Die Hierarchie in der Heil-Kunde

stones-801756_640Die Hierarchie der Maßnahmen erscheint heute als eines der großen Probleme der modernen Medizin, die dazu neigt, alles auf die unterste Ebene der Körperlichkeit eskalieren zu lassen, einfach weil sie nur gerade hier kompetent ist. In alten traditionellen Medizinsystemen wie etwa dem chinesischen war das nicht so. Dem Arzt der alten Zeit war es gar nicht recht, akupunktieren zu müssen, lieber hätte er nur die entsprechenden Punkte mit Druck im Sinne der Akupressur oder mittels Wärme behandelt. Noch besser wäre es aus damaliger Sicht gewesen, wenn er lediglich die notwendige Chi Gong Übung hätte vermitteln müssen, um die Energie wieder in Fluss zu bringen. Noch besser wäre es gewesen, wenn er rechtzeitig, d.h. lange bevor etwas energetisch aus dem Ruder laufen konnte, die richtige Tai Chi Übung gelehrt hätte, um die Energie von vornherein im Lot zu halten.

Medizinische Aktionen wurden hier also noch als echte Notfallmaßnahmen gesehen, die zudem zeigten, dass im Vorfeld etwas schief gelaufen sein musste. Ein guter Arzt hatte die Verantwortung, so rechtzeitig für Gesundheit zu sorgen, dass es gar nicht erst zu Manifestationen von Krankheitsbildern auf der Körperebene kam.

Davon erzählt auch jene chinesische Legende, die besagt, Ärzte seien nur solange gut bezahlt wurden, wie es den Menschen gut ging und sie gesund blieben. Wurden sie krank, zeigte das ein Versagen des Arztes und seine Bezahlung wurde ausgesetzt. Dieses eigentlich logische System würde moderne Ärzte in Armut stürzen. Während wir überall in unseren Leistungsgesellschaften Erfolg und Leistung belohnen, profitieren Ärzte vom Gegenteil. Patienten, die nicht gesund werden, bringen am meisten ein. Wer aber von Misserfolgen profitiert, wird sie auch produzieren.

Im alten China gehörte Vorbeugung zum System und war den Ärzten Verpflichtung. Heute ist sie die Ausnahme und der modernen Medizin entglitten, weil diese – ohne jede Philosophie – gar nicht mehr weiß, wie man sich vorher vor einem Krankheitsbild beugen könnte. In ihrem strikt allopathisch geführten Kampf gegen die Symptome kann Schulmedizin deren Wesen nicht durchschauen und folglich auch nicht vorbeugen. Wie sollte man sich auch vor etwas in Acht nehmen, das man weder kennt noch in seinem Wesen begreift?

In diesem Dilemma ging man dazu über, Früherkennungsmaßnahmen an Stelle von Vorbeugung zu betonen. Was auf den ersten Blick harmlos erscheinen mag, ist auf den zweiten mehr als gefährlich, denn Früherkennungsmaßnahmen wie etwa die Mammographie sind potentiell gefährlich und haben gar nichts mit Vorbeugung zu tun.

Der Arzt der alten chinesischen Tradition hatte dagegen neben Methoden sanfter Bewegungstherapie eine anspruchsvolle Diätetik zur Verfügung. Er konnte im Rahmen der Ernährungslehre nicht nur gesunde, sondern auch energetisch für die individuelle Situation passende Lebensmittel verordnen. Einerseits ließ sich so die thermische Situation ins Lot bringen und die Lebensenergie ausbalancieren, andererseits wurden die schwächer vertretenen Elemente gestärkt und die übermäßig stark in den Vordergrund drängenden auf sanfte Weise gebremst.

Während in der modernen Medizin Diätetik nur ein Randphänomen ist und die meisten Patienten trotz der oft miserablen Klinikernährung gesund werden müssen und nicht etwa durch sie, konnte der chinesische Arzt der alten Zeit damit sehr gezielt das bei Krankheit ins Ungleichgewicht geratene Energiesystem der Patienten in Ordnung bringen. Wo Lebensenergie fehlte, verordnete er wärmende Speisen. Bei uns, die wir uns nur am kalorischen Brennwert orientieren, geschehen hier kapitale Fehler. So empfehlen Ärzte mit gutem Gewissen bei Erkältung Zitrusfrüchte wegen deren Vitamin C Gehalt und kühlen ihre Patienten damit weiter aus und verstärken so die Erkältung noch.

Allerdings war die westliche Medizin hier auch schon einmal weiter, wenn wir an den Ausspruch des Hippokrates denken, der sagte: „Eure Nahrung sei eure Medizin, eure Medizin sei eure Nahrung!“ Mit Hilfe der thermisch-energetischen Betrachtungsweise, die unser Kalorienwissen ergänzt, können wir plötzlich auch verstehen, warum in manchen Wüstengegenden heißer Pfefferminztee getrunken wird. Denn tatsächlich kühlt Minze.

