Globalisierung und Turbokapitalismus

Trotz der Nachteile für breite Schichten werden die Anhänger des Turbokapitalismus nicht müde, die Globalisierung als das Allheilmittel besonders für die armen Länder zu preisen. Die Wirklichkeit sieht aber leider ganz anders aus. Zwar wird tatsächlich durch Outsourcing viel Arbeit in arme Drittweltländer verteilt, allerdings zu Bedingungen, die dort das Elend eher vergrößern. Wenn Nike seine Näherinnen in Vietnam und Indonesien unter dem dortigen Existenzminimum abspeist, wird dadurch die Reichtumsverteilung in der Welt keineswegs gerechter. Das Beispiel Mexiko mag das verdeutlichen. Um dem Diktat des IWF gerecht zu werden, ordnete der mexikanische Präsident in seinem Land eine Radikalkur an. Die Zinsen stiegen auf über 20 Prozent, und die Staatsausgaben wurden drastisch beschränkt, sodass das Land — laut Newsweek vom 18. März 1996 in die ärgste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg stürzte und seine Bürger in entsprechende Depressionen. Innerhalb von wenigen Monaten gingen über 15 000 Unternehmen in Konkurs, etwa drei Millionen Mexikaner verloren ihre Arbeit, und die Kaufkraft nahm um über 34 Prozent ab. Zehn Jahre von den internationalen Organisationen verordnete Deregulierung, Privatisierung und Stärkung des Marktes nach dem Lehrbuch des Neoliberalismus haben dem Land viel mehr geschadet als genutzt. Das Ergebnis sind die Guerilla der Zapatisten im Süden des Landes, die sich vorwiegend aus armen Bauern rekrutiert, aber auch Protestbewegungen des Bürgertums, das durch die hoch schnellenden Zinsen seine Kredite nicht mehr abzahlen konnte und so in den Strudel des Elends mit hineingerissen wurde. Mexiko ist eher auf dem Sprung zum Bürgerkrieg als auf dem Weg in die gelobte Erste Welt.

Auch die zunehmenden Anschuldigung hiesiger Arbeiter und ihrer Gewerkschaften gegen die arme Konkurrenz aus dem Ausland entbehren im Wesentlichen der Grundlagen. Die ebenso billigen wie fleißigen Arbeitsbienen der Dritten Welt sind es kaum, die den Menschen der Industrieländer Arbeit wegnehmen. Deren Arbeit will hierzulande sowieso kaum jemand machen. Wenn überhaupt, wäre in diesem Zusammenhang an die hoch qualifizierten ausländischen Computerfachleute zu denken. Die sind aber nicht durch Deutsche zu ersetzen — mangels Qualifikation. Viel mehr Arbeitplätze schluckt der ständig weiter vorangetriebene technische Wandel, der Rationalisierungen am laufenden Band mit sich bringt.

Tatsächlich ist die Wahrheit gerade umgekehrt: Die Globalisierung nutzt weder den Armen in der Dritten Welt noch den Unterprivilegierten der Ersten, sondern ausschließlich den Reichen und Privilegierten überall auf der Welt. Im Übrigen wachsen auch die wirtschaftliche Gesamtleistung der Industrienationen und deren Reichtum stärker denn je weiter, lediglich deren Verteilung wird immer ungleicher.

Tittitainment

Den ganzen Arbeitstag über gehetzt und gestresst, suchen die Menschen nach solch einem Tag oft aber gar nicht mehr. Sie verkriechen sich in ihren Fernsehsessel und lassen sich von Seifenopern und Spielshows ablenken. Die fast ausschließlich auf Horror aufgebauten Nachrichten deprimieren sie so, dass ihnen ihr eigenes Schicksal bis Mitternacht wieder erträglicher erscheint, sodass sie dann in jeder Hinsicht fertig ins Bett sinken. Tittitainment ist das peinliche US-Wort dafür, das entertainment (Unterhaltung) als die Kunst, jemanden unten zu halten mit den Tittis, einem Slangwort für weibliche Brüste verbindet. Es geht dabei um die Beschäftigung und zugleich Ruhigstellung jener 80 Prozent, die vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen, durch eine Mischung aus Ablenkung und flacher Lustbefriedigung nur so weit bei Stimmung gehalten werden, dass sie nicht gewalttätig werden;

