Herz(ens)probleme – Probleme im Zentrum des modernen Menschen und seiner Gesellschaft

Wenden wir die Methode der Deutung wie sie in „Krankheit als Sprache der Seele“ beschrieben ist, auf Krankheitsbilder an, die große Teile unserer Bevölkerung betreffen, bekommen wir nicht nur die Be-Deutung des Krankheitsbildes für die Betroffenen, sondern darüber hinaus für die Gesellschaft. Wie jede Zeit hat auch jede Gesellschaft ihre Krankheitsbilder. Die Hysterie und die Tuberkulose hatten ebenso ihre Hochzeiten, wie Pocken und Cholera. Für unsere Zeit und Gesellschaft am typischsten ist der Herzinfarkt auf dem Boden des Bluthochdrucks. Er fordert mit Abstand am meisten Todesopfer und ist zugleich mit dem schlimmsten Schmerz verbunden, den wir kennen, jenem Vernichtungsschmerz im Augenblick, in dem das Herz (in Teilen) abstirbt. Der Hochdruck, der vor allem die Basis für die Infarkte schafft, wird in den USA „silent killer“, stiller Mörder genannt, weil er in der Hochleistungsgesellschaft, die unter Hochdruck produziert, kaum Symptome macht. Seine Opfer sind denn auch oft Leistungsträger dieser Gesellschaft.

In archaischen Gemeinschaften, die wir ebenso gern wie arrogant primitiv nennen, würden Hochdruckpatienten sehr wohl durch Symptome auffallen, bei uns fallen dagegen eher die NiederdruckpatientInnen auf. Da sich die Gegensätze näher sind, als wir zumeist vermuten, können wir von Ihnen einiges über Hochdruck lernen. Insgesamt stellen die Hochdruck- und NiederdruckpatientInnen einen großen Teil unserer Bevölkerung dar. Während Hochdruckpatienten oft gar nichts von ihrem Schicksal ahnen, wissen die NiederdruckpatientInnen meist ziemlich gut über ihre Beschwerden Bescheid, und beschweren sich im Gegensatz zu Hochdrucklern auch häufig darüber. Letztlich stellen sie die größte unorganisierte Widerstandsbewegung der modernen Industriegesellschaft dar mit ihrer Weigerung an der Leistungseuphorie teilzunehmen. Schon morgens kommen sie nur schlecht aus den Federn, versuchen sie es auch nur ein wenig schneller, sinken sie sogleich halb ohnmächtig zurück, mit zumeist kalten Händen bekommen sie das Leben kaum in den Griff und ihre ebenso kalten Füße verraten, daß der Platz, an dem sie lebendige Wurzeln schlagen könnten, noch nicht gefunden ist. Wenn man kalte Füße bekommt, ist Angst im Spiel. Genau das ist aber ein Lebensthema vieler Niederdruck-, wie auch der meisten Hochdruckpatienten. Bei letzteren verkörpert sich die Angst auch in der Enge (lat. angustus = eng) ihrer Gefäße, jener Arteriosklerose, die neben dem Herzinfarkt auch für Durchblutungsstörungen vom Gehirn bis zu den Beinen verantwortlich ist. Beiden nur scheinbar so gegensätzlichen Gruppen von Blutdruckpatienten gemeinsam ist die Neigung zu Schwindel, d.h. sie machen sich etwas vor. Wenn die Niederdruckpatientin, denn meistens ist sie weiblichen Geschlechts, schneller aufsteht als es ihrem Lebenstempo entspricht, korrigiert sie der Schwindel sogleich. Wenn der Hochdruckpatient so tut, als kämpfe er den Kampf seines Lebens, kann ihn ebenfalls Schwindel befallen. Er kämpft nämlich bestimmt nicht diesen entscheidenden Kampf, sondern verweigert ihn im Gegenteil. Dafür kämpft er stellvertretend an allen möglichen (und für seine Entwicklung weniger wichtigen Fronten). Ähnlich wie seine Kollegin aus dem Niederdruckbereich wird er so aber seinen Platz im Leben kaum finden.

