Die wundervoll Wandlung von Widerständen in Chancen

Widerstand ist in der Elektrik ein Begriff für Energie-Verlust. Er ist es auch, der den Stromfluss hindert. Insofern gibt es gute Leiter wie Kupfer, die die Elektronen nur so hindurch flitzen lassen und schlechte Leiter wie Porzellan, in denen diese kaum zu bewegen sind. Aus diesem Grund macht man die Stromkabel gern aus Kupfer und die Isolatoren – früher jedenfalls – aus Porzellan. Der Mensch ist ein Leiter, wenn auch nicht so ein guter wie Kupferdraht. Tatsächlich fließen in uns ständig Ströme und wenn wir mit einer Starkstromleitung in Berührung kommen, fließt dieser starke Strom durchaus in den Organismus – es ist der Widerstand, den dieser bietet, der zu den Schäden führt.

Im Leben ist die Situation ziemlich ähnlich. Auch da hindert Widerstand den Lebensfluss und kostet entsetzlich viel Energie. Ein Leben im Widerstand ist enorm anstrengend und aufreibend, man spricht geradezu vom Reibungswiderstand, der sich in – meist – nutzloser Wärme bemerkbar macht. Die allermeisten Leben scheitern – nach meiner Erfahrung – im und am Widerstand.

Ein Leben ohne Widerstand im freien Fluss der Energien, ist deshalb auch das Ziel aller Entwicklungswege. Dieser Endzustand hat so viele Namen wie es Traditionen gibt von Erleuchtung bis Befreiung, von Samadhi bis Nirwana. Aber alle Traditionen sind sich – so verschiedene Worte sie auch benutzen – darin einig, dass es eine Situation frei von jedem Widerstand ist. Verwirklichte sind einverstanden im tiefsten Sinn des Worte und fließen mit dem Augenblick. Sie (er)leben Heraklits panta rei – alles fließt – in jedem Moment.

Das könnte uns veranlassen, Widerstand als Feind und Widersacher miss zu verstehen. Aber ganz analog wie wir von Krankheitsbildern und ihren Botschaften profitieren können, ist das auch bei Problemen möglich, die unseren Widerstand auslösen. Voraussetzung ist nur, sie ernst zu nehmen und uns von ihnen die symbolisch in ihnen verborgenen Lernaufgaben mitteilen zu lassen, statt sie ausschließlich als Feinde und Störenfriede zu sehen und zu bekämpfen. Im Prinzip ist es gleichgültig, ob wir Widerstand gegen äußere oder innere Probleme entwickeln, er wird uns immer eher zum Kampf anregen als zum Einverstandensein. Bei den Krankheitsbildern hat sich das seit „Krankheit als Weg“ bis hin zum Nachschlagewerk „Krankheit als Symbol“ bewährt. Die Frage „hast Du das schon im Dahlke nachgeschaut?“ bezieht sich auf diese Sammlung von Tausenden von Symptomdeutungen und freut mich natürlich sehr. Hier ist es gelungen ein breites Feld von Verständnis für die Botschaften des Körpers aufzubauen, das vielen Menschen dazu verholfen hat, von ihren Symptomen zu lernen und daran zu wachsen und sich zu entwickeln. Etwas ganz Ähnliches schwebte mir beim Schreiben vom „Buch der Widerstände“ vor. Statt in Widerstand mit äußeren Widerwärtigkeiten zu gehen und sich auf Kriege gegen diese Widrigkeiten einzulassen, macht es Sinn und bringt die Entwicklung voran, sich zu fragen, was steckt hinter dem Problem und damit meinem Widerstand? Was wollen mir beide mitteilen, womit soll ich mich im tieferen Sinne beschäftigen? Und vor allem welche Weigerung steckt hinter meinem Widerstand, welches Thema oder Lebensprinzip will ich hier nicht an mich heranlassen? Wo der Widerstand ist, kann ich also lernen und mich entwickeln und damit weiterkommen. Mit dieser Haltung werden Widerstände zum Dünger auf dem Entwicklungsweg genau wie Krankheitssymptome. Die Deutung letzterer hat sich durch die zahlreichen Bücher und CDs zu einem breiten und immer noch mächtiger werdenden Trend entwickelt. Inzwischen gibt es sogar Uni-Professoren, die sich der Krankheitsbilder-Deutung öffnen und Chefärzte, die vor der Operation das entsprechende Kapitel in „Krankheit als Sprache der Seele“ oder „Frauen-Heil-Kunde“ lesen lassen. Ich selbst bilde inzwischen Ärzte (und andere) in dieser Kunst aus im Rahmen der Ausbildung „Integrale Medizin“, die anschließend berechtigt, den Zusatztitel „Arzt für Naturheilweisen“ zu führen. Das war ein langer Weg, der drei Jahrzehnte gebraucht hat. So hoffe ich nun, dass es beim „Buch der Widerstände“ rascher geht, weil bei vielen bereits Vertrauen zur Methode der Deutung entstanden ist und die Vorgehensweise ganz analog ist. Außerdem hat sich die Arbeit mit den dabei entscheidend wichtigen Schicksalsgesetzen schon viel mehr verbreitet im Vergleich zu damals. Auch die Akzeptanz von Lebens- beziehungsweise Urprinzipien ist enorm gestiegen. Selbst die Jungen haben sich inzwischen dem Trend zur Krankheitsbilder-Deutung angeschlossen und in letzter Zeit ganz offensiv ein App zu „Krankheit als Symbol“ eingefordert. In Englisch ist es bereits fertig und wird demnächst unter dem Namen SymSym (Symtome und Symbole) herauskommen.

