Die spirituelle Dimension des Geldes oder die Verwandlung von Blei in Gold

Kurz gefasst, liegt die Bedeutung von Geld für den Entwicklungsweg des Menschen darin, zu lernen, bewusst mit der materiellen Welt und ihren Werten umzugehen. Der biblische Auftrag lautet, sich die Erde untertan zu machen und im Schweiße seines Angesichts „die Felder zu bebauen“. Das läuft darauf hinaus, Mutter Erde, als deren Kinder wir uns sehen können, fruchtbar zu machen. Im gleichen Maße gilt es aber auch zu erkennen, dass alles Erworbene und damit der Mutter Erde Abgerungene wieder hergegeben werden muss, weil es eben nichts anderes ist als eine Leihgabe des Lebens für die Zeit unserer Lebensspanne.

Nehmen und Geben, sind auf dieser Ebene das wesentliche Grundgesetz unseres Seins in der Welt der Polarität. Selbst wenn wir uns Materie in Form von Nahrung einverleiben, muss sie in Gestalt des sterbenden Körpers dereinst wieder zurückgegeben werden. Christlich heißt das „von Erde bist du genommen, zu Erde wirst du werden“. Alles Wertvolle im Bereich der Materie stammt letztlich von Mutter Erde und kehrt irgendwann zu ihr zurück. Auch unser Körper muss diesem Weg alles Zeitlichen folgen und zur großen Göttin Mutter Erde heimkehren.

Unsere Aufgabe besteht darin, grobstoffliche Materie aufzunehmen und zu verdauen und so unser Körperhaus auf- und auszubauen, damit es schlussendlich zum Tempel für die Seele wird. Dieser Veredelungsprozess ist jedes Menschen Aufgabe, und in einem dementsprechenden Licht erscheinen moderne Tendenzen, Körperhäuser in der furchtbaren Expansion der Fettsucht, dem Liebesmissverständnis des Diabetes aber auch in den Bürgerkriegen der Allergien verelenden zu lassen1.

Im Gegenteil wäre die Aufgabe, gut und achtsam mit dem Körper zu sein und ihn in einem gleichsam alchemistischen Prozess immer weiter zu veredeln, so dass der Geist zunehmend die Oberherrschaft in ihm antreten kann. So muss der Körper bei allen Formen der Meditation und den meisten Exerzitien lernen zu gehorchen und vollkommene Ruhe zu finden. Er sollte rechtzeitig lernen, in der äußerster Bescheidenheit einer Fastenzeit zu leben, die Disziplin des Lotussitzes beliebig lange aufrecht zu halten und letztlich sogar, das Licht der Erleuchtung durchscheinen zu lassen, sodass der ihm innewohnende Seele Flügel wachsen.

In der hermetischen Disziplin der Alchimie geht es im Wesentlichen um den Wandlungsprozess von Unedlem in Edles. So ist beispielsweise ein Bestandteil des Großen Werkes, des Magnum Opus, die Umwandlung des unedlen, relativ unwerten Bleis in edles wertvolles Gold. In letzter Konsequenz meint dieser Vorgang die Wandlung von Materie in Geist. Einen ähnlichen Prozess wie die sogenannte Prima Materia, das Grobstoffliche, noch Unbearbeitete, macht auch die Nahrung auf ihrem Verdauungsweg durch. Entsprechend dem alchimistischen Grundmuster »Solve et coagula« (»Löse und binde«), wird die Nahrung in ihre wesentlichen Bestandteile zerlegt. Vom verwandelten Stoff wird ein Teil vom Körper behalten und in seinen Strukturen gebunden, der unbrauchbare Teil wird ausgeschieden und so zum wichtigen Dünger für neues Wachstum in der Natur. Diesen Zusammenhang verdeutlicht die sprachliche Verwandtschaft von Odel (Jauche oder flüssiger Mist), Adel und edel beziehungsweise Veredlung. Die alchimistische Umwandlung von Grobstofflichem in Feinstoffliches meint auch und vor allem einen Bewusstseinsprozess und spirituellen Vorgang. Die Fähigkeit zur Wandlung steht in direktem Zusammenhang mit dem Entwicklungsstand des Alchimisten, ist sozusagen ein Spiegel seiner Seele. Ist die innere Entwicklung des Alchimisten vollendet und er damit auch fähig, aus Blei Gold zu machen, hat er dementsprechend die Hürden, die mit dem Thema Reichtum verbunden sind, wie Machttrieb, Gier, Geiz, Neid, überwunden. Er hat die grobstoffliche Materie in feinstofflichen Geist gewandelt. Um auf der materiellen Ebene aus Blei Gold zu machen, muss ein ebenso grundlegender Wandlungsschritt bis auf die tiefste Ebene der Atomstruktur gelingen. Äußere Werte stehen also in direktem Zusammenhang mit inneren.