Auf diese Weise verlieren sie den Kontakt zu ihren Leidensgenossen, der sie vielleicht über Solidarisierungseffekte aus der Lethargie herausreißen könnte. Stattdessen erleben sie ihre Entmachtung und Ohnmacht in relativer Isolierung, hören auf, Fragen zu stellen, zu wählen und sich zu entwickeln.

Perspektiven

Auswegslosigkeit in der wirtschaftlichen Abwärtsspirale

Die beschriebene von der noch halbwegs mächtigen Politik in den G7-Staaten weltweit betriebene Anpassung an den Freien Markt und seine Gesetze führt immer schneller und tiefer in einen Abwärtsstrudel, dem sich zu entziehen, immer schwerer wird. Über weite Strecken gleicht das Spiel der berühmten Fabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel. So sehr sich der Hase auch anstrengt, der Igel hat einfach den wirksameren Trick. Die Hasen und Arbeitnehmer werden bei den modernen Industriewettläufen immer nur verlieren können. Irgendein billiger produzierendes Unternehmen wird weltweit schon zu finden sein oder jedenfalls bald auftauchen. Dann müssen alle den Gürtel enger schnallen, um sich anzupassen und der Herausforderung zu begegnen. Selbst wenn das gelingt, wird es aber nur dazu führen, dass sich auch die anderen anpassen (müssen) und so geht das Spiel ewig weiter, während der Druck wächst und nebenbei auch die Gewinne der Aktienhalter. Für die Mehrheit der Menschen wird die Situation zunehmend unerträglicher, die Kluft zwischen Besitzenden und Abhängigen wird größer und irgendwann wohl auch für Unfrieden sorgen. Denn die Zahl der Menschen, denen im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr übrig bleibt, wächst ständig. Sie haben dann irgendwann einfach nichts mehr zu verlieren, was eine auch politisch gefährliche Situation heraufbeschwört. Das haben jene Entwicklungsländer gezeigt, wo die Machthaber es mit Unterdrückung und Ausbeutung zu weit getrieben haben.

Die „Financial Times“ vom 30.4.96 wird sehr direkt, wenn sie der Wirtschaft für die Zukunft empfiehlt „mehr Arbeitsplätze für junge Männer zu schaffen“. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass es vor allem männliche Jungendliche sind, die mangels gesellschaftlicher Chancen zu Kriminalität und Gewalt tendieren. Da aber mehr als 2/3 der US-Stellen für Ungelernte von Frauen besetzt sind, wäre es nach dieser perfiden Logik am wirkungsvollsten die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen zu beschränken, da diese weniger zu Gewalt neigen als Männer. Neben der Diskriminierung der Frauen fällt bei dieser Argumentation der führenden Wirtschaftszeitung der USA auf, dass hier der kriminellen Seite bereitwillig nachgegeben wird. Wer schlimmer droht, bekommt schließlich, was er will. Das könnte leicht die Maxime einer immer kälter und härter agierenden Gesellschaft werden. Der „International Herald Tribune“ zitiert Klaus Schwab, den Gründer des World Economic Forum in Davos, also durchaus einen Mann der Wirtschaft: „Die menschlichen Konsequenzen der Globalisierung erreichen ein Niveau, mit dem das ganze Sozialgefüge der Demokratien in nie da gewesener Weise auf die Probe gestellt wird.“ Schwab erkennt sehr richtig die Stimmung von „Hilflosigkeit und Angst“, die in eine unberechenbare Gegenbewegung münden könnten und fährt fort: „Die politischen und wirtschaftlichen Führer sind herausgefordert, zu demonstrieren, wie der neue globale Kapitalismus so funktionieren kann, dass er auch der Mehrheit Nutzen bringt und nicht nur Konzernen und Investoren.“ Mit dieser Forderung sind aber Regierungen und Konzernmanager völlig überfordert, es gibt kaum Anzeichen, dass die neoliberale Wirtschaftsstrategie allen nützt, aber jede Menge, dass sie den allermeisten schadet. Auf jeden Fall steht die Zahl der weltweiten Verlierer in gar keinem Verhältnis zu den Gewinnern. Ökonomisch funktioniert das Ganze natürlich perfekt, aber immer mehr Menschen bemerken nun doch, dass sie nur noch sehr peripher zur Ökonomie gehören, spüren dafür aber immer deutlicher, dass ihr Leben nicht nur aus wirtschaftlichen Erwägungen besteht.