Hier dürfte deutlich werden, wie gut sich Methoden wie Bewegungs- und Ernährungslehre ergänzen und ohne jede Konkurrenz zum gemeinsamen Ziel eines ausgeglichenen Energieflusses beitragen. Neben Ernährungs- und Bewegungslehre stand im alten System etwa eines Hippokrates noch die Entspannung und das Umweltbewusstsein. Über diesen Säulen der Gesundheit aber rangiert offensichtlich noch das Verhalten.

Bei den Chinesen und auch in unserer Wirklichkeit rangierte oberhalb der Verhaltensebene die Welt der Emotionen und Gefühle. Das ist der Bereich, um den sich früher die Seelsorge kümmerte und der heute der Psychotherapie zufällt. Noch über diesen Ebenen aber war und ist das Bewusstsein angesiedelt und damit zum Beispiel Meditation, der allerhöchster Stellenwert zukam. Ein Mensch, der sich in Richtung Selbstverwirklichung bewegt, wird ganz natürlich mit Körper, Seele und Geist in Einklang leben.

Spirituelle Therapien, die die Sorge um die Seele mit meditativen Elementen verbinden, rangieren von daher zu oberst. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass es im Einzelfall oft gar nicht um diese hohen Bereiche geht. Wenn das Bein gebrochen ist, sollte vorrangig die Körperebene behandelt werden, erst danach müsste man sich um die Bewusstseinsebene kümmern, um weitere Beinbrüche schon im Vorfeld zu verhindern.

Die Gefahr bei all dem liegt in den Wertungen, die sich häufig einschleichen. Keine Ebene ist besser als die andere, weil jede in einem individuellen Fall die entscheidend sein kann. Wichtig wäre, alle Ebenen zu kennen, auch wenn man natürlich nicht auf allen behandeln können muss. Denn nur dann ist es möglich, den Patienten auf den richtigen Weg zu weisen, selbst wenn der nicht im Rahmen der eigenen Therapiemaßnahmen liegt.

Unterhalb der Akupunktur, auf die wir im Westen chinesische Medizin so gern und so fälschlich reduzieren, liegt nur noch die Chirurgie. Wenn es einmal soweit gekommen ist, dass ein Abszess zu platzen droht, braucht es natürlich die Öffnung durch den Chirurgen und sein Skalpell. Wir sollten ihm danken, dass er auf dieser untersten Ebene der Medizin-Hierarchie zur Verfügung steht.

Gelangt er allerdings an die Spitze der Hierarchie, wie so oft in modernen Kliniken, stellt man die Ordnung auf den Kopf und macht den Bock zum Gärtner. Natürlich operieren Chirurgen gern, aber deshalb alle Probleme bis auf ihre Ebene eskalieren zu lassen, ist ein Armutszeugnis für die Medizin. Und uns macht es arm, wie wir ja nun endlich auch zu begreifen beginnen.

Insofern könnten wir uns an Hand dieses einfachen und über Jahrhunderte erprobten Systems eine neue Wertung zulegen, die riskiert, bisher gering geschätzte Methoden ziemlich hoch und bis jetzt hoch geschätzte Bereiche weiter unten in der neuen Hierarchie einzustufen. Vor allem aber könnten wir auf solch einer Basis in Eigenverantwortung vieles für unsere Gesundheit tun und anderes gar nicht erst entgleisen lassen. Über Atem, Bewegung, Entspannung, Ernährung und Schlaf lässt sich mit einem einfachen Konzept wie dem Ratgeber „ Das Gesundheitsprogramm“ Erstaunliches in Eigenregie erreichen.

Noch darüber liegen die Ebenen der Psyche und des Geistes und damit auch der Bedeutungen. Wer hier erkennt, was seine Symptome ihm sagen wollen, wird den in ihnen schlummernden Lernaufgaben ungleich besser entsprechen. Dass Erkältete zuerst einmal auf seelischer Ebene verschnupft sind und die Nase voll haben, hat sich inzwischen herumgesprochen, ähnliches gilt aber für alle Krankheitsbilder – wie sich in dem Nachschlagewerk „Krankheit als Symbol“ leicht überprüfen lässt. Wer solcher Art die Treppe von oben nach unten kehrt, wird vieles auf der Körperebene gar nicht erst entgleisen lassen, kann Krankheitsbildern, die ihm Angst machen, vorbeugen und solche, die ihn doch noch hin und wieder überraschen, schneller durchschauen und wirklich damit fertig werden.

Erfahrungen mit diesem Ordnungssystem haben ergeben, wie hilfreich die Kombination von Verständnis der Symptomdeutungen mit sinnvollen Unterstützungsmassnahmen aus dem Bereich Ernährung, Bewegung und Entspannung ist. Der Brückenschlag zwischen Körper und Seele führt dazu, dass sich beide gegenseitig befruchten und ergänzen. In der Praxis geschieht das sehr einfach etwa mit CD-Programmen, die die seelische Bedeutung auf der Seelenbilderebene umsetzen helfen, während sich das intellektuelle Verständnis aus Büchern gewinnen lässt. Auf diese Weise können sich viele Menschen in Eigenregie selbst helfen oder doch wenigstens die Bemühungen ihrer Ärzte sinnvoll unterstützen.