„Das Schattenprinzip – Schattenentstehung und Therapie“

Tatsächlich erschaffen wir durch Unbewusstheit und Verdrängung ständig Schatten und versuchen ihn uns mittels Projektion vom Halse zu schaffen. Das klassische Beispiel zeigt das Märchen vom Dornröschen. Dort ist die 13. Fee nicht prinzipiell oder von vornherein böse. Sie wird es erst durch Ausschluss von der Tafel des Königs beziehungsweise Bewusstseins. Die 13. Fee wird ausgeschlossen, weil die Zahl 13 weiblich ist und für die dreizehn Monde des archetypisch weiblichen Jahres steht. Als solche galt sie dem Patriarchat als Unglückszahl, im Tarot ist die 13. Karte der Tod, der ebenfalls nur zu gern aus dem Bewusstsein verdrängt und damit ins Schattenreich verbannt wird. Das Hinausdrängen macht die 13. zur bösen Fee, die später den bösen Fluch ausspricht. Die 12 anderen zur Tafel (des Bewusstseins) geladenen Feen sind auch nur gut und bleiben es, solange sie nicht verstoßen werden, beziehungsweise der Verdrängung zum Opfer fallen.

Verdrängung und Unterdrückung, Be-Wertung und Unterscheidung sind also die beiden hauptsächlichen Entstehungsquellen von Schatten. Verdrängung ist aber das Prinzip der ganzen allopathischen Medizin und damit die Basis unserer gängigen Gesundheitssystems. Hier liegt auch der Hauptgrund, warum sich immer mehr Menschen von diesem abwenden und ihr Heil in Alternativen wie der ganzheitlichen Psychosomatik von „Krankheit als Symbol“ oder andern homöopathischen Ansätzen wie eben vor allem auch der klassischen Homöopathie zuwenden.

Verdrängung und Unterdrückung lassen sich also vermeiden, obwohl sie natürlich der einfachste Weg sind, Unangenehmes rasch los zu werden und kurzfristig vor Problemen seine Ruhe zu finden. Der König im Dornröschen hat erstmal gut lachen, er hat alle Spindeln verbrennen lassen und glaubt damit, dem Fluch der 13. Fee – auf clevere Art – entkommen zu sein. Aber natürlich macht in diesem Fall das Märchen und ansonsten das Leben sehr klar und deutlich, wie kurzsichtig gedacht das ist. Denn wenn es in diesem Fall auch 16 Jahre dauert, natürlich kommt der Schatten irgendwann wieder ans Licht und die Prinzessin sticht sich an der letzten verbliebenen Spindel und fällt in den todähnlichen Schlaf und mir ihr das ganze Reich.

Diese cleveren Tricks des archetypisch männlichen Pols finden kurzfristig immer wieder Anerkennung und Beifall, obwohl sie langfristig ausnahmslos in Katastrophen münden. Die Systemkosmetik in Wirtschaft und Politik zeigt das ebenso auf wie die persönlichen Lebens- beziehungsweise Krankheitsgeschichten so vieler Menschen. In der ersten Lebenshälfte wird kräftig verdrängt und unterdrückt, man nimmt sich kaum die Zeit die Notbremsen des Schicksals wahr- und wichtig zu nehmen. In der zweiten Lebenshälfte erzwingen dann die chronischen Krankheiten viel Zuwendung und Anerkennung für die in ihnen zum Ausdruck kommenden Schattenthemen. Ein Organismus der die Grippe oder Mandelentzündung nicht in Ruhe und im Bett auskurieren darf, schafft seinem Thema über spätere Herzprobleme sehr nachdrückliche Anerkennung.

Eltern, die schon nicht mehr die Zeit und die nervliche Ruhe finden, die Entzündungen ihrer Kleinkinder auszuhalten und schnell auf Antibiotika setzen, erhöhen laut schulmedizinischer Studie deren Risiko, später Allergien zu bekommen, um über 50 %. Macht nichts, Hauptsache die Entzündung ist schnell vorbei, lautet das moderne Motto. Hinterhältiger Weise sind viele Eltern von ihren Schulmedizyikern auch gar nicht über diesen Zusammenhang aufgeklärt. All diese Maßnahmen der Unterdrückung haben eines gemeinsam. Sie schaffen schnell Erleichterung und bilden langfristig Schatten.

Und der kommt irgendwann ans Licht. Wenn wir aber wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Leichen aus dem Keller herauf und ans Licht drängen, bleibt die Frage, wie viel Sinn es überhaupt macht, sie erst dort hinunter zu schaffen. Ganz abgesehen von dem unguten Wohn- und Lebensgefühl, wenn man weiß, dass sie alle unten im Keller auf einen warten…

Es gibt dann zwei grundsätzliche Strategien: man kann warten bis sie von selbst hoch drängen oder sie freiwillig unten besuchen. Letzteres wäre „Schattenarbeit“, ersteres aber der gängige Weg dieser Gesellschaft. Dessen Nachteil ist, dass man sich weder Ort noch Zeitpunkt der Schattenkonfrontation aussuchen kann und sich nicht selten regelrecht überfallen von ihm fühlt.