Ein Blutdruckanstieg ist vor und während anstehender Kämpfe in Ordnung, wenn der Organismus unter Druck steht und all seine Reserven braucht. Nach überstandener Auseinandersetzung, kehrt aber der Blutdruck zur Norm zurück. Geschieht das beim Hochdruckpatienten nicht, müssen wir schließen, daß er gar nicht mehr aus dem Kampf herauskommt, sondern in der Daueranspannung einer immerwährenden Kampfbereitschaft bleibt. So wird es verständlich, daß seine Kräfte früher erschöpft sind als die anderer Menschen und insbesondere die der Niederdruckpatientin. Während er seine Lebenserwartung drastisch verkürzt, verlängert sie ihre, da sie im Schongang lebt. Während sie oft Angst vor dem Tag und dem Leben hat, bemerkt er seine Angst kaum noch, weil er sich so effizient mit unwichtigen Kämpfen von dem entscheidenden Kampf, in dem er steckengeblieben ist, ablenkt.

Kopfschmerzen sind ebenfalls ein gemeinsames Symptom. Während bei ihr das Blut den weiten Weg bis hinauf ins Gehirn oft nicht recht schafft und so ein Gefühl von Blockade („Brett vor dem Hirn“) heraufbeschwört, schmerzt seiner, weil er ihn sich andauernd zerbricht und versucht, damit durch die Wand zu gehen oder sich irgendwie zu behaupten.

Ein gestreßter Hochdruckpolitiker, der hektisch zu seinem Chauffeur ins Auto sprang, antwortete auf dessen Frage, wo es hinginge: „Egal, ich werde überall gebraucht!“ Mit solcher Selbstüberschätzung gerät der Mensch, der gesellschaftlichen Druck zu seinem persönlichen Problem macht, in eine gefährliche Situation, die er wegen der Anerkennung, die er für sein Fehlverhalten noch erntet, selbst nur selten erkennt. Für Außenstehende auffällig ist sein Mangel an Kommunikation, obwohl mit Gott und der Welt in Kontakt, teilt er wenig mit und viel aus. Seine Antworten sind wirklich Antiworte und kommen zumeist wie aus der Pistole geschossen. Er redet sich häufig in Rage und wird dabei wenig Druck los, sondern lädt sich im Gegenteil noch mehr auf. Hochdruckpatienten kommunizieren entspannt noch am ehesten mit Haustieren, weshalb diese für sie auch geradezu therapeutischen Charakter bekommen. Hinter solchem Ausdrucksverhalten stecken nicht selten unbewältigte Autoritätskonflikte.

Auf die Dauerdrucksituation reagierend stellt der Körper seine Blutgefäße eng, um der Dauerspannung gerecht zu werden. Wird diese Anspannung über Jahre aufrechterhalten, verstärkt er sie besonders an Stellen, wo sie durch die ständige Belastung bereits verletzt waren. Etwas verkürzt dargestellt, ist das die Grundlage der Arteriosklerose, die in Hochdruckgesellschaften bereits vor dem 20. Lebensjahr beginnt.

Sowohl Herzinfarkt, wie aber auch andere Gefäßverschlußkrankheiten, nehmen auf der Grundlage dieser fortschreitenden Gefäßverengung ihren Verlauf. Ähnlich wie wir unsere Gefäße verengen und verhärten, geschieht es übrigens auf der Welt mit den Gefäßen der Erde, ihren Flüssen und Bächen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen ähnlich und mit dem Leben auf Dauer nicht zu vereinbaren. Wird die Blutdurchfluß immer unzureichender, kommt es am Herzen zu Schmerzen im Sinne der Angina pectoris, was nichts anderes heißt als die Verengung der Brust. Das am Hungertuch nagende Herz schreit aus Leibeskräften um Hilfe bzw. Sauerstoff. Solche Herzanfälle zwingen die Patienten dann zur Ruhe, sodaß das zur Verfügung stehende Blut nicht in die Skelettmuskulatur, sondern wirklich ins Herz gelangt, wobei es sich langsam und kläglich durch die verschiedenen Engpässe quälen muß.

