Be-Deutung der großen Krankheitsbilder unserer Zeit

Versuchen wir in unserem Lebensumfeld etwas zu finden, daß ganz ohne Bedeutung ist, gelingt uns das kaum. Wohin wir auch schauen, alles hat irgendeine Bedeutung. Umso erstaunlicher, daß noch immer viele Menschen ausgerechnet ihren Krankheitssymptomen keine Bedeutung beimessen. Dabei hätten viele Kranke von sich aus das Bedürfnis, ihre Botschaften zu verstehen, Schulmediziner aber versuchen vielfach noch immer, sie von diesem Gedanken abzubringen. Das ist vor allem historisch zu verstehen. Als sich die Wissenschaft zu etablierenbegann, traf sie auf ein Weltbild, das geprägt war vom analogen Beziehungsdenken der Religion. Religiöse Menschen verstanden die ganze Schöpfung als ein großes Gleichnis, das von Seiner Hand geschrieben auch in allen Aspekten seine Handschrift widergab. Alles hatte in dieser Weltsicht Bedeutung. War diese nicht offensichtlich, konnte sie doch durch entsprechendes Bemühen gefunden werden. So wurden selbstverständlich auch Krankheitssymptome als Zeichen des Schöpfers verstanden, deren oft dunkler Sinn der Entschlüsselung bedurfte.

Die Wissenschaft versuchte mit beachtlichem Erfolg, diesem allmählich als abergläubisch empfundenen Weltverständnis objektive Methoden der Beschreibung der Welt entgegenzustellen. Trotz enormer Erfolge etwa im Bereich der Hygiene wurde in der Medizin, die es zum Kummer vieler Mediziner nie ganz zur Naturwissenschaft schaffte, sondern über weite Strecken Erfahrungsheilkunde blieb, das analoge Beziehungsdenken niemals ganz aufgegeben, insbesondere nicht von den betroffenen Patienten. Das dürfte einer der wesentlichen Gründe für die rasante Rückeroberung des Terrains durch die deutende Medizin sein, wie sie sich etwa in „Krankheit als Sprache der Seele“ niederschlägt.

Ein anderer wesentlicher Grund liegt wohl darin, daß immer mehr Menschen das einfache Unterdrückungskonzept der Schulmedizin durchschaut haben. Kaum jemand dreht in seinem Auto das Radio lauter, wenn der Motor ungewohnte Geräusche macht. Ganz entsprechend sind immer weniger Menschen bereit, bei Kopf- und Rückenschmerzen, Schlaf- und Regelstörungen einfach Pillen zur Unterdrückung der Symptome zu schlucken. Sie möchten inzwischen immer häufiger wissen, woher diese Signale kommen und was sie ihnen sagen wollen.

Mein Hauptgrund, diese uralte Tendenz der Medizin wiederzubeleben, liegt in der Möglichkeit, dadurch bis zu wirklicher Heilung vorzustoßen und sogar Vorbeugung in den Griff zu bekommen. Denn in diesen beiden Punkten stößt die Schulmedizin an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Mit Unterdrückung können wir günstigstenfalls das akut bedrohte Leben erhalten, heilen können wir so nie. Wenn aber das Gros der medizinischen Maßnahmen sich auf allopathische und damit unterdrückende Maßnahmen beschränkt, folgt daraus, daß diese Medizin eigentlich gar nicht heilen kann. Mit Noradrenalin- und Kortisongaben können wir ein vom allergischen Schock bedrohtes Leben retten, ein weiterer Schock läßt sich so aber nicht verhindern. Im vorbeugenden Sinn bringt diese Maßnahme erst recht nichts. Auch wenn das Retten eines bedrohten Lebens die erste und vordringlichste ärztliche Pflicht ist, drängt sich hier doch der weitergehende Verdacht auf, daß die Universitätsmedizin grundsätzlich auch nicht vorbeugen kann. Besonders letzteres bringt sie in eine peinliche Situation, denn seit altersher wird Vorbeugung als die vornehmste Pflicht des ärztlichen Standes angesehen. Im alten China soll die Vorbeugung noch so im Vordergrund gestanden haben, daß die Ärzte nur bezahlt wurden, solange es ihren Schutzbefohlenen gut ging, wurden diese aber krank, galt das als Versagen der Ärzte bezüglich Vorbeugung und die Bezahlung wurde ausgesetzt. Würden wir dieses Modell auf uns anwenden, wäre wohl die Mehrheit der Kassenärzte auf Sozialhilfe angewiesen.

