Die Herausforderung des Fremden

55 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende ist der Rechtsadikalismus in Deutschland zunehmend lebendig, nachdem er nie wirklich verschwunden war. In den letzten Monaten hatten die Österreicher sich – aus deutscher Sicht zum Glück – die Sündenbockrolle erobert und mit großer Hingabe verteidigt. Noch schaut Europa gebannt auf Österreich, obwohl es dort keine brennenden Asylantenheime gibt, keine Anschläge gegen Fremde und schon gar keine Todesopfer des rechten Mobs. Dorthin werden von der EU drei sogenannte Weise gesandt, um nach „dem Rechten“ zu sehen. Wir können nur hoffen, daß sie auf dem Weg nicht durch Deutschland müssen, denn dann müßte ihnen wirklich Angst und Bange werden.

Nun ist aber das ganze Thema der von rechts geschürten Ausländerfeindlichkeit leider kein Phänomen des deutschen Sprachraumes, wenn es hier natürlich auch auf Grund der Geschichte – – den größten Schrecken auslöst. Was sich Le Pens Leute in Frankreich leisten, Plocher in der Schweiz verkündet oder der Vlamsblock in Belgien zum Besten gibt ist ziemlich braun eingefärbt und versammelt obendrein erschreckend viele Wähler hinter sich. In Deutschland haben wir noch das große Glück, daß die braunen Scharen im Augenblick und hoffentlich auch in Zukunft keinen populistisch wirksamen Volkstribun haben, der sie hinter sich scharen und wie in anderen Ländern geradezu gesellschaftsfähig machen könnte.

Erstaunlich, daß obwohl alle großen politischen Gruppierungen, alle Kirchen und wichtigen Verbände unserer Gesellschaft entschieden gegen die braune Bewegung Stellung beziehen und deren Attraktivität trotzdem zunimmt. Politiker werden nicht müde, Besserung und mehr Aufklärung zu fordern, sie wollen rechte Parteien und Gruppen bekämpfen, Gesetze verschärfen, Gruppen verbieten und strenger und schneller aburteilen usw. usf. Weniger Gedanken macht man sich darum, den Hintergrund des Phänomens zu beleuchten. Die einzige gebetsmühlenhaft wiederholte Erklärung bezieht sich auf die soziale Lage. Schlechte Wirtschaftsbedingungen und Berufschancen und hohe Arbeitslosigkeit werden als Gründe ausgemacht. Das ist aber eher eine Beschreibung als eine Erklärung. Daraus folgt lediglich ein weiteres Mal, daß wir zu gnadenlosem Wirtschaftswachstum verurteilt sind, weil sonst auch noch neuerlicher Faschismus droht.

Sich den psychologischen Hintergrund des Phänomens anzuschauen, ist leider fast unüblich, obwohl mir scheint, daß hier der entscheidende Ansatz zur Lösung läge. Wer die Entstehungsgeschichte des Rechtsradikalismus durchschaut, ist am besten vor einer dermaßen primitiven Projektionsmasche geschützt. Nicht nur Bildung ist gefordert, sondern das psychologische Verständnis der Sündenbockpolitik.

Der Zwang zu immer weiterem Wirtschaftswachstum, um die braune Gefahr zu bannen, macht uns nur zu noch fanatischeren Anhängern des Fortschrittsglaubens undverhindert wirksam die überfällige Frage, wohin wir eigentlich fortschreiten sollen. Wir bewegen uns zwar zielstrebig, aber es hat den Anschein, als strebten wir zuviel und zielten zu wenig. Der Glaube an steten linearen Fortschritt als Patentlösung verläßt inzwischen selbst bisher Gutgläubige. Gerade die prügelnden rechten Banden vermitteln das Gefühl, wir drehten uns im Kreise und bescheren uns abscheuliche historische Deja-vu-Erlebnisse.

Es sind wieder dieselben einfältigen und nicht selten brutalen Gesichter Zu-kurz-Gekommener, die mit (fast) denselben Symbolen bewaffnet, die alten widerlichen Grußformeln erneuern und ihre geistlosen Parolen brüllen. Wir begegnen in ihnen – ob wir nun wollen oder nicht – unserer Vergangenheit. Wer aber immer wieder mit denselben Problemen konkrontiert wird, dürfte ruhig daraus schließen, daß er sie beim letzten Mal nicht gelöst hat. Als Gesellschaft drehen wir uns tatsächlich im Kreis.