Die Schulmedizin verschreibt für solche Situationen mit Nitroglycerin(kapseln), einen äußerst wirksamen Sprengstoff, um die Blockade für kurze Zeit freizusprengen. Von der Symbolik ist das Ganze mehr als deutlich: allopathisch werden hier die Engpässe chemisch freigesprengt oder manchmal auch operativ geweitet. Um wirkliche Heilung zu ermöglichen, ginge es im übertragenen Sinne darum, den Energiedurchfluß zu reduzieren, die Lebensenergie zu bremsen und statt der dauernden Hektik eine verläßliche Konzentration auf das Wesentliche zu erreichen, nämlich sich um die eigenen Herzensangelegenheiten zu kümmern. Das Herz braucht vor allem Zuwendung und Achtsamkeit, seine Themen benötigen Anerkennung und Zeit. Die Betroffenen müßten auf ihren Körper hören, nach innen horchen und der Stimme ihres Herzens lauschen lernen. Die Körpersprache ist ja deutlich genug, ihr zu gehorchen will allerdings erst wieder gelernt sein. Statt das eigene Herz zu strangulieren, ginge es darum, ihm Raum und Ausdruck zu verschaffen und es im übertragenen Sinn zu nähren .

Was aber ist Nahrung für das Herz? Hinweise darauf, was ihm nicht bekommt, finden wir schon in der Bibel, wo es heißt, wir sollten aus ihm keine Mördergrube machen und weder Haß und Rache, noch Zorn, Trauer und andere Emotionen darin gefangen halten. Hinein gehören wärmende Gefühle wie Verständnis, aber natürlich auch Zuneigung und Liebe, Herzensgüte und Mitgefühl. Die Herzensangelegenheiten kommen in der Hochdruckgesellschaft in ähnlichem Ausmaß zu kurz wie das heiße Herz gegenüber dem kühlen Kopf. Herzinfarktprophylaxe im eigentlichen Sinn wäre folglich, sich der Themen seines Herzens rechtzeitig anzunehmen, eigene Herzenswünsche wahr- und wichtig zu nehmen und sein Herz entsprechend zu öffnen. Genauso wichtig wäre, im Herzen nichts zu stauen, d.h. seinen Emotionen Wege nach draußen zu finden.

Ein noch grundlegenderes Thema wäre die Hochdruckvorbeugung, d.h. den Patienten zu animieren, den Kampf seines Lebens zu wagen und sich seinem Autoritätskonflikt oder was immer ihm im Wege sein mag, zu stellen.

US-amerikanische Studien finden eine eigenartige Häufung der Infarkte am Montag Vormittag, die mit den Überlegungen der Schulmedizin gar nicht erklärbar ist. Zu Beginn der Woche wird weder besonders geraucht, noch ist das Cholesterin höher als nach dem Sonntagsbraten. Streßpegel und vor allem Frustration können aber besonders hoch sein, wenn man eine Woche bei einer Arbeit vor sich hat, die man nicht liebt, ja die man vielleicht sogar haßt, was man aber nicht äußern darf.

Natürlich spielen auch Bewegungsmangel und falsche Ernährung eine wesentliche Rolle. Aber auch hier ist es wichtig, die Dinge nicht zu funktional zu sehen. Wer sich in den übervollen Terminplan noch wöchentlich zwei Squashstunden hineinquetscht, erhöht damit nur sein Herzinfarktrisiko, weil er den Streß- bzw. Überforderungspegel weiter hinauftreibt. Auch Sport muß in sinn- und lustvollen Bahnen geschehen. Seit Jahren erlebe ich in unseren Seminaren „Sport und Medizin“ in Montegrotto wie selbst gesunde sportliche Ansätze ins Gegenteil umschlagen können. Doch zu diesen Punkten, insbesondere zu den haarsträubenden Irrtümern in Bezug auf Ernährung und Cholesterin mehr in meinem nächsten Beitrag an dieser Stelle.

 

Sport und Bewegung

und ihre Bedeutung bei Herz-Kreislauf-Problemen

Seit Jahren gebe ich zusammen mit meinen Freunden Baldur Preiml und Franz Mühlbauer, beide aus dem Bereich der Sportpädagogik kommend, im norditalienischen Kurbad Montegrotto Seminare über gesunde Formen der Bewegung, über sinnvolles Kreislauftraining und Meditation. Wir halten diese Seminare, weil bewußte Bewegung und Sport uns persönlich Freude machen und weil wir hier eine einfache und überaus wirkungsvolle Möglichkeit sehen, ansteckende Gesundheit zu vermitteln. Auf der anderen Seite erleben wir gerade in Seminaren wie „Sport und Meditation“ oder im Rheumakurs, wie einseitig und unmeditativ dieser wundervolle Weg der Gesunderhaltung oft betrieben wird und dann nicht selten ins Gegenteil umschlägt.