Am Beispiel der deutschen Großstadt Essen mag das deutlicher werden. Der Stadtkämmerer Horst Zierold antwortet auf die Frage, warum im Zuge des Rückbaus aufgrund von Bevölkerungsschwund gerade in den ärmeren Stadtteilen mit Freibadschließungen gespart wird, sehr direkt, Essen müsse für Investoren und die bereits ansässigen Konzerne attraktiv bleiben. Nur so und keinesfalls mit sozialen Wohltaten wie kostenloser Schulmilch sei der Wohlstand zu erhalten. So wird dann folgerichtig letztere ersatzlos gestrichen und dafür der Zuschuss für die Oper erhöht. Das kostet 65 Millionen und die Einsparung der Milch bringt nur 50 000.- DM. Also muss der Rotstift weiter angesetzt werden. Und er wird nach herrschender Logik immer dieselben und nicht nur in Essen treffen und das Land weiter in Sieger- und Verliererregionen polarisieren.1

Lösungsansätze

Lösungsansätze wären – ganz abgesehen von der dringend notwendigen Bewusstwerdung auf allen Seiten – selbst auf der wirtschaftlich-politischen Ebene durchaus denkbar, nur bräuchten sie den Mut zu auf den ersten Blick unpopulären, ja unamerikanischen Maßnahmen. Die Besteuerung des Geldverkehrs (Tobinsteuer) könnte die riesigen Devisenströme, die täglich um die Welt fließen und ganze Staaten bedrohen, drastisch eindämmen. Die Welt würde dadurch nichts verlieren, denn auf diesem „Markt“ wird nichts geschaffen, sondern nur (ver-)spekuliert. Früher galten Spekulanten als der Abschaum der Gesellschaft, heute liegt das Schicksal der Welt in den Händen „dieser Burschen“, wie der französische Staatspräsident einmal genannt hat. Das ließe sich mit einem einfachen Gesetz ändern. Natürlich wäre das eine der verpönten Regulierungen, die allerdings dazu führt, dass jemand, der gegen die Währung eines Landes oder eine Firma spekulieren will, zuerst selbst zur Kasse gebeten wird. Das allein würde viele Spekulanten schon merklich beruhigen. Warum um Gottes Willen müssen denn Geld- und Aktiengeschäfte steuerfrei sein, wenn alles andere auch versteuert werden muss?

Ein weiterer unaufschiebbarer Schritt ist die von der deutschen Regierung viel zu zögerlich, aber immerhin begonnene ökologische Steuerreform. Zögerlich wohl deswegen, weil die Politiker gegen die von den Massenmedien (der Konzerne) bestimmte Meinung nicht ankommen. Der Bildzeitungsleser in Deutschland wird aufgrund seiner täglichen Lektüre wenig begreifen von den Zusammenhängen der Globalisierung. Er wird aber von seinem Blatt dahingehend gebildet, dass sein Benzin nicht teurer werden darf. Das ist genau die Strategie der Corporation nation. Die Bildzeitung wird als Zentralorgan deutscher Biertrinker und Stammtischler und damit Mehrheitsmedium, ihren Lesern den Zusammenhang zwischen subventionierter billiger Energie und den eigenen beruflichen Problemen kaum auseinander setzen. Damit aber wird die Chance weiter steigen, dass ihre breite Leserschaft weiter für eine Politik der billigen Energie votieren wird, die den eigenen Niedergang beschleunigt.

