Anti-Aging – ein uraltes Thema in neuem Gewand

Schon vor langer Zeit wurden Alchemisten von Königen beauftragt, nach dem Elexier des ewigen Lebens zu forschen und Jungbrunnen hatten zu allen Zeiten Hochkonjunktur. Heute kommt noch hinzu, dass schon das Alter an sich bekämpft wird, das früher als eine Zeit der Weisheit und Ehre anerkannt war. Inzwischen herrscht eine derartige Umkehr der Werte, dass der Klimax oder Höhepunkt des Lebens zum Tiefpunkt abgewertet und das nach einer Ausruhphase folgende Alter wie wenig anderes herabgewürdigt wurde. Stattdessen greift ein in der Geschichte beispielloser Jugendkult um sich.

Dabei ist aber die Angst vor dem Sterben unvermindert oder sogar noch gesteigert. Schon deshalb wollen alle alt und sogar steinalt werden, um dem Tod nicht ins Auge blicken zu müssen. Der Wunsch nach biblischem Alter wird heute sogar erfüllt, was in ein riesiges Problem mündet. Denn wenn alle alt werden wollen und anschließend niemand alt sein will, bekommen alle ein Problem. Wenn alle etwas wollen, was in Endeffekt dann aber niemand wirklich will, ist das ein perfektes Rezept zum Unglücklichwerden. So inszenieren wir heute ein gesamtgesellschaftliches Elend verblüffenden Ausmaßes. Daraus entwickelte sich parallel zum Jugendkult die Anti-Aging-Welle, die irgendwie geradezu konsequent erscheint und doch lächerlicher nicht sein könnte.

„Forever Young“ hieß das Motto, mit dem ein deutscher Arzt große Teile der österreichischen und einen gewissen Teil der deutschen Bevölkerung zum regelmäßigen Joggen animierte. „Für immer jung“ könnte man als die typische Illusion einer ziemlich fertigen Gesellschaft zusammenfassen, die längst jede Philosophie vom Leben und zunehmend auch die religiöse Anbindung verloren hat. Sie ist fertig auf einer denkbar unerlösten Ebene, denn die eigentlichen Aufgaben des Menschseins hat sie aus den Augen verloren, und wird gerade nicht mehr damit fertig. Den gefährlichsten Irrtum des Menschseins aber hat sie zum einzig wichtigen Thema erhoben, das Hängen bleiben an äußeren Dingen. So ist es nicht verwunderlich, dass die allermeisten Menschen vor dem Ende, das sie unvorbereitet und unfertig erleben und folglich erleiden müssen, größte Angst haben.

Eigentlich ist der von Werbung und entsprechenden Gurus der Moderne gepredigte Schwachsinn des Kreuzzuges gegen das Altern leicht zu durchschauen. Offensichtlich ist noch niemand für immer jung geblieben, ebenso offensichtlich wiederspricht das allen Gesetzen der Biologie.

Was aber steckt psychologisch dahinter, wenn sich große Teile der Bevölkerung auf Programme festlegen (lassen), die mit Sicherheit in Enttäuschungen enden? Könnte es sein, dass sie sich unbewusst eine Lebensaufgabe, die kollektiv verweigert wird, durch die Hintertür zurückholen. Nach östlicher Auffassung dient das Spiel des Lebens dazu, dessen Vordergrund als Täuschung zu durchschauen und so allmählich – von Ent-täuschung zu Ent täuschung – zur letzten Wahrheit und Wirklichkeit vorzustoßen. Dieses Transzendieren des Vordergrundes, der Welt der Maya, die sich aus den beiden Täuschern, Raum und Zeit, aufbaut, ist überhaupt das zentrale Anliegen östlicher Lebenskunst. Dass es letztlich nicht um das Außen, die Welt der Materie, des Reichtums, des Körpers geht, wissen alle Religionen und sagen es ähnlich wie die Bibel. Das Himmelreich Gottes liegt in euch heißt es dort, und es ist folglich auch nur innen zu erleben. Wenn sich nun aber alles draußen abspielt und das Innenleben keinerlei Beachtung mehr erfährt, ist das Straucheln auf dem Lebensweg vorprogrammiert. Wer außen etwas sucht, das nur innen zu finden ist, kann nie fündig werden. So entwickelt sich auch die Suche nach Glück und Erfüllung – ins Außen verlegt – zum Fiasko.

Verschiedene Traditionen haben dieses Dilemma erkannt und in Gleichnisse und Legenden gekleidet: Mulla Nasruddin, jener islamische Gelehrte, der als Narr lehrte, wurde eines Abends von einem Freund gesehen, wie er im Scheine einer Laterne seinen Hausschlüssel suchte. Der Freund half ihm aber als sie nach einer Stunde noch immer keinen Erfolg hatten, fragte der Freund: Mulla, bist du sicher, dass du den Schlüssel hier verloren hast? – Keineswegs, kam die Antwort, verloren haben ich ihn dort hinten, aber da ist kein Licht zum suchen. Wer nach diesem Konzept seinen Lebensweg ausrichtet, wird nicht fündig werden, sondern die elende Facette der Enttäuschung kennen lernen.