Sinnvolles Ausdauertraining würde das Herzkreislaufsystem trainieren und so dem Herzen Reserven verschaffen – es im wahrsten Sinne des Wortes wieder in Form bringen. Ehrgeiz und eigenartig verstandene Familiensolidariät führen aber gerade hier zu ganz gegenteiligen Ergebnissen. Wenn ein bis an die Grenzen der Belastbarkeit gestreßter Manager sich auf Raten seines Arztes auch noch drei wöchentliche Sporteinheiten in der Tennishalle oder im Squashkäfig verordnet, ist seine Gesundheit erst recht in Gefahr. Solche unvorbereiteten und kurzfristigen Exzesse bringen nichts an Ausdauertraining und sind damit nicht nur überflüssig, sondern durch die Leistungsansprüche auch noch gefährlich. Meist beginnt die Sportstunde hier bereits in der Herzkreislaufüberforderung. Man(n) macht sich fertig und ist auch noch stolz darauf.

Besonders kraß wird die Situation auch beim Familiensport, der von gesundheitlicher Warte einen ausgesprochen guten Ruf hat. Ein typisches Szenario sieht folgendermaßen aus. Das Ehepaar plant aus gesundheitlichen Gründen gemeinsame Radaktivitäten. Er stachelt seine Motivation an, indem er sich den allerletzten Schrei von Titan-Leichtlauf-Mountainbike mit 24 Gängen für 40 000 Schilling leistet, ihre Motivation kommt daher, daß sie gern etwas mit ihm zusammen macht. Obwohl an sich sportlich wenig engagiert, motiviert sie sich, ihr Bestes zu geben, um ihn nicht zu enttäuschen und nicht zu langweilen. Als Rad reicht ihr ein alter Drahtesel mit Dreigangschaltung, die sie aber nur ungern und deshalb selten benutzt. Bei dieser Ausgangslage muß das Ganze in ein gesundheitliches Fiasko führen. Er wird auf diesen Ausfahrten nicht annähernd in einen Auslastungs- oder Trainingsbereich kommen, sein Superrad fährt ja eh fast von allein. Sie dagegen wird sich auf ihrem alten Drahtesel so mächtig ins Zeug legen müssen, daß sie für Ihre Verhältnisse die meiste Zeit im Überforderungsbereich strampelt und so ebenfalls kaum einen Trainingseffekt hat. Manchmal halten beide solche Quälereien über Jahre durch. Zu seinem Erstaunen wird sie dabei überhaupt nicht konditionsstärker, und sie merkt, daß sie bei aller Anstrengung doch nicht so schnell ist, daß es ihm wirklich Spaß machen würde.

Mißt man während einer solchen Tour beider Herzkreislaufbelastung, stellt sich danach für alle sichtbar dar, was für ein Elend hier seinen mühseligen Lauf nimmt. Der naheliegende Rat, die Räder zu tauschen, bringt auch wenig, weil ihn der alte Drahtesel völlig frustriert und sie keinen Spaß an dauernder Schalterei findet. Wenn es den beiden wirklich um Zugewinn an Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Herzkreislaufbereich ginge, müßten sie radikal umdenken und alte Muster und Gewohnheiten verlassen. Auch das kann Spaß machen und dann wirklich viel an Regeneration bringen, insbesondere wenn die beiden anfangen, die eigenen unterschiedlichen Stärken und Schwächen zusammenzubringen und sich gegenseitig befruchten zu lassen. Seinen Überhang an Ehrgeiz und Kraft macht sie nämlich oft an Sensibilität und Einfühlungsvermögen wett. Er könnte von ihr meditieren lernen und die sanfte Kraft von Übungen aus dem Bereich etwa des Chi Gong oder Tai Chi in sein Leben integrieren, sie könnte ihre Ausdauer in seinem Windschatten erhöhen. Wo er ihr oft an Kraft voraus ist, kann sie sich meist ungleich besser dehnen, und so könnten Kraft und Flexibilität eine Ehe eingehen und zu einem neuen dritten führen, nämlich Gesundheit. Diese hat ja viel mit Mitte zu tun, wie uns das Wort Medizin noch verdeutlicht. Medizin wollte früher einmal genauso zur Mitte führen wie Meditation. Das ist zwar lange her, wäre aber immer noch ein überaus lohnendes Ideal.