Der Umgang mit materiellen bzw. finanziellen Dingen und Gütern ist in diesem Sinn Spiegel für die seelische Auseinandersetzung mit Themen wie Eigenwert, Bewertung und bleibenden kulturellen Werten. Aber natürlich werden sich auch umgekehrt, Probleme und Eigenarten bezüglich des Eigenwertes und den Werten des Lebens im Umgang mit Geld niederschlagen. Auf der körperlichen Ebene werden diese Themen im Verdauungsvorgang bearbeitet. Es wird Nahrung (auf-)genommen und Kot gegeben. Dabei wird bewertet, was verdaut und aufgenommen wird, was als bleibender Wert in den Körper integriert wird und so zu Eigenwert wird.

So wie die Probleme, die wir im Umgang mit Geld als unserem entscheidenden Bild und Symbol für Wert haben, verraten, an welchem Punkt der eigene innere »alchimistische« Entwicklungsprozess ist, so zeigen das auf der Körperbühne Verdauungsprobleme. Sowohl Verdauung als auch der Umgang mit Geld oder materiellen Gütern sind demnach Lehrstücke, die verdeutlichen, wie sehr alles in Fluss bleiben muss, aber auch wie alles Irdische einem ständigen Stirb-und-werde-Prozess unterworfen ist. Materielle Werte sind demzufolge gleichermaßen Werkzeug und Spiegel für die wahren, weil bleibenden Werte der seelischen Entwicklung. Spiegel, weil sie den Status quo abbilden, Werkzeug, weil von der einen die andere Ebene zu bearbeiten und zu beeinflussen ist. Der Umgang mit Geld wird sich natürlich mit der seelischen Entwicklung verändern, denn wer Schritte in Richtung Befreiung schafft, wird natürlich auch freier im Umgang mit Materie und Geld. Andererseits könnte man auch durch Überlegung, Verständnis und bewusste Schulung den Umgang mit Geld verändern und im Sinne eines Rituals erleben, wie sich dadurch auch die seelische Wirklichkeit wandelt. Hier offenbart sich uns also eine deutliche Parallele zwischen Geld und Seelenentwicklung. Wie es Alchimisten um Gold als äußerem Zeichen eines geistig-seelischen Prozesses geht, ist der Umgang mit Geld das äußere Bild des Umgangs mit seelischen Werten. Ebenso geht es bei der Verdauung nicht nur um Nahrungsaufnahme, Verdauen und Ausscheidung, sondern um die Verwandlung von Welt in Leben. Die ursprüngliche sakrale Verbindung von Gold, Geld und Einheit, erfährt so noch eine weitere Dimension.

Übung zu diesem Thema:

Setzen oder legen Sie sich so entspannt und ungestört, wie es jetzt gerade geht, hin und erlauben drei Ausatemseufzern, sie mitzunehmen in die inneren Welten des Lächelns und der ersten aufsteigenden Gedanken, lassen ihr Gesicht aus der Tiefe der Augenhöhlen lächeln und leuchten und schicken dieses weite offene Gefühl anschließend noch in die Mitte ihrer Brust mitten in den Herzraum, den das Lächeln ebenfalls öffnet und weitet und dann nehmen Sie sich die Zeit, auf ihr bisheriges Leben zurückzuschauen und sich folgende Fragen zu stellen oder noch besser stellen zu lassen:

  1. Wenn ich zurückschaue auf dieses Leben, wie viel Wandlung hab ich mir bereits ermöglicht?

  2. Was hat mich vor allem weiter gebracht?

  3. Waren es mehr die Probleme, Schicksalsschläge und Krankheitsbilder, die Zwangsbelehrungen also oder waren es bewusste Schritte und Entscheidungen?

4. Wie könnte ich von den Zwangstherapien des Schicksals weg und zu bewussten selbstverantwortlichen Therapien der Entwicklung und Vergeistigung kommen?

5. Wie kann ich Geld für meinen Entwicklungsweg nutzen?

6. Wo könnte ich in meine Seele investieren?

7. Was kann ich materiell für meinen Geist tun?

8. Wo könnte Geld mich weiterbringen und mir den Weg in die Freiheit ebenen?

9. Und was hindert mich bis jetzt an dieser Alchemie?

 

Radikale Alternativen zum Rattenrennen ums Geld

Tatsächlich gibt es wenig Alternativen zur Geldwirtschaft. Ohne geht in der kapitalistischen Gesellschaft gar nichts. Da müsste man schon in ursprüngliche Gesellschaften eintauchen, was offenbar wirklich eine gewisse Faszination hat, aber nur in Einzel- und Sonderfällen möglich ist. Ansonsten könnte man noch freiwillig nach Cuba auswandern, um eine Gesellschaft zu erleben, die kein Geld hat und dafür in ihrem Schatten davon komplett besessen ist. Oder schöner noch nach Bali, wo man wenigstens an den einfachen Menschen auf dem Land noch sehen kann, wie sehr sie von anderen, nämlich religiösen Prioritäten geprägt sind. Doch dürfte es für Westler schwierig sein, wirklich in dieses Gewebe aus Religion und alten Werten einzutauchen.