Die vielen katholischen Würdenträger, die nun so würdelos mit ihren Missbrauchsgeschichten auffliegen, hatten ja juristisch längst – wegen Verjährung – ausgesorgt und konnten sich scheinbar schon ganz sicher fühlen. Aber sie werden sich schlecht gefühlt und ebenso gelebt haben mit ihren noch lebenden jungen „Leichen“ im Keller. Jetzt sind die Würdenträger alt und die Würde ist dahin. Viele verhalten sich weiter unwürdig, indem sie nicht gestehen und beichten, sondern nur zugeben, was eh schon bewiesen ist. Auf diese (Un-)Art beschädigen sie sich und ihre Kirche in einem Ausmaß, wie es bei freiwilliger und rechtzeitiger Beichte nicht der Fall gewesen wäre. Vor allem hätte dann dem Missbrauch schon vor längerer Zeit der notwendige Riegel vorgeschoben werden können entsprechend dem Vater-unser-Wunsch „und führe uns nicht in Versuchung“. So aber sind die Versuchungen bestehen geblieben, und sie sind ihnen weiter erlegen – wohl mit einer verzwickten Mischung aus unerlaubter Lust und peinlich berührt vom schlechten Gewissen. Damit aber haben sie ihren Opfern, sich selbst und ihrer Kirche und damit unserer Kultur den mit Abstand schlechtesten Dienst erwiesen.

Wer aber jetzt besonders heftig über sie herfällt, sollte auch nach dem eigenen Schatten schauen. Denn was wir selbst nicht schaffen, kritisieren bei anderen am heftigsten. Letzteres nennt sich Projektion. Wenn ich mir aber selbst eingestehe, dass ich das Zölibat auch nicht zu halten in der Lage gewesen wäre, dass mich meine Lust ebenfalls oft ziemlich packt und in den Griff nimmt, werde ich schon milder in der Verurteilung und Bewertung anderer. Womit wir nach der Verdrängung bei der zweiten wichtigen Schattenquelle sind, der Wertung.

Der Schatten und vor allem das Böse im Schatten sind tatsächlich komplizierter und nicht so leicht zu vermeiden, wie das bisher erschienen sein mag. Denn das Böse ist – wenn man das Märchen vom Dornröschen recht versteht – nichts Vorgegebenes Objektives, sondern entsteht erst durch unsere Unterscheidung und Wertung.

Wertungen und Be- und vor allem Verurteilungen sind also Quelle von Schatten. Andererseits ist aber das Unterlassen von Wertung kaum vorstellbar. Unser Ego lebt davon. Menschen, die ständig über andere herziehen im Sinne von übler Nachrede, füttern ihr eigenes Ego, indem sie sich von den anderen absetzen und diese schlecht machen. Es gibt ihnen das Gefühl selbst besser zu sein und ist die einfachste und primitivste Form von Ego-Befriedigung. Dadurch entsteht eine Art Teufelskreis. Einerseits vergrößert und verfestigt sich das Ich auf diese Weise und andererseits wird zugleich der Schatten genährt und wächst entsprechend. Auf der primitiven Ebene des Schwätzens, Ratschens und Lästerns ist das noch (fast) jedem durchschaubar. Das Prinzip bleibt aber auch dann gewahrt, wenn die Vorgehensweise anspruchsvoller wird etwa im politischen oder sogar wissenschaftlichen Bereich. Bewerten und Verurteilen ist inzwischen unangefochten und weit vor Fußball Volkssport Nummer 1.

Es gänzlich zu unterlassen ist eine hohe Kunst, die Krishnamurti zur höchsten menschlichen Tugend erklärt hat. All unsere eingestandener Maßen vorhandenen Wertungen und Aversionen sind aber auch eine gute Chance, um an den eigenen Schatten heranzukommen, wie im „Schattenprinzip“ an Hand vieler Übungen und Meditationen aufgezeigt. So können wir unser größtes Problem, das mit am meisten zur Schattenbildung beiträgt, auch zu dessen (Er-)Lösung verwenden. Wo immer wir werten und verurteilen, ist Schatten im Spiel. Statt uns hoffnungslos zu überfordern mit dem Versuch, es völlig sein zu lassen, können wir es nun sogar noch ganz bewusst einsetzen, um den Schatten zu erkennen und zu konfrontieren und langfristig uns damit auszusöhnen.

Dass das nicht nur aufwendig ist und sogar Freude machen kann, mögen die Themen im „Schattenprinzip“ andeuten. Da geht es etwa auch darum, Filme anzusehen und anhand von deren Mustern die eigenen zu finden. Tatsächlich werden mit einer leicht veränderten Sicht- und Sehweise so spannende Filmabende zu einträglichen Schattenkonfrontationen, Witzrunden können neben Spaß auch Erkenntnisse bringen und über die Schattendeutung des eigenen Berufs und Sportfaibles aber auch anderer Hobbys, lässt sich ebenfalls über bisherige Beschränkungen und Begrenzungen hinauswachsen.

Alles was uns hindert, ist tatsächlich Schatten, aber nicht aller Schatten muss im gegenwärtigen Lebensstadium noch unangenehm sein. Vieles ist über die Zeit längst akzeptabel geworden, etwa die Onanier-Orgien der Pubertät. Damals vielleicht verdrängt, sind sie heute eher lächerlich, können aber, wo das nicht erkannt wird, immer noch viel Energie zu ihrer Unterdrückung verbrauchen.

Hinzu kommen aber auch noch all jene in Schattenbereiche verdrängten Themen, die aus einer anderen Perspektive durchaus angenehm und lustvoll, ja sogar euphorisierend sein können. Wo Sinnlichkeit und Lust, Rausch und Ekstase, Orgasmen und orgiastische Freudenausbrüche verdrängt wurden und solcherart ungelebt blieben, sind sie im Schattenreich gelandet und warten dort auf Entdeckung. In dieser und vieler Hinsicht ist das Schattenreich wirklich reich, und nicht umsonst wird sein mythologischer Herr, Pluton, auch der Reiche genannt. Die lohnendste Schatzsuche führt den Menschen daher zu sich Selbst zu seinem Schatten-Schatz.