Was Herz und Kreislauf anbelangt, bräuchten ist weder Über- noch Unterforderung, sondern die goldene oder gesunde Mitte. In dieser banalen Erkenntnis verbirgt sich generell ein wunderbares Heilkonzept, das weit über Herz und Kreislauf hinaus reicht. Selbst Streß kann nämlich eine positive Herausforderung sein, wenn sich die Betroffenen davon fordern und letztlich fördern lassen und nicht überfordert werden. Überforderung, der man in keiner Weise mehr gerecht werden kann, macht dagegen (herz)krank. Genauso gefährlich ist aber die Unterforderung, die zu Langeweile und Frustration führt. In unserer augenblicklichen gesellschaftlichen Situation können wir an diesem Punkt unschwer erkennen, daß wir einer gefährlichen Zukunft zusteuern. Immer mehr Menschen haben immer weniger zu tun und nehmen in der Arbeitslosigkeit seelisch und nervlich Schaden. Immer weniger Menschen haben aber immer mehr zu tun und nehmen ebenfalls an Leib und Seele schaden. Die Mitglieder der ersten viel größeren Gruppe werden immer weniger Geld bekommen und sich folglich die Errungenschaften unseres Fortschritts immer weniger leisten können. Die Vertreter der letzteren viel kleineren Gruppe verdienen zwar immer mehr Geld, haben aber gar keine Zeit, sich zu leisten, was die Gesellschaft alles zu bieten hätte. Das Fazit ist bedenklich: wir produzieren wie die Irren für niemanden und gehen dabei alle ziemlich kaputt.

Das Ganze macht also wenig Sinn, und gerade die Sinnfrage ist es, die uns aus dem Dilemma heraushelfen könnte. Für Leistungssportler mag das Ganze wenigstens noch einen Zweck haben, nämlich erfolgreich zu werden und sich Anerkennung und Reichtum zu verschaffen. Für die Normalverbraucher aber hat vieles im Sportbereich nicht einmal mehr einen Zweck. All der Ehrgeiz, den man auf kleinen Nebensportplätzen toben sieht, bringt verblüffend wenig, die Figuren profitieren davon genauso wenig wie die Kondition.

Spüren wir der Frage nach dem Sinn all solcher Unternehmungen nach, landen wir am ehesten bei alten Idealen wie jenem von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper. Mens sana in corpore sano wird in den Mittelschulen noch manchmal zitiert, in der Praxis spielt dieser Spruch aber kaum noch eine Rolle. Auch in der Antike war der gesunde Geist im gesunden Körper keine Selbstverständlichkeit, der ganze Spruch hieß dann auch, es ist zu beten, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Nun reicht hier beten offenbar allein auch nicht, es muß auch etwas geschehen, allerdings nicht so geistlos, wie das im Sport bis heute oft üblich ist. Nicht umsonst haben östliche Bewegungsübungen wie Chi Gong und Tai Chi bei uns immer größeren Zulauf, verbinden sie doch körperliche Bewegung und Bewußtheit. Tatsächlich kann die Verbindung von Bewußtheit und Sport auch jeden der bei uns bereits bestens eingeführten Sportbereiche unendlich bereichern. Nicht länger die Quantität, sondern die Qualität würde dann in den Vordergrund rücken und der Einheit von Körper, Seele und Geist gerecht werden.

