tochter zu heiraten. In der Hochzeitsnacht trug er seine Braut auf Händen über die Schwelle – und sprach sie eine halbe Stunde später mit dem Vornamen seiner früheren Freundin an! An diesem falschen Namen drohte die bis dahin glückliche Beziehung zu scheitern. Nach einjährigem Beziehungs-Krieg kam der Mann (ohne eigene Motivation, sondern nur auf Drängen seiner Frau) zu mir in die Schattentherapie. Gemeinsam suchten wir nach dem Grund für den folgenschweren Versprecher. Tatsächlich war die frühere Freundin kein Thema mehr. Er hatte sie verlassen, weil sie schlecht zusammen passten, die Freundin hatte inzwischen selbst geheiratet, hatte Kinder und war glücklich. Das Einzige, was ihm mit seiner Ex wirklich mehr Freude gemacht hatte, war die Erotik. Genau das hat er seiner jetzigen Frau (angeblich aus Rücksicht) verschwiegen – er hatte sich nie getraut, ihr zu gestehen, wie sehr ihn ihre verklemmte Sexualität störte. Nun war es aber ausgesprochen, und ich ermunterte ihn, es seiner Frau zu sagen, weil sonst sein Unbewusstes eine weitere Situation suchen würde, diesen Schatten zu offenbaren.
Letztendlich übernahm die Frau seine bereits gebuchten Therapiestunden, konfrontierte ihre diesbezüglichen Probleme und konnte sich damit aussöhnen. Sie hatte nämlich gute Gründe, sich der Sexualität zu verweigern, die mit früheren Partnerschaften zusammenhingen. Besonders bei ihrem allerersten, recht unreifen Partner hatte sie alle Lust und Sinnlichkeit aus dem Schaufenster ihres Lebens genommen, weil er damit nicht klargekommen war. Ihr jetziger Mann aber konnte es durchaus, ja er freute sich daran. Der Schatten des Mannes hatte den beiden also eine neue Offenheit ermöglicht, indem er den Weg zum Schatten der Frau wies. Diese Schattentherapie brachte dem Paar langfristig viel – noch heute sind sie dem „peinlichen Versprecher“ dankbar.

Schattenarbeit
Das Beispiel zeigt recht anschaulich ein weiteres Problem bei verdrängten Aspekten und Energien: Wir nehmen sie aus dem Angebot, obwohl sie im späteren Leben, in anderen Situationen durchaus gut ankommen könnten. „Schattenarbeit“ wird solch verdrängte Anteile der eigenen Persönlichkeit ans Licht der Bewusstheit befördern und sie wieder ins Leben integrieren. Manchmal kommen sie sogar richtig gut an (wie im Beispiel mit dem falschen Vornamen), in jedem Fall aber erweitern und bereichern sie das Leben und schenken uns persönliches Wachstum.
Wir können nichts aus der Welt schaffen, sondern immer nur uns missliebige Aspekte der Wirklichkeit be-seitigen. Und wie das Wort so ehrlich sagt, landen sie dann auf der Seite. Verschwunden sind sie nicht! Wirkliche Aussöhnung mit dem Schatten braucht eine Rückkehr zur Schattenentstehung und eine Aussöhnung mit der Grundsituation. Wie aber kann so eine Aussöhnung stattfinden? Indem wir…

Dem Schatten auf die Spur kommen
Je öfter es dir passiert, ganz anders wahrgenommen zu werden, als du dich selbst siehst und fühlst, desto schlechter kennst du dich selber und desto wichtiger wird die Konfrontation mit dem eigenen Schatten. Weil aber unser Ego ein höchst raffinierter Saboteur ist – und weil schon die Bibel weiß, dass wir Menschen den Splitter im Auge des anderen besser erkennen, als den Balken im eigenen – ist es sehr hilfreich, sich von Freunden und Außenstehenden unterstützen zu lassen, um den eigenen Schatten auf die Spur zu kommen.
Dazu eine kleine Übung:

Bitte einen dir nahe stehenden Menschen, mit dem du ohne Anspruch auf Partnerschaft verbunden bist (also eher jemanden aus dem engeren Freundeskreis, Geschwister oder Eltern etc.) zu einem ehrlichen Schattengespräch. Gib deinem Gegenüber ausdrücklich die Erlaubnis, ganz offen und direkt zu sein und spreche ihn/sie von allen Konsequenzen frei. Dann lass dir von diesem Menschen mitteilen, was er an dir am liebsten, und was am wenigsten mag. Wichtig ist, dass du ihn dabei nicht unterbrichst, sondern schweigst und aufmerksam zuhörst. Währenddessen schreibe das Gesagte auf – so kannst eine Liste aufstellen mit wesentlichen positiven Schattenanteilen (also jenen Eigenschaften, die du mehr verwirklichen willst) und daneben mit negativen Eigenschaften, die du innerlich verweigerst oder gar nicht magst (denen du dich aber stellen solltest).

