„Die Fallen der Esoterik“

Für die oft totgesagte Esoterik-Bewegung gilt der Spruch, Totgesagte leben länger. Sie hat stattdessen ein immer größeres Ausmaß angenommen und ist zu einer mächtigen Welle geworden. Das liegt einerseits sicher an den Skandalen, mit denen sich die etablierten Religionen immer unglaubwürdiger machen, wobei ausgerechnet der Glauben ihre größte und eigentlich einzige Chance wäre. Es liegt aber auch daran, dass die spirituelle Bewegung viele für moderne Menschen attraktive Angebote bietet. Sie hat sich inzwischen längst mit der Gesund-Lebe-Szene verbunden und die neue „Peace-Food“ – und Vegan-Welle weitgehend integriert. Spirituelle Menschen waren schon immer eher Vegetarier und schaffen nach den neuen Forschungsergebnissen bezüglich Ernährung auch den Übergang in die für alle gesündere Tierprotein freie „Peace-Food“-Welt rascher und leichter. Die etablierten Kirchen sind auch hier starr und geradezu zu einer Karikatur ihrer großen Heiligen geworden, wenn wir etwa an einen Fürsprecher der Tiere denken wie Franz von Assisi und seinen wundervollen Satz „Herr mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens“. Die große Sehnsucht nach Frieden, die immer mehr Menschen erfasst, findet aber in den großen christlichen Kirchen ebenso wenig Resonanz wie die junge, aber immer stärker wachsende Gesundheits- und Peace-Food-Bewegung. Die hier für ihre eigene Gesundheit, die Beendigung des Welthungers, gegen das Elend der Tiere und für eine glaubwürdige Ökologie engagierten Menschen kommen heutzutage aber praktisch automatisch mit der spirituellen Szene in Berührung.

Auch jene Wissenschaftler, die sich weit vor wagen in ihren Wissensbereichen wie etwa der Biologe Rupert Sheldrake, die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross oder der Zellforscher Bruce Lipton landeten fast automatisch in der spirituellen Szene. Während Wissenschaftszene und Kirchen alles ausschließen, was neu ist und ihnen schon deswegen Angst macht, ist die spirituelle Szene so weit und unstrukturiert, dass sie alles aufnehmen und aushalten kann. Selbst ehemalige Kirchenleute wie Willigis Jäger, Eugen Drewermann und immer noch in der Kirche organisierte wie Bruder David Steindl-Rast landen über kurz oder lang hier.

Mit ihrem Wachsen und dem zunehmenden Erfolg sind aber natürlich auch die hier lauernden Gefahren gestiegen. Bei so viel Licht gibt es natürlich auch viel Schatten und so will ich hier mit den – in meinen Augen – größten und gefährlichsten Stolpersteinen beginnen.

The „Secret“ hat vor Jahren 20 Millionen Bücher verkauft und damit das Gesetz der Anziehung bis in die letzten Winkel der westlichen Welt getragen. So wundervoll diese riesige Verbreitung des Resonanzgesetzes ist, so rasch hat sich auch der Schatten gemeldet. Denn das wichtigere Gesetz der Polarität fordert ebenso sein Recht ein und hat den längeren Arm. Wer sich mit Gesetzen und besonders denen des Schicksals beschäftigt, tut gut daran, deren Hierarchie zu beachten. Dass das Polaritätsgesetz wichtiger als das der Resonanz und auch das des Anfangs ist, zeigt sich am deutlichsten im Bereich der Partnerschaft. Die meisten Beziehung beginnen wundervoll mit der Zeit des Verliebtseins und beide Partner genießen ihre Resonanz in vollen Zügen. Sie gehen, essen, tanzen und schlafen miteinander. Aber sobald der Hormonrausch mit seiner leichten Großhirnvergiftung vorbei ist, fangen sie an, sich ihre eigenen Schattenseiten zu spiegeln und werden nicht selten Opfer des Polaritätsgesetzes. Statt den Partner nur in lichten schönsten Farben zu sehen, wie in der Anfangszeit, dreht sich dann vieles um, und sie sehen alle eigenen Probleme im Partner gespiegelt, ohne sich aber dieser Situation bewusst zu sein. Wer jetzt das Polaritätsgesetz verkennt und in der Projektion stecken bleibt, wird alle Schuld und Verantwortung dem Partner zuschieben und die Beziehung zum Scheitern bringen, obwohl im Anfang alles wunderbar begann und die anschließende Resonanz als himmlisch empfunden wurde. Das Polaritätsgesetz holt eben – leider – alle ein, die sich nur auf die beiden anderen, nachgeordneten Gesetze verlassen.