Dieser Schritt mag – obwohl so leicht – für den intellektuellen, leistungsorientierten Macher, der besonders zu Hochdruck und Herzinfarkt neigt, doch zu ungewohnt und damit überfordernd sein. Einen guten Einstieg könnte hier die leichteste Form der Meditation bieten, die geführte oder Phantasie-Reise. Hier kann der Macher auf gewohntem Terrain die ersten Schritte tun, geht es doch primär darum, sich Gedanken zu machen, wenn auch in einer sehr entspannten und hingebungsvollen Weise. Das Wort Meditation mag ein wenig anspruchsvoll klingen und mit östlichen Bildern von entrückten Meistern auch etwas illusionär wirken, es wäre in diesem Zusammenhang auch durchaus verzichtbar, denn letztlich geht es lediglich darum, sich in seine inneren Seelenlandschaften einzufühlen. Hier aber läge der Schlüssel zum Sinn. Was wir außen so angestrengt und manchmal geradezu krampfhaft suchen, liegt ja meist so nahe und noch öfter innen. So wären einfache Übungen unter Einbezug von Bewußtheit und Achtsamkeit nicht nur medizinisch die bessere Lösung, sondern oft auch familienpolitisch. Die gemeinsame Meditation und Sinnfindung in den eigenen Seelentiefen, kann in einer Weise verbinden, wie äußere und nicht selten erzwungene Maßnahmen es kaum vermögen. Und selbst ein gemütlicher Radausflug mit offenen Augen für die Landschaft macht ihr im allgemeinen mehr Spaß und langweilt ihn zumindest auch nicht mehr als die Trainingseinheit, die doch keine ist. Neue Wege im außen können sich gerade auch aus Reisen auf inneren Wegen ergeben und dem Leben und Erleben eine Tiefe bringen, die im positiven Sinne ans Herz gehen kann. Das Herz aber braucht vor allem auch im übertragenen Sinne Nahrung, wie jeder Angina pectoris Anfall und jeder Infarkt demonstrieren, wenn Teile des Herzens vom nährenden Blutstrom tendenziell oder ganz abgeschnitten werden. Natürlich ist auch die konkrete Nahrung nicht ohne Be-Deutung, dazu Näheres im nächsten Beitrag.

 

Ernährung und Cholesterin

und ihre Bedeutung bei Herz-Kreislauf-Problemen

Was die Ernährung angeht liegen die Dinge, die eigentlich so einfach sein könnten, ähnlich im Argen wie im Bewegungsbereich. Es gibt so ungefähr nichts mehr, was nicht in irgendeiner Diät verboten wäre und wohl auch nichts, was nicht in einer anderen angepriesen würde. Inzwischen gibt es soviele Rezepte, daß sich der Verdacht lohnt, ob nicht das Problem auch in den Rezepten selbst liegen könnte. Die Essenssituation meiner Kindheit war geprägt durch die alte Spruchweisheit: Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein Bürger und abends wie ein Bettler. Zu meinem Pech hatte ich aber morgens keinen Hunger und zwang mich mit einer guten Grundlage, wie meine Mutter fürsorglich meinte, den Tag zu beginnen. Abends, wo ich Hunger gehabt hätte, herrschte dann der Tenor, nicht zu spät und nicht zu schwer und erst recht nicht zu viel. Nun gibt es heute auch die Gegentendenz: Die Fit for Life – Fans propagieren morgens wenig bis nichts und am besten nur Obst – sicherlich eine Erleichterung für Menschen, die ihrem Naturell entsprechend morgens keinen Hunger haben, aber eine Qual für die anderen. So hatte ich auch vor kurzem einen Patienten, der sich bitterlich beklagte, daß seine Frau „dieses Buch“ (Fit for Life) entdeckt hatte und er nun jeden Tag hungrig in die Firma ginge. Der wichtigste Schritt im Ernährungswirrwar müßte wohl aus der Erkenntnis erwachsen, daß wir alle individuelle Menschen sind und deshalb nicht über einen Kamm zu scheren. Rezepte können uns also letztlich gar nicht wirklich gerecht werden.

Die Diätetik war schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Medizin und stand früher – etwa in der Medizin der Antike – viel mehr im Mittelpunkt als heute. Jetzt hat sie sich im außerschulischen Bereich der Medizin einen enormen Zulauf gesichert – neue Diätbücher überschwemmen geradezu ständig den Markt. Ein Blick zurück in der Zeit könnte uns der Lösung näher bringen, ging es früher vor allem auch um die Art des Essens, das „Wie“ sozusagen, geht es heute nur noch um das „Was“. Die Lösung besonders für den infarktgefährdeten Patienten läge aber eher im „Wie.“ Beobachtet man Menschen beim Essen, bekommt man nicht selten den Eindruck, der einzige Genuß läge im Hinunterschlucken, dabei haben wir im Schlund gar keine Geschmacksorgane mehr. Die liegen ausschließlich auf Zunge und Gaumen, und schon von daher wäre die alte Idee der Mahlzeit der modernen Schlingzeit deutlich vorzuziehen.

