Fasten als Genuss und Weg aus Krisen

Tatsächlich kann uns jede Krise zur Chance werden, in Neues hineinzuwachsen Griechisch heißt „Crisis“ auch Entscheidung. Krise beinhalten die Entscheidung, sich Neuen zu stellen oder sich ihm zu verweigern. Fasten ist der erste und beste Weg.

Schon immer haben Menschen Erfahrungen mit Krisen gemacht und ver­sucht, sich vor ihnen zu drücken oder sich auf sie vorzubereiten. Wenige haben dabei erkannt, wie sehr Krisen zum Leben gehören und freiwillig Krisen auf sich genommen, um Themen wie Umbruch und Neuanfang gerecht zu werden. Fasten lässt sich als freiwillige Krise betrachten. Wie bei einer Krise gibt es auch hier in den ersten drei Tagen oft Spannungen, wo der Körper sich noch sträubt, Altes nicht mehr und Neues noch nicht so funktioniert. Das notwendige Opfer der gewohnten Mahlzeiten ist noch spürbar, der spätere Gewinn in Form neuer Freiheit und Leichtigkeit noch nicht.

An drei Mahlzeiten gewöhnt, können sich viele nichts anderes vorstellen. Ein Verzicht auf nur eine gebiert schon Ge­danken an Krise. Dabei ist auch das Essen selbst längst Krisenthema. Die auf unbe­wusstes Essen zurückzuführenden Schäden belaufen sich in Deutschland auf über 100 Milliarden DM pro Jahr und dabei ist das daraus erwachsende Leid gar nicht gerechnet.

Eine knappe Vollwerternährung mit zwei Fastenperioden pro Jahr ist dagegen die einzig wirklich verlässliche Maßnahme der Lebensverlän­gerung. Aber es verlängert sich nicht nur die Lebenszeit, sondern auch die Qualität.

Die Themen Essen und Diäten haben seit Jahren Hochkonjunktur. Verblüffend nur, wie wenig Einfluss das auf die Lebenserwartung hat. Denn nicht nur was wir essen ist entscheidend, sondern wie viel und wie und ob wir uns und unserem Organismus auch Pausen gönnen.

Jeden Morgen sollte das Früh­stück (englisch break-fast) eine Fastenperiode von wenigstens 12 Stunden brechen, die notwendig ist, um den Organismus zu regenerieren und genug Wachstumshormon HGH auszuschütten. Was schon 12 Stunden nächtliches Fasten bewerkstelligen, wird von einer Fastenwoche natürlich bei weitem übertroffen. So erklärt sich die aufgeräumte, konstruktive Stimmung beim und nach dem Fasten. Nicht wenige nehmen Fastenzeiten zum Anlass, nach dem Körper, Geist und Seele auch ihr äußeres Haus oder wenigstens den Schreibtisch aufzuräumen.

Wer zusätzlich noch die Bildung von ausreichend Wohlfühlhormon Serotonin anregt mit einem Löffel der Rohkost „Take me“ in Saft, kann sich einer beschwingten, gut gestimmten Fastenzeit noch sicherer sein.

Fasten-Wochen setzen so ungeahnte Regenerationskräfte frei, was mich auch nach über 30 Jahren als Fastenarzt noch verblüfft. So wie wir mit der Ruhe der Nacht im Rücken den Tag überstehen, können wir von der Ruhe der Fa­stenzeit ein halbes Jahr lang zehren. Wirklich bewusstes Fasten be­deutet, neben den Kleidern auch das Bewusstsein weiter werden zu lassen.

Vom kleinen Himalayavolk der Hunzas, das bis Mitte dieses Jahrhunderts abge­schnitten von den „Segnungen“ der Zivilisation lebte und das karge Lebens­verhältnisse jedes Frühjahr zu einer langen Fastenzeit zwangen, gibt es eindrucks­volle Zeugnisse fast unverwüstlicher Gesundheit. Die Menschen wurden steinalt und kannten keines der typischen Zivilisationssymptome. Herzinfarkt und Krebs waren ebenso unbekannt wie Kriminalität.