Würden die Energiekosten auf ein Niveau steigen, das all die Schäden, die durch ihren großzügigen Verbrauch entstehen, abdeckt, würde der (Welt-)Handel durchaus frei bleiben. Allerdings entfiel der Anreiz, Erz zur Veredelung von Australien nach Namibia zu verfrachten, um es anschließend zurückzuholen. Viel Verkehr würde einfach verschwinden, weil es sich nicht mehr lohnte, was übrigens auch dem Bildzeitungsleser auf seinem Lieblingsweg, der Autobahn, angenehm zugute käme. Für die vielen Schlachttiere wäre es ein Segen und die überstrapazierte Luft könnte wieder aufatmen, sogar die Atmosphäre mit ihrem Ozonloch fände Entlastung. So ließe sich bei gutem Willen und entsprechender Einsicht ein Teufelskreis mit einer Spirale nach unten in eine nach oben wandeln. Gerechte, das heißt, kostendeckende Energiepreise würden auch die zunehmende Arbeitsteilung begrenzen. Outsourcing würde weniger attraktiv, weil der Transport über weite Strecken zu teuer käme. Hier läge also unsere ökologische Hauptchance. Energiesteuern verführen auf sehr direkte Art zum Energiesparen. Neben der Umweltentlastung werden dadurch andere Energieträger attraktiver, die Forschung kommt in Gang und neue Arbeit in Sicht. Dänemark sei hier als leuchtendes Beispiel erwähnt. Die weit niedrigeren Arbeitslosenzahlen und der deutlich geringere Energieverbrauch pro Kopf (in einem bioklimatisch kühleren Land!) sind laut dänischem Finanzminister Ergebnis der seit 1992 laufenden ökologischen Steuerreform.

Auch die menschliche Arbeitskraft würde wieder wertvoller, in dem Maß wie Energiekosten stiegen. Nach einer Modellrechnung des „deutschen Instituts für Wirtschaftforschung“ könnte eine allmähliche Steigerung aller Energiekosten innerhalb von 10 Jahren in der BRD mehr als 600 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Logischerweise würden zum Beispiel im handwerklichen Bereich am Bau mehr Arbeiten anfallen, wenn sich Dämmung endlich rechnen würde. Bei den momentanen Energiekosten lohnt sie sich durchaus nicht. Es bringt mehr ein, zum schlecht isolierten Fenster hinaus zu heizen und sein Geld in irgendeinem Bankenfonds arbeiten zu lassen. Die Menschen sind mehrheitlich weniger dumm als egoistisch. Die Bauherrn würden schon dämmen und Solaranlagen installieren, wenn es sich lohnte – wohl nicht aus Einsicht, sonst hätten sie es längst getan, aber ganz sicher aus Egoismus.

Einige Beispiel zeigen, dass es geht. Die Erhöhung der Vergütung für Solarstrom, die die rotgrüne deutsche Regierung wagte, führte zu einem noch immer anhaltenden Boom in diesem Bereich. Hermann Scheer hat in „Sonnen-Strategie, dem Grundlagenbuch für die solare Wende, den Weg in ein anderes Energiezeitalter skizziert, wir bräuchten dem Plan nur zu folgen. In ihrem Buch Ökokapitalismus bringen Hawken und das Ehepaar Lovins2, eine Fülle von Szenarien, wie unser Gesellschaftssystem wieder menschlich zu gestalten und nebenbei die Umwelt zu retten wäre. Interessant für die ob solcher Ideen leicht verschreckte Schicht der Besitzenden ist, dass es dabei keineswegs um Revolution, sondern um Evolution geht, die allen, auch den Reichen, nützt. Über sinnvollen Ressourceneinsatz ließe sich auch wieder Arbeit schaffen, obendrein eine, die bewusste Menschen befriedigen könnte.