Um nicht so schlecht dazustehen, griff die Medizin zu einem gefährlichen Etikettenschwindel, indem sie ihre Früherkennungsmaßnahmen als Vorbeugung verkaufte. Früherkennung ist natürlich ungleich besser als Späterkennung, hat aber gar nichts mit Vorbeugung zu tun. Die wiederholte Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust ist Früherkennung, aber sicher nicht Vorbeugung. Im Gegenteil, wenn die Mammographie übertrieben wird, fördert sie sogar das Entstehen von Brustkrebs. Echte Vorbeugung erfordert, sich zu beugen, bevor uns das Krankheitsbild beugt. Das aber würde wiederum voraussetzen, daß wir das Wesen der Krankheitsbilder erkennen. Von einer Medizin, die ihren Schwerpunkt im Bekämpfen von Symptomen sieht, ist das nicht zu erwarten. Die allermeisten Mittel der modernen Medizin sind Antimittel von den Antihypertonika gegen den hohen Blutdruck, den Antihypotonika gegen den niedrigen, über die Antihistaminika gegen den Juckreiz der Allergie bis zu Antidepressiva und Antiepileptika. Der Rest sind dann noch Hemmer wie die Säurehemmer beim Magengeschwür und Blocker wie die Betablocker bei Stressüberflutung. Wer sich so ausschließlich gegen Symptome engagiert, wird sie ihrem Wesen nach nicht kennen- und verstehenlernen und so muß ihm der Zugang zur Vorbeugung verschlossen bleiben.

Hier setzt die deutende Medizin an, die sich nicht primär gegen das Symptom wendet, sondern zuerst einmal versucht, es in seinem Symbolgehalt zu verstehen. Auf vorsichtige, inzwischen 20 Jahre zurückliegende Versuche „Krankheit als Weg“ zu sehen, folgte die Erkenntnis, daß in einem ganz grundsätzlichen Sinn „Krankheit als Sprache der Seele“ verstanden werden kann bis hin zu der Erfahrung, daß in jedem körperlichen Symptom ein verschlüsselter seelischer Sinn steckt. Davon legt „Krankheit als Symbol“ Zeugnis ab, das Hunderte von Krankheitsbildern und Tausende von Symptomen im Sinne eines Nachschlagewerkes in ihrer Be-Deutung entschlüsselt. So schließt sich für mich nach zwei Jahrzehnten der Kreis, und führt zurück zu der uralten hermetischen Erkenntnis, daß alles was Form hat, auch Inhalt braucht und folglich jedes körperliche Krankheitsbild Sinn ergibt im Zusammenhang mit der persönlichen Lebensgeschichte und der archetypischen Symbolik.

Wenn wir davon ausgehen, können wir nicht nur aus individuellen Symptommustern seelische Probleme herauslesen, sondern auch aus den großen Krankheitsbildern einer Zeit deren jeweilige Hauptprobleme und -aufgaben. An erster Stelle unserer Sterbestatistiken steht der Herzinfarkt auf dem Boden des hohen Blutdruckes. Letzteren bezeichnen die US-Amerikaner als „silent killer“, den stillen Mördern, weil er in aller Stille am meisten Menschenleben einfordert. Still und fast unerkannt kann dieser Mörder nur in der Hochdruckgesellschaft zuschlagen, wo so viele Menschen unter hohem Druck stehen und arbeiten.

