Die große Verwandlung – wir sterben und leben weiter

In unserer modernen auf Leistung und Fortschritt getrimmten Gesellschaft wollen alle alt und sogar uralt werden, aber niemand will alt sein und so werden, wenn so viele etwas werden wollen, was sie dann nicht sein wollen, unglücklich. Diese Ablehnung des Alters hängt mit der Angst vor dem Tod zusammen, der für eine wachsende Mehrheit statt Lösung und Erlösung Ende und Verzweiflung bedeutet. Was moderne Menschen so erschreckt, war für die religiös besser eingebundenen Menschen der Vergangenheit kein Problem, sie wussten, dass der Tod nicht das Ende der Seele bedeutete, sondern nur das des Körpers.

Alle großen Religionen und Traditionen gehen von einem Weiterleben nach dem Tod des Körpers aus. Während Christen auf das Jüngste Gericht und die Auferstehung warten, gehen die Menschen des Asiens von vielen Wiedergeburten aus. Ursprünglich glaubten auch Christen daran wie Augustinus und die frühen Kirchenväter, aber auch die Jünger fragten Christus noch ganz selbstverständlich, ob er der wiedergekommene Elias sei und er entgegnete ebenso selbstverständlich, dass das Johannes der Täufer sei. Die Bibel wurde erst nach dem Konzil von Nicäa wenige Jahrhunderte nach Christi von der Lehre der Wiedergeburt „gesäubert“, wobei einige Stellen eben übersehen wurden. Hindus und Buddhisten gehen davon aus, dass die Seele solange in einem neuen Körper wiedergeboren werde, bis sie gelernt hat, was zu lernen ist.

Der tibetische Buddhismus geht vielleicht am klarsten und deutlichsten auf den Übergang vom Leben zum Jenseits ein. Das tibetische Buch vom Leben und Sterben, das im Zentrum der Religion des Vajrajana-Buddhismus steht, hat nur dieses eine Ziel, die Menschen auf diesen letzten und wichtigsten Übergang einzustimmen. Die sogenannten Bardo-Zustände, die seine Seele dabei zu durchwandern hat, nachdem sie ihren Körper zurückgelassen hat, beschreiben ihr Wandeln im Kreise der eigenen Bilder, die es nun endgültig zu verarbeiten gilt. Aus dieser tibetisch-buddhistischen Sicht handelt es sich bei dem Durchlauf durch diese Bardo-Zustände um eine Zeit des Lernens und der Entwicklung.

Die westliche Sterbeforschung im Sinne von Elisabeth Kübler-Ross oder des amerikanischden Psychiaters Raymond Moody bestätigt immerhin die ersten Stufen dieser tibetischen Beschreibung der Übergangsphasen. Beide Forscher haben sich ausführlich mit Reanimierten und anderen Personen unterhalten, die nach ihrem klinischen Tod zurückgeholt wurden oder freiwillig kamen. Die Ergebnisse zeigten viele Übereinstimmungen mit dem alten Wissen der tibetischen Tradition: nach einem Übergang durch eine Art Tunnel näherten sich die Seelen, die zum Teil bewusst erlebt hatten, wie sie ihren Körper abstreiften, einem unbeschreiblich hellen Licht, das sie mit einer nie gekannten Freude erfüllte, dem sie sich annäherten und in das sie eingingen. Letzteres erfüllte die meisten von ihnen mit ungekannter Glückseligkeit.

Zurückgeholt durch die Reanimationsanstrengungen von Notärzten, waren die meisten keineswegs glücklich, wieder in ihren Körper zurückgekehrt zu sein. Die unbeschreibliche Leichtigkeit der befreiten Seele hatte ihnen in der Regel ungleich mehr zugesagt und sie fühlten sich vom Körper belastet und beschwert. In der Regel erkannten sie aber, dass sie im Körper und in der irdischen Welt noch Aufgaben zu erfüllen hatten. Meist hatten sie nach diesen Erfahrung im Zwischenreich jede Angst vor dem Tod verloren und sahen in ihm im Gegenteil ein Ziel, dem sie sich voller Hoffnung und Zuversicht im weiteren Lebensverlauf annähern würden.

Die hier beschriebene Grundthematik stimmt auch mit den anderen Totenbüchern der Völker überein wie sie sich im ägyptischen Totenbuch und im Popol Vuh, dem Totenbuch der Maya, zum Ausdruck kommen. Auch im christlichen Mittelalter gab es mit der Ars Moriendi, der Kunst des Sterbens eine literarische Annäherung an diesen zentralen Lebens- und Sterbensbereich. Allerdings ging es dabei mehr um Bildergeschichten, die den Menschen den Übergang ins Zwischenreich im christlichen und oft angstbesetzten Sinn näher brachten. Die Berichte der Zurückgekehrten und die tibetischen Beschreiben zeigen dagegen die Notwendigkeit dieser Durchgangsphasen und vermitteln vor allem Zuversicht und Hoffnung.

Die beschriebenen Erfahrungen erinnern auch sehr an jene Zustände, die unsere Patienten bei Ausflügen mit dem verbundenen Atem erleben und im Rahmen der Reinkarnationstherapie. Letztere lässt natürlich auch die Übergänge zwischen Leben und Tod, zwischen Diesseits und Jenseits erfahren. Insofern sind solche therapeutischen Ausflüge eine Art von Sterbevorbereitung und Aussöhnung mit den Übergängen im Zwischenreich und natürlich verringern auch sie die Angst vor dem Sterben.

Allerdings zeigte weitere Sterbeforschung, die auch Menschen mit länger dauernden Erfahrungen im Jenseits einschloss, dass es nicht nur solch wunderschöne Übergangszustände gab, sondern auch solche, die an christliche Vorstellungen vom Fegefeuer zur Läuterung der Seele erinnerten. Die verschiedenen Bardo-Zustände vermitteln auch die Chance, noch unverwirklichte Wünsche zu bearbeiten, aber offenbar auch notwendige Sühne-Situationen zu durchlaufen.

Die Nacht mit ihren Träumen wird angesichts solcher Erfahrungen in ihrer Wichtigkeit und Parallelität zum Tod deutlich. Jedes Einschlafen hat schon mit Loslassen zu tun und einschlafen mit entschlafen. Wir machen die Augen zu – für eine Nacht oder ein Leben, um an einem neuen Tag und in einem neuen Leben zu erwachen. In den Träumen der Nacht können wir bereits für die Bardo-Zustände üben – in Wunschträumen und Alpträumen, in Schuld- und Sühneträumen.

Jedes Loslassen wird insofern auch eine Sterbevorbereitung, wie bei einem großen Orgasmus, den die Franzosen nicht umsonst „le petit mort“, den kleinen Tod, nennen. Insofern ist auch eine Parallele zwischen den modernen Schlaf- und vor allem Einschlafproblemen und unserem Festhalten und zum Teil Festklammern am Ende des Lebens zu erkennen. Eine Gesellschaft, die Loslassen und Entspannen aus dem Auge verliert, handelt sich damit automatisch auch Einschlaf-, Orgasmus- und Sterbeprobleme ein.

Würden wir auch schon im Leben im Auge haben, wie wichtig es ist die Wunschträume unserer Seele zu verwirklichen, könnten wir auch lebend schon immer wieder das Sterben üben, indem wir unsere Seelenwünsche ernst nehmen und ihnen Zeit widmen.