Angemessene Preise für die nicht erneuerbaren Ressourcen, die uns unsere Erde liefert, würden dazu führen, dass nachhaltiger gewirtschaftet wird, um das neue Zauberwort zu gebrauchen. Warum sollen denn die Schätze der Erde nicht ebenfalls geldwert haben, sondern nur die Industrieprodukte. Wegwerfartikel würden dann zu teuer werden, Reparatur würde sich wieder lohnen und während Arbeitsplätze entstünden, würde die Umwelt entlastet.

Für die Autoindustrie könnte das zum Beispiel bedeuten, dass man dazu überginge, endlich technisch bereits mögliche Autos mit doppelter Lebensdauer zu produzieren. Dadurch würde der Anteil an Reparaturkosten für die Gesamtaufwendungen gegenüber dem Kaufpreis steigen. Das aber würde die Arbeit der Mechaniker gegenüber der der Roboter in der Produktion aufwerten. Natürlich könnte man auch längst auf andere Motorenkonzepte umstellen. Im Augenblick stehen den Erdgas- , Brennstoffzell- und Wasserstoffmotoren lediglich wirtschaftliche, aber keineswegs technische Hindernisse entgegen. Die Tatsache, dass überall bereits Prototypen herumfahren, belegt das eindrucksvoll.

Und natürlich liegt die Lösung nicht bei den Autos, sondern bei sinnvolleren Verkehrskonzepten, die sich aber ebenfalls schon abzeichnen, wenn Politiker die Chance bekämen, Mehrheiten für entsprechende Umstellungen zu gewinnen. Das allerdings ist in der Mediendemokratie schwer, solange die Medien mehrheitlich Konzerninteressen vertreten.

Aber alle Projektion auf Politiker, Konzerne und Fondsmanager bringen nichts, wir haben genau die Politiker, die wir gewählt haben, genau die Manager, die wir zulassen und haben die freie Wahl, wen wir mit unserem Geld ermächtigen.

Hätten wir zum Beispiel endlich eine drastische Besteuerung des Flugbenzins, um nur ein recht oberflächliches Beispiel zu wählen, würde das den Flugverkehr keineswegs zum Erliegen bringen, aber doch auf das notwendige Maß begrenzen. Selbst der Tourismus würde weiter florieren, aber sich mehr auf nahe gelegene Ziele konzentrieren, was wiederum der Gesundheit der Touristen und der Ökologie zugute käme. Diese Entwicklung der Einschränkung des Flugverkehrs haben wir nun mit dem 11. Septermber über den harten Weg der berechtigten Angst bekommen. Das wäre längst vorher durch Einsicht möglich und überfällig gewesen.

An solchen Punkten lässt sich erkennen, dass wir aus dem Sog in den Abgrund selbst durch einfache politische Weichenstellungen noch einen Aufwärtsspirale machen könnten. Momentan scheitern wir aber noch am mangelnden Bewusstsein. Weder durchschaut die Mehrheit der Wähler, was sie retten könnte, noch erkennt sie, was sie gesundheitlich und seelisch bräuchte.

Statt der Globalisierung der Ungleichheit ließe sich theoretisch mit unserem enormen Zuwachs an Produktivität auch für globalen Ausgleich sorgen, statt Konsum- und Verschwendungswirtschaft könnte auch der Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, auf Erhaltung und Schutz der Umwelt gelegt werden. Finanzierbar wäre das leichter denn je, aber mit den jetzigen Organisationen und dem Bewusstsein der Bevölkerungen ist es noch nicht realisierbar. Bildungsoffensiven könnten hier sicher etwas ändern, aber solange wir in dem beschriebenen wirtschaftlichen Teufelskreis stecken, bleibt nur der Weg über das Bewusstsein einzelner immer größerer Bevölkerungskreise zu erreichen.