Wer so von vornherein nur auf das Gesetzt der Anziehung setzt und hofft, mit Positivem Denken, Affirmationsakrobatik und Wunschdenken seine Ziele zu erreichen, wird ein Opfer des Polaritätsgesetztes in Gestalt des eigenen Schattens. Hier liegen – in meinen Augen – die größten Fallen der Esoterik-Szene. Wer auf Wunschdenken setzt und sich beim Universum bestellt, was sein Herz begehrt, übersieht meist, dass hinter jedem Wunsch eine Beschwerde steckt. Wenn er sich mehr Geld wünscht oder Glück, steht dahinter die Unzufriedenheit mit dem Status quo, also mit einem Mangel an Geld, sprich Armut, und zu wenig Glück, sprich Unglück. Gegen die Wünsche und Bestellungen wäre noch gar nichts zu sagen, wenn die Bereitschaft bestünde, für das Bestellte auch zu bezahlen und damit für Ausgleich zu sorgen. Das lässt sich in jedem Restaurant oder Laden klären: man kann bestellen, was man will, zum Schluss muss man immer bezahlen.

Wer mit Affirmationen versucht, sein Leben zurecht zu denken, sitzt demselben Problem auf. Eine Affirmation hat immer ihren Schatten gleich auf der Rückseite mit dabei, und so ist das Polaritätsgesetz schon wieder im Spiel. Wer vor sich herbetet, er werde von Tag zu Tag immer glücklicher, übersieht gern die darin mitschwingende Klage über sein Unglück. Dieses liegt – von den meisten unbeachtet – im Schatten der Affirmation und setzt sich über das Polaritätsgesetz mit der Zeit durch. Das besonders Gefährliche daran ist, dass sowohl die Wünsche als auch die Affirmationen anfangs durchaus wirken, weil das Resonanzgesetz natürlich wirkt. Aber wie am Beispiel der Beziehung dargestellt, setzt sich auf Dauer doch die Polarität durch und zwar ausnahmslos gegen alle nachgeordneten Schicksalsgesetze. Das ist die Situation, wo Halbwissen gefährlicher wird als Unwissenheit.

Die Beispiele sind auf allen Ebenen zu finden, etwa wenn in der Partnerschaft aus heißer Liebe trotz aller anderslautenden Versprechungen und Schwüre kalter Hass wird und vor dem Scheidungsrichter endet, was vor dem Traualtar so hoffnungsvoll begann.

Ähnlich peinlich, was Lichtarbeitern widerfährt, die in so großer Zahl im Gegenpol landen und Krankheit, Unglück und Armut geradezu anzuziehen scheinen. Tatsächlich tun sie das, denn wenn sie sich so ausschließlich dem lichten Gegenpol verschreiben, lockt das den Schatten so richtig hervor. Ich bekomme immer wieder entsprechende Briefe, die damit beginnen, wie lange und intensiv sich der Schreiber schon der Lichtarbeit widmet, dann eine erschreckende Diagnose anführen und schließlich darauf dringen, umsonst therapier zu werden, weil sie natürlich auch arm sind – vor lauter Lichtarbeit konnten sie ja schließlich nicht auch noch Geld verdienen. In der Summierung wirkt erschreckend, was dem Einzelnen als besonders ungerechtes Einzelschicksal erscheint. Dahinter steckt immer das gleiche Missverständnis hinsichtlich der Polarität und des aus ihr erwachsenden Schattenprinzips.

Das gesamte sogenannte positive Denken beinhaltet diese Problematik. Aber natürlich gibt es auch hier einen Gegenpol: Nimmt man den Christus-Satz „liebet Eure Feinde“ als Affirmation, ist wieder alles in Ordnung, denn hier wird der Schatten zum Ziel der Affirmation. In der Regel ist es aber der lichte Pol, der die Affirmation bestimmt, und dann bleibt die dunkle Seite im Schatten und Gefahr ist im Verzug.

Dieser Gefahr ist am besten zu begegnen, indem man sich die Hierarchie der Gesetze klar macht, wie in „Die Schicksalsgesetze – Spielregeln fürs Lebens“ dargestellt. An erster und oberster Stelle steht das Gesetz, dass alles eins und ununterschieden ist, wie wir es mit dem Wort Einheit umschreiben. Dieses Gesetz vereint alle Hochreligionen, und auch unsere christliche weiß darum. Eine Anekdote drückt es aus: Der Bischof macht die Kommunion selbst,nimmt den kleinen Sepp auf den Schoß und sagt: „Sepp, wenn Du mir sagst, wo Gott ist, schenke ich Dir eine Orange“. Antwortet der Klein: „Bischof, wenn Du mir sagst, wo Gott nicht ist, schenke ich dir zwei.“ Gott oder die Einheit ist natürlich überall und sitzt eben nicht mit Bart auf einer Wolkenbank.

Der Weg in die Einheit führt nach Aussagen aller großen Religionen und Traditionen über die Anerkennung der Polarität. Selbst Christus muss erst niederfahren ins Reich der Toten, bevor er auferstehen und zum Vater im Himmel auffahren kann, wie das Glaubensbekenntnis formuliert.

Wenn wir nicht in der Einheit sind und nicht eins mit allem, leben wir im Reich der Polarität, in der Welt der Gegensätze, wo groß klein braucht als Gegenüber, reich arm und gut böse. Sobald wir das anerkennen und uns auf dieses in unserem Leben wichtigste Gesetz einstellen, können wir uns viele Sackgassen ersparen. Wer sich schon von Anfang einer Beziehung darauf einstellt, dass auch dieser wundervolle über alles geliebte Partner, ihn irgendwann auch bis aufs Blut reizen wird und zwar mit den eigenen Schattenthemen, ist – wenn es dann geschieht – nicht mehr überrascht. So könnte die Beziehung zu einer Art Therapie werden, an der beide wachsen.