Das mag besonders unangenehm aufstoßen, weil das Entwicklungsymbol dieser Gesellschaft gerade nicht der Kreis, sondern der Pfeil mit eindeutiger Richtung ist. Wir wollen vorwärts und schauen gar nicht gern zurück, eben wohl aus Angst, daß die alten (nicht verarbeiteten) Zeiten sich wiederholen könnten. Genau das geschieht aber längst und nicht erst seit diesem Jahr 2000, jetzt fällt es nur endlich auch den Medien und dadurch auch den Politikern auf.

Schon wieder werden Sündenböcke geprügelt und manchmal auch bereits wieder umgebracht, schon wieder brennen Häuser von Minderheiten, rechte Banden geraten sich mit Linken in die Haare und wieder ist deutlich, wer dabei den Kürzeren ziehen wird. Eine Polizei, die mit Engagement auf der relativ harmlosen 68-er-Studentenbewegung herum­geprügelt hatte und dabei sogar ein Todesopfer heraufbeschwor, sah – etwa in Rostok – „taktvoll“ bei­sei­te, als der Rechtsstaat von rechts und allabendlich mit unverhohlenen Morddrohungen und entsprechenden -versuchen attackiert wurde. Po­li­ti­ker warteten sehr lange ab, sahen zu, demonstrierten Besorgtheit und manche nicht einmal das. Die Schweigende Mehrheit machte – wie üblich – ihrem Namen Ehre. Ange­sichts dieser Zustände und einer jüngeren Vergangenheit, die an Brutalität und Men­schen­verachtung nicht zu überbieten ist, drängt sich die Frage auf: Haben wir denn gar nichts gelernt?

Wer wird rechtsradikal und ausländerfeindlich? heißt die häufige Frage. Wir könnten auch umgekehrt fragen, wer kommt für eine derartige Verwicklung überhaupt nicht in Frage? Ein junger Mensch z.B., der gelernt hat nach innen zu horchen, den so verspürten Ruf zu einer Berufung reifen läßt, die in einen Beruf mündet, den er liebt, hat nur noch geringe Chancen. Wer sich in seinem Körper wohlfühlt und ihn in Form hält, weil er ihn als das beste zur Verfügung stehende Haus für seine Seele erkennt, hat auch wenig Affinität, zumal wenn er mit seinen Seelenkräften vertraut ist. Wenn er dann noch eine erfüllende Partnerschaft findet, in der sich akzeptiert fühlt, seine eigene Wohnung oder gar ein Haus bewohnt, das ihm gefällt und gehört, dann ist er für Ausländerfeindlichkeit praktisch verloren. Warum, wäre zu klären. Ein solcher Mensch fühlt sich mit seiner Seele in seinem Körper zuhause und keineswegs fremd, er ist auch in seiner Partnerschaft angenommen und sein Beruf ist ihm alles andere als fremd, ebenso wie sein Heim. Er wird wahrscheinlich sogar sein Land mögen, weil er allen Grund hat sich dort zuhause zu fühlen, aber für platten Nationalismus ist er unempfänglich. Auch wird er nicht auf Fremde losgehen, sondern sie höchstens bedauern, wenn ihr Fremdsein zu Leid führt.

Wer sich aber in der eigenen Haut nicht wohl fühlt, wer keinen Beruf, sondern einen Job hat, um den er auch noch fürchten muß, den er nicht gerne macht und deshalb nicht gut und für den er folglich auch nur schlecht bezahlt wird, wer in einer gemieteten und damit fremden Wohnung Unterschlupf gefunden hat, die ihm nicht besonders zusagt und in der er sich fremd fühlt, wer sich auch in seiner Beziehung nicht angenommen und zuhause fühlen kann, wem gar nichts eigenes bleibt, außer einem Land, von dem er wenig hat und bekommt, der wird leichter dazu neigen, all die Fremdheitsgefühle nach draußen zu projizieren und das alte abgestandene Deutschtum auspacken. Wenn solch ein Mensch, der unter seinem eigenen Fremdsein leidet, sich das aber nicht eingesteht, jemand mit einer anderen Hautfarbe oder auch nur mit langen Hosen unter dem Rock sieht, jemanden also, dem man sein Fremdsein direkt ansieht, dann kann es leicht passieren, daß er dieses unbewußte Fremdheitsgefühl und all seine diesbezüglich negativen Gefühle auf Ausländer verschiebt. Projektion ist eine der ältesten Methoden mit dem eigenen Bösen umzugehen.