Auch sind das natürlich gefährliche Alternativen, die Einzelnen sicher etwas bringen, aber insgesamt problematisch sind. Denn gerade diese Auswanderer und Aussteiger, die eine Art moderne Völkerwanderung ausgelöst haben, tragen das Übel, dem sie entkommen wollen, in die Welt. Müde und übersättigte Reiche überrollen überall solch sensible Strukturen. Sie kaufen das Land der Armen in den letzten noch paradiesischen Ländern, um sich eine schöne ruhige Residenz zu bauen. Dabei dürfen die „Eingeborenen“ den Neuankömmlingen helfen, wodurch Arbeitsplätze entstehen. Die religiösen Prägungen verlieren sich aber durch solche Umschichtungen mehr und mehr. Die Flucht von Millionen aus dem Rattenrennen stört so die letzten sensiblen Lebensräume. Man will seine eigene innere Ruhe finden, dort wo noch Ruhe ist und bricht damit das Gleichgewicht nachhaltig durcheinander.

Aus Liebe zu den ursprünglichen Menschen, müsste man sie so sein lassen, wie sie sind, nämlich in ihrer religiös geprägten Welt und als Wesentliches von ihnen lernen, das Geld nicht alles ist. In Wirklichkeit tragen die Reichen aber bei diesem Versuch eher ihr Geldverständnis in die Welt und Luxussanieren archaische Lebensräume, denn an das Elend der Welt wollen sie nicht erinnert werden, schließlich haben sie es mit geschaffen.

Da läge es also vielleicht näher, in einen Orden einzutreten, gleichgültig ob in ein traditionelles christliches Kloster, einen entsprechenden östlichen Ashram oder auch moderne Varianten aus der spirituellen Szene. An einem befreundeten Mönch, habe ich immer bewundert, wie viel leichter sich mit denselben Inhalten leben lässt, wenn der Geldaspekt weitestgehend wegfällt. Ohne Steuererklärungen und Honorarverhandlungen und trotzdem ohne Geldsorgen, ohne Konsumansprüche und dabei von allem immer genug. Wer sich auf diesem Weg das Geld- und Partnerthema erspart, kommt verblüffend leicht und sorglos über die Runden nach dem Motto „Es ist für alle gesorgt in dieser Schöpfung“, und der entscheidende Partner ist sowieso Gott. Da wird der biblische Hinweis „Sehet die Vögel des Himmels, sie säen nicht und ernten nicht und leben doch“ plötzlich leicht nachvollziehbar wie auch die ganz ähnliche östliche Aufforderung, ganz entspannt im Hier und Jetzt zu leben. Erstaunlicher weise plagt sich die Mehrheit der modernen Menschen aber offenbar viel lieber völlig verkrampft im Wenn und Aber.

Ein guter alter Meditations-Freund hat vor 35 Jahren die Weichen seines Lebens anders gestellt und bald nach seiner Meisterprüfung beschlossen, sich um wirkliche Meisterschaft im Leben zu bemühen. Er hat den Mönchsweg in einer spirituellen hinduistischen Gemeinschaft gewählt. Geld ist dadurch niemals bestimmend in seinem Leben geworden und bis heute von untergeordneter Bedeutung geblieben. Er braucht wenig, was er in der Regel hat, und wo nicht, wird es ihm gegeben. Wir treffen uns selten und unregelmäßig – es gibt auch nicht mehr so viel zu reden. Der Blick in seine alten strahlenden Augen zeigt mir, dass ihm die Dinge der Welt nicht wirklich fehlen. Seine fröhliche Art ist über all die Jahre ansteckend geblieben und es scheint ihm in einer Welt der Fülle spiritueller Erfahrungen besser zu gehen als den übrigen 60-jährigen meiner Umgebung, die konventionelle Wege gewählt haben.

 

Übung 35:

Meditation über Lebensstile

Gehen Sie wieder in ihre meditative Entspannung und stellen sich einmal vor, verschiedene Lebensstile zu leben. Durchleben Sie auf diese Weise einmal einen typischen Tag in einem Benediktiner Kloster – getragen von der alten Mönchsregel „ora et labora“ bei einfacher Handarbeit und in der kontemplativen Ruhe der Gesänge und Gebete. Was gibt Ihnen das und was würde Ihnen dabei fehlen?

Durchleben Sie anschließend einen typischen Aussteigertag auf einer Robinsoninsel in der Südsee? Genüsslich einfaches Leben von der Hand in den Mund ohne schlechtes Wetter und Jahreszeiten, genug Früchte und Essen, kein Stress und keine Diskussionen, aber auch sonst von allem Gewohnten wenig bis gar nichts. Wie wäre das für Sie auf die Dauer?

1 Das sind nur drei beliebige Beispiele aus dem weiten Feld der Krankheitsbilder und Ihrer Be-Deutung, wie sie sich für alle Symptome im Nachschlagewerk „Krankheit als Symbol“ (Bertelsmann) findet