Fasten heute

Natürlich hat Fasten eine uralte Tradition in allen Kulturen. Aber auch in unserer Zeit des Überflusses und der Fülle, hat es gleichsam aus dem gesellschaftlichen Schatten heraus viele Anhänger gefunden. Als ich vor über 30 Jahren meinen ersten Fastenkurs ausschrieb, war ich verblüfft, auf Anhieb 28 Anmeldungen zu diesem kargen, intensiven Seminar zu bekommen. Heute ist Fasten schon längst kein Geheimtipp mehr, sondern hat eine stabile und ständig weiter wachsende Anhängerschaft, obwohl sich die Schulmediziner mehrheitlich insgesamt weiter dagegen sperren. Schon die Heilige Hildegard von Bingen vertraute darauf. Sie ging davon aus, Fasten sei für 29, der ihr bekannten 35 Laster, eine ausgezeichnete Therapie, lediglich bei fünf Lastern helfe es nicht und nur eines würde dadurch verschlechtert. Letzteres ist die Hybris oder Arroganz. Dieser Gefahr müssen sich Fastende wirklich bewusst stellen, denn vor allem in Gruppen neigen sie sonst zur Entwicklung von Hochmut und Selbstgerechtigkeit und schauen von himmelhohen Positionen auf jene herab, die weit unter ihnen futtern und trinken und sich den Genüssen der Welt hingeben.

Die weit überwiegende Zahl der Krankheitsbilder spricht sehr gut auf Fasten an. Hoher Blutdruck kommt in Rekordzeit herunter, Arthrosen und viele andere Gelenkprobleme bessern sich, Leberprobleme sprechen wundervoll auf Fasten an, Verdauungsprobleme werden saniert wie die chronische Verstopfung, die Haut wird von innen heraus regeneriert – über mehrere Fastenzeiten lassen sich chronische Hautprobleme nachhaltig bessern.

Natürlich ist es auch kein Zufall, wenn alle großen Religionen es ihren Anhängern ans Herz legen. „Essen und Trinken halten Leib und Seele“ zusammen, weiß der Volksmund. Einige Religionen wissen wohl, wie Fasten der Seele erlaubt, Abstand zu gewinnen und zu erkennen, dass sie in einem Körper lebt, der wichtig aber längst nicht alles ist. Aus diesem Körperhaus einen Tempel der Seele zu machen, ist ein typischer Wunsch, der nicht selten in Fastenzeiten auftaucht und die Seele geradezu beflügelt. Wer also fastet ist – nach Ansicht verschiedner heiliger Schriften – auf einem guten Weg zu sich selbst und sogar zur Einheit oder zu Gott.

Insofern wirkt es etwas eigenartig, wenn neben Schulmedizinern heute immer wieder selbstberufene Spezialisten für Ayurvedische oder chinesische Medizin bestimmte Menschentypen vor dem Fasten warnen. Mir kommt es immer sehr mutig vor, sich gegen die Weisheit der heiligen Schriften zu stellen und es hat sich weder in der Medizin noch in der Psychologie bewährt. Allerdings ist es richtig, dass Menschen mit bestimmten Konstitutionen sich schwerer beim Fasten haben als andere, aber gerade schwere Aufgaben können wichtige Lernschritte mit sich bringen.

Für eine Frau mit niedrigem Blutdruck, schwachem beziehungsweise typisch weiblichem Bindegewebe und geringer Eigenwärme ist Fasten viel herausfordernder als für einen Mann mit hohem Blutdruck und großer Eigenwärme. Nach meinen Erfahrungen ist es für beide gut, aber für die Frau noch wichtiger, denn für sie wirkt es aus der homöopathischen Richtung, weshalb sie mit viel deutlicheren Erstreaktionen, eben manchmal auch im Sinne von Erstverschlimmerungen rechnen muss. Tatsächlich sinkt der Blutdruck durch Fasten noch ein wenig, was sie natürlich ungleich mehr spürt als ein Hochdrucktyp. Für den ist Fasten angenehm, senkt es doch den Druck in seinem ganzen Leben von jeder einzelnen Zelle bis zu dem hinter seinen Themen. Das aber ist ein allopathischer Ansatz. Der ist deshalb noch nicht schlecht, aber langfristig führt eher Homöopathie zu Heilung. Ich durfte tatsächlich oft erleben, wie Fasten über längere Zeiträume sogar die Konstitution verändern kann und die Misere des niedrigen Blutdruckes behob.