Die jüdischen Stämme hatten zu diesem Zweck einen Sündenbock, einen Schaf- oder Ziegenbock, auf den sie alles Böse projizierten, was im Laufe des Jahres anfiel. Am Ende des Jahres wurde er geopfert oder in die Wüste gejagt. Das mag uns heute primitiv erscheinen, aber da es bewußt geschah, ist es viel menschlicher als all die unbewußten Projektionen, die in der Geschichte und bis in die Gegenwart unser Zusammenleben belasten. Der Mechanismus ist immer derselbe, ob er attraktive Frauen während der Inquisition traf, Juden und Zigeuner in der Nazizeit oder Ausländer in der Neuzeit.

Weiter zu klären wäre, warum sich heute so viele Menschen fremd fühlen und das sogar im eigenen Körper? Die psychologischen Hintergründe sind nicht einmal schwer zu durchleuchten. In dem Buch „Lebenskrisen als Entwicklungschancen“ habe ich dargestellt, wie wir immer weniger über Rituale verfügen, die uns wenn schon nicht zur Pubertätszeit, so doch wenigstens zur Adoleszenz erwachsen werden lassen. Das Ergebnis ist eine rechte Kindergesellschaft, deren Mitglieder an Schnellfutterplätzen (fast-food-restaurants) ihre auf Kinderniveau heruntergewirtschaftete Nahrung verschlingen, wo im Mehrheitsmedium Fernsehen das Kinderprogramm in Gestalt geistloser und unrealistischer Aktionfilme erst spät nach Mitternacht endet, die physisch ausgewachsene Manager bei einschlägigen Trainings mit Pubertätsritualen abspeist. Was noch ganz witzig klingen mag, bekommt ein ganz anderes Gesicht, wenn man Kindersoldaten aus solchen Gesellschaften betrachtet, wie sie in vielen Erdteilen versuchen, in grausigen Kriegen so etwas wie Männlichkeit zu demonstrieren.

Wer nicht rechtzeitig erwachsen wird, ist aber in seiner Entwicklung gei­stig-seelisch zurückgeblieben und wird sich als Kind in einem Erwachsenenkörper fremd fühlen. Solche Menschen, können mit ihrem Körper entsprechend wenig anfangen und sind außerstande im Augenblick zu leben. Sie empfinden es deshalb als Kompliment, wenn sie jünger geschätzt werden. Ein körperlich und seellisch parallel gereifter Mensch müßte das als ernstes Zeichen erachten. Diese auf die Lebensreise bezoge­ne Situation, kennen wir von kürzeren Reisen. Bei einem Flug von Ham­burg nach Rom ist der Körper oft schon in Italien gelandet, wäh­rend die Seele noch über den Alpen hängt. Der in Rom ge­lan­de­te Mensch fühlt sich entsprechend eigenartig und nicht wirklich angekommen. Wenn man sich solchermaßen zurückgeblieben, fremd und unfertig im eigenen Haus fühlt, gerät das Leben zur Strapaze und Über­for­de­rung. Wohin mit den bedrückenden Empfindungen des bedrohlich Fremden und der dadurch mobilisierten Angst?

Grundsätzlich bieten sich nun zwei Wege an. Bei sensiblen und sich ihrer selbst bewußten Menschen wird sich aus dem eigenen Fremdheitsgefühl Solidarität und Mitgefühl mit allem Fremden ein­stel­len. Weniger bewußte Menschen werden ihr Fremdheitsgefühl nach draußen projizieren und in allem äußeren Fremden bekämpfen. Seit alters her wissen die Weisheitslehren, daß man nur draußen hassen kann, was man an sich selbst ablehnt. Diesen Mechanismus nennen wir Projektion. Die Fremdenhasser und Ausländerfeinde fühlen sich fremd in der eigenen Haut. Sich das einzugestehen, fehlen ihnen Möglichkeit und Mut. Besonders mutig können die rechten Schläger, die sich bis an die Zähne bewaffnet und in Gruppen gegen einzelne Un­be­waff­ne­te stark fühlen, kaum sein. Schon äußerlich sind sie mehrheitlich als sogenannte Halbstarke kenntlich. Auch der Zeitpunkt ihres Auftauchens in den neuen Bundesländern wirft ein bezeichnendes Licht auf ihren Mut. Zur Zeit der Stasi-Herrschaft in der DDR hatten sie sich eher feige verkrochen. Erst als andere wirklich Mutige dieses Joch abgeschüttelt hatten, taten sich die Löcher auf und die braune Bande machte erstmals von sich reden.