Auf diese ganze erfreuliche Entwicklung, für die ich Ihnen, meinen treuen Lesern, danken möchte, baut die Arbeit an den Widerständen im Außen auf und bedient sich derselben erprobten Methode. Wer sich auf diesen Weg einlässt, kann sich in Zukunft über Probleme und Widrigkeiten im Außen geradezu freuen, werden sie ihn doch zur Entwicklung anregen und weiter bringen.

Die Fülle der Beispiele ist groß. Als ich am Buch zu schreiben anfing, fürchtete ich auf ein sehr dickes Buch zuzusteuern. Aber die Sammlung der Probleme und Widerstände mit Hilfe von Freunden, vor allem Therapeuten bestätigte zwar anfangs diese Befürchtung, erbrachte aber bald immer mehr Wiederholungen und schließlich kamen nur noch schon bekannte Themen zurück. Es scheint wie mit den „katholischen“ Sünden zu sein, wo mir ein ehemaliger Priester klagte, wie unsäglich langweilig es sei, sich immer wieder die immer gleichen „Vergehen“ der Gläubigen im Beichtstuhl anzuhören und sie gebetsmühlenartig von der Schuld freizusprechen.

Dass die Summe der Sünden, Ver-gehen (sich auf dem Weg vergangen haben) und der Probleme und Widerstände endlich und ziemlich überschaubar ist, hat auch etwas sehr Beruhigendes, fast sogar Schönes. Im Endeffekt ist das Buch auch unter 400 Seiten geblieben. Wer sich jeden Tag eines seiner Probleme vornimmt, dem werden sie schon im ersten Jahr ausgehen. Und das könnte doch mehr als tröstlich sein…

Wer sich also in Zukunft über Nachbarn nervt, weil die zu laut sind, könnte statt auf diese loszugehen, sich selbst fragen, was in ihm noch so laut ist an Ansprüchen, Begierden oder was auch immer, dass es ihn nervt. Er könnte das Prinzip dahinter ausmachen, vielleicht bei dauerndem Radio-Gezeter aus der Nachbarwohnung, die eigene merkuriale Unruhe, die Tendenz sich mit Unterhaltung vom Wesentlichen abbringen zu lassen usw. Das würde, statt die Situation mit dem Nachbarn zu eskalieren, helfen, die eigene zu klären und zu verbessern. Wo könnte ich aus dem Merkurprinzip in meinem Leben mehr machen als mich daran zu nerven. Immerhin ist hier Hermes-Merkur, der geflügelte Götterbote zuhause, der Seelenführer in allen Bereichen, von der Unterwelt bis zum Olymp.

Stört mich an Fremden, die sich nicht so benehmen, wie ich das gern hätte, sondern verrückt spielen, wäre die Frage zu stellen, was ist in mir und mir dabei trotzdem so fremd , dass es mich stört? Wo bin ich mit etwas in meinem Leben nicht auf vertrautem Fuß? Wo ist etwas Eigenes so fremd, dass es mich irritiert? Wo benehme ich mich selbst oder Teil(persönlichkeiten) von mir so, wie ich es nicht gern habe? Wo laufe ich gegen Andersartiges, Fremdes, Ungewohntes Sturm? Und vor allem: Ließe sich aus dem Uranusprinzip in meinem Leben mehr machen, könnte ich selbst von einem originelleren, ungewöhnlicheren Verhalten und Leben profitieren? Was wenn auch ich mal aus der (angestammten) Rolle fiele, über die Stränge schlüge und aus der Reihe tanzte?

Diese Beispiele ließen sich natürlich beliebig vermehren und können auch aufwendigerer Deutungen bedürfen, wenn mehrere Lebensprinzipien sich in ihnen kombinieren.