Auch wenn ich ärztlicherseits bei einigen Krankheitsbildern vorsichtig bin, fällt doch auf, wie mutig Otto Buchinger, der Pioneer unter den modernen Fastenärzten noch war. Er ließ selbst Psychotiker und Borderliner noch fasten, wir trauen uns das heute im Heil-Kunde-Zentrum höchstens unter intensiver Psychotherapie in einigen besonderen Fällen.

Heute herrscht in der Medizin großer Mut zu erheblichen Eingriffen, beim Fasten, der aller einfachsten und von den meisten Tieren und fast allen Kindern spontan gewählten Therapie bei fieberhaften Entzündungen ist man bis in naturheilkundliche Kreise vorsichtig geworden. Schulmediziner sehen plötzlich sensible Körper-Gleichgewichte in Gefahr, Naturheilkundler fühlen sich berufen, heiligen Schriften zu widersprechen. Was ist geschehen?

Könnte es sein, dass diese mutigen Aversionen gegen Fasten damit zu tun haben, dass Therapeuten dadurch mehr als durch alle anderen Maßnahmen Patienten verlieren – nämlich an die Gesundheit? Wir haben auf diese Weise viele Patienten verloren, einfach weil sie bei meinen Fastenseminaren merkten, wie leicht es fällt und wie gut sie das auch allein und in eigener Regie können.

Fastend finden viele wieder Zugang zu ihrem inneren Arzt, ihrer inneren Stimme und können dann auf äußere Stimmen von Beratern leichter verzichten. Mit Hilfe geführter Meditationen kann das Traum-Bewusstsein angeregt werden und so wieder Zugang zu den nächtlichen Träumen entstehen, diese einfachsten der Meditationen können aber auch zusätzlich den Zugang zur inneren Stimme erleichtern. So ist die Fastenzeit für sie besonders geeignet. Fasten werden unabhängiger und freier und das auch von professionellen Helfern.

Das aber stört Mediziner und sogar manche Heilpraktiker sehr. Könnte es ein Grund sein, warum selbst Kirchenvertreter heute z.T. davor warnen? Fastende finden nicht selten zu einer erhebenden Leichtigkeit und manche entdecken – bei bewusstem Fasten – Gott in ihrem Herzen. Das macht natürlich unabhängig von äußeren Halbgöttern und Vertretern Gottes auf Erden.

Fastenärzte kennen die sogenannte Fasteneuphorie. Euphorie und Ekstase als Symptome zu bekämpfen, ist ein typisches Zeichen unserer entzauberten Welt. Wie schade, ich liebe die euphorischen und ekstatischen Gefühle, die mir mein eigenes Fasten seit vier Jahrzehnten immer wieder schenkt und freu mich für meine Patienten, wenn sie in entsprechende Seinszustände eintauchen und diesen Teil von sich entdecken.

Solche Zustände schwebender Leichtigkeit des Seins rate ich als Geschenk dankbar und demütig anzunehmen. Unter den Methoden, die Zugang zu diesem Land Leichtigkeit und des Schwebens gewähren, ist Fasten sicher eine der anspruchsvollsten, aber auch sichersten, verlangt es doch Überwindung und Disziplin, Beschränkung und Loslassen. Es beschenkt einen wie wenig andere Exerzitien mit Klarheit des Geistes und der Seele, Reinheit des Körpers und eben sogar großer Lebenslust und Freiheit.