Erst wer das Gesetz der Polarität kennt und beherzigt, kann gefahrlos mit dem Gesetz der Resonanz arbeiten und von den Gesetzen des Anfangs und dem Pars pro toto-Gesetz profitieren. Das Problem dabei ist, dass das Polaritätsgesetz so eng mit dem Schatten verbunden ist und dadurch mit dem Elend der Projektion, das unsere ganze Gesellschaft durchzieht. Natürlich wird auch in der Politik fast ständig projiziert wie auch in der Wirtschaftswelt, aber im Bereich der Spiritualität ist es besonders peinlich, denn dort ist das Thema bekannt und stehen alle Mittel zur Verfügung, es zu lösen. „Das Schattenprinzip“ widmet sich mit vielen Übungen sowohl im Buch selbst als auch auf der beiliegenden CD diesem wohl insgesamt schwierigsten Thema auf dem Entwicklungsweg.

Eine andere große Gefahr liegt im Sektenunwesen, das sich aus missverstandenen esoterischen Ansätzen ergibt. Statt die große Freiheit anzustreben, unterwerfen sich hier Menschen mit Autoritätsproblemen im Sinne von Hörigkeit angemaßten Heilsbringern, die es meist auf ihr Geld und oft auf ihre Arbeitskraft abgesehen haben. In solch einem System gefangen, lassen sich die abartigsten Maßnahmen rechtfertigen beziehungsweise zurecht rationalisieren. Dass auch innerhalb der Kirchen Sekten existieren wie etwa das katholische Engelswerk macht das Problem nicht geringer. Andererseits wird auf diese Thema fürchterlich projiziert, jede spirituelle Gemeinschaft sieht sich schon beinahe dem Sekten-Vorwurf ausgesetzt. Insofern die Grenzen fließend sind und diese postmoderne Gesellschaft unter einer erheblichen Vereinsamung der Einzelnen leidet, ist diese Problematik naheliegend. Diejenigen mit Sehnsucht auf Anschluss projizieren diesen Mangel auf alle, die solchen gefunden haben.

Und es gibt weitere, wenn auch nicht so grundsätzliche Gefahren, die sich aus den Chancen der spirituellen Szene ergeben. Da heute praktisch aus fast allen Traditionen und Religionen Übungen, Exerzitien und Meditationen im breiten Angebot der Szene zu finden sind, wird dieses Überangebot für viele ebenfalls zur Falle. Wer ständig die Reisemittel wechselt, hat wenig Chancen, am großen Ziel anzukommen. Außerdem fehlt ihm meist die Hingabe an die jeweilige Übung. Wer ständig die Züge wechselt, kann natürlich nicht weit kommen auf seinem Weg. Die meisten Traditionen warnen dann auch vor diesem Meditations-Hopping, wohl nicht so sehr aus Konkurrenzdenken, als aus der Erfahrung der hier drohenden Ziel- und Hoffnungslosigkeit.

Den diesbezüglich sichersten Rahmen bieten hier noch Systeme wie der Zen-Buddhismus, der wie der Buddhismus insgesamt gar keinen Religionsanspruch vertritt. Er vermittelt ein Übungssystem, das Erfahrungen vermittelt, ohne diese in eine Ideologie oder ein Glaubenssystem zu verpacken. Insofern fühle ich mich dieser Tradition nahe und kann sie weiter empfehlen.

Am überzeugtesten bin ich natürlich von dem eher westlichen Weg, die Spielregeln des Lebens kennen und verstehen zu lernen, sich mit dem Schattenprinzip auszusöhnen und auf dieser Basis zuerst mit intellektuellem Verständnis und mit der Zeit daraus zunehmend erwachsender Intuition die 12 Lebensprinzipien zu lernen. So ergibt sich die Chance, eines tiefen Verständnisses der Wirklichkeit. Dieses kann dem „Dein Wille geschehe“ des Vaterunsers nahe kommen und wer es an die Stelle des „Mein Wille geschehe“ stellt, beziehungsweise des „Lieber Gott ich hätte hier ein paar Vorschläge hinsichtlich der von Dir gemachten Fehler“, die Wünsche x, y und z, hat gute Möglichkeiten, seine Entwicklung voranzubringen.

Das Erfassen der Lebensprinzipien auf der Basis der Schicksalsgesetze führt darüber hinaus zu wundervollen Möglichkeiten wie wirklicher Heilung, echter Vorbeugung und dazu, seine Vorsätze zum Funktionieren zu bringen. Insofern bin ich sehr froh und glücklich, an der Verbreitung des spirituellen Weltbildes mit meinen Büchern, CDs und den Seminaren im neuen südsteirischen Seminarzentrum TamanGa mitwirken zu dürfen. Denn bei allen Gefahren überwiegen doch entschieden die Chancen auf dem spirituellen Weg.