Generell kann man sicherlich feststellen, daß wir alle besser lebten und insbesondere die Herzinfarkt gefährdeten Patienten, wenn wir weniger Fleisch und mehr frisches Gemüse und Obst essen würden. Unserem Gebiß und unserem Verdauungstrakt nach sind wir zwar Allesfresser, aber doch mit einer deutlichen Tendenz zum Vegetarischen. So ist es auch nicht verwunderlich, daß entsprechende Langzeituntersuchungen wie die Studien des deutschen Krebsforschungsinstitutes in Heidelberg zu dem Ergebnis kommen, daß Vegetarier die gesünderen Menschen mit der höheren Lebenserwartung und der besseren Lebensqualität sind, jedenfalls was den Gesundheitszustand angeht.

Inzwischen ist auch ziemlich unbestritten, daß vollwertige Ernährung, die möglichst naturbelassen genossen wird, die bessere Alternative darstellt. Bei all dem aber ist nie zu übersehen, daß jeder seine Ernährung finden muß. Nicht einmal über das Jahr bleiben einmal gefundene Rezepte beständig. Wer z.B. durch Fasten sensibilisiert, auf seine innere Stimme zu hören gelernt hat, wird herausfinden, daß er im Winter anderes braucht als im Sommer. Die in dieser Richtung besten Wegweiser bieten jene Autoren, die etwa von den vier Elementen ausgehend, Ernährungsrichtlinien für Individuen anbieten. Hier wäre etwa Roland Possin zu nennen mit dem Buch „Vom richtigen Essen“ oder auch die Bücher von Devanando Weise.

Die Schulmedizin hält sich bei der Ernährung häufig an ähnlich undifferenzierte Vorschläge wie beim Sport nach dem Motto „Gesundes Essen und viel Bewegung“. Selbst diese Hinweise werden in unseren Kliniken eigenartig konterkariert, wo man ja bekanntlich trotz des Essens und nicht wegen dem Essen gesund werden müßte. Lediglich beim Erzfeind Cholesterin wird die Schulmedizin bestimmter und fällt gerade hier furchtbar auf die Nase. Die Cholesterinhatz der vergangenen beiden Jahrzehnte wird ist inzwischen selbst Universitätsmedizinern recht peinlich geworden, da sie auf einem banalen Denkfehler beruhte. Ausweg aus dem Unsinn wird nun in ähnlich peinlicher Weise über das sogenannte „gute“ und das „schlechte Cholesterin“ gesucht.

Um die haarsträubende Fehleranfälligkeit des sowieso schon oberflächlichen schulmedizinischen Ansatzes zu verdeutlichen, seien hier vereinfacht die Stationen des Kreuzzuges gegen das Cholesterin dargestellt. Am Anfang steht der legitime Wunsch, das Infarktrisiko über den Blutdruck zu senken. Zwar gibt es diesbezüglich potente Mittel, aber da die Mitarbeit der Betroffenen auf Grund des geringen Leidensdruckes in der Hochdruckgesellschaft so gering ist – Mediziner sprechen schamhaft von geringer Compliance, wenn Patienten sich nicht um ihre Ratschläge kümmern – reichte das nicht. Man untersuchte also die Entstehung der Arteriosklerose und fand, daß sich in entstandene Bruchstellen der Gefäßinnenhaut (Intima), die wahrscheinlich aus abrupten Blutdruckschwankungen auf zu hohem Niveau resultieren, ein Eiweißgerüst einlagert. In allerletzter Zeit geht man vielfach sogar von der Verursachung der Bruchstellen durch Bakterien aus, was die Situation generell aber kaum Weise verändert. Anschließend werden Blutfette wie besonders das Cholesterin und ganz zum Schluß Calziumionen eingelagert.