Auch seine Einfachheit macht es manchen Schulmedizinern verdächtig, jeder kann es spontan, denn mit Verzicht haben wir in der Geschichte der Menschheit unsere Erfahrungen gemacht, damit geht unser Organismus gekonnt um, mit dem Überfluss wird er dagegen nicht fertig und reagiert in den modernen Gesellschaften zunehmend mit Übergewicht und Diabetes vom Typ II.

Betrachten wir diese beiden Krankheitsbilder in der Deutung nach „Krankheit als Symbol“, geht es dabei um Fülle statt Erfüllung und um auf die Ebene von Süßigkeiten und Ersatzbefriedigung gesunkene Liebe – zwei seelische Themen, die so eng zusammenhängen wie die beiden Krankheitsbilder. Fasten ist eine wundervolle Antwort auf beide und eine wundervolle Gelegenheit, um mit zusätzlicher Hilfe der Krankheitsbilder-Deutungen sich von Symptomen zu verabschieden. Tatsächlich kann – nach meinen bisherigen Erfahrungen – jeder Diabetes II mit bewusstem Fasten und anschließender Ernährungsumstellung im Sinne von „Essens-Glück“ behoben werden, so wie auch fast jedes Rheuma. Natürlich schmilzt Übergewicht unter dem Fasten dahin, besonders wenn es mit entsprechenden Bewegungsprogrammen kombiniert wird wie ich sie in „Aller guten Dinge sind drei“ beschrieben habe. Allerdings braucht es seelisches Verständnis der Themen hinter der Körperfülle, um mit dieser wirklich fertig zu werden.

Fastend jedenfalls hat unser Organismus in der Evolution längst gelernt, das Beste aus kargen Zeiten zu machen, wie ich seit 30 Jahren in meinen vier jährlichen Fasten-Seminaren erlebe. Der Organismus regeneriert sich dabei verblüffend rasch, fängt an seine unfertigen Baustellen zu sanieren und sich in Ordnung zu bringen. Wenn wir ihm dabei ein wenig helfen, geht es noch besser: etwa mit der Darmreinigung jeden 2. Tag, mit reichlichem Trinken und seit einigen Jahren mit einem Löffel in Saft gelöster Rohkost am Morgen, um die Serotonin-Speicher aufzufüllen. Ein morgendlicher Löffel der Rohkost „Take me“, der das sogenannte Wohlfühlhormin für den Tag sicher stellt, kann die Stimmung deutlich beflügeln und hat unsere Fasten-Seminare für mich als Fastenarzt, aber vor allem auch für meine Fastenden noch erheblich vereinfacht und erleichtert. Vom ähnlich zauberhaften Wachstumshormon (HGH) haben wir fastend sowieso mehr als genug. Es wird sofort beim Fasten aktiv, worauf die Anhänger des Dinnercancelling setzen, nur beim Fasten ist der Effekt natürlich viel stärker und länger anhaltend. So erklärt sich die aufgeräumte und zum Aufräumen in vielen Lebensbereichen neigende Stimmung vieler Fastender. Als Arzt ist mir diese Fasten- und Aufbruchstimmung auch als Unterbruch und idealer Einstieg in den Umstieg unersetzlich, etwa in ein neues Ernährungsbewußtsein.

Während der Körper Schlacken abbaut und entsorgt – damit ist alles gemeint, was an Kalk nicht in die Gefäße gehört, als Stein nicht in Nierenbecken und Gallenblase, als Zahnstein nicht zwischen unsere Zähne – kann auch der Geist sich klären und die Seele zu sich finden. Nicht wenige Fastende erleben, dass sind nicht der Körper sind, sondern eine Seele, die einen Körper hat. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Erkenntnis der spanischen Heiligen Theresa von Avila, sie sagte: lasst uns gut sein zum Körper damit die Seele gern in ihm lebe.