Hochdruck ist dabei eigentlich nicht an sich ein Problem, sondern in Situationen von Lebengefahr, etwa in einem Kampf auf Leben und Tod durchaus angemessen. Wer auf der Autobahn mit hoher Geschwindigkeit einem Geisterfahrer entgegenrast, sollte sogar einen gewissen Blutdruckanstieg haben. Wenn er die Situation aber überstanden hat, müßte der Bultdruck wieder zur Norm zurückkehren. Beim Hochdruckpatienten ist das nicht mehr der Fall, was uns zeigt, daß er permanant – auf der Körperebene – um sein Leben kämpft, ohne je mit diesem Kampf fertig zu werden. Der Organismus stellt sich auf diese Situation ein und verstärkt die unter hohem Druck stehenden Gefäßwände, bis sie schließlich so eingemauert sind, daß der Blutdurchfluß behindert wird und die Gewebeversorgung im abhängigen Bereich nicht mehr ausreicht. Diese Situation kann neben den Herzkranz-, auch die Gehirn- oder Beingefäße betreffen und zeigt dann an, daß die Zentrale des Körpers zu kurz kommt oder eben, daß der Fortschritt und jeder Aufstieg behindert sind. Beim Herzen ist die Deutung nicht schwer, es wird im wahrsten Sinne des Wortes stranguliert. Der typische Schmerz bei der Angina pektoris lenkt die Aufmerksamkeit genau auf jenen Bereich, wo sie fehlt. Die Betroffenen müßten sich mehr und freiwilig um ihr Herz und die entsprechenden Herzensangelegenheiten kümmern. Würden sie rechtzeitig auf die Stimme ihres Herzens hören, müßte dieses nicht in Schmerzen um Aufmerksamkeit und Hilfe schreien. Was den hohen Blutdruck angeht, wäre den Betroffenen zu raten, sich den Druck bewußt zu machen, unter dem sie stehen, entweder weil andere Druck auf sie ausüben, oder weil sie sich selbst so unter Hochspannung setzen. Es würde ihnen gut bekommen, den eigentlichen Kampf im sozialen Feld auszutragen, anstatt den Körper stellvertreted kämpfen zu lassen. Der Kampf um ihre seelischen Herzensangelegenheiten, ihre Herzenswünsche und – themen wäre vorrangig.

Daß unsere Hochdruckgesellschaft sich diesen Themen nicht stellt, sondern einfach und frech die Normalwerte erhöht, ändert natürlich nichts an der Infarktsterblichkeit. Ein normaler Blutdruck ist in jedem Alter 120:80. Wenn Internisten behaupten, normal sei 100 + Lebensalter, haben sie durchaus recht, nur gesund wird der normale Hochdruck dadurch noch nicht. Hier zeigt sich nur, daß das bei uns Normale nicht natürlich und gesund ist. Gefährlich wird diese Art von Normalwertschwindel, wenn betroffene Patienten glauben, normal bedeute zugleich gesund. Hierzulande beginnt die Arteriosklerose bereits vor dem 20. Lebensjahr. Das ist zwar normal, aber gesund ist es offensichtlich nicht. Sich mit Hochdruck den zentralen Lebensthemen um den Herzensbereich zu widmen, ist demnach die herausragende Aufgabe für gefährdete Menschen, und das sind bei uns viele.

Das nächste große Krankheitsproblem unserer Zeit stellen die Krebserkrankungen dar. Die häufigsten sind inzwischen gut erforscht, ohne daß das Wesen der Krebskrankheit von der Schulmedizin verstanden oder auch nur ernst genommen würde. Wenn wir uns die beiden häufigsten Krebse anschauen, springen Übereinstimmungen sogleich ins Auge. Beim Bronchialkarzinom, das die erste Stelle hält, ist der Zusammenhang zum Rauchen inzwischen unbestritten, d.h. der Weg in den Krebs beginnt hier eigentlich schon mit der ersten zumeist pubertären Zigarette. Bei zehn Zigaretten am Tag mit je 20 Zügen heißt das für die hochzylindrischen Bronchialepithelzellen 200 Folterungen pro Tag. Anders kann man die Entleerung der aggressiven und kanzerogenen Substanzen, die sich bei jedem Zug auf die Flimmerhärchen an der Spitze der Zellen ergießen, nicht nennen. Die gequälten Zellen machen gute Miene zu diesem bösen Spiel und passen sich der katastrophalen Lage an, indem sie die Flimmerhärchen verlieren und sich in eine Art flacher Panzerzellen umwandeln, um sich so gegen die gefährliche Giftflut zu wappnen. So leben diese Zellen schon lange nicht mehr ihre eigentliche Aufgabe als Bronchialepithelzellen mit Flimmerhärchen zum Abtransport des Schmutzes, sondern eine extrem angepaßte Notlösung. Und nach vielen Jahrzehnten täglicher Folter kommt es zur Entartung. Die so lange gequälte Zelle geht auf einen offensiv aggressiven Egotrip, durchbricht alle Barrieren und Grenzen, fängt an, sich wie verrückt zu teilen und zu vermehren. Ihr Ziel ist, überall Zellen nach ihrem Modell entstehen zu lassen. Dabei werden die Zellen einfacher, embryonaler sagen Ärzte, omnipotenter und sogar unsterblich.

