Die heilende Kraft von Vergebung und Versöhnung

Es ist so schwer, dankbar zu sein und so leicht, sich zu beschweren und sauer zu sein. Das erschwert das Verhältnis so vieler Menschen zu ihren Eltern. Dabei bekommt Beschwerden, wer sich dauernd beschwert und übersäuert, wer dauernd sauer ist.

Ähnlich ist es mit beleidigt sein. Der Beleidigte hat das Leid zu tragen, nicht derjenige, dem er beleidigt ist. Wer nachtragend ist, trägt jemand anderem etwas nach. Das ist viel mühsamer für den Nachtragenden als für denjenigen, dem es nachgetragen wird. Man sollte sich also gut überlegen, ob es einem das Wert ist, so viel Leid und Beschwernisse auf sich zu nehmen wegen der vagen Hoffnung, anderen damit zu schaden. Eigentlich ist es eine Frage der Intelligenz, dergleichen sein zu lassen und lieber wirklich, d.h. vom Herzen her zu vergeben.

Vor Jahren hatte ich eine „Auseinandersetzung“ vor Publikum mit Bert Hellinger in Goldegg, die uns zum Schluss einander näher brachte. Er war so gegen Vergebung und ich so dafür. Aber wir merkten rasch, dass wir einer Meinung waren, obwohl wir uns so gegensätzlich äußerten. Er wandte sich gegen die Vergebung, die er wohl aus der Kirche kannte, die von oben herab vorgab zu vergeben nach dem Motto „Du bist ein armer Sünder und ich verzeihe Dir“. Ich meinte die Vergebung, die ich aus Psychotherapien kannte, wo jemand seinen Anteil an einem Zerwürfnis (an)erkannte und akzeptierte und diesen (An)Teil zu sich zurück nahm, die Position des anderen aber verstand, weil er ein paar Schritte in dessen Mokassins gegangen war. Wer aus diesem Erkennen und Verstehen vergeben kann, erleichtert sich den eigenen Weg und dem anderen macht er es obendrein leichter.

Beide hatten wir aus unserer Sicht recht und konnten das anerkennen. Von oben herab vergeben, ist eine schlimme Sache, setzt jemanden herab und stellt jemand anderen über ihn, was beiden nicht gut tut. Sich mit jemandem aussöhnen, weil man ein Zerwürfnis von zwei Seiten sehen lernt und eigene Anteile zurück nimmt, wirkt sich dagegen erleichternd aus.

Nach dieser Auseinandersetzung bin ich Bert Hellinger und seiner Arbeit noch lieber begegnet.

Um beleidigt zu sein, nachzutragen oder unversöhnlich zu bleiben, braucht man viel Zeit. Wer aber über 50 oder gar 60 ist wie ich, kann sich derlei eigentlich nicht mehr leisten. Er kann nichts auf später verschieben, es ist immer schon später.