Allerdings erkennen auch ganz oben an der Spitze der Pyramide immer mehr Manager, dass sie mit der Exekutierung zunehmend unmenschlicher Effizienzsteigerungsmaßnahmen, neben dem Zugang zu ihrer eigenen Seele auch alle Freunde und vor allem alle Freude am Leben verlieren. Schließlich machen sie zuerst ihr eigenes Leben zu jener einsamen Hölle, die heute in den USA schon einen medizinischen Namen trägt. Die Alexithymie ist ein Zustand, wo einem wirklich nichts mehr übrig bleibt, der lange nach dem Burnoutsyndrom kommt und dieses weit in den Schatten stellt. Eine Art Roboter- oder Zombieexistenz, von Partnern, Kindern und früheren Freunden längst verlassen, funktioniert er immer noch ziemlich perfekt, aber ohne jeden Zugang zu Gefühlen oder Emotionen. Er ist jetzt wirklich durch und durch cool und hat damit das weltweite US-Ideal für die Jugend der Welt umgesetzt. Bisher konnte dieses Krankheitsbild nur in den USA verwirklicht werden, bisher auch nur von Männern und zwar von solchen, die sich den Erfolgsweg bis zur bitteren Neige gegeben und sich das Leben nachhaltig missgönnt hatten.

Wenn Manager weltweit entdeckten, dass auch sie Menschen mit menschlichen und sogar spirituellen Bedürfnissen sind, würden sie sich eher weigern, unseren Heimatplaneten und seine Bewohner zu drangsalieren und sich selbst und allen anderen die Lebensgrundlage zu entziehen. Leider haben sie sich in der Regel so weit im männlichen Yang-Pol verfangen, dass sie die große Welt gar nicht mehr wirklich wahrnehmen, sondern nur noch ihre eigene Corporationworld der täglichen kleinen und großen Gemeinheiten. Sie sind auf eine schauerliche Weise in einer Karikatur des Hier und Jetzt gelandet, denken vor lauten Anspannung und Wichtigkeit wohl gar nicht mehr an Morgen. Würde man sie fragen, ob sie Lust hätten, für einen Einkommenszuwachs von 40 Prozent ihre Arbeitsleistung um weitere 30 Prozent zu steigern, noch einmal 20 Prozent der Belegschaft hinauszudrängen, ihre Kinder noch weniger zu sehen und die letzte Lust zu verlieren, mit ihrer Frau zu schlafen, würde die Mehrheit wohl erschrecken und dankend verzichten. Die Frage wird aber nicht gestellt, trotzdem gehen sie diesen Weg – in jedem Moment – und wer von ihnen hat schon Muße über die eigene Zukunft und die der eigenen Spezies nachzudenken?

In jedem Mann und auch im noch so harten schlummert aber ein weiblicher Anteil, von C. G. Jung Anima genannt, der immer und jederzeit der Erweckung harrt. Hinter jedem Mann steht auch mindestens eine Frau, wenn nicht die eigene, dann zumindest die ureigene (Mama). Statt sich als Opfer einer vom Yang dominierten und geknechteten Welt zu fühlen, könnten Frauen diese Rolle als Chance erkennen und in sich und ihren Männern den Yin-Pol beleben. Oft ist der Weg für die Männer alleine zu schwer und sie sind schon zu weit in eine Richtung gegangen, um aus eigener Kraft noch umkehren zu können. Dann könnten ihnen ihre Partnerinnen auf die Sprünge helfen, solange für sie und uns noch Zeit bleibt. Sie täten es der Welt und sich selbst zuliebe.