Schon aus dieser kurzen Geschichte ist ersichtlich, daß bei den an sich feigen und autoritätsfürchtigen Rechtsradikalen staatliche Härte durchaus abschreckend wirken würde im Gegensatz etwa zu den 68-ern, wo sie zu einer Eskalation führte und führen mußte. Warum aber bekamen die Ausländerhasser in der jüngsten Vergangeheit von uns so be­reit­willig ihre Chancen?

Das hat wohl viel damit zu tun, daß die meisten Menschen in den modernen Industriegesellschaften im selben Dilemma stecken. Ohne funktionierende Rituale des Übergangs gelingt es nur noch wenigen, die Lebenskrisen als Reifungschancen zu erleben und erwachsene rei­fe Menschen zu werden. Die an den Übergängen Gescheiterten werden aber in dieser Situation Sün­den­böcke suchen und finden. Dabei machen sie die Ausländer letztlich für Umstände verantwortlich, unter denen diese selbst am meisten leiden. Aber es ist eben immer leichter auf Opfer einzuprügeln als sich mit wirklichen und stärkeren Gegnern zu messen. Die unter dem Zölibat ächzenden Kleriker der Inquisitionszeit hätten sich auch mit dem Vatikan anlegen können, um das Problem zu lösen, aber das hätte Mut erfordert. So haben sie lieber das Problem auf die Frauen projiziert. Innerhalb der perversen Logik des Sündenbocksystems wird das Zölibat tatsächlich leichter zu ertragen, wenn man alle attraktiven Frauen der Umgebung umbringen läßt.

So schrecklich das – schon wegen der zahlreichen unverarbeiteten Beispiele klingen mag – hängen wir letztlich bei diesem Thema alle zusammen und sind enger verbunden als uns meist bewußt und lieb ist. Da sind diejenigen, die sich in ihrer Heimat so unwohl und wenig verwurzelt fühlen, die die dortigen Umstände als ihrem Wesen so fremd empfinden, daß sie lieber in die Fremde fliehen, wo sie sogleich von allen als Fremde erkannt und behandelt werden. Geprügelt werden sie in der neuen „Heimat“ von jenen, die ihrem eigenen Fremdheitsgefühl und ihrer Enttäuschung vom Leben ausgeliefert sind und die auch keine wirkliche Heimat haben werden innerlich noch äußerlich. Ihnen fehlen die Möglichkeiten, die Zusammenhänge zu durchschauen, genau wie denjenigen Spießbürger, die gegen Ausländer gerichteten Projektions- und Gewaltorgien Beifall klatschend beiwohnen. Letz­te­re stellen sogar die größere Gefahr dar, da sie in der Überzahl sind. Wie schon einmal und schon immer werden sie nur ein bißchen klatschen, solange es gefahrlos ist und im übrigen schweigen, bis es zu spät ist. Beide Gruppen zeichnen sich durch verblüffende Geschichtsblindheit aus.

An diesem Punkt dürften sich nun endlich auch jene angesprochen und mitbeteiligt füh­len, die in diesem Land seit fast vierzig Jahren bezüglich der jüngsten Geschichte beide Augen zudrücken. Jene „Pä­da­gogen“ etwa, die zu meiner Schulzeit verhindert haben, daß wir bei einem zwei­maligen Durchgang durch die ganze Geschichte über den I. Weltkrieg hinaus kamen – aus Zeitgründen selbst­ver­ständ­­lich. Hier ist die Angst und Entfremdung der eigenen Ge­schich­te gegenüber kaum zu übersehen. Die rechten Rabauken und Mörder haben schon recht, wenn sie glauben, daß ihnen einiges verschwiegen wurde bezüglich der Vergangenheit – nur geht ihr Verdacht gerade in die falsche Richtung.

