Ernährung und Cholesterin und ihre Bedeutung bei Herz-Kreislauf-Problemen

Was die Ernährung angeht liegen die Dinge, die eigentlich so einfach sein könnten, ähnlich im Argen wie im Bewegungsbereich. Es gibt so ungefähr nichts mehr, was nicht in irgendeiner Diät verboten wäre und wohl auch nichts, was nicht in einer anderen angepriesen würde. Inzwischen gibt es soviele Rezepte, daß sich der Verdacht lohnt, ob nicht das Problem auch in den Rezepten selbst liegen könnte. Die Essenssituation meiner Kindheit war geprägt durch die alte Spruchweisheit: Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein Bürger und abends wie ein Bettler. Zu meinem Pech hatte ich aber morgens keinen Hunger und zwang mich mit einer guten Grundlage, wie meine Mutter fürsorglich meinte, den Tag zu beginnen. Abends, wo ich Hunger gehabt hätte, herrschte dann der Tenor, nicht zu spät und nicht zu schwer und erst recht nicht zu viel. Nun gibt es heute auch die Gegentendenz: Die Fit for Life – Fans propagieren morgens wenig bis nichts und am besten nur Obst – sicherlich eine Erleichterung für Menschen, die ihrem Naturell entsprechend morgens keinen Hunger haben, aber eine Qual für die anderen. So hatte ich auch vor kurzem einen Patienten, der sich bitterlich beklagte, daß seine Frau „dieses Buch“ (Fit for Life) entdeckt hatte und er nun jeden Tag hungrig in die Firma ginge. Der wichtigste Schritt im Ernährungswirrwar müßte wohl aus der Erkenntnis erwachsen, daß wir alle individuelle Menschen sind und deshalb nicht über einen Kamm zu scheren. Rezepte können uns also letztlich gar nicht wirklich gerecht werden.

Die Diätetik war schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Medizin und stand früher – etwa in der Medizin der Antike – viel mehr im Mittelpunkt als heute. Jetzt hat sie sich im außerschulischen Bereich der Medizin einen enormen Zulauf gesichert – neue Diätbücher überschwemmen geradezu ständig den Markt. Ein Blick zurück in der Zeit könnte uns der Lösung näher bringen, ging es früher vor allem auch um die Art des Essens, das „Wie“ sozusagen, geht es heute nur noch um das „Was“. Die Lösung besonders für den infarktgefährdeten Patienten läge aber eher im „Wie.“ Beobachtet man Menschen beim Essen, bekommt man nicht selten den Eindruck, der einzige Genuß läge im Hinunterschlucken, dabei haben wir im Schlund gar keine Geschmacksorgane mehr. Die liegen ausschließlich auf Zunge und Gaumen, und schon von daher wäre die alte Idee der Mahlzeit der modernen Schlingzeit deutlich vorzuziehen.

Generell kann man sicherlich feststellen, daß wir alle besser lebten und insbesondere die Herzinfarkt gefährdeten Patienten, wenn wir weniger Fleisch und mehr frisches Gemüse und Obst essen würden. Unserem Gebiß und unserem Verdauungstrakt nach sind wir zwar Allesfresser, aber doch mit einer deutlichen Tendenz zum Vegetarischen. So ist es auch nicht verwunderlich, daß entsprechende Langzeituntersuchungen wie die Studien des deutschen Krebsforschungsinstitutes in Heidelberg zu dem Ergebnis kommen, daß Vegetarier die gesünderen Menschen mit der höheren Lebenserwartung und der besseren Lebensqualität sind, jedenfalls was den Gesundheitszustand angeht.

Inzwischen ist auch ziemlich unbestritten, daß vollwertige Ernährung, die möglichst naturbelassen genossen wird, die bessere Alternative darstellt. Bei all dem aber ist nie zu übersehen, daß jeder seine Ernährung finden muß. Nicht einmal über das Jahr bleiben einmal gefundene Rezepte beständig. Wer z.B. durch Fasten sensibilisiert, auf seine innere Stimme zu hören gelernt hat, wird herausfinden, daß er im Winter anderes braucht als im Sommer. Die in dieser Richtung besten Wegweiser bieten jene Autoren, die etwa von den vier Elementen ausgehend, Ernährungsrichtlinien für Individuen anbieten. Hier wäre etwa Roland Possin zu nennen mit dem Buch „Vom richtigen Essen“ oder auch die Bücher von Devanando Weise.

Die Schulmedizin hält sich bei der Ernährung häufig an ähnlich undifferenzierte Vorschläge wie beim Sport nach dem Motto „Gesundes Essen und viel Bewegung“. Selbst diese Hinweise werden in unseren Kliniken eigenartig konterkariert, wo man ja bekanntlich trotz des Essens und nicht wegen dem Essen gesund werden müßte. Lediglich beim Erzfeind Cholesterin wird die Schulmedizin bestimmter und fällt gerade hier furchtbar auf die Nase. Die Cholesterinhatz der vergangenen beiden Jahrzehnte wird ist inzwischen selbst Universitätsmedizinern recht peinlich geworden, da sie auf einem banalen Denkfehler beruhte. Ausweg aus dem Unsinn wird nun in ähnlich peinlicher Weise über das sogenannte „gute“ und das „schlechte Cholesterin“ gesucht.