Diesbezüglich habe ich selbst gute Erfahrungen gemacht. Bei Gesundheitstrainings für Manager hat es sich sehr bewährt, die Partnerinnen mit einzubeziehen. Anfangs war der Gedanke den Organisatoren auf den Chefsesseln gänzlich ungewohnt, aber bei so einfachen Dingen wie einer gesunden Lebensführung, zeigte sich sehr schnell, dass neue Ernährungsstrategien und Regenerationsprogramme nur gemeinsam eine Chance haben. Oft konnte ich als Therapeut erleben, wie die ersten Impulse in Richtung mehr Lebendigkeit von den Partnerinnen ausgingen oder manchmal sogar von den naiven Fragen der eigenen Kinder. Hier eröffnet sich eine riesige Chance für all die Millionen Frauen, die mit der grundsätzlichen Richtung ihres Lebens in dieser Welt gar nicht einverstanden sind.

Wer möchte schon – wenn er in seinem Herzen ehrlich ist – abends mit einem Menschen verkehren, der tagsüber anderen Menschen das Leben zur Hölle macht, selbst oder gerade, wenn der vorgibt, es mache ihm gar nichts aus. Für einen bewussten, fühlenden Menschen muß es eine deprimierende und scheußliche Vorstellung sein, an seiner Seite so zu tun, als wäre tagsüber nichts geschehen. Wenn aber Manager niemanden mehr finden würden, der ihr seelisches Elend teilt, würden sie sich rasch eines Besseren besinnen. Das ist natürlich vorerst utopisch, denn gerade Geld macht angeblich besonders sexy, und Geld haben die Exekutoren der gesellschaftlichen Verelendung für sich und ihresgleichen genug – all das, was sie auf den unteren Etagen der Pyramide eingespart haben. Längerfristig könnte sich hier aber ein Weg ergeben. Frauen haben auf dieser sensiblen Ebene einen ungleich besseren Zugang zum Yin und darüber eine ungeheure Macht, derer sie sich noch kaum bewusst sind und die sie noch seltener nutzen. Es sind aber vor allem auch Frauen, die unter dem Raubtiersystem der neuen Marktwirtschaft leiden, was läge also näher, als sich im direkten Umfeld an dessen Vertreter zu halten. Eine Analogie mag diesen Ansatz noch deutlicher machen. Es sind auch vor allem Frauen, die aufgrund ihres durchschnittlich größeren Einfühlungsvermögens unter der Tatsache der sinnlosen Tierversuche leiden, wenn man einmal von den Tieren selbst absieht, was bei uns ja leider üblich ist. Was aber wäre, wenn Frauen sich weigerten mit Männern zu verkehren, die es als ihre tägliche Aufgabe ansehen, Tiere zu martern. Zuerst würden die Tierquäler wohl ihre Tätigkeit verschweigen, aber sich auch schon – was ihre Rückkehr zur Menschlichkeit einläutete – dafür schämen. Möglicherweise könnten einige wenige vor sich und ihrer Welt sogar begründen, warum sie das für die medizinische Forschung und zum Wohl von Kranken tun. Aber nur ein Bruchteil könnte das für sich in Anspruch nehmen. All jene, die Tiere ohne Not „vernutzen“, aufgrund sinnloser Gesetze und längst widerlegter bürokratischer Bestimmungen, würden allmählich Auswege aus dem Elend ihrer eigenen Tierquälerexistenz suchen und damit allmählich das sinnlose Leiden unzähliger Tiere beenden.

Dieses gesamtgesellschaftlich scheinbar so unbedeutende Beispiel kann uns so zeigen, wo die Hebel anzusezten wären und wie aus kleinen Schritten große Bewegungen werden könnten. In einer Zeit, wo die US-Politik nur noch destruktive Aktionen setzt und ihre die internationale in beklemmender Weise dabei folgt, bräuchten wir gerade diese kleinen und mittleren Schritte in konstruktive Richtung.