Integrale Medizin – Das Weltbild

Nachdem ich meine Sicht von Gesundheit, Krankheit und Medizin in der Schulmedizin ursprünglich nicht anbringen konnte, freut es mich besonders, wenn sie nun immer mehr Anerkennung findet. Es begann in der Bevölkerung, wo die mit „Krankheit als Weg“ begonnene Krankheitsbilder-Deutung eine große Bresche schlug, durch die „Krankheit als Symbol“ anschließend endgültig in die Haushalte eingezogen ist. „Hast Du es schon im Dahlke nachgeschlagen?“ ist eine Frage, die mir zeigt, wie sehr sich dieser Weg durchgesetzt hat. Ursprünglich wollte ich diese Sicht schon in meine Dissertation über die Psychosomatik des kindlichen Asthma bronchiale einfließen lassen, aber mit jeder Korrektur mussten weitere eigene Gedanken weichen, bis zum Schluss eine Zitatesammlung übrig blieb nach dem Motto, abschreiben und zitieren. „Krankheit als Weg“ hatte ich noch mit Anführungszeichen vorn und hinten versehen lassen, um es ausdrücklich zur Diskussion zu stellen, aber es erfuhr vor allem Ignorierung, gepart mit Ignoranz bezüglich aller Psychosomatik. Es hieß, wenn das so einfach wäre, hätten wir das längst entdeckt und umgesetzt. Es war so einfach und konnte viele Patienten von Anfang an überzeugen. Erst deren große Zahl – das Buch verbreitete sich rasch und millionenfach – führte zur Akzeptanz in der Medizin. Nachdem die Heilpraktiker dieses Denken schon bald auf breiter Front annahmen, begann auch ein wachsendes Interesse unter Medizinern. Seit 10 Jahren mache ich nun Fortbildungen darin für die Ärztekammer und diese vergibt Punkte dafür. Seit letztem Jahr ist nun sogar die Integrale Medizin von den Grundlagen ihres Weltbildes bis zu ihren Anwendungsbeispielen eine anerkannte Möglichkeit für Kollegen den Zusatztitel „Arzt für Naturheilweisen“ in sechs Wochenseminaren oder vier Wochen und vier Wochenenden zu erwerben. Das freut mich natürlich von ganzem Herzen.

Das Weltbild dieser Integralen Medizin baut auf den Grundlagen unserer Kultur auf und holt wieder Aspekte herein, die früher bereits anerkannt waren. Als Aristoteles das Denken seines Lehrers Platon und dessen Lehrers Sokrates weitergeben wollte, zerlegte er es in vier Ursachen: eine Causa effizienz, die aus der Vergangenheit auf die Gegenwart wirkt, eine Causa finalis, die aus der Gegenwart in die Zukunft wirkt, eine Causa formalis oder Musterursache und die Materialursache, Causa materialis. Er wollte diese vier wohl nicht auf Dauer voneinander trennen, aber genau das geschah. Die Causa effizienz wurde die Spielwiese der Naturwissenschaftler, die alle drei anderen Ursachen allmählich ignorierten. Die Geisteswissenschaftler spezialisierten sich auf die Causa finalis und vergaßen den Rest, die Musterursache verlor man für Jahrtausende bis zu Rupert Sheldrake aus den Augen, die Materialursache blieb unbestritten für alle.

Das Dilemma wird deutlich, wenn wir uns einer beliebigen belebten Szene widmen. Ein Fußballspiel ist viel zu lang und differenziert, um es wissenschaftlich zu erfassen, selbst die knapp 10 Sekunden eines Hundertmeterlaufs sind noch zu lang. Nehmen wir nur dessen Start, und fragen warum, rennen die 8 Männer plötzlich los. Naturwissenschaftlich finden wir die reproduzierbare Ursache in der Vergangenheit in Gestalt des Startschusses. Aber erklärt der wirklich, warum die Sportler jahrelang trainiert haben? Geisteswissenschaftler finden in der Zukunft ihre Ursache im Wunsch, die Goldmedaille zu gewinnen. Diese Ursache befriedigt auch Sportfans, ist aber – ohne alle Not – für Naturwissenschaftler und damit auch Mediziner tabu. Natürlich dürfen die Sportler auch kein Moped mitbringen, das verhindert das Regelwerk der Leichtathletik und damit die Musterursache. Aristoteles wollte mit dieser Einteilung die Welt der Erkenntnissucher nicht für alle Zeiten spalten, und es spricht alles dafür, alle vier Ursachen in die Medizin zurückzuholen, um das Geschehen umfassend beschreiben zu können. Genau das macht die Integrale Medizin, wenn sie nicht nur fragt, woher kommt das Symptom (Schulmedizin und die Welt der Erreger), sondern auch worauf zielt es (Zielursache der Geisteswissenschaft). Die Fragen, warum geschieht gerade mir, gerade das, gerade so, in dieser Phase meines Lebens? bringt noch die Musterursache ins Spiel (des Lebens). Der Schritt zurück zu Aristoteles ist also einer voran hin zum Sinn, ohne den Medizin tatsächlich wenig Sinn macht, wie Viktor Frankl schon immer betonte.

Als die Gebrüder Humboldt die Universität gründeten, wollten sie die ganze Welt der Wissenschaft unter einem Dach vereinen. Wie in einer großen Torte kamen alle Fakultäten mit ihrer Spitze in der einen gemeinsamen Mitte zusammen. Der Name Uni-versität spiegelt das bis heute, das eine Symbol der Einheit in der Mitte – uni – und die Verschiedenheit – versi – außenherum. Die diversen Fakultäten sollten sich um das Eine allen Gemeinsame versammeln. Aber heute gehen Studenten nicht auf die Uni, sondern eher auf die „Versi“, wo sich in immer mehr Spezialgebieten Wissenschaftler zu Fachidioten mausern, während die gemeinsame Mitte in Vergessenheit geriet. Dass die einzelnen Fakultäten sich nicht mehr um die Einheit der Mitte kümmern, ist längst klar. Aber selbst in den einzelnen Disziplinen geht die Spaltung weiter, da kämpfen Nephrologen und Urologen um dieselbe Niere, statt sich um den einen Patienten zu kümmern.

Die Integrale Medizin verbindet die verschiedenen Disziplinen und bedient sich ihrer aller Erkenntnisse. So lässt sich der Patient von Zimmer 16 überwinden und der Mensch wieder entdecken. Die deutende Medizin nützt den ganzen Schatz der Erkenntnisse aller Fakultäten und Disziplinen und bringt sie zusammen, dem einen Patienten zuliebe.

Dieses Weltbild befruchtet die praktische Arbeit nicht nur der Deutungen, die vor allem von der Causa finalis leben, sondern auch das Zusammenspiel aller Disziplinen. Tatsächlich habe ich mich immer auch für Ernährungs- und Bewegungslehre interessiert und bin auch erstaunt, wenn ich jetzt auf nur einen Aspekt festgelegt werden soll, wogegen ich mich natürlich im Namen der Integralen Medizin verwahren muss. Es macht die Medizin gerade so wundervoll, dass sie aus allen Bereichen Heil-Mittel zusammentragen kann, dem Heil, der einen Mitte zuliebe.