Die Ausländerhasser und die sie tolerierenden Spießbürger wer­den ihrerseits von einer anderen Gruppe gehaßt. Den Kämpfern der autonomen Linken, die sich für die Fremden stark machen, steht dabei allerdings auch nicht grade die Nächstenliebe in die zumeist vermummten Gesichter geschrieben. Im Gegenteil, sie treibt ebenfalls Haß um. Auch sie fühlen sich als Fremde und Außenseiter im eigenen Land und so­li­darisieren sich mit den anderen offiziellen Fremden, wohl nicht zu­letzt um ihrem Haßstau Luft zu machen und dem System Schlachten liefern zu können.

Die vierte Gruppe jener Menschen schließlich, die sich ihrer eigenen Probleme mit Fremdheit bewußt sind oder diese sogar überwunden haben, zeigen dies bereits in ihrer Argumentation: „Alle Menschen sind Fremde – in fast allen Ländern der Welt“. Daß nicht einmal solch eine Binsenweisheit Eingang in das Gehirn der anderen Gruppen findet, zeugt von der Macht der Projektion. Diese Gruppe von bewußten Menschen ist aus der eigenen Betroffenheit heraus viel leiser als die der Projezierer ­und wird so auch leichter überhört. Das sind Menschen, die an ihren eigenen Fremdheitsgefühlen arbeiten, die etwa Psychotherapien machen, um mit ihrer Seele in ihrem Körper wirklich anzukommen und die eigentlich als einzige den anderen helfen können, ebenfalls anzukommen.

Sie zündeten schon einmal statt Häusern symbolische Lichter an und versuchten durch ihre Lichterketten Bewußtheit zu schaffen. Genauso wichtig wäre es, den Betroffenen der ersten drei Gruppen Lichter aufgehen zu lassen, das müßte in Elternhäusern und Kindergärten geschehen und ist in den Schulen schon ziemlich spät. Voraussetzung dafür wäre aber, daß Eltern und Pädagogen die Mechanismen durchschauen und erklären können. Gerade für Zu-kurz-Gekommene potentielle Rechtsradikale stellen Banden von Feiglingen und geistig Minderbemittelten eigentlich keinen Anzeiz dar, im Gegenteil das sind ja ihre Feindbilder. Letztlich sind sie sich ja auch selbst feind, nur müßten wir ihnen die Chance geben, das zu erkennen. Dazu wäre es aber notwendig, daß rechte Schläger öffentlich und ständig als jene Feiglinge und Zu-kurz-Gekomme dargestellt werden, die sie – psychologisch leicht durchschaubar – sind. Momentan wirken sie stark auf Jugenliche, und das Verhalten von Staatsmacht und Politikern macht sie noch stärker. Einschlägig gefährdete Jungendliche würden gerade aus ihrem Muster heraus wenig Neigung zeigen, Zusammenschlüssen von Schlappschwänzen und Dummköpfen beizutreten, die bei jeder Gelegenheit ihre Grenzen aufgezeigt bekommen und immer und überall den kürzeren ziehen.

Hier für Bewußtheit und frühe Aufklärung zu sorgen, ist eine schwere Auf­gabe, sie ist aber aus psychologischer Sicht die einzige Chance. Der hilf­lo­se Versuch einiger Politiker, die Projezierer durch Erfüllung ihrer Forderungen ruhig zu stellen, ist dagegen bei Rechtradikalen immer fatal gewesen. Das ist zwar die klassische Antwort der bürgerlichen Rechten, aber sie hat immer versagt, und das ist psychologisch auch völlig klar, da sie von rechten Schlägern wie Politikern immer als Schwäche oder Sympathie erkannt wird. Rückwirkend ist auch Politikern klar geworden, daß die sogenannte Beschwichtigungspolitk gegenüber Hitler völlig kontraproduktiv war.

Wenn es denn nur noch Deutsche in diesem Land gäbe und wenn die alle genug Arbeit hätten, würde es erst recht furchtbar. Diese Situation nämlich hatten wir schon. Wenn alle Sündenböcke umgebracht sind, müssen neue her, und die sind dann meist noch weiter draußen jenseits der eigenen Grenzen. Es wäre also sehr darauf zu achten, woran die Menschen ar­bei­ten und auf wen sie ihre düsteren Schattenseiten projezieren. Sündenböcke finden sich immer, solange es unbewußte Menschen gibt.

