HEILEN UND SELBSTHEILUNG

Heiler sind wir letztlich alle, und wir könnten es sogar wissen. War nicht schon unsere Mutter eine großartige Heilerin, die uns in der frühen Kindheit mittels „heile-heile-Gänschen“ und vergleichbaren Sprüchen und durch Auflegen ihrer ebenso beruhigenden wie heilend streichelnden Hände von einigem Leid erlöste. Wer es aber nicht mehr weiß, kann es sich von der Schulmedizin beweisen lassen. Diese besteht heute im Hinblick auf ihre wissenschaftlichen Forschungen auf sogenannten Doppelblind-Studien, was bedeutet, dass weder behandelnder Arzt noch Patient wissen dürfen, womit sie da gerade behandeln beziehungsweise behandelt werden. Das sei unbedingt notwendig, sagen Wissenschaftler, um objektive Ergebnisse zu erhalten, anderenfalls werden diese nämlich erheblich durch die Selbstheilungskräfte des Patienten und die heilende Kraft der Droge „Arzt“ beeinflusst.

Letztlich ist natürlich jede Heilung immer Selbstheilung. Die alte Medizin wusste noch „medicus curat, natura sanat“ – der Arzt pflegt, die Natur heilt. Und welche Natur sollte das sein, wenn nicht die eigene? Auch die bedeutendsten Geistheiler, wenn sie sich nicht gerade auf dem Ego-Trip sind, wissen um diese Selbstverständlichkeit. Heiler und Therapeuten können immer nur Rahmenbedingungen schaffen, in denen Heilung möglich wird, beziehungsweise der Patient seinen Selbstheilungskräften erlauben kann, das gerade anstehende Problem zu lösen. Seit fünf Jahren arbeiten wir im Heil-Kunde-Zentrum in Johanniskirchen mit einem russischen Geistheiler zusammen, der sich nicht einmal so nennen will, aber Rahmenbedingungen für Heilung herstellen kann, die verblüffend sind und sich meinem ärztlichen Verständnis entziehen. Letztlich ist es aber sogar egal, ob man davon ausgeht, göttliche Kräfte würden durch einen hindurch fließen und Heilung ermöglichen oder glaubt, es seien eigene Kräfte und Energien, die solches bewirkten. Da nach christlicher Auffassung das Himmelreich Gottes in uns liegt, könnte es also auch die göttliche Kraft aus dem eigenen Innern sein, die heilende Wirkungen entfaltet. Vajrajana-Buddhisten etwa machen noch weniger Unterschied zwischen Außen- und Innenwelt und halten beide für völlig identisch, wodurch sich gar nicht erst eine Polarisierung ergibt. Insgesamt lässt sich feststellen, dass es für die Entwicklung des Heilers oder Therapeuten selbst einen erheblichen Unterschied macht, ob er Gott oder eine höhere Energie oder sich selbst für die Quelle der Heilung hält. Auf letzterem Weg gibt es meist vom sich aufblähenden Ego ausgelöste Komplikationen. Insofern wäre unbedingt zu raten, sich lieber als Werkzeug denn als Quelle und Macher der Heilung zu erkennen.

Wie Heilung letztlich funktioniert, weiß weder die Schulmedizin noch die Naturheilkunde genau, es gibt lediglich Umschreibungen und Erklärungsmodelle. Die Quantenphysik, die gründlich mit unserem alten Weltbild aufräumt und Raum und Zeit in Einsteins Sinne relativiert, kann dafür die besten Erklärungen geben, ist nur leider so schwer zu verstehen. Was wir heute immerhin ahnen, ist die Möglichkeit über den Eintritt in dem Augenblick des viel besungenen Hier und Jetzt an diese ungeheuren Möglichkeiten der Wandlung und damit auch Heilung heranzukommen. In der Gegenwart des Momentes gibt es keine Hindernisse mehr und alles wird möglich. Dass das ganze Universum ständig neu im Augenblick entsteht, belegt uns die neue Physik, warum also nicht auch unsere Organismus neu und gesund wiedererstehen lassen. Hier allerdings spielt das Zusammenwirken von Körper und Seele herein und letztere erlaubt ersterem nicht so ohne weiteres im Augenblick die Karten völlig neu zu mischen. Insofern ist dabei immer auf die Seele zu achten. Das hat mir auch die Krankheitsbilder-Deutung wie sie sich in dem umfassenden Nachschlagewerk „Krankheit als Symbol“ niederschlägt immer wieder vor Augen geführt.

