Der große gelähmte Wille oder die Parkinson-Krankheit

Dieses auch Schüttellähmung genannte Krankheitsbild betrifft mit dem Gehirn die gesamte Logistik des Organismus und vor allem auch die Kommunikation. Das Bild eines Betroffenen, der vor Jahren mein Patient war, mag das Geschehen beleuchten. Der 63 Jährige hatte in seinem Leben einiges geschafft. Mit unbeugsamem Willen hatte er unter schwierigen Umständen eine Firma aufgebaut, woran seine Ehe zerbrochen war. Sie war buchstäblich weggebrochen, weil er keine Zeit hatte. Als reiner Tatmensch litt er daran, dass ihm weder Mitarbeiter noch Familienangehörige folgen mochten und er keinen ihm entsprechenden Nachfolger finden konnte.

In der Krankheit zeigte sich die Schattenseiten seiner willensbetonten Hyperaktivität. Wann immer er einen Bewegungsimpuls verspürte, wurde dieser von starkem Zittern zunichte gemacht. Ansonsten fühlte er sich zunehmend gelähmt und insgeheim gescheitert, worin er wohl berühmten Parkinson-Patienten wie Mao Tse-tung und Tito, aber auch Papst Johannes Paul II ähnelte. In der wachsenden Starre der Krankheit wurde ihm während der vierwöchigen Krankheitsbil- der-Psychotherapie deutlich, wie bewegungsunfähig er seelisch war. Sein übertriebener Wille, in der Welt viel zu bewegen kontrastierte zu einer seelischen Starre, die nun allmählich auch den Körper erfasste. Im Zittern spiegelten sich (Todes-)Angst, aber auch Wut über die Mitmenschen, die ihm nicht gefolgt waren. Nach außen verzog er zwar keine Miene, sondern bewahrte sein gut geübtes Pokerface, aber die Angst vor dem endgültigen Versagen machte sich zunehmend im Zittern Luft. Sein Gesicht wirkte wie eine geölte Maske. In den inneren Seelen-Bilder-Welten, die sich ihm durch die Psychotherapie eröffneten, erkannte er seine Unfähigkeit, sich (lebens-)wichtigen Veränderungen anzupassen. Schon kleinste Wechsel wie die des Wetters verschlechterten seine Symptome. Kalte Hände und Füße verrieten Kontaktprobleme. Händeringend kämpfte er gegen die wachsende Lähmung, wie aber auch mit Worten, die seinen ungebrochenen Willen zeigten. Er litt enorm unter der Diskrepanz zwischen Wollen und Können. Als reiner Willensmensch musste er in der Krankheit erfahren, dass längst nicht alles machbar war und wie viel Emotion und Gefühl er zeitlebens blockiert hatte. Ein Leben lang hatte er den männlichen Willenspols überstrapaziert und sich in dieser Hinsicht völlig verausgabt.

Durch die wachsende Einsicht in der Therapie gelang es ihm, äußere Ruhe in sein Leben zu bringen und dafür innerlich aufzuwachen. Er beschäftigte sich freiwillig mit seiner Angst und dem Tod und schaffte es, seiner seelischen Wirklichkeit ins Auge zu schauen, sodass sie ihren Schrecken weitgehend verlor. So konnte es seine Enge und Angst in Weite wandeln und zunehmend sein wahres Gesicht zeigen. In der Ruhe der Meditation erlebte bei unseren Fasten-Kursen wieder Momente völlig frei von Zittern und Angst. Tai Chi brachte ihn in sanfte äußere Bewegung, der er innerlich folgen konnte und sein Leben geriet in sanftere Bahnen, sodass er es erstmals genießen konnte. All das besserte auch seine Symptomatik deutlich, die dadurch und auf Grund guter Einstellung mit schulmedizinischen Medikamenten, sein neues Leben immer weniger behinderte. Von einem äußerlich überaktiven, innerlich fast abgestorbenen, wurde er zu einem äußerlich ruhigen, innerlich lebendigen Menschen.