Archetypen beziehungsweise Urprinzipien als Bausteine der Wirklichkeit

Paracelsus, der Ahnvater unserer Medizin hat gesagt: „Ein Arzt, der nichts von Astrologie versteht, ist keiner!“ Er verstand allerdings mit Sicherheit etwas anderes unter Astrologie als wir heute, die wir mit einer oft eigenartig haltlosen Flut von Illustriertenastrologie konfrontiert sind. Für Paracelsus war die Astrologie im Wesentlichen identisch mit der Urprinzipienlehre, die bis heute alle spirituellen Disziplinen prägt und sich der gleichen Namen bedient wie die Astronomie. Modernen Menschen fällt der Zugang zu diesen Urprinzipien gerade wegen des Zustandes der heute populären Astrologie oft schwer. Leichter gelingt er über die Archetypenlehre, die im Endeffekt auf dieselben Prinzipien hinausläuft.

Das bekannteste Urprinzipsystem ist das Periodensystem der Elemente, das über 100 Elemente aufweist, aus denen alles auf dieser Welt besteht. Die Idee solcher Urbausteine ist uralt und geht auf Demokrit zurück. Er bezeichnete mit Atom die kleinsten unteilbaren Bausteine der Schöpfung. Auch wenn die Atome heute gespalten werden, heißen sie doch noch immer nach ihm „unteilbar“ und sind als Grundbausteine aus Physik und Chemie nicht wegzudenken. Sie sind die unbestrittenen Urprinzipien der materiellen Welt.

Die Urprinzipien oder Archetypen, mit denen wir uns hier anschließend beschäftigen, stehen für ein noch umfassenderes Konzept und beziehen nicht nur die Welt der Materie, sondern auch die der Seele und des Geistes mit ein. Ähnlich wie alles Materielle auf diesem Planeten aus einer Mischung der Atome des Periodensystems besteht, ist auch in übertragener Hinsicht alles aus verschiedenen Anteilen derselben Urprinzipien zusammengesetzt.

Der Gedanke an Archetypen oder Urprinzipien ist logisch und drängt sich – wie einst dem Philosophen Demokrit – auch uns auf, zudem ist er aus vielen Bereichen des Lebens bekannt und dort selbstverständlich. Wenn ein Maler einen alten Meister kopieren will, wird er nicht versuchen alle 10 000 Farbtöne des Originals im Farbengeschäft zu kaufen, sondern völlig selbstverständlich aus wenigen Grundfarben alle notwendigen Töne zusammenmischen. Die der Grundfarben sind also ebenfalls ein Urprinzipiensystem. Alle Farben auf dieser Erde müssen aus ihnen zu mischen sein, sonst handelte es sich ja nicht um ein Urprinzipiensystem. So reichen drei Farben, um daraus alle anderen zu mischen, wie jeder Fernseher so einfach beweist.

Es gibt also offensichtlich verschiedene Urprinzipiensysteme. Wichtig für den praktischen Umgang damit ist eigentlich nur, in dem gewählten zu bleiben und möglichst eines auszuwählen, das überschaubar ist, d.h. nicht zu differenziert, aber auch nicht zu einfach. Weder mit sehr einfachen noch mit überdifferenzierten Systemen lässt sich gut arbeiten. Wenn man z.B. alles einfach in Weiblich und Männlich einteilt oder in Yin und Yang, ist dieses polare System nicht differenziert genug und daraus abgeleitete Schlüsse werden banal oder sogar irreführend. Werden es zu viele Urprinzipien, verliert das System jede Übersichtlichkeit und damit auch Praktikabilität. Der Arzneimittelschatz der Homöopathie ist auch ein Urprinzipiensystem. Aber durch die Vielzahl der Mittel ist es inzwischen fast unüberschaubar geworden und kaum noch zu erlernen. Die 38 Bachblüten sind ein anderes, inzwischen im Bereich der Komplementärmedizin weit verbreitetes Urprinzipiensystem. Allerdings beginnt auch hier schon wieder die Ausweitung auf beliebig viele Blütenessenzen, was zu einer Erschwernis der Arbeit führen wird. Dabei ist es paradoxerweise gerade der Wunsch, sich das Leben leichter zu machen, der über immer weitergehende Differenzierung zur unbeabsichtigten Komplizierung führt. Ein allgemein akzeptiertes Urprinzipiensystem könnte dem entgegenwirken und das Durchschauen der Wirklichkeit sehr erleichtern.

