„Das Schattenprinzip“

Wo Licht ist, muss – zumindest in dieser Welt der Gegensätze – auch Schatten sein, aber wo Schatten ist, umgekehrt auch Licht. Etwas so Banales ständig zu übersehen, ist das Geheimnis hinter praktisch all unseren Problemen. Es nicht zu wissen, das Vorrecht moderner Menschen. Unsterblich verliebt, glauben und hoffen wir, es würde immer so bleiben, wobei schon die Erfahrung zeigen könnte, wie leicht heiße Liebe in kalten Hass umschlägt, sofern wir nicht aufpassen auf die Schattenbildung. Im ersten Jahr einer Beziehung sehen wir nur eitel Sonnenschein, im 10. dafür oft fast nur noch Schatten.

Ähnlich wie Einzelnen ergeht es Organisationen wie im Augenblick der katholischen Kirche. Was so licht begonnen hat mit einem Meister, der als Licht dieser Welt das Beste in seinen Anhängern erstrahlen ließ und Liebe predigte, wirft 2000 Jahre später düstere Schatten. Die höchste Form der Liebe, die göttliche Agape, erschien vielen beruflichen und deshalb besonders berufenen Anhängern des Meisters wohl unerreichbar, und so verirrten sie sich auf menschliche Ebenen der Liebe. Weil diese ihnen eigentlich untersagt und kaum zugänglich waren, stürzten sie tief bis auf Ebenen, die sogar von Staats wegen unter Strafe stehen wie missbräuchliche homosexuelle „Liebe“ zu Kindern.

Und das ist nicht einmal der tiefste Fall der Berufschristen in Liebesangelegenheiten, Jahrhunderte lang hatten sie im Rahmen der Inquisition die Liebe auf noch perversere Weise gegen vor allem unschuldige Frauen zu einem „Mordspektakel“ gemacht. Millionen Frauen, wir wissen nicht einmal genau wie viele, fielen „hochnotpeinlichen Verhören“ und anschließender Verbrennung zum Opfer. Das Grauen vor diesem Schatteneinbruch ist noch immer so gewaltig, dass er bis heute weder konfrontiert noch gesühnt ist. Schatten aber vergeht nie, sondern hat Zeit und irgendwann ist sie reif, und er kommt heraus. Juristisch längst verjährt, drängt der Missbrauch, wie Eiter im Körper, nach außen.

So wurde Schatten auf Juden projiziert und auf alle möglichen Minderheiten, auf Schwache und (Geistes)Kranke sogar und gerade auf die, die unsere Nächstenliebe am dringendsten brauchen.

Es gibt nur einen Weg im Hinblick auf Schatten, ihn freiwillig und so rasch wie möglich zu konfrontieren. Die Zeit ist reif dafür, wie uns überall aufbrechenden Krisen zeigen. Und es ist nicht so schwer, wenn man bei sich selbst anfängt, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.