Wenn ich das als Arzt höre, fallen mir auch für moderne Menschen einfache Lösungen ein. Gelänge es uns, die christliche Fastenzeit zu reaktivieren, könnten wir in absehbarer Zeit Krankheitsbil­der wie Gicht und Rheuma, Altersdiabetes und Bluthochdruck vergessen. Dem Herzin­farkt würde die Basis genommen und dem Krebs zumindest das Terrain erschwert.

Eine so einfache, günstige und wirksame Maßnahme nicht im großen Stil gesellschaftlich zu nutzen, liegt am Macherwahn der Schulmedizin, die noch immer – auf (arche-)typisch männliche Art – davon träumt, Gesundheit zu produzieren. Wohin dieser Wahn bezüglich des Themas Gewicht führt, sehen wir inzwischen überall.

Fasten erscheint Medizinern offenbar zu einfach, zu billig und vor allem zu unprofessionell, denn man braucht sie nicht dazu. Im Gegenteil müssen wir Fastenärzte uns damit abfinden, durch Fasten viele Patienten zu verlieren – all jene nämlich, die über diesen Weg Kontakt zu ihrem „Inneren Arzt“ finden und gesunden. Fasten ist die ideale Methode, diesen „Inneren Arzt“ zu finden.

Als Therapieform spricht es den (arche-)typisch weiblichen Pol in uns an, dem es nicht um Machen, sondern eher um (Los-)Lassen geht. Wir werden fastend nebenbei sensibler und empfänglicher für Sig­nale aus dem eigenen Innern und erhalten so auch die Chance, Kontakt zu unserer inne­ren Stimme und den Träumen der Nacht zu finden. Mit verlässlichem Draht zum inneren Arzt, verlieren äußere Ärzte natürlich ihre Notwendigkeit und Macht. Fastende können die Not oft in eigener Regie wenden und werden so unabhängiger und freier. Nicht mehr gebraucht zu werden, ist aber Horror für die allermeisten Menschen und jedenfalls für Mediziner, was deren zähen und mit absurden Argumenten untermauterten Widerstand gegen Fasten erklärt.

Sie setzen sich damit in Widerspruch zu allen großen Religionen und spirituellen Traditionen. Fasten könnte Mediziner im großen Stil arbeitslos machen, also fürchten sie es. Ärzte leben mit dieser Herausforderung und empfehlen Fasten gerade wegen seines verblüffenden Potentials zu heilen – in körperlicher, geistiger und seelischer Hinsicht.

Wer will, kann in den ersten drei Fastentagen einiges Krisenhaftes finden. Ein Organismus, der Fasten nicht ge­wöhnt ist, kann Widerstand leisten mit Hungergefühlen, Übelkeit, Kopfschmerzen – vor allem bei Kaffee-Fans – und Kreislaufproblemen. Wie am ersten Schultag ist es eine Sache des Bewußtseins, wie rasch diese wieder nachlassen. Spätestens mit dem dritten Tag nimmt der Körper die neue Botschaft an und stellt den Widerstand ein. Er lebt jetzt sehr gut vom eigenen Fett, und es gibt keinen Grund, warum ihm dieses schlechter bekommen sollte als das von Schweinen, im Gegenteil es wird weniger Belastendes enthalten, von Dioxin ganz zu schweigen.

Wer diese drei Tage seiner ersten Fastenzeiten überstanden hat, lernt ganz nebenbei mit Krisen umzugehen. Ab jetzt wird es fast allen Fastenden gut gehen und vielen besser als vorher, weshalb Ärzte von Fasteneuphorie sprechen, jenem Gefühl beschwingter Leichtigkeit und beeindruckender Klarheit in Gefühls- und Gedankenwelten.