Insofern ist es naheliegend, ein bewährtes, einfach zu erlernendes, d.h. aber auch nicht zu differenziertes System zu wählen. Die Grundfarben wären zum Beispiel ein zu kleines, die sieben Regenbogenfarben aber schon ein mögliches System. Noch geeigneter erscheint das Urprinzipiensystem der Antike, das seine Prinzipien nach den zehn Planeten unseres Sonnensystems benennt. Es ist gut eingeführt und blickt in der hermetischen Tradition schon auf einen langen Erfahrungsraum zurück.

Da die Astrologie wie viele andere Disziplinen aus dem spirituellen Bereich ebenfalls dieses Planetensystem verwendet, ist sein Hauptnachteil, dass es insbesondere von Wissenschaftlern genau aus diesem Grund oft ungeprüft abgelehnt wird. Letztlich stimmt dieses System in manchen Bereichen völlig mit dem allerdings weniger durchgängigen der Tiefenpsychologie überein. Was Psychoanalytiker orales Prinzip nennen, wurde im Denken der Antike als Venusprinzip bezeichnet. Während der Begriff Venus leicht die oben erwähnten Vorurteile heraufbeschwört, ist das bei dem der Oralität kaum der Fall. Leider hat es aber keine westliche Psychologie geschafft, ein wirklich durchgängiges Urprinzipiensystem zu etablieren. Die Väter der Tiefenpsychologie, Freud und Jung, haben immer wieder Anleihen bei der Mythologie der Antike gemacht, um ihre Archetypen zu verdeutlichen. Mit dem Ödipuskomplex umschreibt Freud z.B. eine Thematik, die viele Menschen trifft. Millionen Mütter haben mit Millionen Söhnen ein relativ ähnliches Problem und umgekehrt. Somit bezeichnet der Ödipuskomplex ein kollektives Thema. Bei Jung wird dieses Denken noch differenzierter, weswegen er auch als Vater der Archetypen gilt. Allerdings ist auch sein System weit von der Einfachheit, Übersichtlichkeit und vor allem Vollständigkeit des klassischen Systems der Antike entfernt. Da sich letzteres über so lange Zeit bewährt hat, erscheint es noch immer am besten geeignet, auch die moderne Welt zu durchschauen.

Ein praktisches Beispiel für den Umgang mit Urprinzipien kann deren Wert für unser tägliches Leben belegen. Eigentlich könnten wir uns selbst und die Welt an jedem Jahreswechsel allein mit den Sylvester-Vorsätzen retten. Das Problem ist nur, dass diese zumeist den Januar nicht überleben. Dabei sind die Vorsätze so gut gemeint! Nur leider können sie meist gar nicht funktionieren, weil sie urprinzipiell unstimmig sind. Ein Beispiel illustriert das: Wenn ein Vater sich vornimmt, im Neuen Jahr anstatt seine Kinder anzuschreien, lieber Ordnung auf seinem Schreibtisch zu halten, wird das jeder spontan sinnvoll finden. Leider wird es aber kaum funktionieren, weil das eine durch das andere nicht zu ersetzen ist – zu verschieden sind die Energien dahinter. Man kann auch in einer Firma nicht jeden Mitarbeiter durch jeden anderen ersetzen. In diesem Falle wäre es leicht als eine Frage der Qualifikation zu durchschauen.

„Kinder anbrüllen“ und „Schreibtisch aufräumen“ sind ebenso wenig austauschbar, sie haben urprinzipiell nichts miteinander zu tun. „Brüllen“ gehört zum Aggressions- oder Marsprinzip, „Aufräumen“ zum Merkur- oder Ordnungsprinzip, dem es vor allem darum geht, alles auf Übersichtlichkeit zu reduzieren, das Chaos aber, das es auf dem Schreibtisch zu bekämpfen gilt, gehört zum neptunischen Prinzip1.

Um Erfolgschancen zu haben, müsste für das „Brüllen“ in der Mars-Analogie-Kette Ersatz gefunden werden. So könnte der Vater z.B. (am besten gleich mit den Kindern) regelmäßig Sport treiben, bei dem er seine Aggressionsenergie austoben kann. Solch ein Austausch hat erfahrungsgemäß Chancen, weil die Energie hinter „Brüllen“ und „Sporttreiben“ dieselbe marsische ist. Man könnte an Sportarten wie etwa Tennis oder Squash denken. Für die Energie, die sich als Chaos auf seinem Schreibtisch austobt, bräuchte er ebenfalls ein anderes Äquivalent. Er könnte z.B. daran denken, einen Teil des Gartens bewusst verwildern und den Kräften der Natur dort freien Lauf zu lassen, sich mit dem entstehenden kreativen Durcheinander möglichst oft zu konfrontieren und daran zu freuen.