Um das ganze nun zu unterbinden, hätte man natürlich auch darauf verfallen können, dem Körper möglichst viel Eiweiß zu entziehen, immerhin kommt Eiweiß ja zuerst zum Einsatz. Dieser Gedanke kam wohl gar nicht auf, weil der Patient an dieser „Therapie“ sofort sterben würde. Entzöge man ihm das Calzium, würde er ebenfalls, in diesem Fall unter Krämpfen, verenden. Folglich entzieht man ihm das Cholesterin, weil das das einzige ist, woran er nicht sofort stirbt. Viel mehr Logik ist leider nicht in diese ganze Therapie, die sich den Schulmedizinern erst 20 Jahre zu spät als Sackgasse offenbarte, geflossen. Als es längst Studien gab, die belegten chemische Cholesterinsenkung reduziere die Lebenserwartung, wurde mangels einer anderen Therapie einfach weitergemacht. Dabei hätte es mal wieder mehr als genug Hinweise gegeben, die einen hätten aufhorchen lassen können, wenn man gewollt hätte. Bis vor Jahren gab es bei uns immerhin ein Medikament aus reinem Cholesterin, das bei Rekonvaleszenten mit Erfolg eingesetzt wurde. In der Volksmedizin gab es und gibt es bis heute Rezepte für Geschwächte, die enorme Cholesterinbomben darstellen, wie etwa drei Eigelb in Rotwein gequirlt. Die Indios geben in Lateinamerika bei Schlangen- und Spinnenbissen, die zu inneren Blutungen führen, ähnliche Cholesterinbomben. Nun neigt die Schulmedizin weder dazu, ihre eigene Vergangenheit wichtig zu nehmen (man kann es ihr phasenweise nicht einmal verdenken), noch auf Hausmittel oder gar Indios zu achten. Immerhin wußte man aber doch längst (aus eigenen Studien), daß das Myelin aller Nervenscheiden auf Cholesterin aufbaut und alle Geschlechtshormone ebenfalls, daß der Darm mit großer Hingabe die zur Fettverdauung nötigen Cholesterinmoleküle wieder rückresorbiert, als wären sie wichtig und wertvoll. Leider neigt die Schulmedizin dazu, den Körper für ebenso dumm wie die alte Medizin und ihre Anwender zu halten, sonst hätte man erkennen müssen, daß Cholesterin nicht der Feind sein kann, zu dem es hochstilisiert wurde. Die Genugtuung über die peinlich zähe und nur scheibchenweise erfolgende Rehabilitation eines zu unrecht Verurteilten, kann aber leider den angerichteten Schaden nicht wieder gutmachen. Geholfen wäre uns, wenn endlich das Prinzip hinter diesem Denkfehler entdeckt würde, denn deren gibt es in der modernen Medizin noch gefährlich viele. Das Hauptproblem dieser Medizin ist, daß ihr die Philosophie fehlt, sie hat keinen Begriff von Krankheit und kann sich so auch keinen von Gesundheit machen. Mitte der Achtzigerjahre wurde ich für die oben erwähnten Äußerungen über Cholesterin noch offen verlacht, als wir sie schließlich 1990 publizierten (R. Hößl und R. Dahlke: „Verdauungsprobleme“ (Knaur TB)) wurden sie beiseitegeschoben und heute schweigen Schulmediziner über das Thema am liebsten ganz.

Dabei wäre alles so einfach gewesen. Die Sichtung des verfügbaren Wissens hätte ergeben, daß Cholesterin erstens wichtig für den Körper ist und zweitens offenbar als Gefäßabdichtungsmittel sowohl vom Organismus als auch von der Erfahrungsheilkunde verwendet wird. Einem mit Gefäßbrüchen kämpfenden Körper aber das Dichtungsmittel, quasi den Verbandsstoff zu entziehen, nur weil man sonst nichts tun kann, spottet jeder Beschreibung und ist aber doch leider genau die Beschreibung der Situation. Ähnlich könnte man Notarztwägen behindern oder ganz verbieten, weil ihr Fahren immer ein schlechtes Zeichen ist. Zwar würde man beruhigter leben in der Stadt ohne die Sirenen, aber der Gesundheit der Bevölkerung wäre das wohl doch weniger zuträglich. Ein übermäßig hoher Cholesterinspiegel ist also ein schlechtes Zeichen, aber Zeichen zu attackieren ist lächerlich. Das kann auch nur passieren, wenn man vom Sinn des jeweiligen Krankheitsbildes wenig bis keine Ahnung hat.

Ganz abgesehen davon, daß der Kampf gegen das Cholesterin (außer bei der seltenen familiären Hypercholesterinämie) immer unsinnig war, lief auch die Infarktprophylaxe auf dieser Basis auf ein einziges Armutszeugnis für die Medizin hinaus, da es viel tiefere Ebenen der Vorbeugung gäbe, wenn wir uns nur dem Wesen der Krankheitsbilder nähern wollten.