Ganz ähnlich ergeht es der Dickdarmepithelzelle, die über Jahre auf dem Boden einer chronischen Verstopfung gequält wird. Anstatt in einem feuchten Milieu Schleim zu produzieren, wird sie in der trockenen Situation der Verstopfung gleichsam wie mit Schmirgelpapier an der Oberfläche ab- ja sogar aufgerieben. Durch die Verstopfung wird der Darm provoziert, den Pfropfen durch immer intensivere Peristaltik hinauszubefördern. Dadurch aber wird die Stuhlsäule ständig vor und zurück gegen die Zellen gerieben, die so an ihrer Oberfläche ständig gereizt werden. Auch hier kommt es im allgemeinen erst nach Jahrzehnten zur Entartung, nachdem auch diese Zellen lange Zeit gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben und ihre eigentliche Aufgabe nicht leben konnten.

Das seelische Muster hinter dem Krebsgeschehen ergibt sich aus der jahrzentnelangen Situation der Anpassung und Vernachlässigung der eigenen Aufgabe. Wie die entsprechenden Zellen leben die Betroffenen nicht ihr Leben, sondern passen sich an fremde Vorstellungen an. Wolf Büntig spricht von Normopathie und meint damit eine seelische Struktur, die so normal ist, daß sie schon wieder gefährlich ist. Die Lösung läge dann auch in einer Übernahme jenes Musters, das die entartenden Zellen vorleben. Die Erlösung des brutalen Egotrips der Krebszelle, wäre der bewußte Entwicklungsweg in Richtung Verwirklichung der eigenen Lebensaufgabe. Offensive, mutige Individuation wäre angesagt und könnte das Wachstum von der Körper- auf die Seelenebene lenken. Krebs ist letztlich eine Krankheit fehlgeleiteten Wachstums. Eine zweite Ebene wäre dabei die Suche nach Unsterblichkeit und grenzüberschreitenden Erfahrungen, die die Krebszelle ebenfalls auf der Körperbühne auslebt. Die (Er-)Lösung läge hier ganz offenbar im Bereich der Religio, der Rückbeziehung auf der übertragenen Ebene und ganz allgemein darin, den Sinn des eigenen Lebens in der eigenen Tiefe zu suchen.

Nicht in der Bedrohlichkeit, aber in der Häufigkeit wären auch die Allergien noch als Krankheitsbilder unserer Zeit zu betrachten, nehmen sie doch in rasender Geschwindigkeit zu. War vor 20 Jahren war noch jeder 10. Deutsche betroffen, ist es heute schon jeder dritte. Beinahe kein Stoff mehr, der nicht von irgendjemandem allergisch bekämpft würde. Das Problem wird nirgendwo so mutig projiziert wie gerade bei der Allergie. Die Allergiker selbst und mit ihnen die Gesellschaft tun so als wären die Allergene die aggressiven Angreifer und damit das Problem. Vor ihnen wird gewarnt und sie werden wild beschuldigt. Sogar die staatlichen Rundfunkanstalten beteiligen sich an diesem eigenartigen Spiel und senden in der Frühlingszeit nach den Nachrichten und dem Wetterbericht die Kriegsberichterstattung für Allergiker. Wenn es dann heißt „Weidenpollenflug im Raum Bremen“ soll das wohl heißen, daß sich alle Bremer Allergiker in die Keller verziehen mögen. Mit dieser Strategie kann man sich vielleicht einige Zeit vor seinen Problemen verstecken, aber lösen lassen sie sich so nicht. Auch der Katzenallergiker, der kürzlich unsere Praxis betrat und gleich aufschrie „Nehmen sie die Biester weg!“ als er unsere Katzen sah, projizierte sein Problem auf unschuldige Katzen, die ihm nichts getan hatten und auch keinerlei Absichten in diese Richtung hegten. Als ich ihn darauf hinwies, daß das Problem ja wohl weniger das unserer Katzen als seines sei, konnte er immerhin lächeln und meinte „Die Therapie hat wohl schon begonnen. In der Tat müßte sie damit beginnen, daß die Allergiker erkennen, daß das Problem bei ihnen und nicht bei den Allergenen liegt. Auch in 100000 Jahren ist der Kampf von Millionen Heuschnupfenallergikern gegen die Pollen nicht zu gewinnen. Die Pollen greifen die Allergiker auch gar nicht an, im Gegenteil ist es auch für sei eine Katastophe, wenn sie bei iherem Versuch, auf einem geeigneten Stück Erde einen neuen Weidenbusch zu gründen, in die Luftwege des Allergikers geraten. Dieser hat sie gegen ihren Willen eingeatmet und beginnt nun seinen oft lebensbedrohlichen Krieg gegen sein Allergen, seinen Privatfeind sozusagen. Die Pollen sind völlig schuldlos und im übrigen nicht gefährlich, sondern sogar gesund, weswegen sie von Nichtallergikern auch gerne gegessen werden. Das Thema ist Kampf und Krieg, was den Allergikern natürlich meist nicht bewußt ist. Sie kämpfen statt im Bewußtsein auf der konkreten Ebene ihres Abwehrsystems. Die Lösung läge darin, sich das eigene Aggressionsproblem einzugestehen und ihm auf der Bewußtseinsebene gerecht zu werden. Statt im Körper müßte auf geistig-seelischer Ebene gekämpft werden. Wenn das grundlegende Problem in der Aggression erkannt ist, ginge es darum, erlöstere Ebenen für dieses Thema zu finden. Ein mutiges Leben und die Bereitschaft, die heißen Eisen darin anzupacken, wären hier zu nennen, wie überhaupt der Willen, sich dem Lebenskampf offensiv zu stellen. Streitkultur zu entwickeln, wäre für den Allergiker besser als Probleme unter den Tisch zu kehren. Die eigene Vitalität gilt es zu fördern statt zu unterdrücken.