Bezüglich des Kreuzzuges gegen das Alter heißt das, wir werden bekommen, was wir vermeiden wollen, eine lange sich hinziehende Zeit des Alterns in einer Gesellschaft, die das Alter herabsetzt und verachtet. Am Ende dieses langen abgelehnten Alterungsprozesses wird ein Tod erlitten, der – je mehr er bekämpft wird, desto schrecklicher – ausfallen muss.

Passieren kann so etwas nur, durch die konsequente Verwechslung der Ebenen, die für unsere Zeit so typisch ist. Statt Barrieren im Zwischenmenschlichen zu überwinden, tun wir es auf äußeren Ebenen des Handels und Geldverkehrs im Rahmen der Globalisierung. Statt grenzenloses Glück erleben wir durch diese Ebenenverwechslung grenzenloses Elend in der sogenannten dritten und immer noch scheußliche Missstände in unserer ersten Welt. Statt reich an Erfahrungen und Weisheit zu werden, versuchen wir über die Börse oder andere Glücksspiele reich an Geld zu werden. Das Ergebnis ist äußere Fülle bei innerer Leere. Letztere hat so gar nichts mit jener Leere der Buddhisten zu tun, die alles enthält und den Schlüssel zur Erfüllung in sich birgt. Auch auf den Körper schlägt sich diese Ebenenverwechslung, wenn wir das Übergewicht der ersten Welt betrachten. Überall bei uns kämpfen in äußerem Reichtum fast erstickende Menschen mit Gewichtsproblemen, die auf die dritte Welt geradezu grotesk wirken müssen.

Ein Blick in die Zukunft kann uns zeigen, wo all das hinführt. Für Zukunftsprognosen sind wir ja schon lange nicht mehr auf Sterndeuter oder gar Zukunftsforscher angewiesen, wir brauchen nur in die USA zu blicken. Über 2/3 der erwachsenen US-Amerikaner sind inzwischen äußerlich abstoßend fett und innerlich mitleidserregend hohl. Die Hirne werden mit immer mehr immer oberflächlicherer Werbung zugemüllt, was in letzter Zeit dazu führte, dass man sich einen Präsidenten zwar nicht wählte aber doch gefallen lässt, der für jeden offen erkennbar verblüffende Intelligenzdefizite aufweist. Von Weisheit keine Spur, reicht es nicht einmal zu Wissen.

Die Frage ist, wollen wir auch dort hin – in jenen Bereich, wo einen die eigenen Defizite nicht mehr stören auf grund der mangelnden Fähigkeit, dieselben wahrzunehmen. Nun soll hier keineswegs projiziert werden, auch nicht auf den US-Präsidenten, der eher Mitgefühl und Therapie bräuchte, vor allem aber Hilfe von jenen, die es besser wissen müssten. Er wird mit seinem Kreuzug gegen alles Böse dieser Welt so sicher scheitern, wie Gott sei Dank, alle Kreuzzüge gescheitert sind. Der Krieg gegen das Böse ist ungefähr genauso logisch wie der gegen das Alter, das im übrigen auch zunehmend als böse verkannt wird.

Ähnlich wie wir aber politisch und wirtschaftlich jeden Schwachsinn imitieren, wenn er nur aus den USA kommt, werden wir wohl auch deren Jugendkult inklusive der Anti-Aging Welle bis zur bitteren Neige übernehmen. Die ersten Zeichen und Bücher sind längst da.

Schauen wir auf die praktischen Konsequenzen des Kreuzzuges gegen das Alter, wird dessen Aussichtslosigkeit deutlich. Schon vor Jahren gab es aus der spirituellen Szene eine Bewegung, die die physische Unsterblichkeit propagierte. Als ihren Urvater könnte man Prentice Mulford ansprechen, den Vater des positiven Denkens, der schon vor Jahrzehnten propagierte, dass nur der sterben müsse, der daran glaube. Mulford selbst musste dann doch recht bald daran glauben und starb – entgegen seiner Lehre – sehr früh. Insofern relativierte er sein Werk auf überzeugende Weise. Ähnliches ist von den anderen Gurus der physischen Unsterblichkeit zu berichten. In den Augen Arterioskleroseringe lange vor der Zeit, bemühten sie sich ebenso redlich wie vergeblich. Die schnöde Wirklichkeit hat sie eingeholt und ziemlich alt aussehen lassen.

Die US-amerikanischen Ansätze, die uns heute mit voller Wucht und dünnen, aber von der Werbung „hochgepushten“ Büchlein erreichen, versuchen es viel direkter und vertrauen mehr dem Skalpell der Chirurgen als der eigenen Gedankenkraft. Wunderpillen und – kapseln stehen da weit vorne und versprechen den Himmel ewiger Jugend auf Erden – alles ist nur eine Preisfrage. Da die Pillen nicht nutzen oder jedenfalls nicht spür- und schon gar nicht sichtbar, müssen stärkere Geschütze aufgefahren werden. Zunehmend werden auch bei uns Chirurgen tätig, um die Zeichen des Alters wegzuschneiden, abzusaugen und durch Neuverspannung – etwa von Gesicht und Busen – den Anschein von Jugend zu vermitteln.