Am Ende, wenn die verbrauchten Kilos in Kalorien umgerechnet werden – 1 Gramm Fett er­gibt fast 10 kcal – stellt sich beruhigend heraus, der Körper hatte jeden Tag genug, zumal er die gesamte Verdauungsenergie ein­sparte.

Diese große Energie-Einsparung dürfte einerseits für die euphorischen Gefühle von Energieüberfluss verant­wortlich sein. Die andere Seite ist wohl der Freisetzung von Wachstumshormon geschuldet.

Bleiben solch erhebende Gefühle aus, liegt es am Organismus, der die Zeichen der Zeit erkennt und die vorhandene überschüssige Energie für Reparatur und Aufräumungsarbeiten verbraucht. Diese können so gravierend sein, dass sich manche weiterhin schwach und manchmal sogar schwächer als sonst fühlen.

Auf alle Fälle ist jetzt Regeneration angesagt. Fastende leben vom Eingemachten und vieles hängt von dessen Zustand ab. Ernährung und Lebensstil spielen eine Rolle, aber auch Schlafdefizite machen sich mit erheblicher Müdigkeit bemerkbar. In jedem Fall aber geschehen nun sinnvolle Maßnahmen in Regie des inneren Arztes. Oder anders ausgedrückt, der Körper nimmt sich jetzt, was er braucht und die Seele – sofern wir ihr Zeit geben – nutzt diese, um zu sich zu kommen.

So wird es verständlich, warum ich nach über 30 Arztjahren Fasten als die mit Abstand beste Regenerationsmethode empfehle und auch als die beste Krisen-Vorbeugung. In der freiwillig auf sich genommenen Krise des Fastenbeginns, wächst die Chance, mit äußeren Krisen im tiefen Sinn fertig zu werden. Fasten ist – nach diesbezüglich intensiven Erfahrungen mit vielen Patienten – auch die beste Methode für Entzug, ob von Heroin, Alkohol, Rauchen, falschem Essen oder entsprechenden Lebensgewohnheiten. Es hat schon viele durch Partner- und Berufskrisen geführt mit Hilfe des „Innerem Arzt“. Wer fastend lernt, auf dessen und letztlich seine eigene innere Stimme zu horchen und ihr zu gehorchen, hat den besten Kompass für sein weiteres Leben. Je schwerer die Krise, desto drastischer reduziert sie uns auf Wesentliches. Durch Fasten reduzieren wir uns freiwillig aufs Wesentliche. Auch wenn wir noch so viele Pfunde verlieren. wird uns danach doch nichts Wesentiches fehlen, im Gegenteil, was übrig bleibt, erscheint uns wesentlicher und ist leichter zu tragen. Fastende tragen aber nicht nur körperlich leichter an sich, sie (er-)tragen auch das Leben im allge­meinen leichter. Nicht umsonst war Fasten in alten Zeiten ein religiöses Ritual für Zeiten des Umbruchs und ersetzte Psychotherapie und Medizin.

Fasten ist sehr einfach und bedarf bei Gesunden keiner ärztlichen Unterstützung. Wesentlich geht es darum, das Essen einzustellen und dafür reichlich (vor allem Wasser) zu trinken. Für die erste Fastenwoche ist eine aus­führliche Anleitung sinnvoll, (siehe Literaturliste) zur Information über die nötige Trinkmenge, Darmreini­gung, erleich­ternde Begleitmaßnahmen und die anschließende Aufbauzeit.

Liegen gesundheitliche Probleme vor, ist Fasten vielleicht noch wichtiger, jetzt ist es aber zwingend, einen erfahrenden Fastentherapeuten zu finden. Immer mehr Ärzte und Heilpraktiker sind bereit zu helfen und es kann gut sein, dass sogar Ihr Hausarzt dazu gehört.

Ansonsten leite ich persönlich vier Fasten-Wochen im Jahr:

Körper – Tempel der Seele“ und „Fasten – Schweigen – Meditieren“, jeweils im Frühjahr und Herbst.