Diese Arbeit an und mit den Widerständen hat sich in meiner ärztlichen wie auch meiner privaten Lebenspraxis schon fast ebenso lange wie die an den Krankheitssymptomen bewährt. Ich bin sicher, sie kann auch vielen von Ihnen aus den Sackgassen von Projektion und Ärger heraushelfen.

Allerdings gibt es natürlich auch Widerstand gegen diese ausschließlich positive Sicht des Widerstandes, was klar und in Ordnung ist, denn natürlich hat alles auch (s)eine Schattenseite. Widerstand sei in manchen Situationen auch richtig und berechtigt, wird zurecht eingewandt. Das stimmt natürlich zum Beispiel für eine Diktatur – ob in der eigenen Familie oder im Staat. Sollen sich etwa Menschen gegen Missbrauch und Unterdrückung nicht wehren, sondern nur deuten? Doch natürlich sollten sie sich gegen eklatantes Unrecht auch wehren. Tatsächlich ist beides in der Praxis gut vereinbar und wichtig, berechtigter Widerstand und zugleich seine Deutung. Aber immer ist es mehr als hilfreich, sich des Eigenbezugs bewusst zu bleiben, denn sonst droht die Gefahr von Projektion und im eigenen Schatten das draußen bekämpfte Verhalten weiter zu kultivieren. Selbst in einer Familiendiktatur läge es daher nahe, sich zu fragen, was hat das mit mir zu tun, was spricht es in mir an, wo ist mein Bezug dazu? Warum geschieht gerade das, gerade mir, gerade hier und genau so?

Wo das unterbleibt, werden –erfahrungsgemäß – die vermeintlichen Retter zu den schlimmeren Nachfolgern. In der Kette der mexikanischen Revolutionen wird das überdeutlich. Ob Pancho Villa oder Emilio Zapata, kaum hatten sie den vorherigen Diktator besieht und abgesetzt und waren selbst Regierungschef oder einer ihrer Vertrauten, wurde alles nur noch schlimmer. Kaum hatte Fidel Castro den Diktator von US-Gnaden Bautista niedergekämpft, wurde er der noch machthungrige Diktator von Russlands Gnaden. Kaum hatte Mao tse tung den Diktator Chiang Kai Chek niedergerungen, wurde er dessen noch machtversessenerer Nachfolger. Kaum hatten Khomenis Gefolgsleute den Schah vertrieben, wurde der Ajatollah der noch größere Albtraum. Serienweise erlebten wir kürzlich wie Protestbewegungen aus der Bevölkerung die prowestlichen Diktatoren der arabischen Länder niederkämpfen, um durch noch ganz andere Kaliber von Islamisten ersetzt zu werden. Die Kette ist leider endlos.

Und sie findet sich auch in den Familiengeschichten ganz ähnlich. Hesses Vater erlebte sein Abgeschobenwerden ins kalte Reval als eine Verbannung und machte dann genau das gleiche mit dem kleinen Herrmann, indem er ihn auf Missionsschulen und schließlich sogar in die Psychiatrie verbannte. Hermann Hesses verzweifelte Briefe aus der Verbannung konnten sein Herz genauso wenig erweichen, wie seinerzeit seine eigenen das seines Vaters. Und Hermann Hesse gab seine Kinder, als deren Mutter, seine Frau, in der Psychiatrie landete, rasch in Pflege. So spiegeln sich in ungezählten Familien dieselben Muster und werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Widerstand kann also durchaus sinnvoll und sogar notwendig sein, aber zu einem guten Ende kann die daraus folgende Auflehnung nur führen, wenn ständig der Bezug zur eigenen Betroffenheit bei den Aufständigen wach bleibt. Ansonsten greift das altbekannte Muster: vom Regen in die Traufe.

Die Körperebene mit ihren Krankheitsbildern kann das wiederum verdeutlichen. Wenn eine Mandelentzündung immer wieder mit Antibiotika unterdrückt, statt verstanden und mit Verständnis gegenüber der Situation geheilt wird, kommt sie auch ständig zurück und das Ganze eskaliert möglicherweise sogar zu einem chronischen Herd, einem Stellungskrieg an der Eingangspforte zum Organismus.

Auf beiden Ebenen unserer Existenz, der inneren Körper- und der äußeren Weltbühne, ergeben sich so wundervolle Chancen der Entwicklung. Was im Bewusstsein nicht integriert wurde, kann sich auf einer dieser beiden Bühnen in konkreter und öfter in symbolischer Form zeigen. Ob innere „Widersacher“ in Gestalt von Symptombildern oder äußere „Widersacher“ in Form von Problemen, in beiden Fällen ist dauerhafte Abhilfe durch Aussöhnung möglich. Und als Bonus findet dabei noch Entwicklung und Wachstum statt.