Fasten – der Weg zu mehr Freiheit

splashing-275950_640Kaum eine Religion, die nicht auf eine Fastentradition zurückblicken könnte. Am Zustand der Fastentradition lässt sich geradezu erkennen, wie lebendig die Religion noch ist. In den alten Religionen sind die Fasten-Traditionen entsprechend herunter gekommen. Hildegard von Bingen, der Fasten ein großes Anliegen in der Medizin war, ging noch davon aus, dass es von den 35 ihr bekannten Lastern 29 günstig beeinflussen und nur eines, die Hybris beziehungsweise Arroganz, verschlimmern würde. Tatsächlich neigen Fastende besonders in Gruppen dazu, auf andere herabzublicken. Aber wer sich der Gefahr solcher Hybris bewusst ist, kann das Problem gut beherrschen. Ansonsten ist Fasten ein wahrer Segen für die Gesundheit von Körper, Seele und Geist. Religionsstifter von Buddha über Christus bis Mohammed empfahlen es gleichsam einstimmig und so ist es verblüffend, dass moderne Mediziner es manchmal noch immer ablehnen. In letzter Zeit haben Schulmediziner allerdings seinen Wert sogar wissenschaftlich belegen können. Jahrelang als völlig kontraindiziert bei Krebs mit schrecklichen Warnungen belegt, stellt sich nun heraus, dass es Krebszellen abtötet, was uns Fastenärzte nun nicht gerade wundert, hatten wir es doch längst und immer wieder erlebt. Inzwischen gehen engagierte Onkologen soweit während ihrer dramatischsten Krebstherapie, der Chemotherapie, Fasten begleitend einzusetzen, weil dadurch die Chemo nachweislich die Krebszellen besser abtöten könne und die Patienten sie besser vertragen.

Aber ganz unabhängig von solchen für Fastenärzte nicht unerwarteten wissenschaftlichen Ergebnissen, fragt man sich, woher stammte der Mut von Schulmedizinern, sich gegen alle Traditionen und Religionsgründer zu stellen und das in der Regel ohne Fasten je selbst versucht zu haben oder wissenschaftliche Untersuchungen darüber zu kennen? Vielleicht waren es schlicht taktische Überlegungen, denn weniges macht Mediziner so arbeitslos wie Fasten und natürlich besonders Schulmediziner. Ich habe in mehr als 30 Jahren als Fastenarzt Hunderte von Patienten „verloren“, weil sie einfach spürten, wie sie beim Fasten in eigener Regie gesund wurden und bei den jährlichen Fastenseminaren merkten, wie wenig sie mich als Arzt dabei brauchten. Danach aber brauchen sie uns Ärzte noch weniger und Mediziner schon gar nicht. Sie finden bei bewusstem Fasten in der Regel ihren inneren Arzt, der mehr Zeit und besseres Verständnis für sie hat als alle äußeren. Innerer Arzt oder Archeus nannte schon Parcelsus die innere Stimme oder Instanz in jedem Menschen, die mit zunehmender Entwicklung immer hilfreicher wird.

Beim Fasten reduzieren wir uns freiwillig auf das Nötigste, und das ist oft auch das Not-wendige im wahrsten Sinne des Wortes. Wir mussten in den Jahrmillionen der Evolution lernen mit wenig und manchmal mit nichts auszukommen. Mit modernem Überfluss haben wir dagegen wenig und jedenfalls keine gute Erfahrung. Die zahlenmäßig verschwindend wenigen Adligen und Kirchenfürsten, die im Überfluss leben konnten, erkrankten daran schon damals. Um Klöster herum haben Ausgrabungen von Skeletten ergeben, dass die Mönche mehrheitlich der Schlemmerei frönten und schon unter ganz modern anmutenden degenerativen Krankheitssymptomen litten.

Auch insofern wird Fasten heute, in unserer bewegungsverarmten, am Überfluss leidenden Zeit wichtiger denn je. Würde wir wieder an die alte christliche Fastentradition anknüpfen, könnten Krankheitsbilder wie Gicht, Rheuma, Übergewicht, Hochdruck, Herzinfarkt und viele andere verschwinden. Das brächte allerdings natürlich auch viele arbeitslose Ärzte und Schwestern mit sich und würde der ganzen Gesundheits-Industrie zuwider laufen. Statt so leicht zu therapierende Krankheitsbilder wie Rheuma als körperliches Problem oder Burnout als soziales mit einfachen Methoden in den Griff zu bekommen, erfinden moderne Mediziner gerne neue Zweige der Gesundheits-Industrie, die die 5 Millionen Rheumatiker oder 9 Millionen Burnout-Opfer mehr verwalten als therapieren von heilen ganz zu schweigen. Bei Rheuma ist Fasten allein schon ausreichend, bei Burnout kann es jedenfalls gut unterstützend wirken, indem es den ganzen Druck aus der Situation nimmt, zumal es im Anschluss eine Ernährungsumstellung in Richtung pflanzlicher Nahrung erleichtert und nahe legt.