Am plausibelsten für die Erklärung von Heilungsphänomenen ist also noch die Vorstellung, dass der Organismus und die Seele in Stand gesetzt werden, sich selbst zu helfen und aus eigener Kraft wieder für Ordnung zu sorgen. Zum Beispiel lässt man die Abwehrkraft erstarken und diese sorgt dafür, das der Konflikt vom Immunsystem gelöst wird oder man hilft der Seele eine Situation zu durchschauen und darüber hinauszuwachsen, sodass ein vormaliges Problem sich – wie von selbst – löst. Für diese Selbstheilungstendenz sprechen auch die verblüffenden Heilungserfolge während des Fastens, wo Körper und Seele einfach Ruhe zur Regeneration bekommen. Seit 30 Jahren bestaune ich in meinen vier großen Fasten-Seminaren pro Jahr diese ungeheure Kraft der Regeneration, die wir allein dadurch freisetzen, dass wir aufhören zu essen.

Auch die moderne schulmedizinische Tendenz, schwerstkranke ins künstliche Koma zu versetzen, wirkt wohl auf diesem Weg. In solchen Zeiten völliger Ruhe, kann der Organismus offenbar am besten seine Selbstheilungskräfte mobilisieren.

Ob man also Probleme durch zunehmendes Wissen und Erkenntnis löst, dem Organismus Ruhe verordnet, dass er sich erholen und seine Abwehr stärken kann oder Energie kanalisiert und stabilisiert, oder sogar schulmedizinisch Symptome unterdrückt, letztlich ist es immer die Selbstreparatur- oder Selbstheilungstendenz die für Ordnung und Regeneration sorgt. Diesbezüglich ist kein Unterschied zwischen Schulmedizin, Naturheilkunde, Psycho- und spiritueller Therapie.

Tatsächlich wissen wir in den wenigsten Fällen von Heilung wie das konkret funktioniert hat. Die alte Medizin war mit ihrem „medicus curat, natura sanat“ der Wahrheit wenigsens noch nahe. Erst die moderne Schulmedizin ist irgendwann dem Irrtum aufgesessen, dass sie beziehungsweise ihre Mediziner heilen könnten, und so kam es zu Gesundheitsfabriken, in denen angeblich Gesundheit am laufenden Band produziert wird. Hildegard von Bingen, aber auch noch Paracelsus glaubten, dass es immer der „Archeus“, der innere Arzt des Patienten, sei, der Heilung in Gang bringt. Diese demütige Haltung haben inzwischen auch viele Naturheilkundler verlassen. Aber selbst Chirurgen, die sich noch am ehesten für die Heilung verantwortlich fühlen könnten, werden manchmal von der Natur eines Besseren belehrt, wie ihr alter Spruch verrät: „Operation gelungen, Patient tot.“ Ganz offensichtlich kann man alles richtig machen, und der Patient stirbt trotzdem.

Natürlich ist es uns Ärzten immer angenehm, wenn wir wissen, was biochemisch und physiologisch bei einer Genesung passiert. Aber auch bei vielen schulmedizinischen Mitteln wissen wir es nicht, und geben sie trotzdem im Rahmen von Erfahrungsmedizin. In der Naturheilkunde ist das meiste Erfahrungsheilkunde, in der Psychotherapie praktisch alles. Wir haben nicht den blassesten Schimmer, auf welchem biochemischen Weg Worte heilen. Insofern ist der Schritt von der Psychotherapie zur sogenannten Geistheilung in Wirklichkeit nicht allzu weit.

Glücklicherweise kann ich sagen, dass wir in über 30 Jahren bei der Reinkarnationstherapie viele Heilungen erlebt haben, aber wie sie genau passiert sind, wissen wir nicht. Wir haben die spirituelle Philosophie im Hintergrund und eine Theorie der Reinkarnationstherapie, die wir sogar lehren, aber – wie übrigens alle Psychotherapeuten – betreiben wir Erfahrungsheilkunde.

Mit Hilfe der Krankheitsbilder-Deutung im Sinne des erwähnten „Krankheit als Symbol“ habe ich viele Heilungen erlebt, aber auch bei Menschen, die die Schicksalsgesetze verstanden und sich danach richteten und vor allem „Das Schattenprinzip“ durchschauten und Frieden machten mit ihren dunklen Seiten. Sich einzuordnen in diese Schöpfung und ihre Spielregeln und Gesetze zu akzeptieren und auf sich und seine Umgebung anzuwenden, ist sicher ein entscheidender Schritt in Richtung Heilung.