Um die haarsträubende Fehleranfälligkeit des sowieso schon oberflächlichen schulmedizinischen Ansatzes zu verdeutlichen, seien hier vereinfacht die Stationen des Kreuzzuges gegen das Cholesterin dargestellt. Am Anfang steht der legitime Wunsch, das Infarktrisiko über den Blutdruck zu senken. Zwar gibt es diesbezüglich potente Mittel, aber da die Mitarbeit der Betroffenen auf Grund des geringen Leidensdruckes in der Hochdruckgesellschaft so gering ist – Mediziner sprechen schamhaft von geringer Compliance, wenn Patienten sich nicht um ihre Ratschläge kümmern – reichte das nicht. Man untersuchte also die Entstehung der Arteriosklerose und fand, daß sich in entstandene Bruchstellen der Gefäßinnenhaut (Intima), die wahrscheinlich aus abrupten Blutdruckschwankungen auf zu hohem Niveau resultieren, ein Eiweißgerüst einlagert. In allerletzter Zeit geht man vielfach sogar von der Verursachung der Bruchstellen durch Bakterien aus, was die Situation generell aber kaum Weise verändert. Anschließend werden Blutfette wie besonders das Cholesterin und ganz zum Schluß Calziumionen eingelagert.

Um das ganze nun zu unterbinden, hätte man natürlich auch darauf verfallen können, dem Körper möglichst viel Eiweiß zu entziehen, immerhin kommt Eiweiß ja zuerst zum Einsatz. Dieser Gedanke kam wohl gar nicht auf, weil der Patient an dieser „Therapie“ sofort sterben würde. Entzöge man ihm das Calzium, würde er ebenfalls, in diesem Fall unter Krämpfen, verenden. Folglich entzieht man ihm das Cholesterin, weil das das einzige ist, woran er nicht sofort stirbt. Viel mehr Logik ist leider nicht in diese ganze Therapie, die sich den Schulmedizinern erst 20 Jahre zu spät als Sackgasse offenbarte, geflossen. Als es längst Studien gab, die belegten chemische Cholesterinsenkung reduziere die Lebenserwartung, wurde mangels einer anderen Therapie einfach weitergemacht. Dabei hätte es mal wieder mehr als genug Hinweise gegeben, die einen hätten aufhorchen lassen können, wenn man gewollt hätte. Bis vor Jahren gab es bei uns immerhin ein Medikament aus reinem Cholesterin, das bei Rekonvaleszenten mit Erfolg eingesetzt wurde. In der Volksmedizin gab es und gibt es bis heute Rezepte für Geschwächte, die enorme Cholesterinbomben darstellen, wie etwa drei Eigelb in Rotwein gequirlt. Die Indios geben in Lateinamerika bei Schlangen- und Spinnenbissen, die zu inneren Blutungen führen, ähnliche Cholesterinbomben. Nun neigt die Schulmedizin weder dazu, ihre eigene Vergangenheit wichtig zu nehmen (man kann es ihr phasenweise nicht einmal verdenken), noch auf Hausmittel oder gar Indios zu achten. Immerhin wußte man aber doch längst (aus eigenen Studien), daß das Myelin aller Nervenscheiden auf Cholesterin aufbaut und alle Geschlechtshormone ebenfalls, daß der Darm mit großer Hingabe die zur Fettverdauung nötigen Cholesterinmoleküle wieder rückresorbiert, als wären sie wichtig und wertvoll. Leider neigt die Schulmedizin dazu, den Körper für ebenso dumm wie die alte Medizin und ihre Anwender zu halten, sonst hätte man erkennen müssen, daß Cholesterin nicht der Feind sein kann, zu dem es hochstilisiert wurde. Die Genugtuung über die peinlich zähe und nur scheibchenweise erfolgende Rehabilitation eines zu unrecht Verurteilten, kann aber leider den angerichteten Schaden nicht wieder gutmachen. Geholfen wäre uns, wenn endlich das Prinzip hinter diesem Denkfehler entdeckt würde, denn deren gibt es in der modernen Medizin noch gefährlich viele. Das Hauptproblem dieser Medizin ist, daß ihr die Philosophie fehlt, sie hat keinen Begriff von Krankheit und kann sich so auch keinen von Gesundheit machen. Mitte der Achtzigerjahre wurde ich für die oben erwähnten Äußerungen über Cholesterin noch offen verlacht, als wir sie schließlich 1990 publizierten (R. Hößl und R. Dahlke: „Verdauungsprobleme“ (Knaur TB)) wurden sie beiseitegeschoben und heute schweigen Schulmediziner über das Thema am liebsten ganz.

Dabei wäre alles so einfach gewesen. Die Sichtung des verfügbaren Wissens hätte ergeben, daß Cholesterin erstens wichtig für den Körper ist und zweitens offenbar als Gefäßabdichtungsmittel sowohl vom Organismus als auch von der Erfahrungsheilkunde verwendet wird. Einem mit Gefäßbrüchen kämpfenden Körper aber das Dichtungsmittel, quasi den Verbandsstoff zu entziehen, nur weil man sonst nichts tun kann, spottet jeder Beschreibung und ist aber doch leider genau die Beschreibung der Situation. Ähnlich könnte man Notarztwägen behindern oder ganz verbieten, weil ihr Fahren immer ein schlechtes Zeichen ist. Zwar würde man beruhigter leben in der Stadt ohne die Sirenen, aber der Gesundheit der Bevölkerung wäre das wohl doch weniger zuträglich. Ein übermäßig hoher Cholesterinspiegel ist also ein schlechtes Zeichen, aber Zeichen zu attackieren ist lächerlich. Das kann auch nur passieren, wenn man vom Sinn des jeweiligen Krankheitsbildes wenig bis keine Ahnung hat.

Ganz abgesehen davon, daß der Kampf gegen das Cholesterin (außer bei der seltenen familiären Hypercholesterinämie) immer unsinnig war, lief auch die Infarktprophylaxe auf dieser Basis auf ein einziges Armutszeugnis für die Medizin hinaus, da es viel tiefere Ebenen der Vorbeugung gäbe, wenn wir uns nur dem Wesen der Krankheitsbilder nähern wollten.