Obwohl unsere Zeit ansonsten auf Überfluss und Fülle setzt, gewinnt Fasten immer mehr Anhänger. Als ich vor über 30 Jahren meinen ersten Fastenkurs ausschrieb, hatte ich Zweifel, ob sich überhaupt genug Teilnehmer fänden. Heute halte ich mehrere Seminare pro Jahr, und Fasten ist längst weit mehr als ein Geheimtipp sowohl in der Gesundheits- wie auch in der spirituellen Szene und inzwischen sogar schon deutlich darüber hinaus. Es gewinnt eine immer noch wachsende Anhängerschaft. Fasten ist stetig im Kommen, in unserem neuen, dafür geradezu prädestinierten Zentrum TamanGa waren die Fasten-Seminare von Anfang an und als erste voll und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Die Relation seines Nutzens dürfte immer noch im Verhältnis von 29 zu 35 liegen wie zu Hildergards Zeiten. Lediglich bei Psychosen und Boderline-Situationen und Patienten in Auszehrungsphasen wäre ich vorsichtig damit und kann es nur unter erfahrener Anleitung empfehlen. Aber ansonsten empfiehlt es sich wirklich generell für jederman und jede Frau, allerdings auch nicht für Kinder im Wachstumsprozess und so auch nicht für Schwangere.

Die bei weitem überwiegende Zahl von Krankheitsbildern spricht gut bis sehr gut darauf, weshalb es mir zum Beispiel als Begleitmaßnahme für Psychotherapie unverzichtbar erscheint. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, weiß der Volksmund, die Religionen wissen, dass Fasten der Seele erlaubt, Abstand zu nehmen und zu erkennen, dass sie in einem Körper lebt, der wichtig aber nicht alles ist. Aus diesem Körperhaus einen Tempel der Seele zu machen, ist ein typischer Wunsch, der in Fastenzeiten auftaucht und die Seele beflügelt. Wer fastet, ist – nach Ansicht der heiligen Schriften – auf guten Weg zu sich Selbst und sogar zur Einheit. Mohammed sagte, Beten bringt auf halbem Weg zu Gott, Fasten führt an die Pforte des Himmels.

Von daher erscheint mir der Widerstand selbstberufener Spezialisten für ayurvedische oder chinesische Medizin, die viele Menschen vor Fasten warnen, noch absurder als der von Schulmedizinern. Mir fand es schon immer mutig, sich gegen heilige Schriften zu stellen und es hat sich weder in der Medizin noch in der Psychologie langfristig bewährt. Richtig ist natürlich, dass sich Menschen je nach Konstitution mit Fasten leichter oder schwerer tun. Aber gerade schwere Aufgaben vermitteln wichtige Lernschritte. Einer Frau mit niedrigem Blutdruck, schwachem Bindegewebe und geringer Eigenwärme fällt Fasten natürlich schwerer als einem Hochdrucktyp mit großer Eigenwärme. Nach meinen Erfahrungen ist es für beide gut, aber für die Frau noch viel wichtiger, denn für sie wirkt es auf der homöopathischen Schiene, weshalb sie auch mit deutlicheren Erstreaktionen rechnen kann. Tatsächlich sinkt der Blutdruck durch Fasten noch etwas, was sie natürlich ungleich mehr spürt als ein Hochdrucktyp im Sinne einer A-Typ-Persönlichkeit. Für diesen ist Fasten gleichsam allopathisch, senkt es doch den Druck nicht nur in den Gefäßen, sondern in seinem ganzen Leben. Das ist auch wichtig und gut, langfristig aber führt nur der homöopathische Weg zur Heilung. Ich durfte so miterleben, wie regelmäßiges Fasten über Jahre sogar Konstitutionen ändern kann und das Leiden an den Symptomen des Niederdruckes behob.

Während in der Medizin großer Mut zu extremen Eingriffen herrscht, ist man beim Fasten – der einfachsten und von Tieren und Kindern spontan gewählten Therapie bei Krankheit – bis in naturheilkundliche Kreise hinein eigenartig vorsichtig. Vielleicht hängt es auch mit der Fastenärzten gut bekannten sogenannten Fasteneuphorie zusammen. Ekstase und Euphorie als Symptome zu bekämpfen, ist ein typisches Zeichen unserer entzauberten Welt, so behindert man das Leben.

Fasten ist ein Ritual des Loslassens und beschenkt uns wie wenig andere Exerzitien mit Klarheit des Geistes und der Seele, Reinheit des Körpers und sogar mit Lebenslust und Leichtigkeit. Im Gegensatz zu den Therapeuten ist es der Bevölkerung deshalb auch durchaus nahe. Es ist soo einfach, soo billig und trotzdem niemals umsonst.

Immer noch und immer wieder bin ich als Arzt selbst erstaunt, wie rasch und leicht sich der Organismus erholt, wenn wir ihm fastend die Chance dazu geben. Seine enorme Wirksamkeit beruht wohl vor allem darauf, den Organismus in Stand zu setzen, sich wieder selbst zu helfen, indem er all seine Kräfte zusammenzunimmt, um Körper und Seele zu heilen. Warum machen wir es dann nicht viel mehr? Das hat sicher auch damit zu tun, dass Fasten gar nicht zu machen ist, sondern man es nur geschehen lassen kann, und das beleidigt unsere Machermedizin und den Macher in uns. Die Medizin will Gesundheit produzieren und sich gerade nicht eingestehen, dass es immer die eigene innere Heilkraft ist, in der die Rettung liegt. So geht sie lieber dem Pharmakartell auf den Leim als sich der alten Tradition zu bedienen und auf den inneren Arzt zu setzen. Aber zum Fasten brauchen die allermeisten gar keinen Arzt und niemals einen Mediziner, nur eine gute Anleitung und ein wenig Vertrauen zu sich selbst.