Natürlich ließe sich die Bearbeitung bei allen drei angedeuten Krankheitsbildern noch beliebig vertiefen, etwa indem man auch noch das spezifische Allergen in die Deutung einbezöge und den Ort des Geschehens, diesbezüglich sei aber aus Platzgründen auf die Bücher der Literaturliste verwiesen.

Wie bei allen anderen Krankheitsbildern ginge es bezüglich der Einlösung darum, den Körper zu entlasten und das Thema stattdessen auf der geistig-seelischen Ebene zu leben. Da es sich hier um kollektive Probleme handelt, die große Teile der Bevölkerung betreffen, wäre es Aufgabe aller und damit der Gesellschaft, ein Klima zu schaffen, wo die Menschen offensiver und mutiger leben können, wo sie ihren ureigenen Lebensthemen gerecht würden und sich ihrer zentralen Herzensthemen annähmen. Das wäre dann wirkliche Vorbeugung im kollektiven Sinn. Im Augenblick haben wir eher das Gegenteil. Die schweigende Mehrheit diffamiert gerade jene Menschen, die sich mutig exponieren, die ihre Herzensangelegenheiten über die gängigen Vorurteile stellen und ihrer Eigenart gerecht werden. Es scheint so, daß man schon fast ein „Spinner“ sein muß, wenn man sich in dieser Gesellschaft seelisch verwirklichen will. Belohnt werden eher Triebunterdrückung, Anpassung und Konformismus. Daß das gerade der Weg in den Krebs ist, mag der Krebsgesellschaft unangenehm aufstoßen, dürfte aber umso klarer sein, als wir als Gesellschaft das Krebsmuster auf vielen Analogieebenen abbilden. Unsere Großstädte wachsen infiltrierend, aggressiv und brutal in die Umgebung hinein und sterben in ihren eingenen Zentren, ganz ähnlich wie Krebstumore, wo man das zentrale Sterben als Nekrose bezeichnet. Die Metastasen unserer Städte nennen wir Trabantenstädte usw. Dasselbe Muster begegnet uns auf Schritt und Tritt, denn auch unsere Wirtschaft wächst nach diesem Modell. So wie die einzelnen Krebspatienten, die Wunderheilungen erlebt haben, von den Medizinern schamhaft Spontanremissionen genannt, müßten auch wir als Gesellschaft das Ruder unseres Lebensweges grundsätzlich herumreißen. Daß das möglich ist, zeigen diese Patienten, die sich fast alle dadurch auszeichnen, daß sie die Diagnose Krebs genutzt haben, um sich in radikaler und mutiger Weise zu sich und ihrem eigenen Lebenssinn zu bekennen.