Wer sich operieren lässt oder Pillen schluckt, um jung zu bleiben, akzeptiert in der Regel ungeprüft einen Denkfehler, der an sich leicht zu durchschauen ist. Man isoliert zum Beispiel Stoffe aus Rotwein und Olivenöl, weil in mediterranen Menschen, wo beides reichlich genossen wird, nach verschiedenen Studien die gesündesten Menschen leben und besonders alt werden. Dabei verkennt man vor lauter Nachforschen im materiellen Bereich, dass hier vor allem andere Inhalte eine Rolle spielen. Während der Feierabend für den Nordeuropäer das Ende des Primärelends der Arbeit und den Beginn des Sekundärelends des Fernsehabends markiert, wird im mediterranen Gegenden wirklich noch gefeiert. Unter Verkennung des eigentlichen Geheimnisses des ganz anderen Lebensgefühls wird hier mit einem Denkfehler ein fragwürdiges Geschäft gemacht. Wie lächerlich es ist, wird an dem Versuch klar, einem Italiener oder Spanier, einem Griechen oder Südfranzosen nahe zu bringen, seinen Rotwein in Zukunft in Kapselform zu sich zu nehmen.

Ähnliches gilt im Prinzip für alle Versuche, über Nahrungsergänzungsmittel und andere angebliche Wunderdrogen von Vitaminen bis zu ganz neuen Errungenschaften zum jugendlichen Erfolg zu kommen. Gerade in der alternativen Gesundheitsszene, wo wird mit Behauptungen hantiert, die jeder gesundheitlichen Logik mutig trotzen. Weder wissen wir, wie viel wir von was brauchen, noch wie die einzelnen Komponenten aufeinander reagieren. Von einigen Stoffen ist sogar erwiesen, dass sie eher schaden, aber all das kann die ökonomische Geschäftigkeit nicht hindern, weil sie getragen ist von der Illusion, Alter und Tod ein Schnippchen zu schlagen. Was Nahrungsergänzungsmittel angeht, kann und soll man Mangel natürlich ausgleichen, aber hier handelt es sich fast immer nur um Stimmungsmache gegen das Alter.

Neben diesen faulen Versuchen, sich in die Form ewiger Jugend zu bringen, gibt es auch noch die schweißtreibenden Ansätze des Fitnesskultes, die dann wieder von der Wellnesswelle aufgefangen werden müssen. Man trimmt und plagt sich für eine jugendliche Figur bevorzugt in Studios und Fitnesstempeln, die überall wie Pilze aus dem Boden schießen. Die Frage, die bleibt, ist nur, wofür trimmt sich ein 50-jähriger?

Wiederum in den USA kann man an besonderen Plätzen die späten Ergebnisse bestaunen. In besonderen Dörfern haben sich Alte, die das nicht zugeben wollen, zusammengefunden. Damit sie nicht dauernd an das Scheitern ihres lächerlichen Versuchs, das Alter auszusperren, erinnert werden, sind sie dazu übergegangen, einfach alle „Jungen“ unter 60 auszuschließen. Dort sitzen sie dann beisammen, schlucken die Jugend versprechenden Pillen, lassen sich das alte Fell straffen und glätten und trainieren jene Muskeln, die sich doch unwiderruflich verabschieden werden. So unter sich verbindet sie der mitleiderregende Versuch, die Erkenntnis des eigenen Alterns zu verdrängen und dessen Aufgaben ignorieren und damit auch zu verweigern.

Bei all dem Irrsinn, hinter dem immer mehr Methode aufscheint, macht es trotzdem Sinn, seinen Körper zu pflegen und in gutem Zustand zu erhalten. Lediglich vor zuviel Ehrgeiz ist zu warnen. Die heilige Theresa von Avila sagt es wundervoll: Wir müssen gut zum Körper sein, damit die Seele gern in ihm wohne. Die Seele muss das Ziel der Entwicklung und unserer Anstrengung sein. Es geht immer um den Inhalt, die Form ist bestenfalls Vermittlerin.

Nur im Hinblick auf die Seele lohnen auch all die Programme, die ich selbst aus den Erfahrungen der Psychotherapie heraus entworfen habe und die durchaus auch für den Körper funktionieren, aber immer auf Seele und Geist zielen. Die Form allein wäre all das nicht wert – sie ist für sich genommen sinnlos und ohne Bestand. Die Seele dagegen braucht wie jeder Inhalt auch eine Form, um Gestalt annehmen zu können, sie ist aber auch ohne Form wertvoll und beständig.

Im Sinne unseres Themas ginge es darum, anstatt das Alter zu bekämpfen, es schätzen und ehren zu lernen und rechtzeitig jenes Wissen um die Gesetze des Lebens zu erwerben, aus dem dann im Alter Weisheit werden kann, die diese Schlussphase des Lebens zu dessen Krönung machen könnte. In mediterranen Ländern könnten wir zudem lernen nicht nur den Feierabend, sondern eben auch den Lebensabend als Höhepunkt des Lebens zu feiern.