Die Spielregeln des Lebens und der Wirtschaft

Wer mit einem Kind ein Spiel spielen will, wird ihm zuerst die Spielregeln beibringen. Ein Fußballer, der nicht weiß, dass zur Halbzeit Seitenwechsel ist, wird in der zweiten Spielhälfte nur noch Eigentore schießen. So geht es auch allen, die in den Wechseljahren nicht wechseln. Bei Lila, dem Spiel des Lebens, wie die Inder es nennen, kennen die meisten die Regeln oder Schicksalsgesetze aber nicht und landen in der erbärmlichen Situation durch Versuch und Irrtum sich mehr vorzutasten als wirklich voranzukommen.

In meinen 35 Arztjahren ist mir nichts so aufgestoßen, wie die Weigerung der Mehrheit die Spielregeln des Lebens zur Kenntnis zu nehmen. Denn wer erkennt, dass in dieser Welt alles einen Gegenpol hat, ist ungleich besser vorbereitet und von dieser wichtigsten Regel, dem Polaritätsgesetz, nicht mehr zu überraschen. Die meisten aber erleben staunend, wie aus heißer Liebe kalter Hass wird und wie die Friedenspolitiker durch Gewalt der eigenen Leute zu Tode kommen. Sie beklagen diese „Zustände“ ohne daraus zu lernen. Dabei hat Goethe schon im Faust Mephisto die Lösung in den Mund gelegt: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Bei uns ist es nur umgekehrt, wir wollen das Gute und erreichen oft das Gegenteil. An Weihnachten, beim Fest der Liebe und des Friedens, kommt es dann oft zum größten Streit. Statt aber daraus zu lernen, schieben viele die Schuld auf andere, bevorzugt Partner.

Wer beim Fußball die Abseitsregel nicht kennt, findet für seine Tore und Leistungen keine Anerkennung. Er hat zwei Möglichkeiten, das Problem bei sich in der fehlenden Regelkenntnis zu suchen oder es auf den Schiedsrichter, der die Anerkennung versagt, zu projizieren. Die Schiedsrichter des Lebens heißen Chefs, Politiker und vor allem Partner. Projektion ist inzwischen zur mehrheitsfähigen Lieblingsbeschäftigung geworden. Wer früher auf winterglatter Straße ausrutschte, sah das Problem in falschem Schuhwerk und eignem Achtsamkeitsmangel. Heute fragt er, wer streupflichtig gewesen wäre, um ihn zu verklagen. Das führt zum fortschreitenden Verfall von Eigenverantwortung und zu um sich greifender Frustration. In den USA gibt es kaum noch Zuwachsraten, außer bei Rechtsanwälten, das aber führt zur Lähmung einer Gesellschaft anstatt zu Erfolg.

Wer dagegen das Polaritätsgesetz versteht und anerkennt, wird sich schon in der Phase der heißen Verliebtheit eingestehen, dass auch dieser wundervolle Partner irgendwann anfangen wird zu nerven und zwar bis aufs Blut. Wer das von vornherein weiß, wird erstens nicht mehr überrascht sein und zweitens und vor allem auch wissen, dass das mit ihm mehr zu tun hat als mit dem Partner. Er hat die Chance an den heraufziehenden Problemen zu lernen und damit zu wachsen. Die Partnerschaft kann so zur Eigentherapie und Quelle von Entwicklung und Glück werden. Das gilt genauso für Berufs- wie Wirtschaftsbeziehungen: auf euphorischen Beginn folgt häufig Ernüchterung, was mit dem nicht durchschauten „Schattenprinzip“ zu tun hat.

Ähnlich ist es mit dem zweitwichtigsten Schicksalsgesetz, dem der Resonanz. Wer es versteht, wird erkennen, dass er nur die Krankheitssymptome bekommt, zu denen er Bezug hat, genau wie die Chefs und Partner, mit denen er Aufgaben zu lösen hat. Wer einfach nur wechselt, egal ob Liebes- oder Berufspartner, weil er das Problem ausschließlich außen sieht, kommt bekanntlich vom Regen in die Traufe. Beide wichtigsten Gesetze sind längst von der Wissenschaft bestätigt, wie auch das 3., dass alles schon im Anfang liegt und das 4. das davon ausgeht, dass in jedem Teil das Ganze steckt. Wer diese Schicksalsgesetze, die das Rückgrat der Spiritualität bilden, auf allen Ebenen seines Lebens anwendet, wird ungleich leichter, erfolgreicher und glücklicher voran kommen.

Denn was für Gesundheit und Partnerschaft gilt, betrifft die Wirtschaftwelt genauso. Sie folgt denselben Regeln der Polarität und spiegelt die Erkenntnis des Vorsokratikers Heraklit, dass alles fließt, in ihren jeweiligen Zyklen. Das ist der Grund, warum sich ein Organismus mit seinem unterschiedlichen, den jeweiligen Lebensprinzipien unterstehenden Organen mit den gleichen Mitteln sanieren lässt wie ein Betrieb mit seinen verschiedenen Abteilungen. „Schicksalsgesetze“ und „Schattenprinzip“ können Partnern auf allen Ebenen helfen, ihren eigenen Anteil am Problem zu erkennen und zu lösen, und nur so sind auf Dauer befriedigende Beziehungen aufzubauen, in der Liebe wie in der Arbeit, in der Familie wie in der Firma. Ob in ersterer einer das Schuld-Abo hat oder in letzterer gemobbt wird, läuft auf das gleiche Prinzip hinaus und ist – nach meinen Erfahrungen – nur durch Eigenverantwortung und Spielregelkenntnis zu lösen. Ob die Mehrheit der Partner in der Routine von Beziehungslosigkeit verharren oder (sich) 69 % der deutschen Angestellten (laut FAZ) Dienst nach Vorschrift leisten, beides schadet den Betroffenen selbst mehr als dem Partner bzw. der Firma, aber natürlich auch diesen. Selbstbetrug ist ein gefährliches Gift und kann durch Kenntnis der Spielregeln in Eigenverantwortung gewandelt werden, aus der schließlich Verantwortung für das Große und Ganze folgt.