Die Hierarchie der TCM für unsere Medizin?

yin-and-yang-802759_640Die chinesische Medizin der klassischen Zeit umfasste weit mehr als die bei uns fast als Synonym für sie angesehene Akupunktur. Eigentlich war es dem Arzt der alten Zeit nicht recht, zu akupunktieren, lieber hätte er nur die entsprechenden Punkte mit Druck im Sinne der Akupressur massiert. Noch besser wäre es, er hätte rechtzeitig die notwendigen Chi Gong Übungen mitgeteilt, um die Energie in Fluss zu halten. Stimmiger als die Behandlung energetischer Missstände mit speziellen Übungen wäre der alten Medizin erschienen, wenn Betroffene rechtzeitig, d.h. lange bevor etwas energetisch aus dem Ruder laufen konnte, die richtigen Tai Chi Übungen gemacht hätten. Medizinische Eingriffe wurden also – wie bei uns noch juristisch – als echte Notfallmaßnahmen gesehen, die zeigten, dass im Vorfeld einiges schief gelaufen war. Ein guter Arzt hatte die Verantwortung, schon so rechtzeitig für Gesundheit zu sorgen, dass es gar nicht erst zu Manifestationen von Krankheitsbildern kommen konnte.

Hierher gehört jene Geschichte aus dem alten China, die erzählt, dass Ärzte nur solange gut bezahlt wurden, wie es den Menschen gut ging. Wurden sie krank, galt das als Versagen des Arztes und die Bezahlung wurde ausgesetzt. Insgesamt ist das alte chinesische System logischer als unser modernes, denn während wir überall in der Leistungsgesellschaft Erfolg belohnen, profitieren Ärzte vom Gegenteil. Patienten, die nicht mehr gesund werden, bringen am meisten ein.

Im alten China gehörte Vorbeugung zum System und war Pflicht des Arztes. Heute ist sie der modernen Medizin entglitten, weil diese gar nicht mehr weiß, wie man sich rechtzeitig vor einem Krankheitsbild beugen könnte. Im strikt allopathisch geführten Kampf gegen Symptome hat sie das Wesen der Krankheitsbilder nie durchschaut und kann so gar nicht vorbeugen. Wie sollte man sich vor etwas in Acht nehmen, das man weder kennt noch in seinem Wesen begriffen hat?

Der Arzt der TCM war nicht nur auf die Möglichkeiten des Chi Gong oder Tai Chi angewiesen, er hatte neben der Bewegungstherapie auch eine ausgefeilte Diätetik zur Verfügung. So konnte er bereits durch Kenntnis der energetischen Wirkung der Nahrung die Lebensenergie ausbalancieren entsprechend einer typgerechten Ernährung. Über diesen „Säulen der Gesundheit“, Bewegung, Ernährung, Atem und Schlaf stand in diesem System noch die des Verhaltens. Darüber lag die Welt der Emotionen und Gefühle, also das Reich der Psyche. Noch über diesen Ebenen siedelt die TCM das Bewusstsein an, weshalb Meditationen ein so hoher Stellenwert zukommt.

Aus diesem einfachen und über Jahrtausende erprobten Systems ergibt sich eine Hierarchie, nach der bisher niedrig und gering eingeschätzte Methoden hoch und bis jetzt hochgeschätzte Bereiche wie Chirurgie unten rangieren. Yogalehrer, Atem- oder Ernährungstherapeuten, die auf höheren Ebenen der Hierarchie die Weichen so stellen, dass vieles gar nicht erst bis auf die körperliche Ebene eskaliert, stehen über Reparateuren wie etwa Orthopäden. Psychotherapeuten rangieren noch darüber, unterstehen aber ihrerseits den Meditationslehrern.

Die chinesische Medizin geht davon aus, dass wir schon mit einer gewissen individuell unterschiedlichen Portion an Lebensenergie auf die Welt kommen. Diese liege auf der körperlichen Ebene im Bereich der Nieren und sei später nur durch drei Maßnahmen noch aufzubessern: über den Atem, Bewegung und Ernährung. Diese drei Bereiche werden aber im Vergleich zu den schulmedizinischen Interventionen bei uns sträflich vernachlässigt, gering geschätzt und schlecht belohnt. Das können wir uns eigentlich gar nicht leisten.