Um negative Aspekte aufzuspüren, sind nicht nur Freunde, sondern ganz besonders unsere Gegner, Feinde und Menschen, die wir überhaupt nicht mögen wichtige Wegbegleiter. Sie spiegeln uns all die eigenen Schatten wider, welche wir auf sie projizieren. Durch ihr bloßes Sosein erinnern sie uns an die eigenen abgelehnten Schattenanteile und an unsere Aufgabe, sie zu erlösen.
Wie aber können wir erkennen, ob es sich nun um eine Schattenprojektion handelt oder nicht? Ganz einfach: der beste Wegweiser ist unsere emotionale Reaktion. Alles, was dich bei anderen emotional bewegt, aufregt, ärgert oder beschäftigt, verrät eigene Betroffenheit. Und je stärker die emotionale Energie, desto sicherer handelt es sich um eine eigene Problematik, die nach außen projiziert wurde. Wer sich also z.B. ständig darüber aufregt, von arroganten Menschen umgeben zu sein, sollte sich seiner eigenen Arroganz stellen. Dasselbe gilt allerdings auch, wenn du emotional behaftet genau das Gegenteil von dem tust, was dich an anderen stört oder besonders stolz darauf bist. Wer sich etwa ständig mit Hilfe seines schlauen Egos selbst beweist, wie wenig egoistisch er ist, hat allen Grund, solchen „Beweisen“ gegenüber skeptisch zu sein. Demonstrative Großzügigkeit, betont gezeigte Nächstenliebe, zwanghafte bzw. aufgedrängte „Weisheitsvermittlung“ sind Hinweise auf Ego-Schatten. Wer immer wieder ausdrücklich betont, überhaupt nicht wie seine Eltern zu sein, fällt auch in diese Kategorie… usw. Für Freiheit von Schatten bei einer bestimmten Thematik spricht also, wenn du sie ohne große Emotionen und von verschiedenen Seiten beleuchten kannst.

Die Bilder-Sprache der Seele
Ob positiv oder negativ – dein Schatten verbirgt deine größten Talente und Schätze. In den unbewussten Tiefen deiner Seele warten sie geduldig darauf, ans Licht gehoben zu werden. Aus Angst vor dem Dunklen lassen wir uns leider allzu oft nur unfreiwillig, gezwungen durch Krisen, Krankheiten und Schicksalsschläge darauf ein. Du kannst dich aber deinen Schattenaspekten auch ganz bewusst zuwenden und mit ihnen kommunizieren:
Die Sprache der Seele ist die der Bilder. Sie eröffnet uns den einfachsten Zugriff auf die Schätze des Schattens – und gleichzeitig auch die besten Lösungen. Über Bilder ist der unbegrenzte Reichtum unserer inneren Welt einschließlich unseres Unbewussten am einfachsten und effizientesten zu erreichen – und umgekehrt spricht unsere Seele mit uns durch Bilder, die aus unserem Innersten auftauchen.
Auch wer bisher noch keine Erfahrung mit Imagination oder therapeutischer Arbeit mit Bildern gemacht hat, ist täglich – oder besser gesagt nächtlich – in Kontakt mit dem Bildermeer seiner Seele. In unseren Träumen erinnert sie uns jede Nacht an ihre Existenz. Auch wenn wir uns viel lieber mit dem Tagesbewusstsein identifizieren, weil es uns die Illusion von Kontrolle über unser Leben vorgaukelt – im Traum verlieren sich Sicherheit und Gewissheiten in einem Meer grenzenloser Möglichkeiten. Jeder Traum stellt unsere innere Wahrheit und Wirklichkeit so dar, wie sie IST, und zwar ziemlich wertfrei. Träume und ihre Inhalte sind so gesehen Botschaften der Seele, um uns andere bedeutungsvolle Standpunkte, Blickwinkel und Erkenntnisse anzubieten. Es werden keine Bedingungen gestellt, keine Konsequenzen gefordert. Die Sprache der inneren Bilder und Träume ist nicht ein-deutig sondern mehr-deutig, denn jedes Bild oder Symbol trägt verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten in sich. Ein und dasselbe Bild kann für jeden Menschen und in unterschiedlichsten Situationen andere Entsprechungen und Analogien auslösen, je nachdem an welche Gefühle das Bild gekoppelt ist.

Reisen ins Schattenreich
Die einfachste und wirkungsvollste Möglichkeit, sich bewusst in das Bilderreich der Seele zu begeben, ist die Imagination, die dem Träumen sehr nahe kommt und deshalb auch landläufig „Traum-Reisen“ genannt wird. Sie lässt sich am besten in einem therapeutischen oder Gruppensetting üben. Voraussetzung dafür ist immer eine anfängliche Phase der tiefen Entspannung, denn nur im entspannten Zustand erreichen wir jene Gelassenheit, die das Eigentliche, Wesentliche geschehen lässt. Derart „ent-spannt“ öffnet der Therapeut dem Klienten in Form eines symbolischen Bildes das Eingangstor ins Reich der Seele – und schon beginnt die wundervolle Reise ins Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, die uns die Schätze unseres inneren Reichtums nicht nur erkennen, sondern auch erleben, erspüren und erfahren lässt.
Mit jedem Mal wird der Zugang einfacher und der schöpferische Umgang mit den mitgebrachten Problemen besser. Und je mehr es uns gelingt, die ersten aufsteigenden Gedanken und Gefühle wahr- und wichtig zu nehmen, desto mehr werden Lösungen geboren. Die therapeutischen Erfahrungen mit dieser Methode zeigen immer wieder, wie klar und einfach „echte Lösungen“ sind, die wir in unserem komplizierten intellektuellen Alltagsaktionismus oft vor lauter Argumenten und Rationalisierungen oft gar nicht sehen. Mitzuerleben, wie sich in diesen Bildern das Wunder der menschlichen Seele offenbart, ist für mich immer wieder beglückend und ehrfurchtgebietend.

Unsere wichtigsten und größten Schätze liegen im Schattenreich begraben und nichts kann unser Leben so bereichern wie deren Integration. Machen wir uns also auf den Weg…