So bleiben schließlich eigentlich nur Opfer: die Fremden als Opfer der Umstände in ihrer Heimat und in der Fremde, die Frem­den­has­ser und die Fremdenhasser-Sym­pa­thi­santen und die Fremdenhasser-Hasser als Opfer ihrer so ähnlichen Projektionen und jene die gegen den breiten Strom der Unbewußtheit zu schwimmen versuchen und Gefahr laufen, Opfer der mächtigen Strömung zu werden.

Wenig Sinn macht es in dieser Situation auch, auf die anderen mit Fingern zu zeigen und den Projektionsmechanismus auf ganze Länder auszudehnen, wie es eingangs angedeutet wurde. Es entlastet Deutschland kein bißchen, daß die Ausländerfeindlichkeit in Österreich schon regierungsfähig ist, es entlastet Österreich auch kein bißchen, daß in Wahrheit in Deutschland alles schon viel schlimmer ist. Beides ist leider wahr und die wohlgesonnenen Kräfte sollten sich lieber zusammentun in ihrer Bewußtseinsarbeit. Daß wir auch in Rußland, Polen, Italien und Frankreich rechtsradikalen Haß finden, entlastet uns nicht im mindesten. Im Gegenteil zeigt es nur, wie weit es schon wieder gekommen ist.

Erschwerend kommt in diesen Zeiten des Umbruchs ein zweites Phänomen hinzu. Alles fließt so schnell und so chaotisch, daß al­te ehedem verläßliche Muster und Rituale erdrutschartig weggespült werden. In dieser Situation ergeben sich zwei grundsätzliche Antwortmög­lich­kei­ten: Man kann mutig weiter vorwärts gehen und nach neuen Ufern suchen oder aus Angst zurückweichen und sich an früher funk­tionie­ren­de alte Muster klammern. In dieser regressiven Tendenz dürfte die Erklärung für den weltweit um sich greifenden Fundamentalis­mus liegen. Besonders betroffen sind Länder, wo neue Lebenformen über­haupt keine verläßlichen Muster übrig ließen, wie etwa im Persien des Schah oder auch in anderen schnell in neue Zeiten auf­ge­bro­che­nen islamischen Ländern. Aber selbst in den USA finden sich unübersehbare Zeichen wie auch im Rußland nach Gorbatschow. Sogar vom Vatikan gingen solche Signale aus. Im Ein­fluß­be­reich ein­es lebendigen Buddhismus dagegen, wo Bewußtheit den höchsten An­spruch darstellt und geistige Entwicklung in Einklang mit der Be­wahrung der Tradition gebracht wird, finden wir kaum Fremdenhaß oder fanatischen Fundamentalismus. Wer die Einheit mit allen Wesen und Dingen zu seinem Lebensziel erkoren hat, wird weder dazu nei­gen, eigenes Fremdeln auf andere zu projizieren noch auf frühere Entwicklungsstufen zurückzuweichen. Menschen auf dem Weg, und das gilt natürlich für Anhänger aller Religionen, benutzen ihre Umwelt als Spiegel im Sinne des hinduistischen „Tat twam asi“ (Ich bin das) oder des christlichen „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. So wird letzt­lich Bewußtheit und ernsthafte Bemühung auf dem Weg der Selbsterkenntnis der sicherste Schutz vor dem Abrutschen in Pro­jek­tion, wie sie sich im Fremdenhaß offenbart.

Die Opfer des Fremdenhasses brauchen unser Mitgefühl und unsere Hilfe, die Täter aber wohl genauso dringen­d unsere Nach-Hilfe. Und wir helfen ihnen auch dadurch, daß wir uns ihnen und vor allem ihren Untaten mutig und ent­schie­den und wo notwendig auch mit großer Härte entgegenstellen solange es für sie und uns noch nicht zu spät ist. Dunkelheit läßt sich nur durch Licht wandeln. Wer die Hasser haßt, fördert die Ausbreitung der Dunkelheit und Unbewußtheit. Wem dagegen bezüglich seiner eigenen Si­tuation ein Licht aufgeht, der kann auch anderen eines aufgehen lassen und so insgesamt Licht ins Dunkel bringen.