Wenn er zusätzlich noch für seine saturninen Ordnungsbestrebungen die Energie aus anderen Bereichen seines Lebens, wo sie eher unpassend ist, abzieht, z.B. aus vorhandener Starrheit, übertriebener Sparsamkeit oder besonderer Sturheit, wäre ihm und allen anderen geholfen und das Ganze hätte gute Erfolgsaussichten.

Wir können Energien immer nur verschieben, aber nicht aus dem Nichts erschaffen, wie schon die Physik in ihren Energieerhaltungssätzen lehrt. Das gilt in analoger Weise auch für seelische und soziale Bereiche. Wenn wir sie aber geschickt und unter Einbezug von Urprinzipienverständnis verschieben, wird vieles möglich und Vorsätze bekommen realistische Chancen – nicht nur zu Sylvester.

Ähnliches gilt auch für alle möglichen Therapieversuche. Ein Beispiel aus einem einzigen medizinischen Bereich kann das stellvertretend für viele illustrieren. Seit vielen Jahrzehnten erleben wir z.B. das Desaster schulmedizinischer Drogentherapie. Von der Ebene der Urprinzipien aus lässt sich der Grund für deren systematisches Scheitern leicht erkennen. Drogenabhängige, die sich praktisch ausnahmslos im Neptunprinzip verlieren, werden in den Therapieeinrichtungen in saturnine Richtung getrimmt und sollen lernen, Ordnung zu halten und sich in strikte Strukturen einzufügen. Das ähnelt in der Analogie dem Versuch, einem Erstklässler, der Schwierigkeiten beim Addieren hat, stattdessen Multiplikationsaufgaben aufzubrummen in der Hoffnung, dass er dadurch besser addieren lernt. Zum Glück sind wir in der Pädagogik etwas geschickter als in der Drogentherapie.

Die einzige wirkliche Chance bestünde darin, innerhalb der Neptun-Analogie-Kette nach Alternativen zu suchen, anstatt gerade alle Repräsentanten daraus zu verbieten. Alles, was gute Chancen auf Lösung bieten würde, wird in unseren Drogenkliniken normalerweise verboten oder jedenfalls erschwert. Süchtige sind auf den ersten Blick Flüchtlinge vor den Anforderungen des Lebens, in der Tiefe sind sie aber zumeist (Sinn-)Suchende, deren Boot nur an den falschen Ufern gestrandet ist. Es wäre also sinnvoll, ihnen zu helfen, es wieder flott zu machen und die Suche neuerlich aufzunehmen. Stattdessen wird zumeist versucht, sie von den Vorteilen einer bürgerlichen Lebensweise zu überzeugen oder sie in eine solche hineinzuzwängen. Kaum aus der Klinik entlassen, fallen sie aber in die alten Strukturen zurück, was kein Wunder ist, da niemand versucht hat, ihnen neue Wege für ihre (neptunischen) Energien zu weisen.

Urprinzipiell wäre es naheliegend, sie mit Religion im Sinne wirklicher Religio und mit Philosophie auf eine Weise in Berührung zu bringen, die sie annehmen können. Die Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens und mit Fragen nach dem Urgrund der eigenen Herkunft und dem Ziel des Ganzen würden hier helfen. Es ginge darum, sie mit Meditations- und/oder Kontemplationstechniken, mit Gebet und/oder Yoga bekannt zu machen, so dass ihre Suche angeregt würde und sie auf sicheren Wegen Erfahrungen machen könnten, die sie sonst mit Drogen suchen.

Selbstverständlich ist mit diesen Vorschlägen nicht auch automatisch allen anderen Patienten zu helfen. Rheumatiker oder Allergiker bräuchten andere Hilfen aus anderen urprinzipiellen Regionen. Wo aber die (arche-)typischen Zusammenhänge einbezogen werden, wachsen die Chancen echter Therapie, die weit über Symptomverschiebung hinausgeht.

„Ein Arzt der nichts von Astrologie (Urprinzipien) versteht, ist (also tatsächlich) keiner“. Wie sollte er einem Patienten erklären können, wovor der sich freiwillig beugen soll, bevor das Schicksal ihn beugt, wenn er die Sprache der Urprinzipien nicht versteht. Insofern ist das Verständnis von Urprinzipien unabdingbar, wenn man in seinem Leben wirklich etwas verändern will. Therapie, die darauf zielt, mit Problemen tatsächlich fertig zu werden, kann in keinem Moment auf das Wissen um Archetypen bzw. Urprinzipien verzichten. Aus diesem Grund fußen meine Krankheitsbilder-Deutungen auf diesem Wissen und sind in dem Nachschlagewerk „Krankheit als Symbol“ am Ende jedes Symptoms immer auch die urprinzipiellen Bezüge angegeben.